2001 – 2011 G-Max, Weingut Keller – Rheinhessen

Probenvorbereitung macht Spass

Bild: Die Vorbereitungen am Vorabend – Spannung und Vorfreude

Mit dem Jahrgang 2001, hat Klaus Peter Keller – in der 9.Generation – das Zepter im familiären Weingut übernommen. Familiensinn, eine Verbundenheit mit der heimischen Scholle und das stete Streben, besondere Weine zu erzeugen, prägten und prägen das Denken und Handeln der Winzerfamilie Keller. Die Keimzelle des Erfolgs für das Familienweingut Keller liegt sicherlich im Hubacker, heute eine der bedeutendsten Lagen in Rheinhessen.

Unter Georg III, der fünften Keller Generation, wandelte sich der „Hausberg“ der Familie Keller in den heutigen, sanften Südost-Hang. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war der Hubacker ein Terrassenweinberg, auf dem es auch Buschwerk und offenen Felsen gab. Friedrich Heinrich, der Sohn von Georg III, machte in zwei Jahren die felsigen Abschnitte als Weinberg urbar, indem er schwere Felsbrocken sprengte und die Terrassen einebnete. In Erinnerung und Anerkennung dieser Leistung hat Klaus Keller, der Vater von Klaus Peter, Ende der 90er Jahre den „G“ – als Hommage an die Ur-Großväter auf die Flasche gebracht.

Der G-Max ist heute quasi der Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft im Hause Keller, denn das „Max“ im G-Max steht nicht – wie viele immer wieder vermuten – für „Maximum“ oder „maximal“, sondern es steht für den Namen des 2. Sohns von Julia und Klaus Peter Keller: Maximilian. Daher macht auch der häufig angestrengte Vergleich mit dem „Unendlich“ von F.X. Pichler aus der Wachau keinen Sinn, denn schon die Ansätze sind völlig unterschiedlich. Während F.X. Pichler die Idee mit dem Unendlich verfolgt, das Maximum von Terroir und Rebsorte auszureizen, ist für Klaus Peter Keller ein Höchstmaß an Eleganz und Trinkfreude das erklärte Ziel.

Hinzu kommt, dass niemand so genau weiß, aus welcher Lage der G-Max stammt. Mit recht großer Wahrscheinlichkeit würde er die Krone der Großen Gewächse aus dem Hause Keller beanspruchen, doch dazu müsste der G-Max seine genaue Herkunft auf dem Etikett zur Schau stellen und da er sich zu diesem Thema lieber in einen Mantel des Schweigens hüllt, begnügt sich der G-Max damit, ein „einfacher“ Qualitätswein zu sein.

Meiner privaten Einladung in Hamburg zur gemeinsamen Verkostung aller bisherigen 11 G-Max Jahrgänge (2001-2011) ist nicht nur Klaus Peter Keller gefolgt, sondern eine bunte Mischung aus 12 weiteren Weinliebhabern, Sommeliers, Weinhändlern und Fachjournalisten hat den Ruf des G-Max gehört. Gemeinsam haben wir 5 Stunden an einem Tisch bei Wasser, Brot, Butter und G-Max verbracht, verkostet und philosophiert. Alle Weine wurden 18 Stunden vor Beginn der Probe geöffnet und in der Flasche belüftet. Verkostungsglas: Bordeauxglas von Zalto.

Klammer des Erlebten ist die intensive Kraft, innere Spannung und die in allen Jahrgängen wahrgenommene Frische und Lebendigkeit des G-Max – die vom Kalkstein geprägte Mineralik ist wohl der Ausgangspunkt dafür. Die Säure ist stets bestens integriert und die klare und präzise Definition des G-Max ist Jahrgang für Jahrgang überzeugend; selbst  in einem Hitzejahre – wie z.B. 2003  – ist dies formidabel gelungen.  Ein Vergleich mit den austrainierten Körpern eines Balletttänzers oder einer prima ballerina erscheint mir nicht abwegig.

Der Genuss von Wein und der Besuch eines Ballets bergen für mich grundsätzlich eine Gemeinsamkeit. Wenn der Wein groß ist oder das pas de deux perfekt und voller Anmut getanzt wird, möchte ich diesen Moment festhalten – ich empfinde dann eine innere Beruhigung und Stille. Etwas anders formuliert es Terry Theise in seinem aktuellen und lesenswerten  Buch ‚Mein Wein – Das Plädoyer gegen den globalen Einheitswein‘: „Viele Weine, selbst gute, lassen Dich Lärm schmecken. Aber nur die allerbesten geben Dir Stille zu kosten.“ Ich habe an diesem Nachmittag Stille verkostet.

Bild: G-Max Probe: 13 Teilnehmer bei Wein, Brot und Butter

2011 Riesling G-Max, Weingut Keller:  100% Riesling. Zu Beginn in der Nase Noten der spontanen Vergärung, mit mehr Luft im Glas wird die Aromatik klarer und baut dynamisch aus – tabakige, kräuterwürzige Anklänge, frische, nicht vollreife Weinbergspfirsiche, Noten rotbackigen Äpfeln, Limetten. Herrlicher Biss, Phenole, viel kalkige Mineralik, mit kühlem Ansatz und kraftvollem Zug. Der Wein steht herrlich lang am Gaumen –  Zzzh. Weglegen! 19/20 bzw. 96/100  2016-2035

2010 Riesling G-Max, Weingut Keller: 100% Riesling. Kühlster Jahrgang bislang; Klaus Peter Keller meint: „dieser Jahrgang war wie Niedrig-Temperatur-Garen“. Äußerst fokussiert und präzise; Mandarinen, Kumquats, tiefe, tabakige Mineralität, getrocknete Kräuter, weiße Johannisbeeren, nasser Stein, ein Duft wie bei einer Alpenwanderung nach einem heftigen Gewitterregen; mit der Rasierklinge gezogene Ecken und Kanten, der Griff in die Steckdose, wer da nicht elektrisiert ist, ist wahrscheinlich tot. Großer Stoff! Unbedingt dekantieren, besser erst am 2.Tag trinken. 19+/20 bzw. 98+/100 2016–2040

2009 Riesling G-Max, Weingut Keller: 100% Riesling. Tiefe, kräuterwürzige Nase, nasser Kalksteingeruch, feine Würzigkeit, rotbackige Äpfel, Currykraut. Über allem liegt eine zarte, Meeresbrise mit Eindrücken von Muscheln und Jod – man atmet tief ein, um diese Frische nicht vorbeiziehen zu lassen. Am Gaumen verbindet sich ein dezenter Eindruck von Extraktsüße mit einem hauchzarten Schmelz. Doch die erste Geige gebührt klar der tiefen Mineralität. Mit viel Spannung drückt sie sich an den Gaumen. Der etwas wärmere Jahrgang offentbart sich dann mit einer Saftigkeit und einer komplexen Fruchtigkeit von gelben Früchten, Steinobst und einem langen fruchtig-mineralischer Abgang. Jugendliche Schönheit mit viel Ausstrahlung. Vor aktuellem Genuss bitte dekantieren 18+/20 bzw. 95/100 2015-2030

2008 Riesling G-Max, Weingut Keller: 100% Riesling. Von den anderen Jahrgängen etwas abweichendes Aromenprofil. Bienenwachs, gelbe Blüten, Zitronenverbene, getrocknete Kräuter, Limetten. Am Gaumen etwas rauer als in anderen Jahrgängen,  sehr tief, leicht phenolige Noten (etwas adstringierend), dezent vegetabile Noten, braucht viel Luft,  hat Zug und Grip, pikante Säure, feine Bittertöne, britische Orangenmarmelade. Im Abgang ein klein wenig austrocknend. Der Wein wurde 48 Stunden auf den Rappen vergoren, um auf natürliche Art und Weise die für den Jahrgang typische, erhöhte Säure abzupuffern. Macht müde Männer munter (und beschäftigt sie den Rest des Abends). Dekantieren! 19/20 bzw. 96/100 2015 – 2030

2007 Riesling G-Max, Weingut Keller: 100% Riesling. Der 2007 Jahrgang offeriert einen Hauch von Wachs, doch schnell drängt sich die hochfeine, tabakige und kräuterwürzige Mineralität in den Vordergrund; bereits in der Nase legt der Wein ein klares Bekenntnis zu seiner Kalksteinherkunft ab; gelbe Blüten, Mandarine und Limone; gelbe Blüten. Perfekte Säure, kraftvoll, aber ohne jede Schwere. Glockenklar, mit tiefer Mineralität. Nach drei Tagen die geöffnete Flasche rückverkostet: immer noch ein Ausbund an Frische und bestechender Klarheit, tiefer Mineralik und herrlicher Länge – die Hand geht in kurzen Abständen zum Glas. Kann angetrunken werden, sofern ausreichend dekantiert. 18/20 bzw. 94/100 trinken-2025

2006 Riesling G-Max, Weingut Keller: 100% Riesling. In weiten Teilen Deutschland ein schwieriger Jahrgang mit einer Kombination aus Feuchte und Wärme. Aber auch in schwierigen Jahren zeigt diese G-Max Parzelle, was in ihr steckt. Der 2006er G-Max ist in dieser vertikalen Verkostung der Jahrgang bei dem die Frucht am Stärksten zum Ausdruck kommt: exotische Früchte, Kaki, Ananas, gelbe Kirschen. Am Gaumen viel Saft und Kraft, aber auch hier drückt die Mineralik des kalkigen Bodens sich Stück für Stück durch und im Abgang dominiert sie mit ihren deutlichen Würze und Salzigkeit. Auch der 2006er G-Max steht am dritten Tag wunderbar im Glas und ist immer noch fest und lebendig. Die Nase zeigt Eindrücke von hochreifem Lesegut, sehr aromatisch, etwas Honig und viel gelbe Früchte. Am Gaumen voller Leben, druckvoll, viel Jod und Salz, dazu gelbe Früchte, Papaya, Kaki sowie eine genussvolle Länge. 18/20 bzw. 93/100 trinken-2023

2005 Riesling G-Max, Weingut Keller: 100% Riesling. Präsente, tiefe und komplexe Nase. In einem vom Kalk geprägten Korsett steckt die Frucht und versucht auszubrechen. Weißer Pfirsich, frische Äpfel und Birnen und weiße Johannisbeeren. Am Gaumen ein Mix aus frischen Früchten und vegetabilen Noten: Weinbergspfirsiche, Renekloden und Grapefruit einerseits und Eindrücke von Kaiserschoten und Süßmais andererseits. Viel kräuterwürzige Mineralik im Hintergrund, hat Zug und Grip, nachhaltig. Jetzt mit viel Genuss zu trinken. 18/20 bzw. 95/100 trinken-2020

2004 Riesling G-Max, Weingut Keller: 100% Riesling. Wirklich großer Wein aus eher kühlem Jahr! Glockenklare und abgrundtiefe Nase; wirkt noch unglaublich jung, kühle, tabakige Kräutrigkeit, komplexes und filigranes Spiel, dabei äußerst präzise und nervig. Am Gaumen vibrierende Frische und Klarheit; kühl, ätherisch, ein filigranes Fruchtspiel, viele Kräuter, Waldwiese, frische Ananas, Citruszesten; grandioser Säurebogen. Streng, unglaublich tiefgründig, intellektuell und diszipliniert einerseits, filigran, virtuos und von reiner Schönheit andererseits. Fester, langer Nachhall – mit Echo. Elektrisierender Riesling! Hat noch ein langes Leben vor sich. 20/20  bzw. 100/100  2014-2028

2003 Riesling G-Max, Weingut Keller: 100% Riesling. Kräftiger, saftiger G-Max, mit ein paar Rundungen. In Der Aromatik  exotische Noten von Mangos, Kokosmilch, reifen Nektarinen, Quitten, Orangenzesten oder gelben Blüten. Am Gaumen für den Jahrgang unerwartet strukturiert und kompakt, immer noch sehr frisch und voller Energie.  Selbst in diesem Hitzejahrgang haben die alten Rebstöcke viel Kraft und Mineralität aus dem Kalksteinboden gezogen, sodass der G-Max auch im 2003er Jahrgang Spiel und Mineralität zeigt. Die Säure ist wunderbar und unterstreicht, dass auch trockene 2003er Rieslinge nach 10 Jahren noch hervorragend schmecken können. 18/20 bzw. 93/100 trinken-2023

2002 Riesling G-Max, Weingut Keller: 100% Riesling. Leider leichte Beeinflussung vom Kork. Dennoch ist das große Potential dieses Jahrgangs zu erkennen. Kraft, Druck und Struktur. Ohne Wertung

Bild: Johannes Lüddens und Klaus Peter Keller

2001 Riesling G-Max, Weingut Keller: 100% Riesling. Erstaunlich jugendliche, tiefe und sehr klare Nase, Äpfel, junge Ananas, Mandarinen, auch vegetabile Anklänge von Zitronen-verbene, Kamille, Minze und Melisse; leicht rauchig. Am Gaumen pikante, rassige Säure, sehr klar und fordernd; mit viel Zug und steiniger Mineralität. Immer noch sehr fest, aber mit Spiel und schöner Länge.  Sehr animierend. 18/20 bzw. 94/100 trinken-2020

2001 – 2010 Hubacker Großes Gewächs Vertikalverkostung, Weingut Keller – Rheinhessen

Das Weingut Keller ist  weltweit eines der bekanntesten Aushängeschilder für deutschen Riesling und in der Champions League internationaler Weine angekommen und etabliert. Wer jedoch die Möglichkeit hat, die handelnden Menschen dieses Weingutes kennenzulernen, wird sehr schnell feststellen, dass es ihnen nicht darum geht, „Star“ zu sein, sondern eher das Gegenteil der Fall ist, die Mitglieder der Familie Keller, die heute mit 4 Generationen Hand in Hand auf dem Weingut arbeiten, sind allesamt angenehm unaufgeregt und im besten Sinne bodenständig. Man spürt als Besucher des Weingutes Keller, dass hier ein jeder seiner Passion/Berufung folgt, die vier Generationen eint: Jahr für Jahr der Natur DEN besten Wein abzuringen.

Parallel pflegen die Kellers seit vielen Jahren den nationalen und internationalen Austausch mit anderen Winzern und man versucht das eigene Wissen an die nächste Generation von Winzern und denen, die es werden wollen, weiterzugeben – die talentierten Lehrlinge und Praktikanten kommen z.B. von der Mosel – oder aus Norwegen und Japan. Verbundenheit mit der eigenen Scholle und Berücksichtigung  regionaler Stärken stehen eben nicht im Widerspruch zu Internationalität und Weltoffenheit.

Die Geschichte des Weingutes Keller ist eng verbunden mit der Geschichte des Dalsheimers Hubackers. Die Keimzelle des Weingutes Keller wurde im Jahr 1789 von Johann Leonhard Keller erworben, der dieses besondere Stückchen Erde vom Andreasstift in Worms erwarb. Die 4,03 ha (bis 1971 als „Oberer Hubacker etikettiert) sind somit seit über 200 Jahren im Eigentum der Familie Keller. Dass dieses Stück bis heute ungeteilt im Familienbesitz verblieben ist, darf einer glücklichen „Familienplanung“ oder dem Zufall zugeschrieben werden, denn es gab bis zur 9. Generation immer nur einen männlichen Erben.

Unter Georg III, der fünften Keller Generation, wandelte sich der Hubacker in den heutigen, sanften Südost-Hang. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war der Hubacker ein Terrassenweinberg, auf dem es auch Buschwerk und offenen Felsen gab. Friedrich Heinrich, der Sohn von Georg III, machte in zwei Jahren die felsigen Abschnitte als Weinberg urbar, indem er schwere Felsbrocken sprengte. „Allein um die Felsen auf dem Hubacker beseitigen zu können, soll Friedrich Heinrich seine Sprengmeister-Prüfung gemacht haben. Weil Vater und Sohn von einem optimal nutzbaren Weinberg träumten, ebneten sie dann auch noch die Terrassen.“ (vgl. S. 153f., Junko Iwamoto, Kellergeschichten – Zwölf Monate auf dem Weingut Keller, 2.Aufl. ISBN 978-3-00-034169-4). Ein paar Jahre nach den Sprengungen konnte kein Wein gelesen werden und als endlich wieder daran zu denken war, wurde Erwin, der einzige Sohn von Friedrich Wilhelm und seiner Frau, in die Wehrmacht eingezogen.

1945 wurde das Haupthaus durch Bomben der Amerikaner zerstört und nach Kriegsende wurde der gesamte Wein, der im Keller des Weingutes lagerte, durch die französische Armee beschlagnahmt. Erst 1947 kehrte Erwin aus der Kriegsgefangenschaft  zurück, ein tschechischer Bauer hatte ihm bei der Flucht geholfen. 1948 heirate Erwin seine Jugendliebe, mit der er schon vor seiner Einziehung verlobt war und begann mit seinem Vater, dem Sprengmeister, das Weingut wieder aufzubauen. Aber da ein Übel selten allein kommt, hatte 1945 die Reblaus „Einzug“ im Hubacker gehalten. Glücklicherweise hat man sie frühzeitig entdeckt und der Schaden blieb eng begrenzt. Seit 1948 wurden dann Pfropfreben mit amerikanischer Unterlage gepflanzt und bis Anfang der 50er Jahre der Hubacker saniert. Mitte der 70er Jahre war der Hubacker nochmals in Gefahr, denn die geplante Autobahn A61 sollte direkt durch den Weinberg geführt werden. Doch Dank der Einwendungen der Familie und der regionalen Politik hatte man im Verkehrsministerium von Rheinland-Pfalz ein Einsehen und die lokale Weinkultur blieb erhalten, und so macht die A61 in Ihrer aktuellen Streckenführung von der Ausfahrt Worms nach Gundersheim eine Kurve – um den Hubacker  herum.

Heute liegt der Kellersche Teil des Hubackers  „in seinen niedrigsten Höhen 170 Meter und in seiner höchsten Erhebung 230 Meter über dem Meeresspiegel. Die maximale Hangneigung beträgt 28% (…). ‚Als ich jung war, hieß es in Rheinhessen, man sollte in Höhen über 200 Metern über dem Meeresspiegel besser keinen Wein anbauen. Im Süden der Pfalz gibt es Wälder, die den Wein in dieser Höhe schützen, aber in Rheinhessen nicht. Deshalb sind die Reben dem Wind ausgesetzt. Damals kühlte der Boden in der Höhe aus, weshalb dort kein guter Wein wuchs,‘ so Erwin.“ (vgl. S. 153f., Junko Iwamoto, Kellergeschichten – Zwölf Monate auf dem Weingut Keller, 2.Aufl. ISBN 978-3-00-034169-4).

Dem Hubacker und dem Weingut Keller hat der Klimawandel sicherlich geholfen, die Trauben im Hubacker reifen heute immer noch spät, aber sie erreichen eine bessere Reife und  aus dem einstigen Nachteil ist ein Vorteil geworden:  die kühlen Winde tragen heute dazu bei, dass man eine stärkere Tag-Nacht-Abkühlung hat, was einer guten Säureausbildung helfen dürfte. Unterirdisch erstreckt sich im Hubacker  eine große Platte von gelbem Kalksteinfels, darüber liegt ein tonhaltiger Boden mit Humusschicht. So wird das Regenwasser gehalten und selbst in heißen und trockenen Sommern kommt kein Trockenstress auf.

Interessanterweise stammen sämtliche Rieslingklone des Hubackers von der Saar. Bis in die 70er Jahre gab es auf dem Weingut Keller kaum Riesling, erst mit der Hochzeit von Klaus Keller mit Hedi, einer Winzertochter von der Obermosel kam die Begeisterung für Riesling in die Familie Keller. Die – inzwischen leider verstorbene – Frau von Klaus Keller und Mutter von Klaus Peter Keller besuchte die Weinbauschule in Trier und arbeitete anschließend in dem der Weinbauschule angeschlossenen Institut zur Selektion von Klonen.

Auf Grund der gemeinsamen Liebe zum Riesling beschlossen Hedi und Klaus Keller nunmehr Riesling im Hubacker anzupflanzen. Der erste Versuch mit Rheingauer Klonen scheiterte jedoch, die Weine entsprachen nicht den gemeinsam gesteckten Zielen. Hedi Keller konnte nun ihren Mann überzeugen, Klone zu pflanzen, die sie bereits aus Ihrer Arbeit am Institut in Trier kannte. Das Ergebnis: Heute stammen sämtliche Reben im Hubacker von Saar- Selektionen, die aus  alten Beständen der Oberemmeler Hütte und dem Scharzhofberg – gemeinsam von Hedi Keller und Eberhard von Kunow (Weingut von Hoevel) – selektioniert wurden.

Vor 10 Jahren, im Jahr 2001, hat Klaus Peter Keller  (die 9.Generation der Familie Keller im Weingut)  erstmals die Vinifikation des Jahrgangs übernommen und so auch das Ergebnis des Großen Gewächses aus dem Hubacker zu verantworten. Ich war sehr gespannt, wie sich diese 10 Jahrgänge – im Vergleich einer Vertikalverkostung – nebeneinander präsentieren werden.

Selten ist mir ein Fazit über 10 Jahrgänge leichter gefallen, als nach dieser Verkostung: Alle Weine haben eine unglaubliche Kraft und innere Spannung, sie eint die vom Kalkstein geprägte Mineralik. Die Säure ist stets perfekt integriert und mich hat vor allem die sehr klare und präzise Definition überzeugt, am besten zu vergleichen mit dem austrainierten Körper eines Balletttänzers oder einer Skulptur eines Athleten der frühen olympischen Spiele in Athen.  

Auffallend auch die hervorragende Alterungsfähigkeit, wir hatten 10 aufeinander folgende Jahrgänge am Tisch, aber eine Alterung zwischen den Jahrgängen ist kaum feststellbar, selbst der 2001 zeigt eine Frische und Lebendigkeit, die viele, wesentliche jüngere Große Gewächse nach 3 oder 4 Jahren schon nicht mehr vorweisen können.

Da das Wetter zur Zeit so schön kalt und klar ist, habe ich sämtliche Flaschen 2 Tage auf dem Balkon stehen lassen und die Weine nochmals nachverkostet. Überzeugendes Ergebnis: alle Weine noch intakt, insbesondere die jüngeren Jahrgänge zeigen teilweise noch deutlicher, was in ihnen steckt, aber auch der 2004 braucht die Zeit. Wer die Zeit und die Muse hat, sollte den Hubackers von Keller mindestens viel Zeit im Keller geben, sie reifen nicht nur perfekt, sie brauchen das Lager im Keller, um ihre Finesse und Eleganz überhaupt ausspielen zu können.  Vom Stil gibt es einen Ausreißer für mich im Gesamtkontext dieser 10 Jahre Hubacker GG – der 2005; doch dazu gleich mehr.

Dankenswerter Weise hat Klaus Peter Keller mir zu jedem Jahrgang eigene Informationen zur Verfügung gestellt, die nachfolgend meine Verkostungseindrücke jeweils einleiten.


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2006 Quasaar Riesling, Weingut Herrenberg / Loch – Saar

88 Punkte

– Was für ein kraftvoller, feinherber Stoff, hier ist ordentlich Riesling im Glas – einfach ein Maul voll Wein. Herrliche Pfirsichfrucht, angereichert mit einer angenehmen Honigsüße, mit schönem Säure-Süße-Spiel und einer deutlichen Mineralik. Die Botrytis ist gut eingebunden und verleiht dem Wein eine tragende Säule. So etwas macht richtig Freude und belehrt mich mal wieder eines Besseren, dass auch in wirklich kritischen Jahrgängen tolle Weine produziert werden können. Ich finde das "Teil" so schmatzig, schmelzig, dicht und – doch, ja, ja – auch fett, aber er ist nicht breit und langweilig, sondern durch seine Säure und Mineralik durchaus fordernd und läßt die Hand zum Glas gehen. Wer die Erbtante bestechen will – hiermit gelingt es – versprochen.
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1990 Forster Kirchenstück Riesling Spätlese, Weingut Bürklin-Wolf – Pfalz (Best Bottle Nr.4)

91 Punkte – Ich liebe die Weine der Forster Lagen am Fuße des Haardtgebirges. Die Weine aus dem Kirchenstück sind stets üppige und im besten Sinne „reiche“ Weine – gleichzeitig bringen sie das Kunststück fertig, Eleganz und  Harmonie auszustrahlen. So auch diese sehr schöne Spätlese aus dem Jahr 1990. Die Nase ist faszinierend (!): Bienenwachs und ein Hauch  Petrol sind Boten des Alters, in Verbindung mit den saftigen Fruchtaromen von reifen Nektarinen, Mirabellen, kandierten Kumquats und anderen Südfrüchten entwickelt sich ein dichter und betörender Aromenstrauß, der es mir schwer macht, die Nase wieder aus dem Glas zu nehmen. Am Gaumen ist der Wein rund und intensiv, mit „dicken Backen“. Die Säure spielt mit und schafft ein Gegengewicht zur Opulenz des Weins. In letzter Konsequenz kann der Wein das Niveau, welches die Nase verspricht, am Gaumen jedoch nicht ganz halten.

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2005 Gabarinza, Weingut Heinrich – Burgenland

 

87 Punkte – Die Zusammensetzung der Cuvee für die  2005er Ausgabe des Gabarinzas vom Weingut Heinrich ist ein Schlüssel zu diesem Wein. Wenn ich nicht irre, ist erstmals der Merlot mit 50% dominant in der Cuvee vertreten; für gewöhnlich übernimmt der Zweigelt diese Rolle. Bevor es zu meinen Eindrücken geht, hier die offiziellen Angaben von der Webseite des Weingutes:

 

 

50% Merlot, 30% Zweigelt, 20% Blaufränkisch; (Alkohol/Säure/Restzucker: 13,5/5,8/1,5); 6- bis 25-jährige Rebstöcke in der gleichnamigen Lage Gabarinza, gewachsen auf Paratschernosem aus feinem Lockermaterial/kalkhältigem Kulturrohboden. Lese von Hand vom 25. September bis zum 6. Oktober 2005, Selektion im Weingarten, sorgfältige Nachselektion im Weingut am Sortierband, Verarbeitung nach Schwerkraftprinzip (kein Einsatz von Pumpen), Vergärung in Eichenholz-Gärständer bei 28 bis 32°C, manuelles und pneumatisches Untertauchen der Maische, Maischestandzeit 4 Wochen, Malolaktik im Holzgärständer, 80 % neues Holz, 18 Monate Ausbau, abgefüllt am 6. und 7. August 2007.

 

 

Wer den Zweigelt-betonten Gabarinza kennt, wird bei diesem Wein überrascht sein, denn die sonst so übliche würzige Üppigkeit ist nicht gegeben. In der Nase dunkle Früchte (Pflaumen, Brombeeren und Schwarzkirschen) mit einem Hauch von Orangen. Am Gaumen ähnliche Eindrücke, die Kirsche etwas deutlicher durch; hinzu kommt eine recht feine Schokonote; mittelgewichtig.  Die Säure erscheit mir nicht optimal eingebunden. Trotzdem ein angenehmer, recht eleganter Wein, wirkt aber ein wenig international und erscheint mir recht austauschbar. Sollte jetzt oder bald ausgetrunken werden. (2.Abend Urlaub Österreich)

2006 Grüner Veltliner Vinothekfüllung, Weingut Knoll – Wachau

92 Punkte – fast gleiche Punktzahl wie vor einem Jahr (http://weinwelt.blogg.de/eintrag.php?id=387); braucht aktuell aber deutlich mehr Luft und zeigt eigentlich erst am zweiten Tag, was in ihm steckt. Immer noch ein fettes Baby, das im Vordergrund über viel Frucht von reifen Äpfeln, Quitten und Citruaromen verfügt, aber hinten heraus brennt (im wörtlichen Sinne) die Mineralik mit deutlich salzigen und kräutrigen Noten, leider auch wenig der Alkohol. Dieser Wein ist defintiv (!!) nicht für Liebhaber filigraner Weine, das ist ein Wein, der den Hammer raus holt und der es mit seinen 14,5% Alkohol (so viel stehen zumindest auf dem Etikett, mich würde es nicht wundern, wenn er in Wirklichlkeit noch etwas höher ist) es auch nicht verzeiht, wenn man eine Flasche über den Abend verteilt trinkt. Trotzdem mag ich solche gut gemachten Weißweingrananten, da sie über viele Schichten verfügen und so -wie diese Vinothekfüllung – eine erhebliche Länge im Abgang aufweisen.

2003 Hochheimer Hölle Riesling Spätlese, Weingut Flick – Rheingau

91 Punkte – Da sag mir doch einer noch mal, dass es im Jahrgang 2003 nur breite Weine, ohne Charme und Klasse gibt. Aber Gott sei Dank bestätigen Ausnahmen die Regel. Und so eine Ausnahme habe ich gerade im Glas – wundebare, dichte Nase mit vollreifen Aromen von Bratäpfeln, Honigmelone und Quitten. Darüber spannt sich ein Hauch von Firne und der Geruch von feuchten Steinen nach einem Sommergewitter. Der eigentliche Gong kommt aber, wenn der Wein in den Mund strömt – so eine satte Frucht von gelben und weißen Früchten (ohne jeden Anflug von Breite) hatte ich bei einem trockenen Riesling selten im Glas. Ein Maul voll Wein ist wohl hier die richtige Beschreibung. Die Hand geht ständig zum Glas, auch wegen der reifen Säure und den mineralischen Noten, die dem Wein eine gute Balance geben und ihn lange, sehr lange tragen. Dazu geht ein schön gegrilltes Stück Fleisch – Herz, was willst du mehr.

1994 Chardonnay Grand Select, Weingut Wieninger – Wien

85 Punkte – Schon erstaunlich, wie stark dieser Chardonnay noch von jung wirkenden Holzaromen beeinflusst ist. Die Nase zeigt deutliche Barriquenoten, Buttertoffee, aber zu Beginn auch eine leichte Sauerkrautnote, die mit zunehmender Luft im Glas sich etwas abbaut und floralen Anklängen weicht. Der Eindruck, den dieser Wein in der Nase hinterlässt, ist intensiv, aber leider auch etwas grob. Am Gaumen ebenfalls laktische Noten, dazu eine schöne Citrus-Apfelfrucht mit guter Säurestruktur; recht langer Abgang. Ein Chardonnay im internationalen Stil, wie er lange en vogue war, heute aber eher unpopulär ist. Mit hat er trotzdem ganz gut gefallen und meine Hand ging durchaus zum Glas, auch wenn er insgesamt eher etwas  holprig geschnitzt ist; mit seinen 13,5% Alkohol ist er auch nicht zu fett.  

 

2007 Kirrweiler Mandelberg Weißburgunder Großes Gewächs, Weingut Bergdolt – St. Lamprecht (Ski7)

92 Punkte – Ich erinnere mich noch gut an den 2001er Jahrgang, von dem ich vor ca. einem halben Jahr die letzte Flasche getrunken habe (vgl. http://weinwelt.blogg.de/eintrag.php?id=289 ) –  einerseits glücklich genossen, andererseits  hat es mich gewurmt, dass nicht noch weitere im Keller liegen, denn der Wein wäre auch in den nächsten 2,3 Jahren noch ein Hochgenuss gewesen – und welcher so alte trockene Weißburgunder kann das von sich behaupten.  

 

Auf Basis dieser Erfahrung habe ich mir vom 07er ein paar Flaschen mehr gekauft, denn ich glaube, dass es zwischen den Jahrgängen 2001 und 2007 deutliche Parallelen gibt. Vielleicht war der 01er noch etwas mineralischer und strukturbetonter, aber ich gehe fest davon aus, dass ich auch den 07er Jahrgang  locker bis zum 2014/15 trinken kann.

 

Doch bereits jetzt in seiner Jugend bringt dieses Musterexemplar von Weißburgunder reichlich Genuss ins Glas. Frisch und glockenklar verströmt er ein Parfüm von gelben Äpfeln, Melone und Cassis. Am Gaumen findet man Anklänge an Honig, Nüsse und Wiesenblumen. Der Wein besticht mit einer hohen Reintönigkeit, seiner wunderbaren, mineralischen Klarheit und einem guten Druck, mit dem er Mund und Rachen vollkommen auskleidet. Hinzu kommen eine feste Struktur, ein zarter Schmelz und eine richtig gute Länge –   für mich ist das ein Referenzwein in Sachen Weißburgunder. Well done !!

2003 Riesling Rüdesheimer Schlossberg Alte Reben Spätlese trocken, Weingut Leitz – Rheingau (Ski 1)


88 Punkte – Läuft bereits mit hoher Viskosität ins Glas; die Nase ist dominiert von gelben und exotischen Früchten; aber auch Anklänge an Nüsse und Pfeffer sind zu finden. Am Gaumen spiegelt sich die hohe Viskosität wider, der Wein wirkt weich und seidig, fast ölig. In der Aromatik erinnert er mich an eine schöne Obsttorte, die einen (vielleicht zu) kräftigen Gelatineüberzug mit auf den Weg bekommen hat. Am Tisch fiel die Aussage: „ Ein Riesling im Gewand eines Weißburgunders“ – ein gutes Fazit für diesen Riesling, der jahrgangsbedingt „anders“ als in sonstigen Jahrgängen ausgefallen ist. Für mich stellt sich am Ende die Frage (analog zu vielen 2006er Weißweinen aus Österreich): Kann dieser Wein noch Altersschönheit entwickeln oder wird er in 2,3 oder 4 Jahren einfach durch sein.  

Wenn man Leitzweine kaufen möchte, sollte man beachten, dass weder eine Weingutsbesichtigung noch ein Ab-Hof-Einkauf möglich sind. Da Josi (Josef) Leitz große Teile seiner Produktion ins Ausland verkauft, kann man diese Politik unter Effizienzgesichtspunkten verstehen, andererseits empfinde ich diese Methode als arrogant gegenüber den Weinliebhabern und Konsumenten, die letztlich seine Existenz sichern.  Aber letztlich sind die Menschen frei und das Urteil fällt der Markt.