2006 Riesling Oestricher Doosberg, P.J. Kühn – Rheingau

92 Punkte – Dieser Wein macht mich mal wieder fertig; mit himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt möchte ich meine Stimmungslagen beschreiben, wenn ich die Weine der letzten 4/5 Jahrgänge von Peter Jakob Kühn getrunken habe. Ich habe mit seinen Weinen schon singuläre Weinerlebnisse gehabt, die kaum zu toppen sein dürften, andererseits gab es Flaschen, wo ich den Wein scheinbar im total falschen Zeitpunkt getrunken habe, denn die waren so schwierig, dass ich selbst bei größtem Bemühen, keine Trinkfreude entwickeln konnte.

 

Seitdem Peter Jakob Kühn  (zu Beginn dieses Jahrtausends) immer mehr auf biologischen und jetzt biodynamischen Weinbau umgestellt hat, sind seine Rieslinge alles andere, nur keine typischen Rheingauer Rieslinge aktueller Prägung. Sein Credo ist es, einerseits das auf die Flasche zu bringen, was die Natur einem schenkt (d.h. totaler Verzicht auf alle chemischen Mittel; Stärkung der natürlichen Heilungskräfte von Böden und Pflanzen – und nicht nur der Reben; Beachtung natürlicher Abläufe, z.B. Mondphasen; etc.), kombiniert mit einem Ausbau im Keller, der vielleicht so schon vor 100 Jahren und früher betrieben worden ist. Man könnte zu diesem Thema noch ganz viel schreiben, doch ich kann nur jedem empfehlen, sich einmal selbst mit den Weinen auseinander zu setzen und dann vielleicht den ruhigen, aber äußerst sympathischen Peter-Jakob auf seinem Weingut zu besuchen und sich Infos aus erster Hand geben zu lassen.

 

Aktuell gefällt mir der 2006er Doosberg sehr gut (ob dies so lange bleibt, muss man einfach ausprobieren, denn die Rieslinge von P.J. Kühn leben und verändern sich, wie kaum ein zweiter Wein, den ich kenne). In der Nase wirkt der Wein sehr traubig, soll heißen, er duftet für mich wie frischer Traubensaft; dazu kommen Noten von kühlem Rauch, frischen Birnen und noch etwas grünen Bananen. Auf der Zunge wirkt der Wein sehr klar und saftig; er hat ein schönes, weiches Säurespiel, das sich auch im Mundgefühl  durch  einen zarten Schmelz ausdrückt. In der Aromatik assoziiere ich so Sachen wie Bienenstich, weißen Pfeffer und ein wenig Vanille; im Abgang zeigt der Doosberg eine schöne Länge. Toller Stoff, der zum Nachdenken und Probieren anregt. Der Wein hat sicherlich großes Lagerpotential und man sollte nicht nur eine Flasche im Keller haben, denn es wird überaus spannend sein, zu beobachten, welche verschieden Phasen und Aromenbilder dieser ungewöhnliche Riesling noch durchlaufen wird.

 

1976 Weingut Ph. und G. Schäfer – Oetricher Lenchen Auslese / Rheingau

86 Punkte – Ein Wein aus einem sehr guten / großen Jahrgang. Als der Wein ins Glas läuft schaue ich ein wenig ungläubig, nach dem strahlend goldgelben 77er von Schloss Reinhartshausen ist dieser klar, aber mahagoniefarben. In der Nase aber sauber, deutlich gereifter, aber trotzdem schön; Noten von Orangenzesten, Honig, Maracuja und Marzipan. Am Gaumen mit noch deutlicher Restsüße, die sich zunehmend besser einfügt, der Wein benötigt Luft, um sich zu entfalten. Im Abgang etwas bittersüßes Mandelaroma, insgesamt eine schön gereifte Auslese, die mit Luft an Komplexität und Harmonie zugelgt hat, sich aber nicht zu großen Höhen aufschwingen konnte.