1955 Mouton Rothschild – Pauillac / Frankreich

96 Punkte – Georges Braque war bis dato der berühmteste Künstler, der für Mouton ein Etikett gestaltete. Sein Honorar waren fünf Kisten vom 1955er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl. In der Literatur wurde der 55er bis in die frühen 80er Jahre als muskulöser, ziemlich ungeschmeidiger, zugeknöpfter Kraftprotz beschrieben. Glaubt man späteren Verkostungsberichten – aus der Mitte der 80er Jahre – erlebt der 55er hier Mouton hier seinen ersten Frühling. Gleichwohl wird kolportiert, dass bei einer spektakulären Jubiläumsverkostung in der Wiesbadener „Ente vom Lehel“ im März 1989, als Hans-Peter J. Frericks, der Münchner Sammler, Mouton und Latour in den Jahrgängen 1945 bis 1986 miteinander (oder gegeneinander?) antreten ließ, man zu dem Ergebnis kam: „Ein ‚no future’-Wein, mager, ja fast roh.“ Was für ein Irrtum, auch wenn man ihm zumindest ein „frisches und gutes Bukett“ attestiert hatte.

Jetzt, zu Beginn des Jahres 2017 präsentiert sich der 55er Mouton im Kern mit dunkler, leicht eingetrübter rubinroter Robe, die an den Rändern dezent orange-wässrige Aufhellungen aufweist. Im Bukett zu Beginn erkennbare Tertiär-Aromen von feuchten Laub, altem Leder, schwarzem Olivenwasser und reichlich welken Blüten/Rosen, aber auch viel Jod, Eisen und dezent Tabak. Mit mehr Luft zarte Spuren von getrockneten Feigen. Am Gaumen ebenfalls mit erkennbarer Reife, aber gleichzeitig immer noch richtig Struktur, feinsandige Tannine und aromatisch dicht für das Alter. Reste einer feinen, zart süßen Frucht pendeln zwischen getrockneten Erdbeeren und Blaubeeren (die einen auch an gereiften Cabernet Franc denken lassen). Hinzu kommt eine angetrocknete, herb-dunkle Würzigkeit, die sich gut einfügt und diesem (immer noch) vitalen „Weinsenior“ zu einem anspruchsvollen Trinkvergnügen macht. jetzt – 2022??