2003 Château Leoville Barton – St.Julien


96 Punkte – Lange Jahre war Anthony Barton, Eigentümer des Weinguts Leoville Barton, für mich so etwas wie die Garantie, dass klassische Werte im neuen Zeitalter des Bordeaux-Monopoly nicht untergehen. Beim Stil seiner Weine wird das jedes Jahr aufs Neue deutlich, bei den Preisen ist er wohl spätestens mit dem Jahrgang 2010 – zumindest partiell – den Verlockungen des Marktes erlegen. Der 2003er ist für mich noch so etwas wie der Preis-Leistungs-Sieger in seinem Jahrgang.

Der 2003er Léoville Barton verbindet Saft, Kraft mit aromatischer Tiefe und Eleganz nahezu vorbildlich. Die Nase ist aromatisch dicht, vielschichtig, dunkelbeerige Aromen, Kohle, Waldboden, Cassiscreme, dazu Anklänge an Leder und feinen Tabak. Am Gaumen bestens strukturiert: viel vollreifes und edles Tannin, druckvoll und sehr tief. Die Aromatik kann man als eher dunkel und maskulin umschreiben, wobei die feinsaftige Frucht viel Druck entfaltet und der ausgesprochen gelungene Holzeinsatz einen tollen Rahmen um dieses schöne Kunstwerk bildet. Der Wein ist jetzt in einem ersten Trinkfenster, wobei er sicherlich an Differenziertheit und Eleganz noch eine Spur zulegen kann. Mein Tipp auch hier: eine Flasche jetzt verkosten und dann selbst entscheiden, ob man liegen lässt oder den jugendlichen Verlockungen erliegt.

2003 Château Leoville Las Cases – St. Julien

90 Punkte – Leoville Las Cases gehört nicht nur für mich zu den Klassikern im Bordeaux. Entsprechend sind auch die Preise. Diese 2003er Ausgabe ist jedoch eher ein Neue Welt Wein  als ein klassischer 2ème Grand Cru. Die Cuvee, bestehend aus ca. 70% Cabernet Sauvignon, 17% Merlot und 13% Cabernet Franc ist ein erstaunliches Ergebnis in vielerlei Hinsicht. Trotz des Hitzejahrgangs hat der Wein (vgl. Robert Parker) mit 13,2% Alkohol weniger Umdrehungen als der Jahrgang 2002, der bekanntlich einen eher durchschnittlichen Witterungsverlauf aufwies. In der Nase dominieren Aromen von dunklen Beeren und Pflaumen, kombiniert mit einer leicht laktischen Note, man könnte auch von Waldbeeren in Joghurt sprechen. Am Gaumen recht saftig, deutliche Extraktsüße;  runde und eher weiche Tannine; sehr dicht; kräftiger Körper mit weicher Oberfläche. Trotz aller Süße und Saftigkeit kann man nicht von einem fetten oder gar überextrahierten Wein sprechen. Der Wein wirkt auf mich irgendwie geschminkt, aber es ist keine dralle Lady, die zu viel Speck auf den Rippen hat, und trotzdem empfinde ich einen Mangel an Struktur und Definition. Der 2003er Leoville Las Cases wird trotzdem seine Liebhaber finden, denn er ist einfach zu verstehen und auf Grund seiner fruchtigen Süße, seiner hinreichend aufgelegten Schminke (und nicht jeder empfindet eine "falsch" gewählte Farbzusammenstellung so wie ich), ist er vielleicht sogar „mehrheitsfähig“. Ich weiß nicht, was hier im Keller gemacht wurde, aber dieser Wein ist für mich ein Produkt der Kellertechnik, ihm mangelt es an Ursprünglichkeit, Individualität und der femininen Eleganz, die ich bei großen Leoville Las Cases Weinen häufig empfinde. Ich bin gespannt, wie sich dieser Wein entwickeln wird, seinen ursprünglichen Subskriptionspreis von ca. € 145,- kann ich genauso wenig verstehen wie den Winespectator, der ihm 97 Punkte zuspricht. Selbst der Beschreibung von Parker (der ihn immerhin von 94-96 auf 93 Punkte abgewertet hat), kann ich nicht zustimmen, denn er ordnet ihn immer noch unter den besten Weinen des Jahrgangs ein.

Bordeaux 1985 – kleine Horzontalverkostung

Einmal mehr war ich bei Freunden in Frankfurt zum Weintrinken eingeladen. Diesmal war klar, was auf den Tisch des Hauses kommen sollte: Bordeaux – denn die beiden Jungs haben erst kürzlich einen besonderen Deal gemacht und einen Weinschatz aufgekauft, der so ziemlich alles hergibt, was in der Zeit von 1982 bis 1990 Rang, Namen und viele, viele Punkte hat. Mein Mitbringsel, ein 1985er Chateau Cos d’Estournel  fügte sich an diesem Abend per Zufall perfekt in die kleine horizontale Verkostung ein, die von den jeweils „besseren Hälften“ intelligent und mit Fingerspitzengefühl für uns Jungs blind zusammengestellt worden war. Es gab (in der Reihenfolge der Nennung):

 

  • 1985 Chateau Grand Puy Lacoste, Pauillac
  • 1985 Chateau Latour, Pauillac
  • 1985 Chateau Cos d’Estournel , St. Estephe
  • 1985 Chateau Lynch Bages, Pauillac
  • 1985 Chateau Leoville Barton, St. Julien

 

Ein kleiner Hinweis vorab: Die verkosteten Weine stammten aus einem Top-Keller, den sie seit ihrer Lieferung nach dem Primeur-Einkauf nicht verlassen haben. Insofern liegen den nachfolgenden Notizen hervorragend konditionierte Flaschen zu Grunde.

 

Als warm up gab es einen weißen Wein-Kracher, der nicht lange fackelt, sondern mit dem man gleich von „Null auf Hundert“ in unter 4 Sekunden beschleunigt wird:


1998 Grüner Veltliner Ried Lamm, Weingut Bründlmayer – Kamptal

 

95 Punkte – Was für eine Rakete, bereits in der Nase bekommt man einen Eindruck von der brachialen Kraft und der Urgewalt dieses Weines. In der Nase schwingt zwar zu Beginn ein Hauch von flüchtiger Säure mit, aber dann erlebt man ein Feuerwerk von orientalischen Gewürzen, Rauch und weißem Pfeffer. Der erste Schluck kommt fast einem Anschlag gleich, denn der Wein brennt sich mit seiner krassen, ungemein salzigen Mineralität in der Zunge ein. Aber auch die Frucht ist nicht von schlechten Eltern: Noten von überreifen Äpfeln, Citrusfrüchten, viel Pampelmuse und Aprikosen sind nur ein paar Eindrücke, die man gewinnt, wenn man diesen ungemein dichten, feisten Wein kaut. Ein opulenter, brutaler Stoff, der trotz des hohen Alkohols und der leichten Botrytis noch ein langes Leben vor sich hat und der für mich eine Referenz des Grünen Veltliners darstellt. Mario Scheuermann hat mal zu diesem Wein geschrieben: „Auch dieser Wein sprengt mit seiner brachialen Kraft und Wucht jeden Rahmen und jede Konvention der Sorte. Dieser hat kein Pfefferl, sondern richtig Pfeffer. Neben einem solch faszinierenden Ungetüm müssen die meisten großen weißen Burgunder die Waffen strecken“ (vgl. Capital Weincompass, Mario Scheuermann). Den ersten Teil dieses statements kann ich voll und ganz unterschreiben, warum man jedoch dieses Weinunikat mit einem weißen Burgunder vergleicht, erschließt sich mir jedoch nicht, auch wenn dieser irre Stoff – trotz aller power und Aggressivität – eine innere Harmonie und Ausgewogenheit auf hohem Niveau besitzt.

 

 

1985 Chateau Grand Puy Lacoste – Pauillac

 

93 Punkte – Chateau Grand Puy Lacoste hat in der Dekade von 1980 bis 1990 langlebige Weine von hervorragender Qualität erzeugt. Einen Beweis mehr lieferte dieser schöne 85er, der in seiner Aromatik ganz typisch für dieses Chateau ist. Intensive, kräutrige und maskulin wirkende Nase mit Anklängen von frischen Trüffeln und Rauch (Asche eines ausgeglühten Lagerfeuers). Am Gaumen gerade aus mit schöner, klarer Frucht; vom Mundgefühl recht weich, mit Anklängen von roten Früchten, Lakritze und schwarzem Pfeffer. Ein in sich schlüssiger Tropfen, den ich gerne und mit viel Genuss getrunken habe. Auf diesem Niveau mindestens noch 5 Jahre.

 

 

1985 Chateau Latour – Pauillac

92-94 Punkte – Meine erste Begegnung mit Latour aus diesem Jahrgag und irgendwie bin ich mit mir nicht wirklich im Reinen: hat mir der Wein richtig gut gefallen hat oder nicht? Zu Beginn ein leichter Kellermuff; dann viele Kaffee-, Malz- (süßlich) und Marzipannoten. Mit viel Luft (dekantieren einmal mehr empfohlen) wird der Wein vielschichtiger und die Frucht blüht auf. Am Gaumen wirkt der Wein recht feminin, feinen Noten von Himbeeren und grünen Erbsen. Die Tannine sind rund und geschliffen; hinten heraus bleibt jedoch ein kleines Bitterle. Zu Beginn erstaunlich dicht und weich, aber irgendwie auch ein wenig richtungslos – der Wein hat noch ordentlich Alterungspotential, aber die Frage: „Findet er noch die klare Richtung und seine echte Latour-Seele?“ bleibt. Da er im Glas mit der Zeit ausbaute, bin ich zuversichtlich, dass bei gut gelagerten Flaschen noch 1-2 Punkte mehr drin sind. Für das viele Geld würde ich mir momentan lieber ein paar Flaschen Grand Puy Lacoste gönnen.

 

 

1985 Chateau Cos d’Estournel – St. Estephe

 

93 Punkte – Dieser Wein spaltete an diesem Abend ein wenig die Gemüter. Mein lieber Freund mir gegenüber punktete 88/89 Punkte und meinte er sei etwas verwaschen, mein Weinfreund zur Linken setzte ihn am Ende ein Tick über den noch folgenden 85er Leoville Barton. Ich hatte ihn mit 93 Punkten  punktgleich mit dem Leoville und damit deutlich jenseits der 90-Punkte-Grenze. Ich habe mir „androgyn“ notiert – einerseits ein dunkle, maskuline und mineralische Aromatik (Dörrobst, schwarze Oliven), andererseits eine vordergründige, saftige, weiche und weibliche Wärme sowie eine runde, üppige Frucht. Schwer zu verstehen, aber hinter der weichen, üppigen Frucht auch viel Struktur und etwas ruppige Tannine. Mit haben die Gegensätze gut gefallen.

 

 

1985 Chateau Lynch Bages – Pauillac

 

96 Punkte – Zwei Worte habe ich mir als Fazit in mein kleines Notizbuch notiert: „Sinnliche Schönheit“ Nein, nicht diese Hungerhaken, die man heute ständig auf irgendwelchen Modenschauen sieht, sondern uns hat an diesem Abend eine femme fatale begeistert. Schon das Bukett hatte ein unglaublich verschwenderisches Parfüm: reife Weichselkirschen, vielen süßlich-orientalischen Anklängen; eingefangen in einer Box aus edlem Zedernholz (Zigarrenbox, die den Duft der letzten Zigarren ein wenig bewahrt hat).  Am Gaumen saftige Fülle, sehr ausdrucksstark und ausladend. Intensiv, voller Körper und ziemlich sexy. Durchaus elegant, aber primär (im allerbesten Sinne) ein Kind der Bourgeoisie.

 

 

1985 Chateau Leoville Barton – St. Julien

 

93 Punkte – Zu Beginn sehr viel Kaffee- und Röstaromen, Zedernholz und Zigarrenkiste. Am Gaumen recht maskulin in seinen Anlagen: Röstaromen, das Tannin trocknet den Gaumen etwas an; auf der anderen Seite mit einer recht eleganten rotbeerigen Frucht und einer feinen, recht eleganten Süße. Aufgrund der sehr straffen Säure kann ich die Notiz von Rene Gabriel aus 1999 ganz gut nachvollziehen, wo er dem 85er Chateau Leoville Barton eine „Sangiovese-Affinität“ attestiert und ihn zum „Frankreich/Toskaner“ mutieren lässt. Da der Wein im Glas hinten heraus recht schnell abbaute, verstehe ich es auch, wenn man ihm noch ein oder zwei Pünktchen abzieht.  

Frühlingserwachen II – Eine Bordeauxprobe in Engelskirchen – Teil 1

 

Erwacht war ich schon vorher – nämlich durch die Einladung von Klaus Nehr alias freak zur Frühlingserwachen II – Probe, die mich am vergangenen Freitag nach Engelskirchen (nomen est omen) geführt hat. Wer jetzt wen wach geküsst hat, ob der Wein uns – oder wir den Wein – hat sich an diesem Abend nicht klären können;  aber meine heimliche Hoffnung, dass die vielen attraktiven Damen aus der Xing-Gruppe, die von Klaus co-moderiert wird, diese durchaus ehrenwerte Übung übernehmen, hat sich leider nicht erfüllt. Doch spätestens beim dritten Wein habe ich mich in mein Schicksal gefügt und mich liebend gerne vom Wein beseelen lassen.

 

Leider mit kleiner Verspätung angekommen (aber das alltäglich Verkehrschaos in und um Köln ist einfach unberechenbar) und trotzdem herzlich aufgenommen, fühlte ich mich schnell sehr wohl in dieser Runde von langjährig erfahrenen Bordeauxtrinkern und solchen (wie mir), die es werden wollen. Die Weine waren bestens vorbereitet (schon am Nachmittag geprüft und dekantiert), der Service der beiden Damen und des Patrons der Alten Schlosserei funktionierte auf herrlich unkomplizierte Art und Weise perfekt, und die Küche tat das Übrige zu einem richtig schönen und gelungenen Genusserlebnis.

Angestellt waren:

1988 La Mission Haut Brion

1988 Cos d‘ Estournel

1989 Chateau Leoville Las Cases

1989 Chateau Lafite Rothschild

1989 Chateau Montrose

1989 Chateau Pavie

1990 Chateau Malescot St.Exupery

1990 Chateau Pape Clement

1990 Chateau Rausan-Segla

1990 Chateau Calon Segur

1990 Chateau Chateau Pichon-Longueville-Baron

1990 Chateau Haut Marbuzet

1990 Chateau  Clerc Milon

1991 Chateau Latour

1991 Chateau Palmer

1989 Grange, Penfolds (Pirat)

Nur der Form halber: es wurde blind in 2er flights getrunken und unmittelbar nach jedem flight aufgedeckt. Die Liste der Weine war bekannt (bis auf den zusätzlichen Piraten). Doch nun zu den einzelnen Weinen und Notizen: 

 

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1985 Leoville Las Cases / St. Julien / Bordeaux

96 Punkte – Zu Beginn ein starkes Aroma von Kaffee, Mokka und Tabak in der Nase; sehr tief, kühl und aromenreich – man ist beschäftigt. Am Gaumen sehr frisch, kühl und eher maskulin. Schöner, kräftiger Körper; herrliche Tanninstruktur; reife und körnige Tannine, die der tollen Frucht den nötigen Widerstand geben und dem Wein so eine perfekte Statur verleihen. Röstaromen, Kaffee, feinste Schokolade, Cassis, beerig, herrlicher Stoff …. mehr Worte muss man einfach nicht machen.