2006 Erbhof Unterganzner – St. Magdalener Klassisch / Südtirol / news vom Weingut

Jedes mal die gleiche Prozedur, wenn ich zu Josphus Mayr fahre; in dem Strassengewirr aus Autobahnzu-und abfahrt, diversen Landesstrassen und Kreiseln entscheide ich mich Jahr für Jahr mindestens einmal für die falsche Strasse – aber auch in diesmal habe ich es letztendlich geschafft !  Ebenfalls Jahr für Jahr bin ich dann überrascht von der Ruhe, die auf diesem – zwischen Autobahn und Landesstrasse – eingezwengten  Erbhof herrscht. Dieses Mal war die Zeit knapp, denn es ist Erntezeit und da hat die ganze Familie alle Hände voll zu tun. Trotzdem bzw. gerade deshalb hat es mich sehr gefreut, dass Frau Mayr extra zum Hof kam, um mir meine paar vorbestellten Flaschen auszuhändigen. Ein kleiner Plausch, ein paar Infos zu den gekauften Weinen und eine trautirge Nachricht: Aus dem hervorragenden Jahr 2006 wird es keinen REIF geben, denn die Gärung des Cabernet ist stecken geblieben und alles gute Zureden und sämtliche "vernünftigen" Versuche blieben erfolglos.

 

2006 St. Magdalener Klassisch – 84 Punkte – Einen kleinen Vorgeschmack auf den 2006er Jahrgang gibt der St. Magdalener Klassisch. Grundsätzlich stammen die Weine der Zone "St. Magdalener" von  Hängen am Rand von Bozen sowie Teilen der Gemeinden Karneid und Ritten. Weine aus den historischen Lagen tragen häufig  die Zusatzbezeichnung Classico oder Klassisch  und werden aus Vernatsch (entspricht dem dt. Trollinger) gekeltert, der häufig mit einem Spritzer Lagrein (5%-10%) veredlet wird. Die 2006er Ausgabe des St. Magdalener vom Josephus Mayr ist extraktsüß, sehr aromatisch und fruchtig (eingemachte rote Früchte, Erdbeeren, rote Fruchtsirup-Drops) und hinten heraus zeigt sich eine interessante, süß-bittere Note. Für die Rebsorte hat dieser Wein ein beachtliches Tannin sowie einen schon  als mittelgewichtig zu bezeichnenden  Körper. Mir macht so ein Wein zur Brotzeit mit Speck oder zur Pizza richtig Spaß, da mag ich sogar die –  für mich ansonsten etwas zu vordergründige – extraktsüße Frucht. Ein solch konzentrierter Vernatsch kann nur mit beachtlichem Aufwand  im Weinberg (insbesondere erhebliche Ertragsreduzierung) hergestellt werden. Well done !!

Reise nach Südtirol und Piemont – Tag 1

Eine Weinreise nach Südtirol und ins Piemont ? mit einem Ausflug an die Rhone 😉

Freitag 09.11.2006: Fahrt bei bestem Wetter von Frankfurt nach Sterzing, die Autobahn ist ungewöhnlich leer, dass Fahren entspannt und mit einem 150er Schnitt bis zur Grenze nach Österreich bin ich wohl manchmal schneller gewesen, als die Polizei erlaubt. Nur die Öschis mit ihrem 100er Tempolimit auf nahezu der gesamten Strecke bis nach Insbruck sind eine echte Spassbremse. Trotzdem pünktlich um 13.00 Uhr auf dem Pretzhof. Da meine Frankfurter Freunde mit dem eigenen Wagen gefahren sind und keinen Tankstop eingelegt haben, sind sie ein paar Minuten vor mir angekommen und so erwartet mich dann auch gleich der leckere Speckteller, dazu passend ein 2005er Alzinger Grüner Veltliner Reserve (93 Punkte) ? schöne, sehr klare Nase, kräuterwürzig, dicht und komplex, am Gaumen mit der Spannung eines Pflitzebogens, sehr mineralisch, kompakt und druckvoll.

Danach das Weinglück in Dosen, ein 2002er GV Kellerberg von F.X. Pichler (98 Punkte) ist ganz großes Kino und eigentlich perfekt; unglaublich dicht, kräuterwürzige Mineralität schon in der Nase spürbar, pure Extraktion, belegt und beschäftigt jeden Zentimeter auf der Zunge; Kraft und Finesse perfekt vereint, auch hier unglaublich mineralisch, wenn man die Aromen beschreiben möchte, assoziiere ich am ehesten mit Quitten, Sternfrucht und purer Mineralik, sensationell stoffig, trotzdem lang und elegant. Dazu eine gemischte Vorspeisenplatte (Hirschschinken, Hirschcarpaccio und Graukaas frisch aus dem Käsekeller von Karl) sind nicht minder lecker, gleiches gilt für das sensationelle Souffle vom Sauerkraut und Selchfleisch (geräuchertes und dann gekochtes Schweinefleisch). Es folgen resch gebratene Spanferkelrippchen und einer meiner Lieblingsweine aus Südtirol: 2004 Erbhof Unterganzner (Josephus Meyer) Lamarein (91 Punkte) ? sehr jung, die Nase ist durch die junge Frucht geprägt, gleiches gilt für den Gaumen. Trotzdem macht mir der Wein schon Freude, da er einfach eine unglaubliche Fruchtfülle besitzt und trotz seiner 15% Alkohol überhaupt nicht marmeladig wirkt, sondern durch seine unglaubliche Frucht, Kraft und Aromatik aus den getrockneten Lagrein-Trauben überzeugt; am Gaumen sehr weich, extraktreich und saftig; mit einer schönen Länge ausgestattet. Wird sich in den nächsten 2-3 Jahren sicherlich sehr positiv entwickeln, wenngleich er nicht die Tanninstruktur der Jahrgänge zu Beginn der 2000er Jahre aufweist. Nach einem kleinen Plausch mit Uli und Karl geht es dann weiter nach Burgstall bei Meran.

Am Abend ist an weiteres Essen nicht zu denken, aber da das Hidalgo mit seinem Keller (ca. 20.000 Flaschen) direkt neben unserer Pension liegt, schlagen Bernd und ich uns durch und werden von Traute und Renato gewohnt freundschaftlich begrüßt. Es ist der Vorabend des Weinfestivals und der normale Wahnsinn nimmt seinen Lauf, das Restaurant ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die üblichen Verdächtigen sind anwesend, einige Winzer mit Freunden, Weinfreaks, die man zwar nicht kennt, aber jedes Jahr wiedersieht. Unser Plan einen kleinen Schluck an der Bar zu nehmen, nimmt ein jähes Ende, als wir uns die Weinkarte geben lassen. Nach langem studieren, kommen wir überein, dass sich aufgrund der Preise Bordeaux lohnt und bestellen eine 1989er Pichon Longueville Comtesse de Lalande (94 Punkte): Kaminrot mit erkennbarem Wasserrand; schöne, sehr feine und offene Nase, erdig, etwas kräutrig, feine Frucht, an den guten alten Vanillepudding mit Erdbeeren von Muttern erinnernd (nicht zu verwechseln mit der Aromenpampe von heute, die zwar 10 mal intensiver duftet, aber mit der feinen, echten Vanille nichts mehr gemein hat), etwas kalkig, Noten von leichtem, sehr feinen Zigarrentabak, Zedernholz, herrliche Nase. Am Gaumen ebenfalls sehr elegant, herrlich gereift und gut balanciert, in gewisser Weise: die Leichtigkeit des Seins, spielerisch und trotzdem mit Tiefgang; mittlerer Körper, seidig, ganz klar und fein bis in den schönen, langen Abgang. Danach entdecken wir ein paar Münchener Freunde von der Toskana-Fraktion und trinken noch ein paar gemeinsame Schlücke Luce, Guado al Tasso und Siepi, ohne Notizen, aber mit der überrraschenden Erkenntnis, dass LUCE – ein Wein, um den ich bislang als Designerwein immer ein Bogen gemacht habe – diesmal viel Toscana und viel Sangiovese ohne speckigen Mantel ins Glas bringt.

2001 Erbhof Unterganzner – Josephus Mayr Lamarein

97 Punkte – Bester Rotwein Italiens – dieses Prädikat hat Luca Maroni dem 2001 Lamarein vom Erbhof Unterganzner aus Kardaun/Bozen in seiner Ausgabe 2004 verpasst. Der Gambero Rosso (Ausgabe 2004, S.262)

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