Ein Kirchspiel; zwei Topwinzer (Keller / Wittmann); acht Verkoster und fünfzehn Flaschen

sollten Aufschluss auf eine Frage geben, die mir schon lange unter den Nägeln brennt: Was dominiert einen Top-Riesling mehr – die Handschrift des Winzers oder das Terroir??

Sieben aufeinander folgende Jahrgänge aus dem Westhofener Kirchspiel der beiden deutschen Spitzenwinzer Philipp Wittmann und Klaus-Peter Keller standen deshalb im Mittelpunkt dieses Verkostungsabends. Ergänzt wurden die in Jahresflights (d.h. paarweise, jeweils mit dem gleichen Jahrgang) servierten Westhofener Rieslinge um einen „Piratenflight“, also zwei Weine, die nicht aus der Lage bzw. nicht aus Rheinhessen stammten.

2004 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen

95 Punkte – In der ex post Betrachtung startete die Probe für mich mit dem Knaller! Grüngelber Eindruck; in der Nase vielschichtige Citrusnoten, Kräuter und frische Äpfel. Am Gaumen ein sehr mineralischer Stoff, der einerseits herrlich viel Zug aufweist, auf der anderen Seite, aber eine tänzelnde Art besitzt, die mich total begeistert. Der Wein hat viel Kraft und innere Spannung, ist strukturiert, saftig und gleichzeitig fein und komplex. Ich glaube, die britische Weinjournalistin Jancis Robinson hat mal gesagt oder geschrieben, dass die Kellerweine die deutschen Montrachets sind – ich weiß jetzt, was sie meinte, denn so etwas kann nur auf einem kalkbetonten Boden wachsen. Dieser Riesling hat immer noch so viel Kraft und innere Spannung, dass ich mir absolut sicher bin, dass „Kellerschätze“ über weitere 10 Jahre mit viel Genuss getrunken werden können.

2004 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Wittmann – Rheinhessen

90 Punkte – goldgelb fließt der Wein ins Glas und wirkt vom ersten Eindruck an sehr extrahiert. Er duftet dann auch nach goldgelben, exotischen Früchten und besitzt ein sehr intensives, breites Fruchtaroma. Sehr voller Ansatz, köperreich, sehr rund und mir insgesamt einen Tick zu voluminös – ich fühle mich ein wenig geplättet. Schöne Länge – die Aromen bleiben lange am Gaumen stehen. Ein paar mit Botrytis behaftete Trauben haben wohl Eingang in die Kelter gefunden. Die Säure ist gut eingepasst und eine mineralische Ader durchzieht diesen Riesling, jedoch dominieren die reiche Frucht und der voluminöse Körper den Eindruck bis zum Schluss.

2002 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen

91 Punkte – Ein immer noch junger Riesling, der zwar für den geübten Weintrinker ein paar kleine Hinweise auf sein Alter bereit hält, aber eigentlich eher wie ein Filmdiva wirkt, die mit viel Sport und Disziplin ihr Alter seit vielen Jahren erfolgreich verbirgt – trotzdem kein bisschen verschroben oder unentspannt wirkt. Der Wein kommt recht schlank daher, begeistert mit seiner feinen Mineralik und einer leichten Rauchigkeit, die mich an Feuersteine erinnert. Am Gaumen ein vergleichbares Bild: immer noch recht jugendlich, fein und mineralisch, dazu ein paar verwirrende Noten von Sahne-Toffees, nahezu ohne Fruchtaromatik – ganz von der mineralischen Noten geprägt. Mir macht so etwas sehr viel Freude und diese 2002er Ausgabe des Kirchspiels erinnert mich an einen gereiften Chablis Grand Cru. Trotz seiner fast 10 Jahre, die er als trockener Wein auf dem Buckel hat, würde ich mich sehr freuen, wenn mein Bestand größer wäre, als die eine Flasche, die ich noch im Keller habe – bleibt noch für viele Jahre ein großer Genuss.

2002 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Wittmann – Rheinhessen

93 Punkte – auffallend schöne Mineralik, dazu samtfruchtige Noten von Quitten und kandierten Citrusfrüchten; das Ganze verbunden mit einem herrlichen Frucht-Säure-Spiel. Momentan in einem perfekten Reifezustand, sehr tief und hervorragend balanciert. Zeigt am Gaumen eine dichte und konzentrierte Art sowie auffallend schön definierte Konturen. Mich begeistert dieser Riesling mit seiner Komplexität und Harmonie – die so selbstverständlich wirken, dass man fast vergisst, was so ein Wein aufweisen muss, damit man so empfindet.

2006 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen

89 Punkte (??) – Noch ein recht unausgewogener Jahrgangsvertreter mit einer merkbaren Restsüße; in der Nase kräutrig-mineralische Noten und verhältnismäßige duftige Fruchtaromen. Am Gaumen ebenfalls von der Mineralik getrieben, Aromen von Anis und anderen Kräutern, substanzreich, aber im Vergleich zu den bisher verkosteten Jahrgängen nicht auf dem gleichen Niveau – hier steht mir alles zu sehr nebeneinander und irgendwie fehlt mir der Glaube, dass dies noch wesentlich besser wird. Aber ich lasse mich gerne überraschen…

2006 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Wittmann – Rheinhessen

92 Punkte – Erstaunlich monolithischer Riesling für diesen Jahrgang; noch sehr verschlossen – wirkt wie ein Stein, auf dem man lutscht. Aber außer ein paar tabakig-mineralischen Noten ringt man diesem Riesling nicht viel ab. Trotzdem gefällt mir diese Wittmann-Interpretation des Kirchspiels besonders gut, da sie nicht so sehr von der opulenten Frucht lebt, sondern die fokussierte Mineralik aromatisch in den Vordergrund bringt und die lebende Säure aufreizend über die Zunge tanzt. Ich glaube, dass dieser Wein ein Musterexemplar in diesem Jahrgang ist, denn in ganz Deutschland haben viele Winzer aus Angst vor dem Regen entweder zu früh geerntet und die Befürchtungen sind wahr geworden und großen Teile der Ernte sind ihnen unter den Händen weggefault – mancherorts hat dies zu Totalausfällen geführt.

2006 Niederhäuser Herrmannshöhle Riesling GG, Weingut Dönnhoff – Nahe

90 Punkte – Bereits in der Nase eine für mich eher ungewöhnliche Aromatik, die nicht in die Reihe der bisherigen Kirchspiel-Rieslinge passt – eine so ausgeprägte Etherik habe ich bei keinem Kirchspiel erlebt. Am Gaumen fallen die besondere Weichheit und der Schmelz auf, auch hier wieder etherische Noten und Anklänge an Rosen und Kuchen (Mürbeteig); recht komplexes Spiel, auch Rosinen und Honig. Ich vermute, dass auch bei diesem Wein das Lesegut nicht frei von Botrytis war und so auf den 2006er Jahrgang stilprägend Einfluss genommen hat.

2006 Monzinger Frühlingsplätzchen Riesling GG, Weingut Emrich-Schönleber – Nahe

92 Punkte?? – Im Vergleich zum Flight zuvor, ein ähnlicher Abstand zwischen dem ersten und dem zweiten Wein innerhalb des flights. Auch hier wirkt der Wein noch sehr unentwickelt, allerdings spielt hier nicht die (sicher vorhandene) Mineralik die erste Geige, sondern der Wein besitzt eine – für mich noch unfassbare – Gärnote, die eigentlich nur spontan vergorene Weine in ihrer Jugend aufweisen. Sollte der Wein diese Noten nicht ablegen und die leicht laktische Note sich weiter entfalten, dann ist ein Punktabzug nicht zu vermeiden. Aktuell interpretiere ich es einfach so, dass dieser Riesling seine Kinderstube noch nicht verlassen möchte und sich deshalb seine reichlich guten Anlagen noch nicht voll entfalten konnten. Besonders schön ist die ausgeprägte, kräutrige Mineralik, die diesem muskulösen Riesling mit viel innerer Spannung einen rauchigen Ausdruck verleiht.

2007 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen

94 Punkte – wunderbarer Stoff !! Wirkt noch sehr jugendlich, strahlt dabei aber schon eine Eleganz und Finesse aus, die mich in ihren Bann zieht. Sehr klar und rein, dieses junge Kirchspiel zeigt eine schöne innere Dichte und feine Saftigkeit, die kombiniert mit der perfekt integrierten Säure und der präzisen mineralischen Art bei mir eine Assoziation aus Herr der Ringe hervorruft – die Elbenprinzessin Arwen war von ähnlicher sinnlicher Schönheit, Feinheit und Eleganz. Wenn man es etwas profaner ausdrücken möchte, dann spricht man von Eindrücken, die an Melonen, weißen Pfeffer; Gletscherwasser, Citrusfrüchte oder geröstete Haselnüsse erinnern, vielleicht auch von der auffallend klaren Mineralik; aber diese sinnliche Eleganz lässt sich einfacher mit dem Bild der von Liv Tyler verkörperten Elbenprinzessin transportieren.

2007 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Wittmann – Rheinhessen

93 Punkte – In 2007 haben die Reben in der Lage Kirchspiel wohl ideale Bedingungen gefunden, denn auch das Ergebnis von Philipp Wittmann ist bestens gelungen. In der Nase präsentiert sich ein wunderbarer, satter Duft von reichlich gelben Früchten, unterlegt von einer kräutrig-mineralischen Note. Der gesamte Mund wird ausgekleidet von einer Kombination von gelben und exotischen Früchten, Keksen, Karamell und Orangen. Die recht kräftige Säure passt gut zu der kompakten, dichten Art dieses Rieslings; sehr saftiger Eindruck. Auch wenn die Fruchtaromen klar im Vordergrund stehen, so verleiht die hintergründige Mineralik diesem Wein die notwendige Komplexität, um klar über 90 Punkte zu kommen. Bleibt lange am Gaumen stehen. Um den Trinkgenuss in den nächsten fünf bis zehn Jahren mache ich mir keine Sorgen.

2008 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen

93 Punkte – Noch sehr junger und unentwickelter Riesling, in der Nase sehr klar und fokussiert, dezent kräutrig (Eindruck des Tages 😉 – Gurke); erinnert mich wieder an einen TOP-Grand-Cru Chablis. Am Gaumen klar und deutlich von der sehr festen Mineralik geprägt, sehr viel Zug und Kraft – ein wenig adstringierend. Was für ein schöner und stattlicher Bub!! Wenn der mal erwachsen wird, verdreht er sämtlichen „Töchtern“ den Kopf. Aber auch als Jungspund eine wahre Freude. Erinnert mich irgendwie an unseren mittwöchlichen Kick, wenn die Männer um die 40 mal wieder meinen Fussball spielen müssen und das Niveau sich auf Not gegen Elend einpendelt – dann aber die 15-jährigen Jungs fragen, ob sie mitspielen dürfen und uns links und rechts machen, so dass man manchmal nur noch mit offenem Mund dasteht und von dieser Spielanlage und dem Ballgefühl fasziniert ist. Leider sind ein paar Jungs so spielverliebt, dass sie vergessen, die wichtigen Tore zu machen. Doch dass wird bei diesem Kirchspiel nicht passieren, der begeistert in zwei, drei Jahren jeden, der ihn ins Glas bekommt und Konkurrenz braucht er auch nicht zu fürchten – das wird ein „Knipser“ (einer, der jedes Tor macht und nicht aus der Pfalz kommt )

2005 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen

93 Punkte – Auffallend an den beiden 2005er Ausgaben von Kellers und Wittmanns Kirchspiel ist die stilistische und aromatische Annäherung der beiden Rieslinge; wobei das Kirchspiel von Wittmann sich der sehr reinen, filigranen und die Mineralik betonenden Art der Kellerweine annähert.

Das Kirchspiel von Keller ist kühl, sehr klar und reintönig. Aromatisch wunderbar tief und fest. Die feingliedrige Säure und die mineralische Prägung animieren zum Trinken, ich kann kaum die Hand vom Glas lassen. Bei aller Eleganz, der Wein hat Zug und Kraft und wirkt engmaschig gewoben. Gute Länge. Ein sicherer Trinkgenuss in den nächsten fünf bis acht Jahren.

2005 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Wittmann – Rheinhessen

92 Punkte – Bereits in der Nase vermittelt dieser Wein einen sehr klaren Eindruck mit seiner schönen, leicht tabakigen Würze; Aromen von gelben Steinobstfrüchten und Citrusfrüchten runden das Bild ab. Auch am Gaumen dominiert die kräuterwürzige, tabakige Mineralität. Die sehr gut integrierte Säure, verbunden mit dem kräftigen Körper, lassen bei mir die Zunge schnalzen. Ich liebe diese Form von feiner, salziger Mineralität, die diesen Riesling vom ersten Eindruck in der Nase bis in den schönen Abgang durchzieht. Insgesamt eine „griffige und zupackende“ und gleichzeitig komplexe und feine Interpretation des Kirchspiels von Wittmann, die ansonsten deutlich fruchtbetonter und runder wirkt.

2003 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen

92 Punkte – Unglaublicher substanzreicher Riesling; diese aromatische Opulenz macht wach! Die zupackende Mineralik und die feste, bestens integrierte Säure bilden ein Team, das ein komplexes und raffiniertes Zusammenspiel ermöglicht. Klar und reif in der Aromatik; sehr ausdrucksstark. Mich erinnert dieser Wein an eine Brausewürfel aus der Kindheit – und das ist nicht als Beleidigung, sondern als großes Kompliment gemeint, denn ich habe es geliebt, dieses Kribbeln auf der Zunge und die intensive Aromatik, bevorzugt Waldmeister. Auch dieser Wein erzeugt bei mir dieses gewisse Kribbeln, nicht weil er etwa nachvergoren ist, sondern weil er einerseits den ganzen Rachenraum mit vielfältigen, klaren und reintönigen Fruchtaromen ausgekleidet und andererseits die Mineralik fast schon kribbelt. Insgesamt sehr animierend und auf sehr hohem Niveau trinkig; hinten heraus leider nicht ganz so lang wie erhofft. Sicherlich noch viele, viele Jahre mit Freude zu trinken.

2003 Westhofener Kirchspiel Riesling GG, Weingut Wittmann – Rheinhessen

91 Punkte – in der Nase immer noch Noten, die eher junge spontan vergorene Weine aufweisen. Dazu kommen Aromen von Citrusfrüchten und gelben Früchten. Hat einen schönen Druck und Zug am Gaumen; insgesamt mit guten Struktur unterlegt. Am Gaumen durchzieht eine feine Mineralik den Wein, aber die gelben Früchte behalten aromatisch klar die Oberhand. Gute Länge – well done!

Als Fazit der Probe möchte ich meinen Weinfreund Reiner zitieren, der auch meine Eindrücke perfekt zusammengefasst hat:

„Ein wichtiges Ergebnis war sicher (außer dass Keller und Wittmann hervorragende Winzer sind und Kirchspiel eine herausragende Lage ist), dass offensichtlich der Einfluss des Winzers auf den Charakter eines Weins stärker ist als der Einfluss der Lage. Es ließ sich durchgehend ein eher auf Frucht und Opulenz gerichteter Stil (Wittmann) und ein eher puristischer, die Mineralität hervorhebender Stil (Keller) unterscheiden. Die Ausprägung dieser Unterschiedlichkeit variierte zwar je nach Jahrgang, war aber in der Tendenz immer spürbar. Dass das Terroir bei aller Unterschiedlichkeit der Weine doch eine Gemeinsamkeit herstellt, merkte man aber an den beiden Nahe-Weinen, die relativ schnell als Piraten identifiziert werden konnten.“

Weinprobe Riesling Deutschland vs. Österreich – Trinkgenuss, Wucht und Finesse……Kork und andere Fehler

Ein feucht-fröhlicher Weinabend mit altbekannten Weinfreunden aus Hamburg, einem Berliner Wein-Plusler der ersten Stunde und einem überaus netten und kompetenten Neuzugang aus der „Berliner Küche“ nahm in Hamburg seinen Lauf….

 

Wegen entstellender (Kork)-Fehler leider unverkostet das zeitliche gesegnet:

 

1999 Knoll, Ried Schütt – Riesling Smaragd, Wachau

1988 Karthäuserhof, Kathäuserhofberg Riesling Spätlese Versteigerungswein

1986 Ducru-Beaucaillou

Die Weine nachfolgend als Einzeleintrag:

2002 Wittmann, Kirchspiel Großes Gewächs / Rheinhessen

94 Punkte Hofschuster hat diesem Riesling im Wein-Plus-Weinführer am 14.11.2003 grandiose 98 Punkte  und einen Trinkgenuss bis 2015 zugestanden (Hmmm, diskussionsfähig). Eichelmann und Gault Millau haben ihn jeweils mit 90 bepunktet  und ihm eine Trinkreife bis 2007 attestiert (bull shit). Dieser wunderbare Riesling steht für mich am Beginn seiner optimalen Trinkriefe, die über mindestens 4 weitere Jahre anhalten wird und danach hat er sicherlich über weitere 6 Jahre die Substanz, dass er für Riesling-Kenner immer ein willkommener Stoff bleiben wird, über den man trefflich philosophieren kann.

 

Dieser Wein ist in seiner Harmonie nicht so laut, wie einige andere, die alles platt machen wollen, was ihnen in den Weg kommt. Dieser Wein zeigt jetzt eine schöne Finesse, ist dabei kraftvoll im Sinne von drahtig und druckvoll. Wenn ich ein Bild von diesem Wein zeichnen müsste, würde ich wohl das Bild einer Leistungssportlerin im Abendkleid bemühen – Kraft, Anmut und Eleganz harmonisch vereint. Genug geträumt – zum Wein: feine Frucht, überwiegend Noten von Zitrusfrüchten; immer noch herrlich frisch; tolle mineralische Tiefe, feine Würzigkeit, recht druckvoll, dabei verspielt und tänzelnd auf der Zunge. Sehr vielschichtig und harmonisch. Klasse Länge.