1929 Chateau Branaire Ducru – Saint Julien

 

82 Punkte – Die Jahrgänge 1928/1929 sind als Zwillinge für hervorragenden Bordeaux in die Geschichte eingegangen. Michael Broadbent schreibt zum Jahrgang: „Der Inbegriff von Eleganz. Wesentlich frühere Blüte als beim tanninreichen Jahrgang 1928. Kann bei guter Lagerung immer noch überragend sein. Juli, August und September waren heiß, vor der Lese gab es im September willkommene Regenfälle. Das reduzierte Tannin, Alkohol und Säure, der Charme allerdings blieb erhalten.“ Mir erscheint diese Wetter-/Regenargumentation nicht ganz schlüssig, aber nichts desto trotz, der 29er Jahrgang gilt als groß.

Groß war bei mir eher die Erwartung, denn diese Flasche hatte ich zur Verkostung angestellt und als letzte des Abends sollte sie besonders schön sein. Doch leider wurden wir enttäuscht. Die Farbe war zwar noch erstaunlich fest und dicht, doch bereits die Nase war unerfreulich. Am Tisch murmelte jemand etwas von „Abwasser-Gulli“ – das war zwar hart, aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch wenn dieser erste Eindruck mit etwas Luft verflog, so blieb der nasale Eindruck zerfahren. Einerseits war da ein interessante, dezent malzige Süße, andererseits auch etwas flüchtige Säure und Liebstöckel. Am Gaumen etwas besser, aber die Säure wurde ein bisschen allein gelassen und stand so zu sehr im Vordergrund. Trotzdem bot der Wein Aromen, die man nur schwer in Worte fassen kann und die irgendwie auch interessant waren. Bleibt man jedoch ehrlich, blieb der Wein eher akademisch und es waren nicht mehr als 82 Punkte im Glas.

 

2001 Chateau Gloria – St. Julien

 

87 Punkte – habe ich mir bei diesem Wein notiert. Dazu habe ich in mein kleines Notizbuch, das ich stets am Mann trage, wenn ich zu Weinveranstaltungen unterwegs bin, folgendes geschrieben: Kaffee, Tabak, viel Karo-Kaffee, sehr dunkel in der Farbe. Am Gaumen ebenfalls dunkle Frucht von Pflaumen und Schwarzkirschen; angenehme Frische und runder, recht weicher Ansatz. Kein großer Wein, aber klar, geradeaus und gut zu trinken.

 

Beim kleinen cross-ckeck mit den Ergüssen der bekannten Weinjournalisten las ich bei Rene Gabriel: „04: Aufhellendes Rubin-Granat. Reduktives, schwierig anzugehendes Bouquet; Phenol- und Leimton, gewisse Wildbretaromen. Im Gaumen weich, rote Pflaumen, zeigt jetzt schon erste Schokonoten und endet mit einem gewissen Humustouch, wird sich eher schnell entwickeln und im Geschmack artisanal, ja sogar dumpf werden. 16/20 2006-2018“. (Vgl. Rene Gabriel, Bordeaux Total, S. 133, WeinWisser Verlag (Anmerkung des Autors: Rene Gabriel bewertet nicht nach der 100 Punkte Skala, sondern mit maximal 20 Punkten)) Es ist absolut normal, dass verschiedene Verkoster zu verschiedenen Punktwertungen kommen können – meist sind die Differenzen klein, ab und an auch mal größer. Wie aber bitte schmeckt „artisanal“???????

 

Mit meinen bescheidenen Sprachkenntnissen habe ich das Wort in „artis“ und „anal“ zerlegt und frei übersetzt „Am/Im Arsch der Kunst“ – aber da stellt sich doch gleich die nächste Frage: Wie schmeckt so etwas? Ne,ne,ne, da bin ich wohl auf dem Holzweg.

 

Mal sehen was raus kommt, wenn man diesen Begriff googelt. Siehe da, der erste Eintrag stammt von Wikipedia – das verspricht Aufklärung! Da steht dann: „Artisanal ist eine der zugelassenen Herstellungskategorien der französischen Appellation d’Origine Contrôlée für Käsesorten. Hierbei muss der Käser die Milch von Kühen, Ziegen oder Schafen verwenden, die auf seinem Hof gehalten werden. Anders als bei der Fermier-Kategorie darf er jedoch auch Milch von anderen Höfen hinzukaufen.“ Hmmm, …. der Wein schmeckt also wie eine Herstellungskategorie von französischem Käse???

 

Also liebe Leute, die Weinsprache ist schon eine besondere, aber ab und zu scheinen doch die Gäule mit uns Verkostern / Weinliebhabern durchzugehen. Lieber Rene, solltest Du das jemals lesen, kläre mich doch bitte auf, was Du mit „und im Geschmack artisanal, ja sogar dumpf werden“ gemeint haben könntest. ;-)))))

1986 Chateau Talbot – St. Julien

96 Punkte – Was für ein Baum von Wein. Dunkel, würzige Nase, rauchig, Tabak und Zedernholzbukett, schwarze Beeren. Am Gaumen straff und kraftvoll konzentriert – ein Powerstoff, der gleichzeitig tief und nachhaltig den ganzen Mund ausfüllt. Davon eine Flasche und jeder Strohwitwerabend ist gerettet. So stelle ich mir einen Zehnkämpfer vor – sehnig und kraftvoll zugleich; da gibt es nichts, was ihn aus der Bahn wirft, egal ob Sprint, Weitsprung, Kugelstoßen oder Langstrecke – auch in 10 Jahren wird er sein genussverwöhntes Publikum noch begeistern.

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1986 Ducru Beaucaillou – St. Julien Bordeaux

Ohne Bewertung / (92 Punkte) – Und da war es wieder: das Dauerproblem, das die Weine von Ducru Beaucaillou Mitte, Ende der 80er Jahre bis in den 90er Jahrgang (der laut Rene Gabriel total verseucht ist; vgl Bordeaux Total)  „auszeichnet“: Ein Muffton, bei dem man nicht so genau weiß, hat der Wein Kork ?  Nee,  Kork ist das nicht, aber hier stört etwas massiv den Weingenuss. Einige meinen, dass es Ausdünstungen von Holzschutzmitteln sind, die hier Einfluss auf den Wein genommen haben.

Man wird es wohl nie von offizieller Seite aufklären, aber es dürfte einen driftigen Grund gegeben haben, dass man Anfang der 90er Jahre die Kellergebäude von Ducru-Beaucaillou grundlegend saniert hat und ein komplett neuer Fasskeller gebaut wurde. Hinter diesem Weinfehler verbirgt sich ein durchaus ansprechender Wein, den ich bei einer anderen Probe im Sommer diesen Jahres verkosten konnte (aber auch hier war erst die 2.Flasche ohne Tadel). Erwischt man eine gute Flasche präsentiert sich der 86er Ducru mit einer sehr ausgewogen, nachhaltigen Art. Die klassische Aromatik wird von guten Tanninen unterstrichen und die schöne Länge, die er am Gaumen zeigt, rundet das Bild ab. Dürfte auch in den nächsten Jahre sehr gut sein – leider ein totales Lotteriespiel, bei 6 Flaschen, die ich insgesamt besaß, waren leider nur zwei fehlerfrei. Die einwandfreie Flasche im Sommer habe ich mit 92 Punkten bewertet.

1985 Leoville Las Cases / St. Julien / Bordeaux

96 Punkte – Zu Beginn ein starkes Aroma von Kaffee, Mokka und Tabak in der Nase; sehr tief, kühl und aromenreich – man ist beschäftigt. Am Gaumen sehr frisch, kühl und eher maskulin. Schöner, kräftiger Körper; herrliche Tanninstruktur; reife und körnige Tannine, die der tollen Frucht den nötigen Widerstand geben und dem Wein so eine perfekte Statur verleihen. Röstaromen, Kaffee, feinste Schokolade, Cassis, beerig, herrlicher Stoff …. mehr Worte muss man einfach nicht machen.

1997 Les états d’ames / Mas Jullien

90 Punkte: Dieser über Jahre schwierige Wein hat die Kurve gekriegt:

eher helles bis mittleldichtes kaminrot, zum Rand hin mit Anklängen an Ziegelrot. In der Nase eher verhalten, leicht süße rotbeerige Frucht, aber am Gaumen unglaublich ausgewogen: tolle, leichtfüßige und komlexe Frucht, eher rotbeerig, dabei auch mineralisch, feine Süße, sehr schön definierte Tannine, die auf der Zunge haften bleiben. Ein Wein, der animiert, der aufgrund seiner saftigen, aber nur mittelgewichtigen Art nicht satt macht, sondern einen immer wieder zum Glas greifen läßt. Die feine Würze steht im ausgezeichnet und letztendlich überzeugt hat mich diese Länge.