2015 Riesling Große Gewächse – Eine Auswahl

Die Großen Gewächse aus 2015 sind in der Breite sehr gut bis paritell herausragend gelungen – so zumindest der Tenor aus der Vorstellung in Wiesbaden und den anschliessenden Presseberichten.

Doch das eigenene Urteil ist durch nichts zu ersetzen.  Mein Keller füllt sich und die Neugier auf einen ersten persönlichen Überblick war kaum noch auszuhalten. Hier und da hatte ich schon ein paar Sachen verkostet, aber es benötigt eigentlich Ruhe, statt der üblichen Verkostungsquickies im Minutentakt, um diesen Gewächsen in den Kindenschuhen auch nur halbwegs gerecht zu werden. Gestern Abend konnte ich mit 9 Weinfreunden ausgiebig verkosten,  trinken und ratschen über die Weine, von denen viele zu meinen persönlichen Favoriten gehören und die Jahr für Jahr Einzug in meinen Keller erhalten. Schwierig ist, dass bereits jetzt, knapp 2 Monate nach der Freigabe einige GGs schon komplett vom Markt absorbiert sind und es somit schwer wird, diese noch zu kaufen.

Verkostungsnotizen:

2014 Riesling Doosberg GG, Peter Jacob Kühn – Rheingau

Intensive goldgelbe Farbe, strahlend. Zunächst recht verhaltene Nase, die mit Luft mächtig ausbaut, um dann in voller Pracht unglaublich komplex und duftig zu betören. Marc meinte: „aus der Nase hätten andere zwei Weine gemacht“), zunächst Heu, nasser Kalkboden, dann immer kräftiger mit einer intensiv herben gelben Frucht, viel gelbe Blüten, auch gelbwürzig. Am Gaumen herrlich feinsaftig, dicht und kräftig, aber völlig ohne Schwere, bomben Säure (geschliffen und reif), steinge Noten, Mandarinen, entwickelte Frucht, Grapefruit, leichter Gerbstoff, eine salzig mineralischer Faden zieht sich durch den mittellangen Abgang. 94 Punkte

2015 Riesling Frühlingsplätzchen GG, Emrich-Schönleber – Nahe

Helles Zitronengelb mit klarem Glanz. Recht kräutrige Nase, Zitrusfrüchte, viel steinige Kräuter, kühler Ansatz, sehr rein und klar. Spontinoten am Gaumen, resche Säure, spritzig, Limonen, Limettenblätter, Zitronenmelisse, auch wieder schlanker Ansatz, transparente Art mit nur 12%Alk. Bei der Nachverkostung am nächsten Tag mit mehr Zug und Esprit. Am Abend „nur“ 90 Punkte

2015 Riesling Kirchspiel GG, Keller – Rheinhessen

Dunkles Zitronengelb. Duftige, ausdrucksvolle/intensive und sehr reintönige Nase, dunkel-kräutrige, ätherische Aromenwelt, Brennnesseltee, gelbes Steinobst, dunkle Erde. Am Gaumen macht das Kirchspiel mächtig Dampf, vielleicht das intensivste, junge Kirschspiel aller Zeiten. Dicht, mit viel Zug am Gaumen, weiche Oberfläche, darunter klare Struktur, sehr viel Kräuternoten, setzt ein Ausrufezeichen! Aromatisch eine intensiv-komplexe Aromenwelt: ein Hauch Cassis, Brennnessel, Tabak, da schießt minütlich mehr aus dem Glas, leichte Cremigkeit, viel Würzigkeit, blonder Tabak, dunkle Seite der Macht, Erdigkeit. Nachhaltig, extraktreich und mit guter Länge. 93 Punkte

2015 Riesling Kirschspiel GG, Groebe – Rheinhessen

Intensives, strahlendes Zitronengelbe mit grünlichen Reflexen.  „Der Morstein, der aus dem Kirschspiel kam“ Sehr fest gewobene, kühle, kräutrige Nase, eine Spur Rauchigkeit, vegetabile Noten, sehr klar und stringent. Gleicher Eindruck am Gaumen, viel Zug und Straffheit, sehnig-fester Kern, aktuell sehr straight (fast monolithisch). Klare, pikante Säure, ein Hauch Tabak, sehr mineralisch (nassel Kiesel und Kalk), herbe Zitronenzesten. Ich liebe diese reintönige, druckvolle und präzise Art, die aktuell, als Jungspund, keine Gefangenen macht. Präzise 92+ Punkte

2015 Grüner Veltliner Radikal, Herbert Zillinger – Weinviertel, Österreich

Der Pirat des Abends! Helles Goldgelb mit zart grünlichen Reflexen. Von Anbeginn setzt dieser Wein nicht auf Frucht, sondern eher auf ätherische, blütige und erdige Aromen: Dunkle Blüten, Scharfgarbe, Kamille, Orangenblüten, Blätterwald im feuchten Herbst, ein Hauch gelbes Curry und etwas laktische Noten. Am Gaumen erkennbar mit Maischestandzeit gearbeitet – leichter Gerbstoff, kommt auch hier wenig über die Frucht, Kräutertee, grüner Tee, Linsen, Heu/Stroh und getrocknete Apfelringe. Dichter Extrakt mit zart schmelziger Oberfläche und einer geschmeidigen, balancierten Säure. Der Wein wird erst im nächsten Jahr freigegeben, die Zeit der Flaschenreife wird ihm gut tun, denn aktuell braucht er sehr viel Belüftung bis er sich aus seinem Kokon entfaltet. Am 2.Tag deutlich besser als am Vorabend (trotz mehrstündiger Belüftung in der Flasche) – 92+ Punkte

2015 Riesling Abtsberg Riesling GG, Maximin Grünhaus – Ruwer

Funkelndes, helles  Zitronengelb mit grün schimmerndem Glanz. Kühler Auftakt in der Nase mit hellen, ätherischen Aromen; helle feuchte Kräuter, z.B. Brennnessel, Waldmeister etwas Minze, sehr klar, transparent und rein, zeigt überhaupt keine Schwere, Frucht spielt ein völlig untergeordnete Rolle, vielleicht etwas Grapefruit und unreife Birne. Am Gaumen wiederum kühler Ansatz; glockenklare Aromatik, viel grüne Blätter, Eichenlaub, Brennnessel, Waldmeister, steinig-mineralisch, ein Hauch Gerbstoff, wiederum nur begrenzt Frucht, rosa Grapefruit, Limetten, schiefrige Bitternoten, pikante Säure. Engmaschig und mit sehnigem Zug, aber ohne jede Schwere; schlanke 12% Alkohol. Äußerst klar und reintönig, in seiner betont schlanken,grün-kräutrigen-steinigen Art etwas in sich gefangen. Ein wenig mehr Frucht würde eine weitere Dimension öffnen und ihn noch komplexer machen. Am Stil hat sich wenig geändert, des Kaisers neue Kleider (erster Jahrgang als VDP-Mitglied) heißen jetzt Großes Gewächs statt Spätlese trocken. 91 Punkte

 

2015 Riesling Halenberg GG, Emrich-Schönleber – Nahe

Leuchtend zitronengelber Kern mit lindgrünen Randreflexen. Der Wiedererkennungsfaktor des Halenberg GG von Emrich-Schönleber ist einzigartig. Jahr für Jahr ist es diese bestimmte Komposition einer tiefen Aromatik von gehauenen Steinen und nassen Kräutern, die einen in ihren Bann zieht. So auch bei der 2015er Ausgabe. Am Gaumen frischer, mineralischer Auftakt, dunkle Kräutrigkeit, dann sehr dicht, extraktreich und reintönig. Der Wein hat eine klasse Säure, besitzt Zug und Druck, hat mineralischen Grip mit einem winzigen Hauch Gerbstoff. Zitronenmelisse, Limette, Minze, Basilikum und ein Hauch Ingwer. Regt mit seiner Säure den Speichfluss an, ein Hauch Salzigkeit. Macht müde Männer munter, straffgewirkt, aber insgesamt alles sehr stimmig; endet lang auf seiner kräutrigen Mineralität. 94 Punkte

 

2015 Riesling Ungeheuer GG, von Buhl – Pfalz

Jung, frisch, knackig und richtig grün hinter den Ohren. In der Nase sehr fruchtige Aromen, leicht künstlich nach Gummibärchen, Nadelwald und Sauvignon Blanc. Am Gaumen ebenso frisch, jung, aber auch fragmentiert, da passt erst einmal wenig zusammen, wirkt strukturlos und einfach unfertig. Rassige Säure, grasige Noten, unreife Zitrusfrüchte, grüne Mango, ein Hauch grüner Paprika. Das eignet sich wahrscheinlich als Sektgrundwein deutlich besser als für ein Großes Gewächs. Einerseits ist es zwar nett, wenn Große Gewächse mit 12% Alkohol auskommen wollen, andererseits fragt man sich hier, ob die Beeren ihre volle physiologische Reife erreicht haben.  Am 2. Tage erkennbar harmonischer, aber die Aromatik bleibt ungewöhnlich. Die Nase erinnert noch stärker an Sauvignon Blanc mit Aromen von Maracuja, Kumquats und Nadelbäumen; auch andere frische exotische Früchte mit Säurebetonung, wie z.B. Grapefruit und Pomelo. Am Gaumen geradlinig schlank, überwiegend Aromen grüner Früchte, viel vegetabile Noten, frisches Blätterwerk, etwas grüne Walnuss, ein Hauch Gerbstoff. Am 2. Tag: 86 Punkte.

 

2015 Riesling Hermannshöhle GG, Dönnhoff – Nahe

Helles Zitronengelb mit Glanz. Tiefes, klares und sehr reintöniges Bukett; keineswegs laut, vielmehr puristisch, unaufgeregt und ausgewogen; weißes Kernobst, zart Birne und Blüten. Wie so oft bei der Hermmanshöhle von Dönnhoff, besitzt auch das 2015er Große Gewächs bereits in seiner Jungend eine wunderbare Harmonie und Eleganz. Am Gaumen sehr stimmig; feingliedrige, elegante Säure und Aromatik; aber mit innerer Kraft, Vitalität und sehr schöner Struktur. Zarte, mineralische Würze, nobel und mit feinstimmiger Lebendigkeit. Schon jetzt mit sehr angenehmen Trinkfluss. Wer es laut mag, macht bitte einen Bogen, das ist Stoff aus dem sensible Genießerträume sind. 95 Punkte

 

2015 Riesling Niederberghelden GG, Schloss Lieser

Mein goldenes Ei! Was für ein toller, jugendlicher, gut gebauter, attraktiver Bursche mit Charakter, hoher individualität und Tiefe.

Leuchtendes, tiefes Zitronengelb. In der Nase eine Mischung aus Spontanvergärungsaromen und Moselwürze. Flintstone, zarte Rauchigkeit, nasser Schiefer, Flechten, eine Mischung aus jodiger Meeresluft und feuchtem Herbstwald im Nebel; dahinter eine noch verhaltene Zitrusfrucht und etwas Minze. Am Gaumen herrlich frisch, blau-schwarze Mineralik, mit genialer, verspielter Säure. In seiner Art fordernd und doch ungemein trinkanimierend. Vielseitig, reintönig, sehr klar und mit definierten Konturen; herrlich extraktreich, aber völlig ohne Schwere oder Dicke. Präzise Aromatik, zahlreiche kräutrig-würzige, vegetabile Aromen, getrockneter Thymian, von den Steinen/Schiefer geprägt. Assoziationen von weißen Früchten, Vogelbeeren, Meeresbrise mit leichter Salzigkeit. Unglaublich lang, pur, steinig und einfach groß. Das ist jetzt so unglaublich sexy, man darf sehr gespannt sein, was aus diesem Typen wird. 96 Punkte

2005 Ten Years After – Grosse Gewächse – Teil 2

GG2005

Der zweite Abend war ebenso erfreulich bei den Rieslingen wie enttäuschend bei den Spätburgundern. Ein Hurra auf die Ergebnisse von Mosbacher und Wittmann. Das Ungeheuer von Mosbacher ist seit Jahren immer wieder ganz vorne dabei, gerade wenn man den Großen Gewächsen ein paar Jahre der Reife zubilligt. Zufriedene Gesichter bei Ole und Dieter nach den beiden Proben sprechen Bände…

GG2005_Gesichter

 

2005 Mittelheimer St. Nikolaus Riesling*** GG, Peter Jakob Kühn – Rheingau: Tiefes, dunkles Gelbgold; kraftvolle, reife Nase von getrockneten Kräutern, Waldhonig, Trockenobst, deutliche Phenolik. Der Wein braucht immer noch Luft um sich zu entfalten; gelbe trockene Frucht, kernig; kräftiger, körperreicher Bursche; viel Extrakt; erkennbar oxidativ ausgebaut, Riesling mit Maischestandzeit, geht in Richtung Orange Wine. Nach der üppigen Nase erwartet man eigentlich ein Zuckeschwänzchen, dass er nicht hat. Etwas grüner Tee, gelbe Trockenfrüchte, viel Mineralik, die immer salziger wird, je länger man auf dem Wein kaut. in der Aromatik ungewöhnlicher Riesling, bleibt lange am Gaumen haften. Jetzt super, aber ohne Eile. 17+ Punkte – 2015 bis 2020; (92,91, 93, 92, 93, 91, 91)

2005 Riesling R, Peter Jakob Kühn – Rheingau: Tiefes Gelbgold, etwas heller als der Nikolaus. Reichlich getrocknete Blüten und Kräuter, ein Hauch medizinal. Nicht das Gewicht des 2005er St.Nikolaus, aber etwas offener und vielschichtiger, gelbes Steinobst, weniger phenolisch, dafür etwas eleganter. Insgesamt ziehe ich den St. Nikolaus auf Grund seiner inneren Stärke, der mineralischen Ausdrucksstärke und größeren Länge knapp vor. Jetzt langsam austrinken. 17 Punkte – 2015 bis 2020 (91,93, 94, 93, 93, 93, 90 – Mittelwert )

2005 Hochheimer Hölle Riesling GG, Künstler – Rheingau: Duftige Nase; intensive, exotische Frucht; süße, gelbe Früchte, darunter Gesteinsmehl, Spontannoten, am Gaumen cremiges Mundgefühl, sehr ausgewogen, zugänglicher Stil, gelbe Früchte, fluide Frucht; runder Ansatz, saftige Rieslingaromatik mit leichter Würze im Hintergrund. Guter Körper, ausreichende, harmonische Säure. Schöne, fruchtbetonte Länge. Bleibt auf diesem Niveau sicherlich noch ein paar Jahre. 17+ Punkte – 2015 bis 2017 (92, 94, 89, 89, 92, 92, 91)

2005 Calidus Mons Riesling, Franzen – Mosel: Waldhonig in der Nase, entwickelte Reife, gelbe Noten, etwas eindimensional, sehr weinig, gewisse Würzigkeit, neigt auf Grund seiner Reife jetzt zur Breite, am Ende bekommt noch einmal eine gewisse Spannung, gelbe Frucht, gewisse Süße, es fehlt ihm etwas von der Spannung, die er in seiner Jugend hatte. Das war in seiner Jugend ein spannungsgeladenes Mineralienfass, davon ist leider nicht viel geblieben. 16 Punkte – austrinken (86, 85, 86, 90, 90, 87, 89)

2005 Rüdesheimer Schlossberg Riesling GG, August Kesseler – Rheingau: Zu Beginn leichte Rauchigkeit, gelbe Frucht, Aprikose, Pfirsich, Steinobst. Am Gaumen feinsaftig, kraftvoll, mit gutem Körper, gelbe Frucht, junge Birne, etwas Kirsch, Limettenfrucht. Hand geht zum Glas, trinkt sich auf hohem Niveau unkompliziert. Gute Säure, Zitrusnoten, hat Spiel, schöne Länge. 18- Punkte, 2015-2018 (93, 92, 93, 93, 93, 93, 93)

2005 Forster Ungeheuer Riesling GG, Mosbacher – Pfalz: Zitronengelb; fokussiert, klar, sehr mineralisch, und reintönig. Herrliche Frische und Energie. Rauchig- kräutriges Aromenspektrum. Am Gaumen Druck, zieht voll durch, prägnante Säure, ohne Schnörkel, richtig trocken, etwas Zitrusnoten; geradliniger, sehniger Typ, Basalt, mehr Mineralik als Frucht, super animierender Trunk, große Länge; wirkt immer noch jung; Säure, Länge, der Wein ist Null üppig, deutliche Salzigkeit, stundenlanger Nachhall; ich will mehr! 18 Punkte – 2015 bis 2020; (94, 96, 95, 94, 94, 95, 96)

2005 Westhofener Aulerde Riesling GG, Wittmann – Rheinhessen: Helles Zitronengelb; Frische Nase, Kräuter, sehr dicht und fest gepackt, griffig, mineralisch, dreckiger Kalkschlamm. Hochgradig interessant. In der Nase eine Idee von Burgund. Rauchig, reichlich Extrakt, aber schlank; am Gaumen feinwürziger guter Gripp, erstaunlich jung, Zitronenzesten, geradlinig, Minze, mineralisch, hat Muskeln und noch mehr Sehnen, großes Kino. Animierende Säure, eine geile Sau, Struktur, kristalline Qualität, sehr erdig. Irgendwie erscheint er mir rough, nicht wirklich gesellschaftsfähig, andererseits unglaublich animierend und hintergründig, kann meine Finger nicht von lassen. Mit Suchtpotential. 19 Punkte – 2015 bis 2022 (96, 91, 94, 95, 95, 97, 95)

2005 Monzinger Halenberg Riesling GG, Emrich-Schönleber – Nahe: Helles Gelb. Kleiner Stinker zum Auftakt, Sylvester, leichten Petrolton, dann sehr kräutrig. Am Gaumen kraftvoll, mit maßvoller Säure, leider ohne diese besondere Säurespiel anderer Jahrgänge. Dicht, fokussiert, extraktreich; aromatisch sind die Scheuklappen angelegt, steinig, mineralisch, hat Muskeln, wirkt modelliert; endet auf der mineralischen, steinigen Noten. Gute Länge! 17 Punkte – 2015-2019 (92, 90, 92, 93, 92, 90, 90)

2005 Bockenauer Felseneck Riesling GG, Schäfer-Fröhlich – Nahe: ziemlicher Spontanstinker, Schießpulver, immer noch sehr reduktiv, was ein junger Wein, monolithisch, zieht durch, geradlinig, sehr fest und ultrajung, Prümsche Züge. Am Gaumen kräuterbittere Mineralik, verhaltene Frucht (am ehesten in Richtung grüner Früchte), sehr fokussiert und geradeaus; gute Säure, viel Zug und Frische; sehr jung. Nicht wirklich überraschend ist diese „schmutzige“ harte Mineralität, die unglaublich lange am Gaumen stehen bleibt. Felseneck ist Jahr für Jahr auf Grund seiner Stilistik und Radikalität eine polarisierender Wein; ich liebe ihn, kann aber alle verstehen, die sich an diesem „Charakterkopf“ reiben. 18 Punkte  – 2015 bis 2020 (93, 85, 89, 91, 88, 87, 87)

2005 IDIG Spätburgunder GG, Christmann – Pfalz: Bordeauxrot mit orangebraunen Reflexen am Rand; sehr reife Nase, Rumtopf, erdig, Pferdeäpfel und Käsemauken (Fußschweiß), vergammelte Kartoffeln. Am Gaumen ist der Auftakt gar nicht so schlecht, zunächst leicht rote Frucht, das Holz ist erkennbar, mit Luft bekommt er aber schnell unsaubere Noten, zerfällt und endet grausam. Leider keine Konterflasche verfügbar. Sollte sich vergleichbares Bild einstellen, dann ist dieser Wein der Stellung / Preis eines Großen Gewächses völlig unwürdig. 13 Punkte – vorbei (79,78, 80, 88, 84, 79, 82)

2005 Bühlertaler Engelsfelsen, Pinot Noir SD, Duijn – Baden: Reifes, dunkles Burgunderrot. Im Auftakt eine deutliche Rauhigkeit, Holzkohle, auch etwas Speck, die rotschwarze Frucht setzt sich nur langsam in Szene Am Gaumen zunächst ein vergleichbares Bild, das Holz dominiert die Frucht zu stark. Mit Luft baut die Frucht etwas aus, Kirschfrucht; durchaus erdig und mineralisch. Letztlich ist die Frucht aber zu keinem Zeitpunkt generös genug, um die speckig holzwürzigen Aromen ins Gleichgewicht zu bringen. Der 2005er SD bleibt leider hinter den Erfahrungen anderer Jahrgänge zurück. (am nächsten Tag mit noch mehr Luft ganz leicht gewonnen, aber letztlich ohne Änderung der Wertung) 16- Punkte – 2015-2020 (87, 88, 85,86, 87, 89, 84) 

2005 Kallstadter Saumagen Riesling Auslese trocken „R“, Koehler-Ruprecht – Pfalz: Zitronengelb mit viel Glanz; in der Nase fokussiert, sehr klar und erdig, mineralisch. Am Gaumen mit Kraft und Zug, bleibt auch ohne dicken Körper lange am Gaumen hängen, klar, erdig pikant, fokussiert. Reintönige, weiß gelbe Frucht, die insgesamt eine etwas untergeordnete Rolle spielt – der Wein spielt primär sein kräutriges, ätherisch mineralisches Blatt aus. Herrliches Säurespiel, toller Trinkfluss; ausgewogen und harmonisch. – Jetzt richtig gut, ohne Eile für die nächsten Jahre. Langer mineralisch kühl-würziger Abgang. 18- Punkte, 2015-2020 (93, 93, 94, 95, 91, 91, 90)

Ten Years After – Große Gewächse (und Vergleichbares) des Jahrgangs 2004 – Teil 1/2

GG 2004Wie schon im letzten Jahr, hat unsere Hamburger Weinrunde auch dieses Jahr wieder eine Bestandsaufnahme der Großen Gewächse zehn Jahre nach Ihrem Erscheinen unternommen. Dem lieben Ole sei Dank, der für die Probe seinen Keller geöffnet hat und bei der Auswahl ein goldenes Händchen bewies. An dieser Stelle ist auch der kleine Pferdefuß einer solchen Probe zu sehen, sie kann eben nur eine Stichprobe sein. Da jedoch die Keller unserer Runde voll sind, wird es in Kürze noch Teil 2 der Ten Years After Probe geben.

Das Weinjahr 2004 war nach dem Hitzejahrgang 2003 wettertechnisch eher das Gegenteil – ein kühler Jahrgang mit einer sehr langen Reifeperiode. Um die volle physiologische Reife der Trauben zu erreichen, mussten die Winzer pokern, Klaus Peter Keller hat z.B. die Lese erst am 23. November beendet. Wer die Nerven behielt, konnte phantastische Trauben einbringen – vollends ausgereift und mit guten Säurewerten. Durch die Bank zeichnete alle Weine unserer Probe eine hohe Frische und aromatische Tiefe aus. Einige waren auch 10 Jahre nach Ihrem Erscheinen noch so unglaublich jugendlich, dass man sprachlos ins Glas schaute und sich beklommen fragte, warum man selbst in der gleichen Zeit deutlich stärker gealtert ist. Basis glockenklarer Rieslinge ist ein absolut sauberes Lesegut, dass der Jahrgang 2004 vielen Winzern auch reichlich beschert hat. Einige Weine der Probe versprechen auch für weitere Jahre herrliches Trinkvergnügen.

2004 Eitelsbacher Karthäuserhofberg Riesling Auslese trocken, Karthäuserhof – Ruwer

93 Punkte – Der Wein sieht im Glas immer noch unglaublich jung aus, transparentes Zitronengelb mit ganz leicht grünen Reflexen. Schon unglaublich, was hier Christoph Tyrell und sein Team auf die Flasche gebracht haben. Schlank, tief und komplex sind die Attribute, die es am besten beschreiben. Ein frischer Duft von Sauerampfer, weißen Johannisbeeren und nassen Steinen, dazu ein Hauch Waldmeister. Dezente Zitrusnoten, sehr klar, rein und frisch; herrlich schlanke Figur, immer noch mit gutem Biss, Grip und enormer Tiefe, schöne Säure. Mineralische Länge! Sehr harmonisch! Auch wenn das damals noch kein GG war, hat Ole die richtige Entscheidung getroffen, diesen Wein in die Probe zu stellen, ein Musterschüler an Frische, Langlebigkeit und Mineralität.

2004 Riesling Winninger Uhlen R, Heymann-Löwnestein – Mosel

90 Punkte – Ein völlig anderer Stil im Vergleich zum Karthäuserhofberg. Typischer Heymann-Löwenstein-Stil: enorm reifes Lesegut, knapp an der Grenze zur Überreife, in seiner Art sicherlich ein Unikat und letztlich ein Stil an dem man sich reiben kann. In der Nase ein Duft von Muskatnuss, Apfelmus, exotischen Früchte und Kräutern. Am Gaumen fällt sofort die deutliche Restsüsse auf, die im Jahrgang 2004 jedoch einen fast ebenbürtigen Gegenspieler namens Säure bekommen hat. Saftiger Stoff mit kräftiger Würzigkeit und hoher Schiefermineralität, Orangenzesten, hoher Extrakt. Barocke Statur, aber auch viel Spiel, dezente Bitternoten und schmutzige Mineraität, da passiert ordentlich was im Glas. Erinnert mich an fruchtiges Marzipan und orientalische Gewürze. Bleibt am Gaumen lange haften, zeigt aber auch eine gewisse Schwerfälligkeit, die in 2004 auf Grund der Säure jedoch nicht gar so behäbig ausfällt wie bei anderen Jahrgängen dieses Weins.

2004 Oestricher Doosberg Riesling ***, Peter Jakob Kühn, Rheingau

92 Punkte – 3.Wein im 1.Flight und nochmals eine völlig andere Interpretation des Jahrgangs. Bei diesem Wein haben Maischestandzeiten bzw. eine Vergärung auf den Schalen genauso eine Rolle gespielt, wie der eher oxidative Ausbau im Fass. In der Nase dominiert eine deutliche Phenolik, der Doosberg zeigt viel kräutrige und vegetative Aromen (Verbene, Anis, Kamille und Heu), auch ein schöner Hefezopf kommt mir in den Sinn. Am Gaumen ein vergleichbares Aromenbild, weißer Tee, Lakritze, Kamille und vieles mehr, ist aber nahezu fruchtfrei. Der Wein überzeugt mit seiner lebendigen Art und Frische, und ist keineswegs – wie kürzlich in einem Blog gelesen – bereits hinüber. Der Wein ist furztrocken, zeigt viel mineralisches Spiel und Druck sowie ein wunderbares Säurespiel; der Abgang ist lang anhaltend und ausgewogen.

2004 Rüdesheimer Schlossberg Riesling Erstes Gewächs, August Kesseler – Rheingau

91 Punkte – Ein klassischer Rheingauriesling wie er im Buche steht. Die Nase ein frisches, duftiges Potpourri weißer und gelber Steinobstfrüchte, dezente Kräuterwürze. Am Gaumen herrlich frisch, klar und saftig. Quicklebendig und doch konzentriert, schöner fruchtiger Extrakt. Insgesamt stimmiger Wein, am Gaumen wird die gelbe Frucht komplettiert durch feine Würzaromen, ein paar Gramm Restzucker und eine passende Säure sorgen für das nötige Gleichgewicht. Der Schlossberg hat einen schönen Körper und einen weichen Schmelz. Sehr trinkig!

2004 Monzinger Halenberg Riesling GG, Emrich-Schönleber – Nahe

95 Punkte – für mich eines der GG, das man – auf Grund seiner alljährlichen aromatischen Konsistenz und Klasse  – blind getrunken recht leicht zuordnen kann. Die 04er Jahrgang sticht als primus inter pares selbst hier heraus, ein unglaublich gelungener Halenberg. Ein voller Gongschlag mit höchst reinem Klang. Die Nase ist dicht und reintönig, eine Mischung aus kühlem Gletscherwasser, das mit getrockneten Kräutern, Zesten von Zitrusfrüchten und Steinmehl angereichert wurde; Ingwer und rohen Tobinambur habe ich mir ebenfalls notiert. Am Gaumen auch nach 10 Jahren noch mit viel Zug und innerer Spannung, kraftvoll, vital. Die ausgeprägte Mineralität und ein reine, vielschichtige kühle Frucht sowie Kräutrigkeit beschäftigen die Sinne und den Geist beim Genuss dieses wirklich „Großen“ Gewächses. Hier passt alles: Kraft, aromatisches Spiel, Mineralität, Kühle, animierende, perfekt eingebundene Säure und Länge. Champions League!

2004 Niederhäuser Hermannshöhle Riesling GG, Weingut Dönnhoff – Nahe

96 Punkte – Ebenfalls Champions League, aber anders in der Stilistik als der Halenberg von Emrich-Schönleber. Die Harmonie, Finesse und Eleganz dieses Weins ist so besonders, dass man ihm schon seine Aufmerksamkeit schenken muss, um das gesamte Aromenspiel mit seinen zahlreichen Verästelungen vollständig wahrzunehmen. Stand der Halenberg mitten im Raum und hatte gleich die voller Aufmerksamkeit, so möchte die Hermannshöhle mit ihrer Noblesse, Eleganz und Vielschichtigkeit entdeckt werden. Harmonie, höchste Harmonie, filigran, aber nachhaltig. Mineralisch; komplexe und zarte Fruchtanklänge, viel innere Spannung, wunderschön balanciert, feines Spiel. Lupenreiner Diamant, elegant und perfekt – einmal mehr bestätigt: echte Klasse und Perfektion sehen stets leicht und spielerisch aus. Königswein!

GG 2004 Nahe Rheingau
GG 2004 Nahe Rheingau

2004 Westhofener Kirschspiel Riesling GG, Weingut Wittmann – Rheinhessen

90 Punkte – Goldgelbe Farbe, kraftvolle, dichte gelbe, aber auch etwas verwaschene Frucht, erdige Noten, Quitte. Am Gaumen vergleichbare Aromatik: viel gelbe Frucht, sehr dicht und kompakt, aber auch ein wenig grobmotorisch, erkennbares Bitterle, sehr viel Extrakt, mittlere Länge. Die Säure ist stimmig und gibt dem Wein ein gutes Rückgrad, sodass der Wein insgesamt als reicher, kraftvoller, aber etwas ungelenker Typ rüberkommt – als Gesamtpaket weiß er trotzdem zu gefallen.

2004 Westhofener Kirschspiel Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen

95 Punkte – Die Nase wirkt immer noch jung und zeigt viel Spiel. Deutlich von einer kräutrigen Mineralität geprägt, dezente Citrusnoten. Im Mund immer noch erstaunlich straff, jung und zupackend. Die Verbindung von viel innerer Kraft und Spannung mit Ausdruck, Vielschichtigkeit sind eine Kombination, die diesen Wein zu einem ganz besonderen Erlebnis machen. Dieser Wein lebt und entwickelt sich im Glas, Schluck für Schluck lutscht und kaut man und gewinnt immer neue Eindrücke. Bei aller Vielschichtigkeit hat der Wein eine klare Linie, der man nur allzu gerne folgt. Feines Säurespiel und mineralische Tiefe, getrocknete Kräuter, salzige Mineralität. Langes und mineralisches Finale. Großes Kino!

2004 Forster Pechstein Riesling GC, Dr. Bürklin-Wolf – Pfalz

92 Punkte – Helles Goldgelb. Bereits in der Nase präsentiert sich der Grand Cru 2004 aus dem Forster Pechstein als überaus harmonischer und ausgewogener Riesling. Gelbe Frucht, enorm cremig, hocharomatisch mit schönem Extrakt, guter Frucht und feiner Würze; zeigt Widerstand am Gaumen und endet lang auf der Frucht. Auch dieser Wein ist noch jung und kann wie fast alle anderen 2004er dieser Probe noch viele Jahre auf hohem Niveau genossen werden.

2004 Forster Kirchenstück Riesling GG, Reichsrat von Buhl – Pfalz

93 Punkte – Im Auftakt dezente Birnenaromatik, dann weiße Johannisbeeren, weiße Haribo-Gummibärchen (musste ich aufschreiben, da ich die so mag – hier aber nicht so süss), wirkt insgesamt sehr jung und frisch. Am Gaumen mit recht straffer Minrealität, wieder Birnenfrucht, Zitronentarte, feinsaftig, immer noch druckvoll, animierende Säure, sehr jung, mit etwas Luft wird er tiefgründiger. Frucht und Kräuter – wirkt gut definiert und geradeaus in seiner Art, schöne Länge. Immer noch jungendlich.

2004 Königsbacher IDIG Riesling GG, Christmann – Pfalz

89 Punkte – Satte Frucht, durchaus tiefer Ansatz, hocharomatisch, ein wenig Honig, Apfel, eines der gereiftesten GG unserer 2004er Probe, ein Hauch Boytristis? Viel gelbe Früchte, schöne Würze – insgesamt sehr kraftvoll und substanzreich, hat Power, die Säure bietet Paroli. Eine Riesling im Sinne eines Wachauer Smaragds. Substanzreicher Wein, aber auch etwas schwerfällig.

2004 Riesling Saumagen Auslese R, Koehler-Ruprecht – Pfalz

96 Punkte – Als Einziger 9 Stunden dekantiert. Helles Weiß- und Gelbgold. Vital und glockenklar, viel innere Spannung und Tiefe, der Wein fährt mit Vollgas geradeaus, die Quintessenz eines reintönigen Rieslings – belebend, selbst am Ende einer Weinprobe wie ein Weckruf. Konzentriert und vital – mir gefällt diese pure, klare Art, die Tiefe ohne Schwere zulässt, die Komplexität ohne Schminke kann und Länge ohne Tricks beschert. Das ist Weltklasse!

GG 2004 Pfalz

2002 Riesling Deutschland Große Gewächse

2002 ist ein Jahrgang in dem zahlreiche große Gewächse Ihr Adjektiv „groß“ auch verdienen. Aber ich denke, es sind nicht nur die Bedingungen des Jahrgangs, die dafür gesorgt haben, dass unsere Verkostungsrunde so viel Spaß an diesem Abend hatte – vielmehr war auffallend, dass die Alkohol-Gradiationen sich noch in einem erfreulichen Mittelmaß bewegten und die Winzer Ihre Boliden nicht „überzüchtet“ haben.

Riesling Große Gewächse Deutschland 2002 – mein Fazit: Toller Jahrgang, der große Rieslinge hervorgebracht hat, die jetzt  – nach 10 Jahren Reife – als Persönlichkeiten mit ausgebildetem Charakter, Stil und Eleganz (zumindest gilt dies für einige) aufwarten. Meine Einschätzung zum Jahrgang 2002 nach einer Probe im Jahr 2005 hat sich bestätigt:  „Imho sind alle Weine unter ihren Möglichkeiten geblieben. Gerade die mineralischen Weine sind so etwas von zu, dass man wenig Freude hat;  die eher fruchtbetonten besitzen noch Charme und konnten entsprechend etwas höher punkten, trotzdem auch sie unter ihren Möglichkeiten – Gleiche Probe in 3 Jahren und wir werden deutlich höher punkten“ (http://weinwelt.blogg.de/2005/05/28/riesling-2002-at-its-best-jahrgangsprobe-bei-ole/). – Anmerkung der Redaktion: Hier zeigt sich der Nutzen eines Weinblogs deutlich 🙂

Lieber Ole, herzlichen Dank fürs Sammeln, die tolle Gastlichkeit und Deine Großzügigkeit nach so vielen Jahren wieder eine 2002er Probe auszurichten.

Exkurs: Ein anderes Phänomen war an diesem Abend noch zu beachten: wenn sich mehr oder weniger alle Verkoster von Anbeginn über die sehr gute Qualität der Weine einig sind, kommt ein gruppendynamischer Prozess in Gang, der letztlich zu einer gewissen Überhöhung bei der Bepunktung führen kann, denn keiner will bei solchen Qualitäten gerne das Haar in der Suppe finden bzw. sein.

2002 Riesling Forster Ungeheuer GG, Weingut Mosbacher – Pfalz

93 Punkte – Über die Jahre mehrfach getrunken, immer wieder mit konsistent hohen Punkten (http://weinwelt.blogg.de/2005/05/06/2002-geoerg-mosbacher-riesling-spatlese-ungeheuer-forst-groses-gewachs/). Auffallend seine goldgelbe Farbe und sein klarer, opulenter Duft nach gelben Früchten.    Auch exotische Fruchtanklänge, dann viel Aprikose und Pfirsich; die Reife steht ihm gut. Die kräftige Säure ist perfekt integriert und ein wichtiger Baustein im gelungenen Spiel dieses Weins. Der 2002 Ungeheuer erzeugt heute ein weiches Mundgefühl, besitzt aber viel innere Spannung, ist feinwürzig und die Mineralik spielt im Hintergrund ein perfektes Spiel. Vor Jahren war diese noch deutlich vordergründiger und tonangebend. Eines war dieser Wein immer – ein richtig großes Gewächs und für mich der Quell meiner Entscheidung, mir jedes Jahr ein paar Mosbacher Weine hinzulegen, auch wenn in nachfolgenden Jahrgängen meine Entscheidung ein paar Mal erschüttert wurde.

2002 Kallstadter Saumagen Riesling Auslese trocken, Koehler-Ruprecht – Pfalz

90 Punkte – Goldgelbe Farbe; zu Beginn ein Hauch Petrol und Tapetenkleister, dann eher blumig und kräutrig, getrocknete Früchte. Am Gaumen ein etwas ungewohntes Aromenbild: grüner und schwarzer Tee, herbe Kräuter, Kirschkerne, getrocknete helle Früchte, keine Süße, Tanninunterstützung (von längerer Maischestandzeit?) ist erkennbar. Typisch gerader Philippi-Ansatz (der bitte!! nicht mit dünn zu verwechseln ist), braucht Luft zum Atmen und Entfalten, ggf. dekantieren (2005 hatte ich ihn bei 88 Punkten, was auch die Konsenspunkte an diesem Abend war).

2002 Rüdesheimer Berg Schlossberg Spätlese trocken, Leitz – Rheingau

92 Punkte – Helles Goldgelb mit noch dezent grünlichen Reflexen. Nase: Feine Pfirsich- und Aprikosenaromen, dazu ein Hauch von Anis und anderen Kräutern.  Am Gaumen erste elegante Reifetöne, für sein Alter aber noch sehr frisch. Vom Mundgefühl her weich, tief und kühl; insgesamt geschmeidig und elegant. Dieser 2002er Riesling ist  ausgewogen und die schöne, frische Säure ist hervorragend eingebunden und animiert zu nächsten Schluck. Die roten Schiefer- und Quarzitböden im Rüdesheimer Berg Schlossberg sind der Quell für die mineralische Ader in diesem Riesling und verleihen ihm eine schöne Komplexität.

2002 Forster Pechstein, Bürklin Wolf – Pfalz

92 Punkte – Tiefes goldgelb, wirkt bereits in der Nase extraktreich, kraftvoll und dicht. Satte gelbe Frucht, Kräuter, ein Touch Botrytis vielleicht, edel gereift. Am Gaumen ebenfalls dicht und satt; aromatische Tiefe; sehr schöner Schmelz. Ein ungemein dicht gewobener Stoff, der auch nach 10 Jahren Zeit und Luft braucht, um sich zu entfalten. Das Aromenrad geht auf wie ein Pfauenrad und beeindruckt mit seinen schillernden Farben (ein Potpourrie an allen erdenklichen gelben Früchten; Waldhonig). Auch insgesamt wirkt der 2002 Pechstein pfauenhaft: stolz, bunt und auch ein wenig angeberisch. Der Wein nimmt den Raum voll für sich ein – und trotz aller Dichte und Üppigkeit ist er klar und mit ausreichend Säure ausgestattet, sodass er nicht überladen oder gar mastig wirkt. Dieser Riesling weiß wirklich zu beeindrucken – nicht zuletzt mit seiner Länge. Trotz allen Lobes hat er mich irgendwie nicht berührt und die 92 Punkte sind vielleicht ein wenig ungerecht.

2002 Eitelsbacher Karthäuserhofberg Riesling Auslese trocken, Karthäuserhof – Ruwer

94+ Punkte – Farbe mitteldichtes Zitronengelb mit grünlichen Reflexen.  Eines deutet sich schon in der Nase an – dieser Wein ist glockenklar, pur und rein! In der Nase wirkt der Wein erstaunlich jung und frisch, schöne ätherische Noten, dazu Orangenschalen; frische, (vielleicht noch etwas unreife) gelbe Früchte. Auch am Gaumen erfrischend jung – wo sind die 10 Jahre? Innere Kraft, feinstes Ballett – hohe Kunst sieht immer perfekt und leicht aus, die ungemeine Anstrengung bleibt verborgen – so auch bei dieser fantastischen, trockenen Riesling Auslese. Diese Ballerina tanzt klar und höchst präzise, trotzdem oder gerade deswegen mit höchstem künstlerischem Ausdruck; hohe Mineralik; perfekte Säure; tief, sehr tief und klar in der Aromatik. Ein Weinfreund drückte es so aus: „der Gegenentwurf zu Bürklin-Wulf“. Großer Stoff, mit viel Eleganz und hervorragender Länge.

2002 Königsbacher IDIG Riesling GG, Weingut A.Chrsitann – Pfalz

93 Punkte – Tiefes Goldgelb, reife Noten von gelben Früchten aus aller Welt, Ananas, Mango, Pfirsich; erinnert mich etwas an beste Wachauer Smaragde. Am Gaumen bestätigt sich dieser Eindruck, viel Stoff, kraftvoll und dicht – dabei straff und mit deutlich mineralischer Note. Dieser tolle IDIG ist jetzt in einem perfekten Trinkfenster – er zeigt seine Muskeln (viel Extrakt); die satte gelbe Frucht passt gut zur zupackenden Säure und salzigen Mineralität. Im Abgang Anklänge an Karamell und Minze sowie ein zartes „Bitterle“, gute Länge.

2002 Monzinger Halenberg Riesling Auslese trocken, Emrich-Schönleber – Nahe

94 Punkte – sehr viel frische Kräuter, helle Früchte, etwas Limette, wirkt animierend. Am Gaumen packt er zu und lässt nicht mehr los, der Wein ist straff und fordernd. Kraftvolle, fast beißende Mineralik, viel Kräuter, Limette, sehr komplex. An der Säure schieden sich unter den Verkostern an diesem Abend die Geister. Ich empfand sie als pikant, aber perfekt eingebunden zu diesem Wein. Das GG aus dem Halenberg von Emrich-Schönleber ist für mich ein Paradebeispiel, wenn es um Lagentypizität  und einer Jahr für Jahr wiederkehrenden Aromatik geht. Tolle Länge – einfach großer, trockener Riesling.

2002 Hochheimer Hölle Riesling Auslese trocken – Weingut Künstler- Rheingau

50 bzw. 93 Punkte (für die Goldkapsel) – Was für ein Desaster!! Dieser Wein diente einst als „Versuchskaninchen“ für alternative Verschlüsse. Fazit: Total unbrauchbar. Der Wein war superreif in der Farbe, am Gaumen und in der Nase mehr Möbelpolitur als Riesling. Ein paar Tage später habe ich zu einer Weinprobe bei meinem lieben Freund Helmut eine Flasche 2002 Hochheimer Hölle Riesling Goldkapsel trocken mit Naturkork geöffnet, was war das für ein Paradewein: fester, dichter zupackender Riesling mit viel Format und Körper, einer superschönen und bestens integrierten Säure sowie einer massiven Mineralik. Ein Wein zum „Ablutschen“, richtig schöne Länge, viel Genuss.

2002 Dalsheimer Hubacker Riesling GG, Weingut Keller Rheinhessen

95 Punkte – Frische mittelgelbe Farbe. In der Nase überraschend jung, straff und sehr klar. Vor etwas über einem halben Jahr „nur“ mit 92 Punkten bewertet (vgl. http://weinwelt.blogg.de/2011/12/04/2001-2010-hubacker-groses-gewachs-vertikalverkostung-weingut-keller-rheinhessen/ ). Bei dieser Verkostung stand er in einem anderen Kontext und seine Stärken konnte er voll ausspielen. Tiefe Aromatik bereits in der Nase animierend und noch jung wirkend. Am Gaumen wunderbar tief, straff und mit tollem Spannungsbogen, stets druck- und kraftvoll, mit Zug und herrlicher Mineralik. Entscheidend für die Größe dieses Weines dabei ist, dass er zu jeder Zeit nicht nur mit seinem vielschichtigen Ausdruck überzeugt, sondern stets Noblesse und Eleganz zeigt. Bleibt lange, ganz lange am Gaumen. Der Wein wird sich auf diesem Niveau noch für lange Zeit etablieren.

2002 Kiedricher Gräfenberg Riesling Spätlese trocken, Robert Weil – Rheingau

 88 Punkte – Für mich ist Weil bei den Ersten Gewächsen erst Mitte der 2000er aus dem Knick gekommen. Auch dieses Mal blind verkostet und für nett empfunden, aber eben nicht zwingend. Die Nase wirkt immer noch spontan vergoren (?? Wie soll das gehen?? ), Anklänge an Apfelmus, Steinmehl und Schießpulver, aber auch wenig stichig (Erbrochenes). Insgesamt sehr jung, frisch und würzig; weiches Mundgefühl, noch recht deutliches Zuckerschwänzchen, hinten heraus  bricht die kräftige Säure durch, insgesamt etwas zu brausig (Limonade) und mir nicht harmonisch genug für ein Erstes Gewächs einer solch großen Lage.

2002 Schlossböckelheimer Felsenberg Riesling Spätlese trocken, Dönnhoff – Nahe

86 Punkte – in 2002 noch als Spätlese trocken abgefüllt, in nachfolgenden Jahrgängen als Grosses Gewächs auf die Flasche gekommen. In der Nase eher verhalten, aber sehr klar, mit Reifenoten.  Am Gaumen ein Spiel von Citrusaromen; englische Zitronenmarmelade; wirkt sehr kühl und klar, aber mit der Harmonie ist es nicht (mehr?) weit her, denn der Wein hat eine „pikante“ Säure (am Tisch wurden deutlichere Worte dafür gefunden). Insgesamt schlank, klar und von der Mineralik getrieben. Sollte ausgetrunken dringend ausgetrunken werden.

2002 Schlossböckelheimer Felsenberg Riesling QbA (!?) trocken, Dr. Crusius Nahe

79 Punkte – Eigentlich sind die Crusiusweine für mich jedes Jahr eine Bank. Aber genauso wie Dönnhoff in 2002 hat auch bei Crusius dieser Riesling ein Säurethema.- auch hier steht sie spitz außen vor. Dazu kommt die Aromatik, die zu Beginn etwas an jodhaltigen Tang erinnert und recht medizinal wirkt. Dazu kommen Anklänge an Weihrauch und Puder. Am Gaumen einfach kein Vergnügen, auf Grund der Säure fast ein Angriff auf die Gesundheit. Wie sich dann allerdings beim „Öffnen“ der Blindprobe herausstellte, war’s nur der „einfache“ QBA – der sollte in jungen Jahren getrunken werden und war hier einfach alt und verloren.

2002 Großkarlbacher Burgweg Riesling Spätlese trocken, Knipser – Pfalz

87 Punkte – zu Beginn recht verhaltene Nase, leichte Wachsnoten, später auch Kräuter. Am Gaumen zeigt er eine ordentliche gelbe Frucht, Apfel, Heu und Citrusfrüchte. Überraschend weich am Gaumen, hinten heraus leider etwas zu kurz. Sollte dringend ausgetrunken werden.

2002 Bremmer Calmont Riesling Calidus Mons, Weingut Franzen Mosel

93 Punkte – Eine wahre Freude dann noch mal zum Abschluss der Verkostung; der Calidus war in Form und schmeckte mir überaus gut. In der Farbe eher hellgelb – ohne Spuren von Alter. Komplexe, anspruchsvolle, aber auch verspielte Nase mit Noten von Weihrauch, einer feinen kräutrigen Würze und dezenten Wachsnoten.  Ein Steinwein kündigt sich an. Im Mund wunderbar frisch, klar und reintönig, druckvoll und mit ausgezeichneter Mineralität sowie einer feinen Würze (Muskatnuss), dabei sehr ausgewogen. Die tolle Länge rundet diesen ausgewogenen Riesling herrlich ab. Ein würdiges Denkmal für den tödlich im Weinberg verunglückten Reinhold Franzen.