Burgundmarathon 1.Tag / 5.flight

1955 Clos de la Vigne au Saint / Corton Grand Cru, Louis Latour  – Burgund (Füllhöhe 5,2 cm)

 

85 Punkte – Die eigentliche Grand-Cru-Lage ist Corton, doch es ist durchaus üblich, dass der Name der Sublage/Parzelle ebenfalls auf dem Etikett geführt wird. Das Haus Louis Latour hat in den Weinbergen der Gemeinde Aloxe-Corton bedeutenden Besitz und folglich verwundert es wenig, dass beide Jahrgänge dieses Weines (die sich im 5.flight unseres Burgundermarathons direkt gegenüber standen) aus dem Hause Louis Latour stammten.

 

Die Weine aus Corton benötigen regelmäßig Zeit zum Reifen; 5 Jahre, besser 10 oder 15 Jahre sollte man ihnen geben, erst dann blühen sie auf und werden geschmeidig, vorher sind sie oft spröde oder hart. Der erste Wein im Glas war allerdings 54 Jahre alt  und – auf Grund des Füllstandes – war ich vor dem ersten Schluck sehr gespannt, ob wir noch Freude an ihm haben werden. In der Nase präsentierte er sich eher maskulin, mit Noten von Eisenkraut, Blut und Jod. Am Gaumen hat er noch ein schöne, süße Malzigkeit, aber leider keine weiteren Highlights. Ein noch ordentlich zu trinkender Wein, jedoch ohne das „gewisse Etwas“. Einmal im Glas baute er recht schnell ab, sodass es eigentlich logisch war, dass er auf Grund der zusätzlichen Luft in der Rückverkostung (84 Punkte) schwächer sein musste: In der Nase machte sich ein etwas penetranter Sauerkrautton breit und am Gaumen gab es auch keine Verbesserungen.

 

 

 

1952 Clos de la Vigne au Saint / Corton Grand Cru, Louis Latour  – Burgund (Füllhöhe 4,3 cm)

 

91 Punkte – Für mich der deutlich bessere Wein, die stallige, leicht animalische Nase war zwar etwas gewöhnungsbedürftig, aber am Gaumen präsentierte sich der Wein von seiner eleganten Seite und zeigte deutlich mehr Komplexität und Finesse als der 55er. Auffallend waren die kraftvolle Art, der schöne Biss und die sehr gut integrierte, reife Säure. Die feine karamellige Süße stand ihm ebenfalls gut zu Gesicht. Spiel, Satz und Sieg für die  52er Ausgabe des Clos de la Vigne au Saint aus dem Hause Louis Latour.

 

 

1959 Chateau de Malle – Sauternes / Bordeaux (Füllhöhe top shoulder) 

 

82 Punkte – Den 1. Abend des Burgundermarathons beschlossen wir mit einem Sauternes aus 1959. Der Jahrgang gilt eigentlich als großes Sauternesjahr, aber dieser Wein hat seine besten Zeiten schon hinter sich. Das Bukett wirkte etwas unsauber und erinnerte bestenfalls an einen würzigen Waldhonig. Am Gaumen war er dann recht trocken, man könnte auch gezehrt sagen.

 

 

 

Burgundmarathon 1.Tag / 4.flight


1952 Nuits St. Georges, Louis Latour – Burgund (Füllhöhe 3,1cm)

 

88 Punkte – Die letzte wichtige Gemeinde der Côte de Nuits ist Nuits-Saint-Georges. Man nennt das Dorf auch die „Niere von Burgund“ – weil hier das Burgund hier einen leichten Knick macht, aber auch (so wird kolpotiert) weil hier so viel Wein durchfließt, denn seit jeher haben viele Firmen hier ihren Sitz. Das Etikett unseres 52er aus dem großen Hause Louis Latour zeugt von einem „einfachen“ Dorflagenwein, doch trotzdem stellt sich bei mir ein erfreulicher Trinkgenuss ein. In der Nase wirkt er recht kühl; mit Anklängen von Kräutertee, Melisse und einem zarten Hauch von Pfefferminz. Am Gaumen ist er ansprechend füllig, ebenfalls mit einer erkennbaren Kräuternoten; insgesamt für sein Alter noch recht straff. Auch die zusätzliche Luft bis zur Rückverkostung schadet ihm nicht, er bleibt auf seinem Niveau, wirkt sogar noch etwas frischer.

 

1952 Chambolle Musigny, Louis Latour – Burgund (Füllhöhe 4,6cm)

 

80 Punkte – Was für ein Unterschied zu seinem Vorgänger. Gleicher Jahrgang, gleiches Handelshaus, anderer Teil von Burgund – aber ebenfalls Dorflage. Die Nase wird von einer stark alkoholischen Note dominiert. Darauf folgen Eindrücke von Maggikraut, Sherry und andere, beim Wein nicht gerade gesuchte Aromen. Am Gaumen erstaunlich weich, aber leider auch mit wenig Charakter und Ausdruck, eine leicht ranzige Butternote zieht sich durch. Die angenehme Süße, die besonders im Abgang deutlich wird, vermag es auch nicht mehr rauszureißen. Bei der Rückverkostung geht der Inhalt meines Glases recht schnell direkt in den Spuckbecher (75 Punkte).

 

 

1952 Grand Echezeaux, Domaine de la Romanée-Conti (Füllstand 7,0cm)

 

95 Punkte – Schon öfter habe ich die Erfahrung gemacht, dass Flaschen mit einem schlechten Füllstand nicht zwangsläufig schlechten Wein beinhalten müssen. Trotzdem schraubte ich meine Erwartungen sehr weit runter, als Michael Schmidt diese Flasche mit den Worten ankündigte: „Jetzt kommt ein besonderer Wein, jedoch ist der Füllstand schlecht, es fehlen ca. 7cm in der Flasche“. Doch schon in der Nase zeigt sich die besondere Klasse dieses Weines – Tiefe, kühle Aromatik, sehr klar und super-sauber, mit deutlich ätherischen Anklängen; ein echter Nasenbär, man möchte gar nicht aufhören in dieses Glas hineinzuschnüffeln, so tief und berauschend sind die Eindrücke. Am Gaumen ebenfalls ein herrliches und finessenreiches Spiel, jedoch ohne dass der Wein besonders körperreich wirkt. Überraschend waren für mich auch die (Frucht-)Aromen, die ich eher einem Weißwein zuordnen würde: Weinbergspfirsich, Mirabellen, Orangenzesten, Lakritz und viele mehr. Auch dieser Wein hatte bei der Rückverkostung nochmals deutlich  Luft bekommen und in der Nase war schlicht perfekt (!!); am Gaumen jedoch hatte er ein wenig abgebaut (94 Punkte).

Burgundmarathon 1.Tag / 3.flight

Im 3. flight gab es gleich zwei Premieren, zunächst kam erstmals an diesem Abend ein „Grand Cru“ in unsere Gläser, gefolgt von einem 1959 Spätburgunder Cabinet Assmannshäuser Höllenberg der Staatsweingüter Eltville (als Pirat des Abends). Insbesondere der Spätburgunder hat mich fast umkippen lassen und ich habe unverhofft einen Eindruck davon bekommen, was erst vor kurzer Zeit  Martin Wurzer-Berger in seinem Artikel „Begegnungen auf Augenhöhe – Die erregenste Vergleichsprobe des Jahres: Assmannshäuser Höllenberg und große Burgunder Pinot Noirs 1959 bis 1921“ (vgl. Weinmagazin „Fine“ – Ausgabe 1/2009, S. 43ff.) beschrieben hat. Als der Wein nach unserer Blindverkostung aufgedeckt wurde, konnte ich mich nur zu gut an den Bericht erinnern, den ich erst wenige Wochen zuvor gelesen hatte (ohne jedoch zu ahnen, dass ich wenig später – zumindest partiell – ein ähnlich spannendes Erlebnis haben werde). Die sich dem Artikel von Wurzer-Berger anschließenden Verkostungsnotizen von Sam Hofschuster (Chef-Verkoster des Weinportals www.wein-plus.de) sind ebenfalls lesenswert, doch leider lässt der Hofschuster die eigentlich nötige Akribie bei der Zitierung des Etiketten vermissen,  denn es ist schon ein großer Unterschied, ob es sich um einen Cabinet (einige Etiketten sind jedoch auf dem Fotos zum Artikel; vgl. S.44 zu erkennen)  handelt oder nicht. Auch bei den Pinot Noirs aus dem Burgund sind viele Detailinfos der Etiketten nicht aufgeführt.

 

1959 Corton Grand Cru,  J.Drouhin / Abfüllung Grafè Lecocq – Burgund (Füllstand 3,8cm)

 

87 Punkte – Schon etwas trübe in der Farbe; mit recht verhaltenen Eindrücken in der Nase, erinnert dieser Wein an Feuersteine nach einem Regenguss. Am Gaumen eher verwaschene Aromen, ohne klares Bild. In der Mitte jedoch mit feiner Süße und Eindrücken von Kirschkuchen und Kirschwasser. Im Abgang zeigt er keine besondere Länge. Im Vergleich zu einigen der „einfachen“ Dorflagen verspüre ich bei diesem Grand Cru keinen Lustgewinn / Genusszuwachs. Bei der Rückverkostung ist die Nase noch schwächer, am Gaumen zeigt sich ein vergleichbares Bild (86Punkte).

 

1959 Spätburgunder Cabinet Assmannshäuser Höllenberg der Staatsweingüter Eltville – Rheingau (Füllstand 2,5cm)

 

94 Punkte – Tiefe, dunkle Nase mit Aromen von Mokka, Kirschen, Pflaumen, feuchtem Holz und Süßholz. Am Gaumen beeindruckt mich die kräftige Statur und Definiertheit dieses Spätburgunders, der ganze 60 Jahre alt ist. Er wirkt sehr klar in der Aromatik, zeigt eine edle und reife Frucht mit Noten von Mokka und Karamell. Sehr schöne Balance aller Komponenten, die sich bis in den wunderschönen, langen Abgang durchzieht. Ein großer Wein. Leider kann er dieses Niveau bei der Rückverkostung  nicht mehr abrufen, die zusätzliche Belüftung hat Schaden angerichtet, er fällt auseinander, die Süße steht recht deutlich außen vor (89 Punkte). Anzumerken bleibt, dass sich der Spätburgunder in seiner Aromatik und in seinem Stil recht deutlich von allen anderen Pinot Noirs aus Burgund unterscheidet. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kamen auch die Teilnehmer der großen Vergleichsprobe auf Kloster Eberbach, deren Reaktion Martin Wurzer-Berger wie folgt zusammenfasst: „Zum einen erkennen und beurteilen sie differenziert die Stärken und Defizite der französischen Pinot Noirs, denen im Allgemeinen ein guter Zustand attestiert wird. Die Assmannshäuser lassen sich jedoch nicht ohne weiteres in das burgundische Geschmacksbild integrieren. Sie scheinen tatsächlich eine bemerkenswert eigenständige Form des Spätburgunders zu repräsentieren, die sich in einer ausgezeichneten Lagerfähigkeit demonstriert und auch geschmacklich zu überzeugen weiß.“

 

 

1959 Latricières Chambertin Grand Cru, Remoissenet Père et fils – Burgund (Füllstand 3,0 cm)

 

90 Punkte – Dieser Grand Cru besticht durch seine Klarheit; in der Farbe vollkommen klar, verbreitet er einen Maraschino-ähnlichen Duft (=relativ trockener Fruchtlikör) mit deutlichen Anklängen der Maraska-Kirschen, aus denen er hergestellt wird. Am Gaumen sehr sauber, klar und recht tief in der Aromatik; erinnert an schwarze Früchte, eingebettet in feinste Kaffeenoten, schöne Länge im Abgang. Auch diesem Wein hat die zusätzliche Luft bis zur Rückverkostung nicht gut getan, er entwickelt eine Pappe-Note in der Nase und wirkt nicht mehr so klar uns sauber (86 Punkte)

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1994 Chardonnay Grand Select, Weingut Wieninger – Wien

85 Punkte – Schon erstaunlich, wie stark dieser Chardonnay noch von jung wirkenden Holzaromen beeinflusst ist. Die Nase zeigt deutliche Barriquenoten, Buttertoffee, aber zu Beginn auch eine leichte Sauerkrautnote, die mit zunehmender Luft im Glas sich etwas abbaut und floralen Anklängen weicht. Der Eindruck, den dieser Wein in der Nase hinterlässt, ist intensiv, aber leider auch etwas grob. Am Gaumen ebenfalls laktische Noten, dazu eine schöne Citrus-Apfelfrucht mit guter Säurestruktur; recht langer Abgang. Ein Chardonnay im internationalen Stil, wie er lange en vogue war, heute aber eher unpopulär ist. Mit hat er trotzdem ganz gut gefallen und meine Hand ging durchaus zum Glas, auch wenn er insgesamt eher etwas  holprig geschnitzt ist; mit seinen 13,5% Alkohol ist er auch nicht zu fett.  

 

Bordeaux 1985 – kleine Horzontalverkostung

Einmal mehr war ich bei Freunden in Frankfurt zum Weintrinken eingeladen. Diesmal war klar, was auf den Tisch des Hauses kommen sollte: Bordeaux – denn die beiden Jungs haben erst kürzlich einen besonderen Deal gemacht und einen Weinschatz aufgekauft, der so ziemlich alles hergibt, was in der Zeit von 1982 bis 1990 Rang, Namen und viele, viele Punkte hat. Mein Mitbringsel, ein 1985er Chateau Cos d’Estournel  fügte sich an diesem Abend per Zufall perfekt in die kleine horizontale Verkostung ein, die von den jeweils „besseren Hälften“ intelligent und mit Fingerspitzengefühl für uns Jungs blind zusammengestellt worden war. Es gab (in der Reihenfolge der Nennung):

 

  • 1985 Chateau Grand Puy Lacoste, Pauillac
  • 1985 Chateau Latour, Pauillac
  • 1985 Chateau Cos d’Estournel , St. Estephe
  • 1985 Chateau Lynch Bages, Pauillac
  • 1985 Chateau Leoville Barton, St. Julien

 

Ein kleiner Hinweis vorab: Die verkosteten Weine stammten aus einem Top-Keller, den sie seit ihrer Lieferung nach dem Primeur-Einkauf nicht verlassen haben. Insofern liegen den nachfolgenden Notizen hervorragend konditionierte Flaschen zu Grunde.

 

Als warm up gab es einen weißen Wein-Kracher, der nicht lange fackelt, sondern mit dem man gleich von „Null auf Hundert“ in unter 4 Sekunden beschleunigt wird:


1998 Grüner Veltliner Ried Lamm, Weingut Bründlmayer – Kamptal

 

95 Punkte – Was für eine Rakete, bereits in der Nase bekommt man einen Eindruck von der brachialen Kraft und der Urgewalt dieses Weines. In der Nase schwingt zwar zu Beginn ein Hauch von flüchtiger Säure mit, aber dann erlebt man ein Feuerwerk von orientalischen Gewürzen, Rauch und weißem Pfeffer. Der erste Schluck kommt fast einem Anschlag gleich, denn der Wein brennt sich mit seiner krassen, ungemein salzigen Mineralität in der Zunge ein. Aber auch die Frucht ist nicht von schlechten Eltern: Noten von überreifen Äpfeln, Citrusfrüchten, viel Pampelmuse und Aprikosen sind nur ein paar Eindrücke, die man gewinnt, wenn man diesen ungemein dichten, feisten Wein kaut. Ein opulenter, brutaler Stoff, der trotz des hohen Alkohols und der leichten Botrytis noch ein langes Leben vor sich hat und der für mich eine Referenz des Grünen Veltliners darstellt. Mario Scheuermann hat mal zu diesem Wein geschrieben: „Auch dieser Wein sprengt mit seiner brachialen Kraft und Wucht jeden Rahmen und jede Konvention der Sorte. Dieser hat kein Pfefferl, sondern richtig Pfeffer. Neben einem solch faszinierenden Ungetüm müssen die meisten großen weißen Burgunder die Waffen strecken“ (vgl. Capital Weincompass, Mario Scheuermann). Den ersten Teil dieses statements kann ich voll und ganz unterschreiben, warum man jedoch dieses Weinunikat mit einem weißen Burgunder vergleicht, erschließt sich mir jedoch nicht, auch wenn dieser irre Stoff – trotz aller power und Aggressivität – eine innere Harmonie und Ausgewogenheit auf hohem Niveau besitzt.

 

 

1985 Chateau Grand Puy Lacoste – Pauillac

 

93 Punkte – Chateau Grand Puy Lacoste hat in der Dekade von 1980 bis 1990 langlebige Weine von hervorragender Qualität erzeugt. Einen Beweis mehr lieferte dieser schöne 85er, der in seiner Aromatik ganz typisch für dieses Chateau ist. Intensive, kräutrige und maskulin wirkende Nase mit Anklängen von frischen Trüffeln und Rauch (Asche eines ausgeglühten Lagerfeuers). Am Gaumen gerade aus mit schöner, klarer Frucht; vom Mundgefühl recht weich, mit Anklängen von roten Früchten, Lakritze und schwarzem Pfeffer. Ein in sich schlüssiger Tropfen, den ich gerne und mit viel Genuss getrunken habe. Auf diesem Niveau mindestens noch 5 Jahre.

 

 

1985 Chateau Latour – Pauillac

92-94 Punkte – Meine erste Begegnung mit Latour aus diesem Jahrgag und irgendwie bin ich mit mir nicht wirklich im Reinen: hat mir der Wein richtig gut gefallen hat oder nicht? Zu Beginn ein leichter Kellermuff; dann viele Kaffee-, Malz- (süßlich) und Marzipannoten. Mit viel Luft (dekantieren einmal mehr empfohlen) wird der Wein vielschichtiger und die Frucht blüht auf. Am Gaumen wirkt der Wein recht feminin, feinen Noten von Himbeeren und grünen Erbsen. Die Tannine sind rund und geschliffen; hinten heraus bleibt jedoch ein kleines Bitterle. Zu Beginn erstaunlich dicht und weich, aber irgendwie auch ein wenig richtungslos – der Wein hat noch ordentlich Alterungspotential, aber die Frage: „Findet er noch die klare Richtung und seine echte Latour-Seele?“ bleibt. Da er im Glas mit der Zeit ausbaute, bin ich zuversichtlich, dass bei gut gelagerten Flaschen noch 1-2 Punkte mehr drin sind. Für das viele Geld würde ich mir momentan lieber ein paar Flaschen Grand Puy Lacoste gönnen.

 

 

1985 Chateau Cos d’Estournel – St. Estephe

 

93 Punkte – Dieser Wein spaltete an diesem Abend ein wenig die Gemüter. Mein lieber Freund mir gegenüber punktete 88/89 Punkte und meinte er sei etwas verwaschen, mein Weinfreund zur Linken setzte ihn am Ende ein Tick über den noch folgenden 85er Leoville Barton. Ich hatte ihn mit 93 Punkten  punktgleich mit dem Leoville und damit deutlich jenseits der 90-Punkte-Grenze. Ich habe mir „androgyn“ notiert – einerseits ein dunkle, maskuline und mineralische Aromatik (Dörrobst, schwarze Oliven), andererseits eine vordergründige, saftige, weiche und weibliche Wärme sowie eine runde, üppige Frucht. Schwer zu verstehen, aber hinter der weichen, üppigen Frucht auch viel Struktur und etwas ruppige Tannine. Mit haben die Gegensätze gut gefallen.

 

 

1985 Chateau Lynch Bages – Pauillac

 

96 Punkte – Zwei Worte habe ich mir als Fazit in mein kleines Notizbuch notiert: „Sinnliche Schönheit“ Nein, nicht diese Hungerhaken, die man heute ständig auf irgendwelchen Modenschauen sieht, sondern uns hat an diesem Abend eine femme fatale begeistert. Schon das Bukett hatte ein unglaublich verschwenderisches Parfüm: reife Weichselkirschen, vielen süßlich-orientalischen Anklängen; eingefangen in einer Box aus edlem Zedernholz (Zigarrenbox, die den Duft der letzten Zigarren ein wenig bewahrt hat).  Am Gaumen saftige Fülle, sehr ausdrucksstark und ausladend. Intensiv, voller Körper und ziemlich sexy. Durchaus elegant, aber primär (im allerbesten Sinne) ein Kind der Bourgeoisie.

 

 

1985 Chateau Leoville Barton – St. Julien

 

93 Punkte – Zu Beginn sehr viel Kaffee- und Röstaromen, Zedernholz und Zigarrenkiste. Am Gaumen recht maskulin in seinen Anlagen: Röstaromen, das Tannin trocknet den Gaumen etwas an; auf der anderen Seite mit einer recht eleganten rotbeerigen Frucht und einer feinen, recht eleganten Süße. Aufgrund der sehr straffen Säure kann ich die Notiz von Rene Gabriel aus 1999 ganz gut nachvollziehen, wo er dem 85er Chateau Leoville Barton eine „Sangiovese-Affinität“ attestiert und ihn zum „Frankreich/Toskaner“ mutieren lässt. Da der Wein im Glas hinten heraus recht schnell abbaute, verstehe ich es auch, wenn man ihm noch ein oder zwei Pünktchen abzieht.  

1996 Cuvée Millesimée Champagner Grand Cru / dosage zéro, Pierre Moncuit – Champagne

94 Punkte – Dieser Blanc de Blanc (=reiner Chardonnay) Champagner ist für mich mit das Beste, was ich bislang an Champagner getrunken habe. Die champagnertypischen brotigen Anklänge sind wunderschön ausgeprägt, die Aromen reichen von exotischen Früchten wie Ananas und Papaja, über frisch aufgeschnittene Äpfel bis hin zu ganz zarten Noten von frischem Sauerkraut.  Im Mund ist er sehr frisch und trocken mit weichem, zartem Schmelz. Sehr feine, gleichmäßige Perlage und tolle Länge. Die Champagner von Pierre Moncuit werden auf Grund ihrer Qualität Jahr für Jahr bekannter und so ist dieser Champagner ab Hof bereits ausverkauft. Der aktuell im Verkauf befindliche 2002er Jahrgangschampagner ist ebenfalls eine besondere Empfehlung, denn der ab Hof Preis (etwas über Euro 30,-) ist leicht gesunken.  Auch wenn die Preise des 96er etwas höher lag (knapp Euro 40,-), so ist er doch weit, weit entfernt davon, was vergleichbare Qualitäten (z.B. Dom Perignon in sehr guten Jahren) der  großen Champagnerhäuser  kosten.

 

1998 Riesling Rosacker Grand Cru, Mallo et Fils – Elsass

90 Punkte – Ein gelungener Start in den Abend! Mein Mitverkoster und ich stocherten erst mal gewaltig im Nebel, um anschließend ein paar gewaltige Luftlöcher zu schießen, denn mehr als die Eigenschaft „aus deutschsprachigem Raum“ und „Riesling“, wobei ich der zweiten Aussage heftig widersprach, haben wir nicht „erraten“. Selbst ein Anruf bei der 11880 – „Da wird Ihnen geholfen“ brachte kein brauchbares Ergebnis.

 

Dieser Riesling wirkt dicht und konzentriert, riecht nach (mehligen) gelben Früchten, Steinfrüchten und wirkt am Gaumen sehr cremig. Dem etwas fülligen Eindruck steht aber eine angenehme Mineralik entgegen, sodass der Wein nicht barock wirkt. Hinten heraus hat er eine leichte Bitternote sowie eine deutlich erkennbare Aromatik von weißem Pfeffer. Dieser Eindruck, gepaart mit den mineralischen Akzenten, war wohl auch der Grund, warum ich mir Grüner Veltliner  und Österreich notiert hatte.

 

Aber da half alle Trinkerfahrung nichts, ich lag mit meiner Einordnung komplett daneben. Was hilft da nur: noch mehr Trinkerfahrung sammeln, kombiniert mit der nötigen Recherche. Also versuchte ich über diese große Lage im Elsass Informationen zu sammeln und so stieß auf der homepage der Domaine Francois Schwach auf folgenden Text:

 

Der Rosacker verdankt seinen Namen den wilden Rosenhecken, die früher die Weinberge umrandeten. Zwischen Hunawihr und Ribeauvillé gelegen, wurde er schon im Jahre 1483 erwähnt. Einen jungen Rosacker erkennen Sie an seinem leichten, etwas pfeffrigen Aroma. Dank seines kalkhaltigen Bodens gewinnt dieser Riesling bei längerer Lagerung noch an mineralischem Aroma.“

 

Eine vielleicht interessante Info noch am Rande: Für den berühmten Riesling „Clos Sainte Hune” nutzt die Domaine Trimbach nur den Namen der kleinen, 1,3 Hektar großen Parzelle; der Name der Grand Cru Lage „Rosacker“, wovon Saint Hune ein Teil ist, wird nicht angeführt.

1979 Grand Vin Jaune, Louis Chaudoy – Appellation Chateau Chalon

87 Punkte – Die XING-Raritäten-Weinprobe im Düsseldorfer Restaurant Schorn, zu der jeder Teilnehmer eine besondere Flasche (Herzblutflasche) Wein mitbrachte,  begann mit einem Aperitif der besonderen Art. Ein 1979 Grand Vin Jaune von Louis Chaudoy, App. Chateau Chalon kam ins Glas und wir, also die gesamte „Mannschaft des Abends“, saß recht ratlos vor diesem Schluck. Ich hatte schon einmal über diese Art Wein aus dem Jura gelesen, aber rekapitulieren konnte ich es an diesem Abend leider nicht.

Der Wein wirkte wie eine trockener Sherry, war nussig, aber trotzdem frisch, kräutrige Anklänge waren ebenfalls gut erkennbar;  hinten heraus mit einer gewissen Schärfe belegt, aber letztlich bleibt er lange, lange am Gaumen haften und beschäftigt so den interessierten Weintrinker lange über das Schlucken hinaus. Christian Baumgart, der für diese Flasche an diesem Abend  „verantwortlich zeichnete “ wusste da schon mehr zu berichten.

Für mehr Infos bitte weiterlesen……

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2001 Marcel Deiss – Altenberg

93 Punkte – (alle traditionelle Rebsorten des Elsass zzgl.Chasselas rose; Grand Cru Lage inmitten eines Feldes von geologischen Verwerfungen, wo harte Böden des Jura und Mergelböden des Lias aufeinandertreffen. Die Reben stehen so auf einem roten, eisenhaltigen Ton-Kalkboden, der sie zwingt tief zu wurzeln. Der Altenberg zeigt eine absolut südliche Ausrichtung und ist äußerst warm und trocken. Die häufig durch Edelfäule verstärkte Reife der Trauben ist außergewöhnlich, wobei die Lage hier klar die gemischt angebauten Rebsorten in ihrem Charakter dominiert.) Zum Wein:

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