1979 Barolo Bussia di Monforte Riserva Speziale, Bruno Giacosa – Piemont


96 Punkte – Der krönende Abschluss der Rotweinrunde an diesem Abend. Dieser herrliche Stoff ist nur in wenigen Jahren (1974, 1975, 1978 und 1979, jeweils rotes label) in kleiner Auflage erzeugt worden. Für die Optik gewinnt dieser Barolo keine Preise; mit unglaublich viel Depot strömt der Wein ins Glas, in der Farbe ansonsten eher blass und hell. Dafür hat es der Rest umso mehr in sich. Die Nase zeigt mit etwas Luft herrliche Trüffelaromen und feuchtes Unterholz, dazu Malven, etwas Liebstöckel und zwischendrin auch mal ein Hauch von verwässerter Coca Cola, aber das Aroma verändert sich, zeigt auch Anklänge von rotem Tee. Am Gaumen ebenfalls mit fortgeschrittener Reife, deutliche Tertiäraromatik (aber die von ihrer schönsten Seite), dazu etwas Tee von roten Früchten, eine feine und recht intensive Süße (Karamell). Insgesamt ein wunderbar reifer Barolo, mit sehr viel Spiel, Komplexität und Finesse. Ich liebe diese Art von klassischem Nebbiolo; für mich ist das großes Kino und unglaublich genussvoll.

Am Vorabend der Prowein im Saittavini in Düsseldorf

Wie immer, war es voll im Saittavini an der Luegallee in Düsseldorf. Doch an diesem Vorabend der ProWein hätte die Weinbar und das Restaurant von Michelangelo Saitta wohl drei- oder viermal so groß sein können und trotzdem hätten nicht alle einen Platz bekommen, die hoffnungsvoll hereinschauten, um einen der begehrten Tische zu erhaschen. Selbst Winzerlegenden wie Emi Knoll, Franz Hirtzberger oder Rudi Pichler planen hier von Jahr zu Jahr und buchen ein Jahr im Voraus. Bei einem gemeinsamen Glas Wein sagte mir Irmgard Hirtzberger, dies sein "ein besoderer Ort", von denen sie nicht viele kennt.

 

Und so schätzten auch wir – ein eng befreundetes Paar aus Frankfurt und ich – uns glücklich, dass wir an diesem Abend einen Platz gefunden hatten, an dem wir die Nacht zum Tage machten und bis drei Uhr ein hervorragendes Essen genossen und mindetens gleichwertige Weine tranken. Zum Vorglühen gab es einen knackig frischen Sauvignon Blanc aus Südafrika. Danach gingen wir in medias res und tranken:

1997 Barolo Rocche del Falletto, Bruno Giacosa – Piemont

95 Punkte – Was für eine Harmonie! In der Nase eine Kombination aus roten Früchten, feuchtem Waldboden und getrockenten Wiesenblumen. Am Gaumen Eleganz pur, subtile Frucht, unterstützt von feinen, mürben Tanninen und einer Saftigkeit, die trotz aller innerer Kraft eine Leichtigkeit besaß, die es mir schwer machte, nicht permanent zum Glas zu greifen. Der Weine baute im Glas aus und (mit viel Zurückhaltung) konnte ich so über ein Stunden immer neue Eindrücke und Aromen entdecken. Zwischenzeitlich genossen wir die anderern Weine des Abends, aber immer wieder kam ich zurück zu diesem Glas und ein stilles Lächeln und eine genussvolle Zufriedenheit stellte sich sogleich ein.

 

1997 Brunello Riserva, Poggio Antico – Toskana

86 Punkte – Eigentlich sollte dieser Wein ein adäquates Pendant zum Barolo von Giacosa aus gleichem Jahrgang sein, doch hier spielte wohl 2. Bundesliga gehen Champions League. In der Nase süße Pflaumenkonfitüre und Aromen von überreifen Früchten (bei Weinen aus diesem Hitzejahr durchaus typisch). Im Mund angekommen, empfand ich diesen Wein eher als unausgewogen, denn die Aromen von Rumtopffrüchten zeugten von überreifem Lesegut. Die für einen Brunello auffallend mürben Tannine und der mittelgewichtige Körper gingen etwas unter und so hat dieser Wein für mich einen leichten Mangel an Struktur und Finesse. Wer ihn im Keller hat, sollte ihn möglichst schnell trinken, denn ich glaube, dass dieser Wein nicht mehr besser wird.

 

1970 Barolo Cannubi Vigneto Pittatore, Casa Vinicola Ceretto – Piemont

88(-) Punkte – Dieser Wein gab mir ein kleines Rätsel auf, denn das heute berühmte und große Baroloweingut Ceretto firmierte damals eigentlich unter dem Namen des Vaters der heutigen Besitzer: "Azienda Vinicola Riccardo Ceretto" (wie ein gerahmtes Etikett bei mir in der Küche belegt), doch auf dieser Flasche stand "Casa Vinicola Ceretto". Für mich stellen sich die (bislang unbeantworteten) Fragen: nahm man es damals nicht so genau mit den Bezeichnungen für die Weingüter? Handelt es sich um unterschiedliche Weingüter oder war das Weingut doch identisch und man hat schon damals unterschieden zwischen Weinen, die aus eigenen Trauben bzw. zugekauften Trauben vinifiziert wurden?

 

Wie auch immer – dieser Barolo zeigte zunächst eine recht animalische Nase mit Eindrücken von Leder. Doch bereits nach wenigen Minunten veränderte sich der Inhalt des Glases; ich empfand medizinale Anklänge, dann Eindrücke von Veilchen und mit mehr Luft kamen die Tertiäraromen (Maggikraut/ Liebstöckel) immer stärker durch. Am Gaumen zeigte sich zunächst eine feine (Todes-) Süße mit Anklängen an Teer und Lakritze. Es folgten recht schnell Aromen Malventee und der Wein fiel immer mehr auseinander. Eine Punktewertung ist für so einen Wein sehr schwer – waren zu Beginn vielleicht 88 Punkte im Glas, so muss man doch sagen, dass er alle 10 Minuten einen Punkt verloren hat.

Beschlossen haben wir den Abend mit einem:

 

1989 Barolo Riserva, Giacomo Borgogno – Piemont

92 Punkte – Dier klassische Bordeaux vermittelt von seiner Farbe und von seiner gesamten Art eine burgundische Art, die besonders am Gaumen deutlich wird. Für mich ist dies ein klassischer Barolo, der sicherlich erst jetzt am Beginn seiner Trinkreife steht, denn das Tannin ist schon noch adstringierend, aber die Frucht ist betörend, mit Noten von roten Früchten, getrockneten Rosen und  einem Hauch Lakritz und Teer. Dieses Spannungsfeld zwischen der festen, fast unnahbaren Struktur und der andererseits femininen Aromatik, ist etwas, was nur klassischer Barolo kann.

1988 Barolo Falletto di Serralunga, Bruno Giacosa – Piemont

91 Punkte – Zu Beginn etwas stallige Noten in der Nase, dann ins kräutrige  wechselnd. Am Gaumen recht schlank; eher burgundischer Stil. Positiv ausgedrückt ein "Leise-Treter", der durchaus über eine komplexe Aromenstruktur und eine subtile Art verfügt. Angenehme Länge im Abgang. Sollte jetzt oder in den nächsten 2-4 Jahren getrunken werden.

1982 Barolo Cottina Rionda Riserva, Bruno Giacosa – Piemont

98 Punkte – Was für ein traumhafter Wein !! Dieser Barolo vereint große Harmonie und Eleganz mit einer inneren Spannung und – für das Alter – großen Frische, die nur ganz, ganz, ganz wenige Weine dieser Welt vorweisen können. Jemand am Tisch sprach von einem erhabenen Wein –  das ist mir vielleicht ein wenig zu pathetisch, aber großer Stoff ist das allemal. Die Aromatik in Nase und Mund ist unglaublich tief, komplex und fein und alle Versuche einer verbalen Beschreibungen sind irgendwie zu kurz gefasst, aber die ganz feine Süße, die perfekt reife Säure und die edlen, ausgewogenen Tannine möchte ich gerne herausstellen. Die Aromatik bezeichne ich persönlich als klassisch:  Noten von (welken) Rosen, Teer, roten Früchten,  sowie feuchter Erde, etherischen Anklängen und Trüffel. Und nochmals die Tiefe, Komplexität  und die Finesse – bis weit rein in den laaaaangen Abgang – sind total beeindruckend.

  

Einen Barolo aus der Lage Vigna Rionda hat Bruno Giacosa zuletzt im Jahr 1993 vinifiziert. Da Bruno Giacosa erst Mitte der 80er Jahre (1984) damit begonnen hat, eigene Weinberge zu kaufen, stammen sämtliche Weine vorher aus zugekauften Trauben. Einen perfekten Überblick über alle erzeugten Weine und Qualitätsstufen (weißes/rotes Etikett) findet man auf folgender Seite:

http://networks.ecse.rpi.edu/~vastola/wine/giacosa/barolo/index.html

1978 Barbaresco Santo Stefano Riserva Speciale, Bruno Giacosa – Piemont

99/100 Punkte – Dieser Wein war für mich nicht nur DER Gewinner in dieser hochkarätigen Piemontprobe, sozusagen primus inter pares; nein ! Dieser Wein gehört für mich zu der Hand voll Weine, die den Weinhimmel bedeuten. Diese Weine sind so schön und ergreifend, dass man es kaum fassen kann. Sie nehmen einen mit auf eine Reise, die so unglaublich beeindruckend ist, dass man Raum und Zeit ausblendet. Für diesen Typus Wein finde ich schwer Worte, denn sie sind komplex und harmonisch, dass man es eigentlich nicht beschreiben kann. (An dieser Stelle sollte jedoch erwähnt werden, dass die Flasche aus einem perfekten Keller stammte, dort über viele, viele Jahre lag und ihr nicht das Los sonst eher üblicher "Wanderpokale" beschieden war.)

Für einen 30 Jahre alten Nebbiolo offenbart schon die große Dichte und die dunkle Farbe im Kern die erste Überraschung. Die Nase wirkt immer noch sehr jung; mit kräutrig-balsamischen Noten,  feinstem Marzipan, dezenter Malzigkeit, ein wenig Waldboden (erdig) und  Anklänge an rote Früchte. Einmal im Mund angekommen nimmt man nur Harmonie war, hier sind eine hoch komplexe Aromatik, ein mittelgewichtiger Körper, eine perfekt reife Säure sowie superfeine Tannine auf das Beste miteinander vermählt. Diesen Wein kann man eigentlich nur als großes Kunstwerk beschreiben. Kein Picasso, kein Kandinsky, ich würde ihn am ehesten mit einem Gemälde von Claude Monet vergleichen, Tausende von einzelenen Strichen, die ein großes Kunstwerk definieren, das Schönheit, Licht und Melancholie in sich verbindet.

Reise nach Südtirol und Piemont – Tag 3

Sonntag 11.11.2006

Der nächste Tag ist etwas hart, frühes Aufstehen, dafür sind deutlich weniger Leute auf dem Weinsalon und man endlich wieder ausreichend Gelegenheit die Weine in Ruhe zu verkosten und ein paar Worte mit den Winzern zu wechseln. Abends sind wir im Hidalgo – für uns immer soooo schön bequem, weil wir nach einem schönen Abend nur die 50 Meter zu Fuss zu unserer Pension laufen müssen, um mit wohl gefülltem Bauch ins Bett zu fallen. Getrunken haben wir einen wunderbar dichten und kraftvollen Sylvaner ?Alte Reben? von Andreas Huber aus dem Eisacktal (89 Punkte) zur Einstimmung und der Vorspeise. Dieser Wein ist nach österreichischem Vorbild gemacht: stoffig und kraftvoll; mit Substanz, viel Extrakt und Zug am Gaumen, gleichzeitig tief, mineralisch und mit hervorragender Frucht (Birne, weißgelbe Früchte, Apfel, Kamille) – ein F.X. Pichler würde sein wahre Freude haben und ihn wahrscheinlich auch nicht viel anders vinifizieren. Anschließend gibt es einen 96er Bruno Giacosa Barbaresco Asili Riserva (93 Punkte), Frucht von roten Beeren (in der Nase auch Kirschwasser), zu Beginn etwas Kleber, ein Hauch von Rosen und Waldboden sind Assoziationen, die diesen Wein mit festem Körper, aber inzwischen relativ geschmeidigen Tanninen beschreiben.  

Nach einem als Abschluß gedachten Glas Rum, möchte mein lieber Freund Bernd noch einen 86 Vega Sicilia trinken, nachdem Carlos, der Sommerlier ihm den Mund wässrig gemacht hat, aber aufgrund der forgeschrittenen Zeit einigen wir uns auf die zweite Empfehlung und bereuen es nicht, ein 97er Rosso Venezia Giulia (Merlot) von Gravner (91 Punkte) aus dem Friaul, diesem ?bekloppten? Winzer, der auch mal seine Weine in Amphoren verbuddelt und in der 2007er Ausgabe des Gambero Rosso Winzer des Jahres geworden ist ? passt so schön zur ?Rückkehr zu alten Traditionen und dem terroir?. Dieser damals mir ?nur? 12% vol. Alkohol ausgestattete Wein bereitet jetzt so viel Trinkvergnügen, weil er tänzelt und Eleganz ausstrahlt. Sehr kühle, feine Aromatik, geschliffene Tannine, ein schönes, zartes Fruchtspiel mit Nuancen von reifen Kirschen, Cassis und einer feiner Kräuterwürze. Lang im Abgang, ebenfalls zart und elegant.