2001 – 2010 Hubacker Großes Gewächs Vertikalverkostung, Weingut Keller – Rheinhessen

Das Weingut Keller ist  weltweit eines der bekanntesten Aushängeschilder für deutschen Riesling und in der Champions League internationaler Weine angekommen und etabliert. Wer jedoch die Möglichkeit hat, die handelnden Menschen dieses Weingutes kennenzulernen, wird sehr schnell feststellen, dass es ihnen nicht darum geht, „Star“ zu sein, sondern eher das Gegenteil der Fall ist, die Mitglieder der Familie Keller, die heute mit 4 Generationen Hand in Hand auf dem Weingut arbeiten, sind allesamt angenehm unaufgeregt und im besten Sinne bodenständig. Man spürt als Besucher des Weingutes Keller, dass hier ein jeder seiner Passion/Berufung folgt, die vier Generationen eint: Jahr für Jahr der Natur DEN besten Wein abzuringen.

Parallel pflegen die Kellers seit vielen Jahren den nationalen und internationalen Austausch mit anderen Winzern und man versucht das eigene Wissen an die nächste Generation von Winzern und denen, die es werden wollen, weiterzugeben – die talentierten Lehrlinge und Praktikanten kommen z.B. von der Mosel – oder aus Norwegen und Japan. Verbundenheit mit der eigenen Scholle und Berücksichtigung  regionaler Stärken stehen eben nicht im Widerspruch zu Internationalität und Weltoffenheit.

Die Geschichte des Weingutes Keller ist eng verbunden mit der Geschichte des Dalsheimers Hubackers. Die Keimzelle des Weingutes Keller wurde im Jahr 1789 von Johann Leonhard Keller erworben, der dieses besondere Stückchen Erde vom Andreasstift in Worms erwarb. Die 4,03 ha (bis 1971 als „Oberer Hubacker etikettiert) sind somit seit über 200 Jahren im Eigentum der Familie Keller. Dass dieses Stück bis heute ungeteilt im Familienbesitz verblieben ist, darf einer glücklichen „Familienplanung“ oder dem Zufall zugeschrieben werden, denn es gab bis zur 9. Generation immer nur einen männlichen Erben.

Unter Georg III, der fünften Keller Generation, wandelte sich der Hubacker in den heutigen, sanften Südost-Hang. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war der Hubacker ein Terrassenweinberg, auf dem es auch Buschwerk und offenen Felsen gab. Friedrich Heinrich, der Sohn von Georg III, machte in zwei Jahren die felsigen Abschnitte als Weinberg urbar, indem er schwere Felsbrocken sprengte. „Allein um die Felsen auf dem Hubacker beseitigen zu können, soll Friedrich Heinrich seine Sprengmeister-Prüfung gemacht haben. Weil Vater und Sohn von einem optimal nutzbaren Weinberg träumten, ebneten sie dann auch noch die Terrassen.“ (vgl. S. 153f., Junko Iwamoto, Kellergeschichten – Zwölf Monate auf dem Weingut Keller, 2.Aufl. ISBN 978-3-00-034169-4). Ein paar Jahre nach den Sprengungen konnte kein Wein gelesen werden und als endlich wieder daran zu denken war, wurde Erwin, der einzige Sohn von Friedrich Wilhelm und seiner Frau, in die Wehrmacht eingezogen.

1945 wurde das Haupthaus durch Bomben der Amerikaner zerstört und nach Kriegsende wurde der gesamte Wein, der im Keller des Weingutes lagerte, durch die französische Armee beschlagnahmt. Erst 1947 kehrte Erwin aus der Kriegsgefangenschaft  zurück, ein tschechischer Bauer hatte ihm bei der Flucht geholfen. 1948 heirate Erwin seine Jugendliebe, mit der er schon vor seiner Einziehung verlobt war und begann mit seinem Vater, dem Sprengmeister, das Weingut wieder aufzubauen. Aber da ein Übel selten allein kommt, hatte 1945 die Reblaus „Einzug“ im Hubacker gehalten. Glücklicherweise hat man sie frühzeitig entdeckt und der Schaden blieb eng begrenzt. Seit 1948 wurden dann Pfropfreben mit amerikanischer Unterlage gepflanzt und bis Anfang der 50er Jahre der Hubacker saniert. Mitte der 70er Jahre war der Hubacker nochmals in Gefahr, denn die geplante Autobahn A61 sollte direkt durch den Weinberg geführt werden. Doch Dank der Einwendungen der Familie und der regionalen Politik hatte man im Verkehrsministerium von Rheinland-Pfalz ein Einsehen und die lokale Weinkultur blieb erhalten, und so macht die A61 in Ihrer aktuellen Streckenführung von der Ausfahrt Worms nach Gundersheim eine Kurve – um den Hubacker  herum.

Heute liegt der Kellersche Teil des Hubackers  „in seinen niedrigsten Höhen 170 Meter und in seiner höchsten Erhebung 230 Meter über dem Meeresspiegel. Die maximale Hangneigung beträgt 28% (…). ‚Als ich jung war, hieß es in Rheinhessen, man sollte in Höhen über 200 Metern über dem Meeresspiegel besser keinen Wein anbauen. Im Süden der Pfalz gibt es Wälder, die den Wein in dieser Höhe schützen, aber in Rheinhessen nicht. Deshalb sind die Reben dem Wind ausgesetzt. Damals kühlte der Boden in der Höhe aus, weshalb dort kein guter Wein wuchs,‘ so Erwin.“ (vgl. S. 153f., Junko Iwamoto, Kellergeschichten – Zwölf Monate auf dem Weingut Keller, 2.Aufl. ISBN 978-3-00-034169-4).

Dem Hubacker und dem Weingut Keller hat der Klimawandel sicherlich geholfen, die Trauben im Hubacker reifen heute immer noch spät, aber sie erreichen eine bessere Reife und  aus dem einstigen Nachteil ist ein Vorteil geworden:  die kühlen Winde tragen heute dazu bei, dass man eine stärkere Tag-Nacht-Abkühlung hat, was einer guten Säureausbildung helfen dürfte. Unterirdisch erstreckt sich im Hubacker  eine große Platte von gelbem Kalksteinfels, darüber liegt ein tonhaltiger Boden mit Humusschicht. So wird das Regenwasser gehalten und selbst in heißen und trockenen Sommern kommt kein Trockenstress auf.

Interessanterweise stammen sämtliche Rieslingklone des Hubackers von der Saar. Bis in die 70er Jahre gab es auf dem Weingut Keller kaum Riesling, erst mit der Hochzeit von Klaus Keller mit Hedi, einer Winzertochter von der Obermosel kam die Begeisterung für Riesling in die Familie Keller. Die – inzwischen leider verstorbene – Frau von Klaus Keller und Mutter von Klaus Peter Keller besuchte die Weinbauschule in Trier und arbeitete anschließend in dem der Weinbauschule angeschlossenen Institut zur Selektion von Klonen.

Auf Grund der gemeinsamen Liebe zum Riesling beschlossen Hedi und Klaus Keller nunmehr Riesling im Hubacker anzupflanzen. Der erste Versuch mit Rheingauer Klonen scheiterte jedoch, die Weine entsprachen nicht den gemeinsam gesteckten Zielen. Hedi Keller konnte nun ihren Mann überzeugen, Klone zu pflanzen, die sie bereits aus Ihrer Arbeit am Institut in Trier kannte. Das Ergebnis: Heute stammen sämtliche Reben im Hubacker von Saar- Selektionen, die aus  alten Beständen der Oberemmeler Hütte und dem Scharzhofberg – gemeinsam von Hedi Keller und Eberhard von Kunow (Weingut von Hoevel) – selektioniert wurden.

Vor 10 Jahren, im Jahr 2001, hat Klaus Peter Keller  (die 9.Generation der Familie Keller im Weingut)  erstmals die Vinifikation des Jahrgangs übernommen und so auch das Ergebnis des Großen Gewächses aus dem Hubacker zu verantworten. Ich war sehr gespannt, wie sich diese 10 Jahrgänge – im Vergleich einer Vertikalverkostung – nebeneinander präsentieren werden.

Selten ist mir ein Fazit über 10 Jahrgänge leichter gefallen, als nach dieser Verkostung: Alle Weine haben eine unglaubliche Kraft und innere Spannung, sie eint die vom Kalkstein geprägte Mineralik. Die Säure ist stets perfekt integriert und mich hat vor allem die sehr klare und präzise Definition überzeugt, am besten zu vergleichen mit dem austrainierten Körper eines Balletttänzers oder einer Skulptur eines Athleten der frühen olympischen Spiele in Athen.  

Auffallend auch die hervorragende Alterungsfähigkeit, wir hatten 10 aufeinander folgende Jahrgänge am Tisch, aber eine Alterung zwischen den Jahrgängen ist kaum feststellbar, selbst der 2001 zeigt eine Frische und Lebendigkeit, die viele, wesentliche jüngere Große Gewächse nach 3 oder 4 Jahren schon nicht mehr vorweisen können.

Da das Wetter zur Zeit so schön kalt und klar ist, habe ich sämtliche Flaschen 2 Tage auf dem Balkon stehen lassen und die Weine nochmals nachverkostet. Überzeugendes Ergebnis: alle Weine noch intakt, insbesondere die jüngeren Jahrgänge zeigen teilweise noch deutlicher, was in ihnen steckt, aber auch der 2004 braucht die Zeit. Wer die Zeit und die Muse hat, sollte den Hubackers von Keller mindestens viel Zeit im Keller geben, sie reifen nicht nur perfekt, sie brauchen das Lager im Keller, um ihre Finesse und Eleganz überhaupt ausspielen zu können.  Vom Stil gibt es einen Ausreißer für mich im Gesamtkontext dieser 10 Jahre Hubacker GG – der 2005; doch dazu gleich mehr.

Dankenswerter Weise hat Klaus Peter Keller mir zu jedem Jahrgang eigene Informationen zur Verfügung gestellt, die nachfolgend meine Verkostungseindrücke jeweils einleiten.


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Berlin Riesling Cup – 36 Große Gewächs aus 2008

Am vergangenen Wochenende hat Martin Barz einmal mehr eine wunderbare Riesling-Veranstaltung  in Berlin (BRC – den Berlin Riesling Cup) organisiert, bei der sich die handverlesenen Teilnehmer in privater Atmosphäre einen wunderbaren Überblick über die Rieslingspitzen des Jahrgangs 2008 verschaffen konnten. Angestellt waren ausschließlich Erste und Große Gewächse der Regionen Baden, Franken. Mosel, Nahe, Pfalz, Rheingau und  Rheinhessen. Ausgeschenkt wurden die perfekt temperierten Weine in mundgeblasenen Universalgläsern der Firma Zalto (meiner seit vielen Jahren favorisierter Glasmanufaktur, die ich bei Karl Meyer auf dem Pretzhof in Wiesen bei Sterzing/Südtirol kennengelernt habe).

 

Die bereits an anderer Stelle von vielen Verkostern beschriebene kräftige Säure der Weine anderer Qualitätsstufen determiniert auch die Stilistik der Ersten/Großen Gewächse des Jahrgangs 2008. Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen haben viele Erste/Große Gewächse eine kräftige bis pikante Säure, die den Level der Vorjahre deutlich übersteigt. Bei einigen wenigen Weinen ist die Säuredurchdringung jedoch derart hoch, dass die Weine nicht auf breiter Basis Zuspruch finden werden. Trotzdem bin ich von der Qualität des Jahrgangs überzeugt, denn er steht für einen starken Ausdruck des terroirs; die meisten Weine sind fordernd, sehr klar, straff und präzise in Frucht und Mineralität. Um mal ein ganz anderes Bild zu bemühen: Mehr Klaus von Dohnanyi als Kurt Beck, mehr Richard von Weizsäcker als Helmut Kohl.

 

Die „Top Five“ der Verkostung waren für mich das Kirchstück von Bürklin-Wolf, der Halenberg von Schäfer-Fröhlich, die "Morsteine" von Keller und Wittmann sowie der leider nur in Mini-Auflage geerntete wurzelechte Rothenberg von Kühling-Gillot. Auf Grund der Jugendlichkeit der Weine werden sich viele Eindrücke noch verändern. Dies ist auch der Grund, warum ich meist keinen genauen Punktwerte, sondern Punktspannen angegeben habe.     

 

Es wurden – bis auf den ersten Wein zur Begrüßung – alle 36 Weine in 2er flights gereicht, die Klaus Peter Keller vom Weingut Keller im Vorfeld der Probe zusammengestellt hatte:

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2007 Riesling Schloss Johannisberger „Silberlack“ Großes Gewächs, Domäne Schloss Johannisberg – Rheingau

 

91+ Punkte Im aktuellen Gault Millau Weinführer stellt das Weingut des Fürst von Metternich die Kollektion des Jahres 2009 und das Große Gewächs erringt sehr respektable 93 Punkte. Für mich ist dieser Stoff Rheingau-Riesling pur: die saftige Aromatik von gelbem Steinobst ist unverkennbar. Dazu gesellen sich dezente Citrusnoten und eine leichte Kräuteraromatik. Insgesamt ist der Wein ausdrucksvoll, kraftvoll und von einer delikaten Säure durchzogen. Für mich erstaunlich ist die schon jetzt vorhandene innere Harmonie, bleibt sie in den nächsten Jahren erhalten, dürfte der Wein an Komplexität und Finesse gewinnen und so noch ein oder zwei Pünktchen hinzu gewinnen.

 

2007 Kirrweiler Mandelberg Weißburgunder Großes Gewächs, Weingut Bergdolt – St. Lamprecht (Ski7)

92 Punkte – Ich erinnere mich noch gut an den 2001er Jahrgang, von dem ich vor ca. einem halben Jahr die letzte Flasche getrunken habe (vgl. http://weinwelt.blogg.de/eintrag.php?id=289 ) –  einerseits glücklich genossen, andererseits  hat es mich gewurmt, dass nicht noch weitere im Keller liegen, denn der Wein wäre auch in den nächsten 2,3 Jahren noch ein Hochgenuss gewesen – und welcher so alte trockene Weißburgunder kann das von sich behaupten.  

 

Auf Basis dieser Erfahrung habe ich mir vom 07er ein paar Flaschen mehr gekauft, denn ich glaube, dass es zwischen den Jahrgängen 2001 und 2007 deutliche Parallelen gibt. Vielleicht war der 01er noch etwas mineralischer und strukturbetonter, aber ich gehe fest davon aus, dass ich auch den 07er Jahrgang  locker bis zum 2014/15 trinken kann.

 

Doch bereits jetzt in seiner Jugend bringt dieses Musterexemplar von Weißburgunder reichlich Genuss ins Glas. Frisch und glockenklar verströmt er ein Parfüm von gelben Äpfeln, Melone und Cassis. Am Gaumen findet man Anklänge an Honig, Nüsse und Wiesenblumen. Der Wein besticht mit einer hohen Reintönigkeit, seiner wunderbaren, mineralischen Klarheit und einem guten Druck, mit dem er Mund und Rachen vollkommen auskleidet. Hinzu kommen eine feste Struktur, ein zarter Schmelz und eine richtig gute Länge –   für mich ist das ein Referenzwein in Sachen Weißburgunder. Well done !!

2007 Riesling Rüdesheimer Schlossberg Erstes Gewächs, August Kesseler – Rheingau

 

93 Punkte – Helles Goldgelb; in der Nase bereits sehr offen, mit viel gelber Frucht und Pfirsich. Herrlich animierend, viel Saft und Kraft deutet sich da beim Schnuppern im Glas an. Mir gefällt dieser intensive Eindruck unheimlich gut; dies ist für mich Rheingau Riesling pur! Am Gaumen saftig, mit schönem Biss und einer animierenden Säure. Da spielen die vielen gelben Früchte auf der Sommerwiese und sind umgeben von einem Hauch von Karamell und Honig. Ein hoher Extrakt und eine hohe Extraktsüße passen zu diesem Stoff genauso, wie die Mineralität, die eine zusätzliche Facette ins Spiel bringt. Dieser Riesling klingt lange am Gaumen nach und animiert so zum nächsten Schluck. Über die Langlebigkeit des Weines wurde heftig diskutiert. Ich glaube, dass er ein Langstreckenläufer ist, der so viel power und Kraftreserven hat, dass er in der Jugend nicht geizen muss, sondern schon jetzt zeigen kann, was in ihm steckt. In den nächsten 10 Jahren wahrscheinlich zu jeder Zeit ein Genuss, eventuell kommt noch mal eine Verschlussphase.

 

2001 Kirrweiler Mandelberg Spätlese trocken (Großes Gewächs), Weingut Bergdolt – Pfalz

93 Punkte – Selten hat eine fremde Verksotungsnotiz mit dem eigenen Erleben so 1:1 gepasst wie bei diesem Wein, lediglich die Kirschen habe ich nicht notiert und (zu) jung ist er auch nicht mehr, sondern voll auf der Höhe des Trinkgenusses. Wird sicherlich auf diesem Niveau noch 2,3 Jahre bleiben:

www.wein-plus.de 12.08.2002 Hervorragend (92)
"Tiefer, mineralischer Duft von Äpfeln, Zitrusfrüchten, Melonen, Trockenkräutern und etwas Gemüse mit einer Spur Kirschen. Sehr saftige, kraftvolle und hochnoble Frucht, bestens integrierte Säure, fest, kräuterwürzig und ausgesprochen mineralisch am Gaumen, tief und griffig, enorme Präsenz, große Länge. Noch extrem jung. Kann noch zulegen."

Drei kleine Italiener …

Es  war ein Freitag im Frühling und ich einmal mehr Gast bei lieben Freunden in Frankfurt.

 

Schöner kann ein Frühlingsabend kaum sein. Auf der Dachterasse saßen wir bei schon sommerlichen Temperaturen mit Blick auf die Skyline der nahen Wolkenkratzer und ich war fasziniert von dem, was geschaffen werden kann, wenn Natur, Mensch und Technik Sinn und Genuss stiftend Hand in Hand arbeiten. 

 

Einerseits waren da die Hochhäuser der Banken, Sinnbild der Wirtschaft und des Geldes. An diesem Abend waren sie jedoch bloß die Leinwand für ein Lichtspektakel wie es nur die Natur hinbekommt. So hüllten sich z.B. die Zwillingstürme der deutschen Bank – dank ihrer Spiegelglasfassade – alle 10 Minuten in einen anderen Umhang aus Licht und Farbe.  

 

Eine ganz andere Form von Kunst hatten wir im Glas. Was die Natur und der Mensch vor vielen Jahren in Symbiose hervorgebracht hat, war schon schwer beeindruckend und ich war froh, dass es immer noch Menschen gibt, die nicht den sofortigen Genuss suchen, sondern mit viel Phantasie und Ruhe auf die harmonisierende Wirkung der Reife setzen und Weine Jahre im Keller liegen lassen. Im Mittelpunkt standen drei „kleine“ Italiener, die schon in die Jahre gekommen waren. – „Klein“ deshalb, weil keiner der Weine auf einem richtig berühmten Weingut das Licht der Welt erblickt hat, sondern alle zu einer Zeit entstanden ist, wo ihre Wiege wohl mit Bauernhof umschrieben werden muss. Aber da alle Wege nach Italien erst durch heimische Gefilde und Österreich führen, haben wir dort sehr erfolgreich einen Abstecher gemacht. 

 

Zum „Stimmen“ von Mund und Nase gab es vorab einen 1997 Grünen Veltliner Ried Steinsetz von Schloss Gobelsburg – Kamptal (84 Punkte). – mit seinen 12,5 % genau der richtige Start. Reifes goldgelb, deutlich gereifte Aromen in der Nase. Der Gaumen wird mit einer straffen Säure und etwas gezehrten Art konfrontiert. Da ist zwar noch Leben drin, aber ein paar Jahre früher getrunken,  war das bestimmt der größere Genuss. Im Abgang auch etwas bitter.

 

Nun begann der Abend richtig und es ging Schlag auf Schlag! Eine echte Genussgranate war der 1999 Hochheimer Domdechaney Erstes Gewächs, Domdechant Wernersches Weingut – Rheingau (94 Punkte). Dichte gelbe Farbe, fantastisch tiefe Nase – da finden sich Pfirsiche, reife Mango, ein Extrakt von getrockneten Wiesenblumen und viele Aromen mehr. Am Gaumen weich und geschmeidig, gleichzeitig dicht und extraktreich. Es baut sich ein komplexes Aromenspiel (z.B. Mandarinen, gelbe Pflaumen, süße Ananas, Kamille), das in einem langen Finale endet. Aus gleichem Jahrgang und Lage besitze ich noch eine Auslese – bin gespannt, ob sie die gleiche tiefe und komplexe Aromatik entfalten kann. Ich höre den Tiger singen: sexbomb, sexbomb –  Rheingau at it’s best !!

 

Es folgte ein Donnerschlag aus Österreich: 1999 Zöbinger Heiligenstein Riesling Lyra, Weingut Bründlymayer, 14,5% Alk. (95 Punkte). Von diesem Wein hatte ich selbst einst zwei Flaschen im Keller, die eine leider fehlerhaft und die andere definitiv zu früh getrunken. Zwar habe ich schon 2003 sehr ordentliche 91 Punkte vergeben und folgendes notiert:

 

„Reife Noten wie Pfirsich, Blutorangen, üppig und im Stil einer Auslese, dabei viel Spiel und Aromentiefe, dicht und füllig, cremige Art, viel Frucht und nahezu optimale Säure, mit viel Finesse und keineswegs nur wuchtig; im Abgang ebenfalls mit viel Frucht, auch Mineralik, rund und lang, bereits jetzt zugänglich, wiewohl jede Menge Potenzial.“

 

Nun floss der Riesling Heiligenstein strohgelb ins Glas; in Nase und am Gaumen sehr fest und dicht, ein Kräutergarten, eine berstende Mineralik, echter „Beißstoff“ – löst einen Kaureflex aus, salzig; dazu Aromen von Orangenzesten – ein Kerl von einem Wein. Doch dieses Mannsbild hat es in sich, denn da ist nicht nur schiere Kraft, sondern auch charakterliche Stärke und Komplexität. Im Glas baut er mit zunehmender Wärme und Luft weiter aus und endet dann hinten heraus auf weißem Pfeffer…… nein, es war kein GV.

1999 hat Willi Bründlmayer einfach Unglaubliches auf die Flasche gebracht, es ist wohl sein bester Jahrgang in den letzten 10 Jahren. Über 2007 wir kolportiert, dass dieser wieder das Format des 99er haben soll – leider konnte ich selbst noch nicht verkosten.

 

Nun kamen die roten, gereiften Weine aus meiner liebsten Weinregion in Italien: dem Piemont. Der 1978 Barbaresco von Livio Pavese – Piemont (91 Punkte)  ist sicherlich von der Papierform nur ein Einstiegswein, doch was ein ordentlicher Erzeuger in einem Top-Jahr auf die Flaschen bringen kann, zeigt dieser Barbaresco . In der Nase ein Waldfruchttee-Mix, Anklänge an feuchtes Unterholz und auch etwas Liebstöckel. Am Gaumen sehr lebendig, schöne Kräutrigkeit, Sauerkirschen, rote Johannisbeeren (roter Früchtetee). Dieser Wein zeigt bei aller Leichtigkeit einen erstaunlichen Charakter; ist recht fein und harmonisch und obendrein kann er immer noch einen zarten Schmelz vorweisen.

 

Der nächste Wein kommt aus einem ebenfalls großen Jahrgang, der jedoch nicht ganz das Niveau des 78er erreicht: der 1974 Barolo Annunziata von Angelo Germano – Piemont (92 Punkte) floss sehr klar ins Glas und zeigte in Mund und Nase eine hervorragende Struktur. Für sein Alter besitzt er noch viel Druck und Kraft, alle Komponenten dieses Barolo haben sich gut miteinander verwoben und seine klare, eher maskuline Art mit eher dunklen Aromen passt sehr gut zu den immer noch widerhakenden Tanninen. Frei von Liebstöckelaromen und anderen Erscheinungen, die häufig eine baldiges Ende verkünden.

Der letzte der drei kleinen Italiener war dann auch der älteste: 1961 Giacomo Damilano Riserva Speziale – Piemont (91 Punkte). Diese Kellerei ist auch heute immer noch im Familienbesitz, wenn auch im weit verzweigten. Nach Ende des 2.Weltkrieges hat man im Hause begonnen eigenen Wein herzustellen und zu vermarkten. Der heutige Standort zwischen Alba und Barolo existiert seit 1965. Dieser Weine müsste somit den damaligen Umzug miterlebt haben. Es ist schon erstaunlich, was dieser über 45 Jahre alte Wein noch so ins Glas zaubert;  die Farbe muss für einen so alten Barolo als überraschend dicht bezeichnet werden, an Gaumen und Nase zeigt er eine feine Tertiärfrucht, unterstützt von feinwürzigen Noten. Insgesamt gut strukturiert und balanciert, mit noch erkennbaren Tanninen und mineralisch wirkenden Eindrücken.

2006 Hermann Dönnhoff, Niederhäuser Hermannshöhle GG – Nahe (für mich die Rettung)

95 Punkte – Nach dieser total bescheidenen Woche, in der man mir erst die Scheibe am Auto eingeschlagen hat, um das Handy zu klauen und mir am nächsten Tag (mit reparierter Scheibe) die Polizei selbiges Auto abschleppt , weil – aus welchen Gründen auch immer – nachts auf einmal alle 4 Fenster offen gestanden haben. Gestern hat mich dann die Polizei angehalten, um meinen Alkoholpegel genauer unter die Lupe zu nehmen (Gott sein Dank hatte ich abends zum Essen nur ein Glas (0,15) Wein getrunken); und so bin ich heute total gefrustet in den Keller gegangen, um mir auf diesen ganzen Sche… mal richtig was zu gönnen. Eigentlich denkbar ungünstige Voraussetzungen, für den Wein, der dran glauben musste. Denn die Erfahrung zeigt, wenn man selbst schlecht "drauf" ist, ist es der Wein meist auch (oder wie erklärt sich diese häufig festgestellte Korrelation). Doch diesmal war alles anders:

Die Hermannshöhle von Dönnhoff stand noch am Kellereingang (und wartete eigentlich darauf inventarisiert zu werden) und strahlte mich an und sagte: Nimm mich, nimm mich, ich bringe Dich auf andere Gedanken, ich habe alles, was Du brauchst. Naja, dachte ich, trockener Riesling des Jahres im Gault Millau – we will see…….

…… 95 Punkte, ein unglaublicher Stoff, geradezu elektrisierend.Was ich nicht verstehen kann, wie so ein junger Riesling, der vor Kraft und Tiefe nur so strotzt, trotzdem schon eine solche  Harmonie sein Eigen nennen kann.

Die Nase ist geprägt von kräuterwürzigen, etwas heuig-strohigen und tief mineralischen Noten. Die Frucht ist steinobstig und gelb. Am Gaumen tief wie ein Bass, dicht, extraktreich, mit geilem Biß, der Dich – ja Dich geneigter Leser und potentieller Käufer dieses Weines – packen wird und in seinen Bann zieht. Man schnallst unweigerlich mit der Zunge, die Aromenschwaden ziehen durch den Rachen und schlagen in immer neuen Wellen an den Gaumen. Saftig, hervorragendes Spiel zwischen den eher weiss-gelbfruchtigen Fruchtaromen und der feinen, auch etwas salzigen Bitternote einer grandiosen Mineralik; tabakig, Sauerampfer. WOW packt der zu. Grandiose Länge. Bitte, bitte nicht alle Flaschen für die perfekte Trinkreife aufbewahren, so etwas MUSS man in seinem jugendlichen Überschwang erleben. Und wenn ich das mal mit dem 06er UNENDLICH von F.X. Pichler vergleiche, gehen für mich die 12 Punkte an Deutschland und "nur" 10 Punkte an Österreich, weil – trotz allen Drucks und der Kraft, die ihn auszeichnet – dieser Riesling aus der Hermannshöhle  eine Ebene besitzt, die zeigt, dass auch ganz kleine, klitze-kleine Nuancen, gewisse Verspieltheiten sozusagen, beim genauen "Hinhören" zum Vorschein kommen, die ungeheuer animierend und Gesprächs-anregend sind. RIESIGES Potential !!

P.S. Ich bin mit der Welt wieder im Reinen . und das nach einer halben Flasche !!!

Weinprobe Riesling Deutschland vs. Österreich – Trinkgenuss, Wucht und Finesse……Kork und andere Fehler

Ein feucht-fröhlicher Weinabend mit altbekannten Weinfreunden aus Hamburg, einem Berliner Wein-Plusler der ersten Stunde und einem überaus netten und kompetenten Neuzugang aus der „Berliner Küche“ nahm in Hamburg seinen Lauf….

 

Wegen entstellender (Kork)-Fehler leider unverkostet das zeitliche gesegnet:

 

1999 Knoll, Ried Schütt – Riesling Smaragd, Wachau

1988 Karthäuserhof, Kathäuserhofberg Riesling Spätlese Versteigerungswein

1986 Ducru-Beaucaillou

Die Weine nachfolgend als Einzeleintrag:

2002 Wittmann, Kirchspiel Großes Gewächs / Rheinhessen

94 Punkte Hofschuster hat diesem Riesling im Wein-Plus-Weinführer am 14.11.2003 grandiose 98 Punkte  und einen Trinkgenuss bis 2015 zugestanden (Hmmm, diskussionsfähig). Eichelmann und Gault Millau haben ihn jeweils mit 90 bepunktet  und ihm eine Trinkreife bis 2007 attestiert (bull shit). Dieser wunderbare Riesling steht für mich am Beginn seiner optimalen Trinkriefe, die über mindestens 4 weitere Jahre anhalten wird und danach hat er sicherlich über weitere 6 Jahre die Substanz, dass er für Riesling-Kenner immer ein willkommener Stoff bleiben wird, über den man trefflich philosophieren kann.

 

Dieser Wein ist in seiner Harmonie nicht so laut, wie einige andere, die alles platt machen wollen, was ihnen in den Weg kommt. Dieser Wein zeigt jetzt eine schöne Finesse, ist dabei kraftvoll im Sinne von drahtig und druckvoll. Wenn ich ein Bild von diesem Wein zeichnen müsste, würde ich wohl das Bild einer Leistungssportlerin im Abendkleid bemühen – Kraft, Anmut und Eleganz harmonisch vereint. Genug geträumt – zum Wein: feine Frucht, überwiegend Noten von Zitrusfrüchten; immer noch herrlich frisch; tolle mineralische Tiefe, feine Würzigkeit, recht druckvoll, dabei verspielt und tänzelnd auf der Zunge. Sehr vielschichtig und harmonisch. Klasse Länge.