Ten Years After – Große Gewächse (und Vergleichbares) des Jahrgangs 2004 – Teil 1/2

GG 2004Wie schon im letzten Jahr, hat unsere Hamburger Weinrunde auch dieses Jahr wieder eine Bestandsaufnahme der Großen Gewächse zehn Jahre nach Ihrem Erscheinen unternommen. Dem lieben Ole sei Dank, der für die Probe seinen Keller geöffnet hat und bei der Auswahl ein goldenes Händchen bewies. An dieser Stelle ist auch der kleine Pferdefuß einer solchen Probe zu sehen, sie kann eben nur eine Stichprobe sein. Da jedoch die Keller unserer Runde voll sind, wird es in Kürze noch Teil 2 der Ten Years After Probe geben.

Das Weinjahr 2004 war nach dem Hitzejahrgang 2003 wettertechnisch eher das Gegenteil – ein kühler Jahrgang mit einer sehr langen Reifeperiode. Um die volle physiologische Reife der Trauben zu erreichen, mussten die Winzer pokern, Klaus Peter Keller hat z.B. die Lese erst am 23. November beendet. Wer die Nerven behielt, konnte phantastische Trauben einbringen – vollends ausgereift und mit guten Säurewerten. Durch die Bank zeichnete alle Weine unserer Probe eine hohe Frische und aromatische Tiefe aus. Einige waren auch 10 Jahre nach Ihrem Erscheinen noch so unglaublich jugendlich, dass man sprachlos ins Glas schaute und sich beklommen fragte, warum man selbst in der gleichen Zeit deutlich stärker gealtert ist. Basis glockenklarer Rieslinge ist ein absolut sauberes Lesegut, dass der Jahrgang 2004 vielen Winzern auch reichlich beschert hat. Einige Weine der Probe versprechen auch für weitere Jahre herrliches Trinkvergnügen.

2004 Eitelsbacher Karthäuserhofberg Riesling Auslese trocken, Karthäuserhof – Ruwer

93 Punkte – Der Wein sieht im Glas immer noch unglaublich jung aus, transparentes Zitronengelb mit ganz leicht grünen Reflexen. Schon unglaublich, was hier Christoph Tyrell und sein Team auf die Flasche gebracht haben. Schlank, tief und komplex sind die Attribute, die es am besten beschreiben. Ein frischer Duft von Sauerampfer, weißen Johannisbeeren und nassen Steinen, dazu ein Hauch Waldmeister. Dezente Zitrusnoten, sehr klar, rein und frisch; herrlich schlanke Figur, immer noch mit gutem Biss, Grip und enormer Tiefe, schöne Säure. Mineralische Länge! Sehr harmonisch! Auch wenn das damals noch kein GG war, hat Ole die richtige Entscheidung getroffen, diesen Wein in die Probe zu stellen, ein Musterschüler an Frische, Langlebigkeit und Mineralität.

2004 Riesling Winninger Uhlen R, Heymann-Löwnestein – Mosel

90 Punkte – Ein völlig anderer Stil im Vergleich zum Karthäuserhofberg. Typischer Heymann-Löwenstein-Stil: enorm reifes Lesegut, knapp an der Grenze zur Überreife, in seiner Art sicherlich ein Unikat und letztlich ein Stil an dem man sich reiben kann. In der Nase ein Duft von Muskatnuss, Apfelmus, exotischen Früchte und Kräutern. Am Gaumen fällt sofort die deutliche Restsüsse auf, die im Jahrgang 2004 jedoch einen fast ebenbürtigen Gegenspieler namens Säure bekommen hat. Saftiger Stoff mit kräftiger Würzigkeit und hoher Schiefermineralität, Orangenzesten, hoher Extrakt. Barocke Statur, aber auch viel Spiel, dezente Bitternoten und schmutzige Mineraität, da passiert ordentlich was im Glas. Erinnert mich an fruchtiges Marzipan und orientalische Gewürze. Bleibt am Gaumen lange haften, zeigt aber auch eine gewisse Schwerfälligkeit, die in 2004 auf Grund der Säure jedoch nicht gar so behäbig ausfällt wie bei anderen Jahrgängen dieses Weins.

2004 Oestricher Doosberg Riesling ***, Peter Jakob Kühn, Rheingau

92 Punkte – 3.Wein im 1.Flight und nochmals eine völlig andere Interpretation des Jahrgangs. Bei diesem Wein haben Maischestandzeiten bzw. eine Vergärung auf den Schalen genauso eine Rolle gespielt, wie der eher oxidative Ausbau im Fass. In der Nase dominiert eine deutliche Phenolik, der Doosberg zeigt viel kräutrige und vegetative Aromen (Verbene, Anis, Kamille und Heu), auch ein schöner Hefezopf kommt mir in den Sinn. Am Gaumen ein vergleichbares Aromenbild, weißer Tee, Lakritze, Kamille und vieles mehr, ist aber nahezu fruchtfrei. Der Wein überzeugt mit seiner lebendigen Art und Frische, und ist keineswegs – wie kürzlich in einem Blog gelesen – bereits hinüber. Der Wein ist furztrocken, zeigt viel mineralisches Spiel und Druck sowie ein wunderbares Säurespiel; der Abgang ist lang anhaltend und ausgewogen.

2004 Rüdesheimer Schlossberg Riesling Erstes Gewächs, August Kesseler – Rheingau

91 Punkte – Ein klassischer Rheingauriesling wie er im Buche steht. Die Nase ein frisches, duftiges Potpourri weißer und gelber Steinobstfrüchte, dezente Kräuterwürze. Am Gaumen herrlich frisch, klar und saftig. Quicklebendig und doch konzentriert, schöner fruchtiger Extrakt. Insgesamt stimmiger Wein, am Gaumen wird die gelbe Frucht komplettiert durch feine Würzaromen, ein paar Gramm Restzucker und eine passende Säure sorgen für das nötige Gleichgewicht. Der Schlossberg hat einen schönen Körper und einen weichen Schmelz. Sehr trinkig!

2004 Monzinger Halenberg Riesling GG, Emrich-Schönleber – Nahe

95 Punkte – für mich eines der GG, das man – auf Grund seiner alljährlichen aromatischen Konsistenz und Klasse  – blind getrunken recht leicht zuordnen kann. Die 04er Jahrgang sticht als primus inter pares selbst hier heraus, ein unglaublich gelungener Halenberg. Ein voller Gongschlag mit höchst reinem Klang. Die Nase ist dicht und reintönig, eine Mischung aus kühlem Gletscherwasser, das mit getrockneten Kräutern, Zesten von Zitrusfrüchten und Steinmehl angereichert wurde; Ingwer und rohen Tobinambur habe ich mir ebenfalls notiert. Am Gaumen auch nach 10 Jahren noch mit viel Zug und innerer Spannung, kraftvoll, vital. Die ausgeprägte Mineralität und ein reine, vielschichtige kühle Frucht sowie Kräutrigkeit beschäftigen die Sinne und den Geist beim Genuss dieses wirklich „Großen“ Gewächses. Hier passt alles: Kraft, aromatisches Spiel, Mineralität, Kühle, animierende, perfekt eingebundene Säure und Länge. Champions League!

2004 Niederhäuser Hermannshöhle Riesling GG, Weingut Dönnhoff – Nahe

96 Punkte – Ebenfalls Champions League, aber anders in der Stilistik als der Halenberg von Emrich-Schönleber. Die Harmonie, Finesse und Eleganz dieses Weins ist so besonders, dass man ihm schon seine Aufmerksamkeit schenken muss, um das gesamte Aromenspiel mit seinen zahlreichen Verästelungen vollständig wahrzunehmen. Stand der Halenberg mitten im Raum und hatte gleich die voller Aufmerksamkeit, so möchte die Hermannshöhle mit ihrer Noblesse, Eleganz und Vielschichtigkeit entdeckt werden. Harmonie, höchste Harmonie, filigran, aber nachhaltig. Mineralisch; komplexe und zarte Fruchtanklänge, viel innere Spannung, wunderschön balanciert, feines Spiel. Lupenreiner Diamant, elegant und perfekt – einmal mehr bestätigt: echte Klasse und Perfektion sehen stets leicht und spielerisch aus. Königswein!

GG 2004 Nahe Rheingau
GG 2004 Nahe Rheingau

2004 Westhofener Kirschspiel Riesling GG, Weingut Wittmann – Rheinhessen

90 Punkte – Goldgelbe Farbe, kraftvolle, dichte gelbe, aber auch etwas verwaschene Frucht, erdige Noten, Quitte. Am Gaumen vergleichbare Aromatik: viel gelbe Frucht, sehr dicht und kompakt, aber auch ein wenig grobmotorisch, erkennbares Bitterle, sehr viel Extrakt, mittlere Länge. Die Säure ist stimmig und gibt dem Wein ein gutes Rückgrad, sodass der Wein insgesamt als reicher, kraftvoller, aber etwas ungelenker Typ rüberkommt – als Gesamtpaket weiß er trotzdem zu gefallen.

2004 Westhofener Kirschspiel Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen

95 Punkte – Die Nase wirkt immer noch jung und zeigt viel Spiel. Deutlich von einer kräutrigen Mineralität geprägt, dezente Citrusnoten. Im Mund immer noch erstaunlich straff, jung und zupackend. Die Verbindung von viel innerer Kraft und Spannung mit Ausdruck, Vielschichtigkeit sind eine Kombination, die diesen Wein zu einem ganz besonderen Erlebnis machen. Dieser Wein lebt und entwickelt sich im Glas, Schluck für Schluck lutscht und kaut man und gewinnt immer neue Eindrücke. Bei aller Vielschichtigkeit hat der Wein eine klare Linie, der man nur allzu gerne folgt. Feines Säurespiel und mineralische Tiefe, getrocknete Kräuter, salzige Mineralität. Langes und mineralisches Finale. Großes Kino!

2004 Forster Pechstein Riesling GC, Dr. Bürklin-Wolf – Pfalz

92 Punkte – Helles Goldgelb. Bereits in der Nase präsentiert sich der Grand Cru 2004 aus dem Forster Pechstein als überaus harmonischer und ausgewogener Riesling. Gelbe Frucht, enorm cremig, hocharomatisch mit schönem Extrakt, guter Frucht und feiner Würze; zeigt Widerstand am Gaumen und endet lang auf der Frucht. Auch dieser Wein ist noch jung und kann wie fast alle anderen 2004er dieser Probe noch viele Jahre auf hohem Niveau genossen werden.

2004 Forster Kirchenstück Riesling GG, Reichsrat von Buhl – Pfalz

93 Punkte – Im Auftakt dezente Birnenaromatik, dann weiße Johannisbeeren, weiße Haribo-Gummibärchen (musste ich aufschreiben, da ich die so mag – hier aber nicht so süss), wirkt insgesamt sehr jung und frisch. Am Gaumen mit recht straffer Minrealität, wieder Birnenfrucht, Zitronentarte, feinsaftig, immer noch druckvoll, animierende Säure, sehr jung, mit etwas Luft wird er tiefgründiger. Frucht und Kräuter – wirkt gut definiert und geradeaus in seiner Art, schöne Länge. Immer noch jungendlich.

2004 Königsbacher IDIG Riesling GG, Christmann – Pfalz

89 Punkte – Satte Frucht, durchaus tiefer Ansatz, hocharomatisch, ein wenig Honig, Apfel, eines der gereiftesten GG unserer 2004er Probe, ein Hauch Boytristis? Viel gelbe Früchte, schöne Würze – insgesamt sehr kraftvoll und substanzreich, hat Power, die Säure bietet Paroli. Eine Riesling im Sinne eines Wachauer Smaragds. Substanzreicher Wein, aber auch etwas schwerfällig.

2004 Riesling Saumagen Auslese R, Koehler-Ruprecht – Pfalz

96 Punkte – Als Einziger 9 Stunden dekantiert. Helles Weiß- und Gelbgold. Vital und glockenklar, viel innere Spannung und Tiefe, der Wein fährt mit Vollgas geradeaus, die Quintessenz eines reintönigen Rieslings – belebend, selbst am Ende einer Weinprobe wie ein Weckruf. Konzentriert und vital – mir gefällt diese pure, klare Art, die Tiefe ohne Schwere zulässt, die Komplexität ohne Schminke kann und Länge ohne Tricks beschert. Das ist Weltklasse!

GG 2004 Pfalz

2004 Valpolicella Classico Superiore, Giuseppe Quintarelli, Venetien

92 Punkte – unweit des Gardasees, mitten im Herzen von Venetien, liegt der überaus beschauliche Ort Negrar. Einer seiner berühmtesten und beliebtesten Einwohner war Giuseppe Quintarelli, genannt Bepi. Der grandfather des Amarone setzte in jeglicher Hinsicht auf Tradition und Qualität. Die Weine kamen bzw. kommen regelmäßig sehr spät auf die Flasche und wurden bis dato erst freigegeben, wenn Bepi sie für würdig hielt, genossen zu werden. Da wundert es nicht, wenn aktuell erst der 2004er Jahrgang im Verkauf ist – und das wohlgemerkt beim vermeintlich einfachen „Valpolicella“

Anderorts für Euro 1,99 als billiger Fusel erzeugt und verschleudert, ist der Valpolicella von Quintarelli der Archetyp dieses herrlichen Weins. Mit einer schönen, etwas transparenten, rubinroten Farbe steht er im Glas.  Die Nase erinnert an rote Waldbeeren, Knubberkirschen, Lorbeerblätter und feuchten Waldboden. Den Gaumen erfreut dieser wunderbare Valpolicella mit Aromen von reifen Pflaumen, Knubberkirschen (fast schwarz, süß, herzhaft und auch ein wenig bitter). Unterfüttert wird die ausdrucksvolle Frucht mit feinkörnigen, aber doch recht stammen Tanninnen, die Säure bringt Frische in den mit 15% Alc. nicht ganz leichten Stoff. Am Gaumen spielt er eine breite Klaviatur aus einer delikaten Frucht, feinen Gewürzen, Leder, erdigen Noten, Blut und Eisen. Er ist straff und hat viel Zug, aber er ist nicht schwer oder gar dick und mastig. Der Alkohol ist perfekt eingebunden, trotzdem sollte man sich keine ganze Flasche vornehmen – einerseits viel zu schade, andererseits schmeckt er auch die folgenden Tage ausgezeichnet. Nicht zu warm trinken, bei 16-18 Grad Celsius.

2004 Riesling Oestricher Doosberg 3 Trauben, Peter Jakob Kühn – Rheingau

89 Punkte – Nach langer Zeit (7 Jahre; vgl. http://weinwelt.blogg.de/eintrag.php?id=72 ) mal wieder einen 2004er Doosberg von Kühn im Glas und ich bin immer noch überzeugt von diesem ungewöhnlichen Riesling. Peter Jakob Kühn war damals noch mitten in den ersten Jahren seiner Umstellung des Betriebes auf biodynamischen Weinbau. Sowohl seine bisherigen Kunden als auch die geneigte "Weinexpertenschar" hatten reichlich Diskussionstoff, ob dieser neuen Ausrichtung im Weinberg und Keller. Zugegeben, diese neue "alte Art" von Riesling ist alles andere als mainstream und sicherlich keine easy drinking, aber wer Zeit mitbringt und Lust verspürt sich einzulassen, reinzuhorchen in die Tiefen eines Weines geht auf eine Entdeckungsreise zu "unbekannten Welten" – ganz im Sinne des Raumschiffes Enterprise. Heute hat Peter Jacob Kühn seinen Weg gefunden, die Symbiose aus biodynamischem Weinbau und bekannten rheingauer Wein-Geschmackswelten – doch ich gehe gerne zurück in seine Experimentierphase (die es auch heute noch gibt, z.B. bei seinem 2009er Amphorenwein), in denen z.B. lange Maischestandzeiten / Vergärung auf den Schalen  solche Weinunikate formten, wie dieses, das gerade vor mir im Glas steht.

Goldgelb fliesst dieser acht Jahre alte, trockene Riesling ins Glas.  Die Nase zeigt wenig Frucht, dafür gibt es Noten von Bienenwachs, grünen Walnüssen, grünen Oliven und (sehr) reifen Äpfeln. Am Gaumen überrascht die Frische, sicherlich gut unterstützt von einer schönen, kräftigen Säure. Geschmacklich fallen mir Dinge wie Brioche; Toffee; reife, etwas mehlige Äpfel, Heu und grüne Mandeln (wer schon einmal junge, grüne Mandelfrüchte – bestehend aus Haut und Haaren, also noch ohne harte Schale probiert hat, weiss wovon ich rede) ein. Insgesamt ein kräftiger Bursche, mit Kraft, Saft (extraktreich) und Spiel, aber kein Sinnbild für leise Töne und aristokratische Eleganz. Mir gefällts trotzdem – auch wegen der großen Länge am Gaumen.

http://youtu.be/7VkRsfHz0r8

BIG FIVE – Nashorn und Mouton (Teil 2)


2004 Chateau Mouton Rothschild

92 Punkte – Das ist ein Mouton!?  Ein junger Pauillac und so fruchtbetont, weich und mit seidener Oberfläche; auf mich wirkt der Wein eher wie ein sonnengereifter US-Bordeaux-blend a la Opus One. Diese Bemerkung bitte richtig verstehen, als Beschreibung, nicht als Kritik. Ich mochte diesen hedonistischen Stoff, den man etwas verkürzt so beschreiben kann: fruchtig, tief, dunkel und weich. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn die Frucht ist nicht nur dicht, sie ist überaus komplex und hat viele Facetten, da findet man Kirschen, rote Grütze, Pflaumen, aufregende Gewürze, wie Zimt, Nelken und einen Hauch von Orient. Die Anklänge an Kakao, verbunden mit einer schönen Extraktsüße haben mich wohl bewogen auf meinem Verkostungszettel "milky way“ zu notieren. Die fruchtige Kraft und Konzentration sind wirklich gut gemacht und bemerkenswert, denn der Wein wirkt trotzdem kühl, edel und elegant. Die Tannine haben einerseits eine schmeichelnde, weiche Oberfläche, aber andererseits durchaus Kraft und sind strukturgebend. Wer Parkers Notiz aus 2007 liest, muss annehmen, dass die Tannine einmal deutlich(!) heftiger wahrgenommen wurden, denn er attestiert dem 2004er Mouton eine: „impressive concentration, and a primordial backwardness that will require 10-15 years of cellaring, (…) but the biting tannins will preclude any enjoyable consumption over the next decade. Anticipated maturity: 2020-2035” Aus meiner Sicht ist der Wein jetzt in einer ersten, schönen Genussphase, über seine Zukunft zu spekulieren ist aber schwierig, dennoch sollten die nächsten 15-20 Jahre kein Problem sein.

 

1983 Chateau Mouton Rothschild

84 Punkte – Die Notiz zu diesem Wein fällt etwas kürzer aus, denn ich glaube, dass die Flasche einen Vorbesitzer hatte, der sie falsch gelagert hat.  Tiefer, dunkelroter Farbkern. Am Gaumen eine Mischung aus Sylvesterkracher (Schießpulver), Liebstöckel, Sauerkraut und Molke. Am Gaumen gewisse malzige Süße, die Säure steht dagegen etwas außen vor, wirkt sehr reif. Malz, Sojasoße, deutliche Tertiäraromatik. Nach kurzer Zeit im Glas fällt der 83 Mouton ziemlich schnell in sich zusammen. 

 

1998 Chateau Mouton Rothschild

96 Punkte – Für mich der einzig große Mouton an diesem Abend. Der Wein zeichnet sich durch eine sehr tiefe, edle und genießerische Aromatik in Nase und Mund aus. Reich, fest gebaut, hervorragend strukturiert und mit aromatischer Tiefe und Vielfalt drückt sich dieser tolle Bordeaux an den Gaumen. Saftige und konzentrierte dunkle Frucht; Duft von dunkler Schokolade, Cohiba-Zigarren, Lakritze, Espresso-Bohnen, Cassis sowie einem Hauch von Minze. Auffallend schön auch die feinsandigen Tannine, die komplexe Art und die tolle Länge des Weins. Ein Beau, der noch viele Jahre nachhaltig Freude und Genuss bereiten wird. Wer einmal Mouton Rothschild kennenlernen möchte ist mit diesem Jahrgang sicherlich gut bedient, denn Euro 300,- sind sehr, sehr viel Geld, aber man bekommt einen großen, klassischen Pauillac, der immer noch deutlich günstiger ist als Flaschen aus aktuellen Jahrgängen, bei denen man nicht nur Zeit mitbringen muss, sondern auch eine gewisse Portion Unsicherheit in den Keller einlagert. 

1979 Chateau Mouton Rothschild

91 Punkte – Die letzte Benotung von Robert Parker im Jahr 1998 mit 76 Punkten ist vernichtend für einen Premier Grand Cru Classé. Er schrieb in der 3.Ausgabe seines Bordeaux-Führers: „It is a high acid Mouton that has always been austere. (…) It is the tannin, acidity, alcohol, and wood that make up much of the uninspiring aromatics and flavors. The 1979 Mouton is an uninteresting wine that has no place to go.” Auch ansonsten ist der Jahrgang 1979 nicht gerade als Riesenjahr bekannt; Achim Becker (www.weinterminator.de) schreibt z.B. „Wer Weine aus 1979 sucht, muss dreimal hingucken. Zu heterogen war das, was in diesem Jahr erzeugt wurde.
In Bordeaux wurde die größte Ernte seit 1934 eingebracht.“ – Aber probieren geht eben doch über studieren und wer nicht wagt, der nicht gewinnt ;-))

In der Nase eine ausgeprägte Aromatik von getrockneten Kräutern und Wiesenblumen, ein nicht namentlich genannter Teilnehmer freute sich sichtlich, denn er meinte: „der riecht wie ein guter „Roter Libanese“, die ganz leicht harzigen Noten sind vergleichbar. Am Gaumen zeigt der Wein Anklänge an rote Früchte, Zigarrenkiste und feine Gewürzaromen (Muskatnuss); mich überzeugt er mit seiner Standhaftigkeit und der schönen Harmonie, die er inzwischen aufweist. Die Tannine sind ziemlich abgeschmolzen, die Säure passt sich aber gut ein und ist jetzt richtig gut zu trinken. Wichtig: Ein paar Stunden vor dem Genuss öffnen, gerade die etwas älteren Herren brauchen die Luft.

 

1998-2008 Spätburgunder SD, Weingut Jacob Duijn – Baden

Schon lange liegen ein paar Flaschen Spätburgunder vom Weingut Duijn in meinem Keller. Jedes Jahr kamen ein paar wenige hinzu, aber getrunken habe ich meist „nur“ den Spätburgunder „Jannin“, also den Spätburgunder, den Jacob Duijn aus seiner Parzelle im Altschweier Sternenberg  erntet und der – preislich gesehen – die Mittelklasse des Hauses darstellt. Ein, zwei Flaschen der Luxusklasse, also dem SD aus der Lage  Bühlertaler Engelsfelsen habe ich stets auf die Seite gelegt und mir vorgenommen, sie im Rahmen einer Vertikalprobe mit Freunden zu studieren und zu genießen. Als nun auf einer  unserer letzten „Arbeitsproben“ das Gespräch auf deutschen Spätburgunder kam und in diesem Zusammenhang ein Kollege meinte: „also vom immer hoch gelobten Duijn habe ich noch nichts Besonderes getrunken“, war die Zeit reif, meine kleine SD-Sammlung zu opfern, denn nach meinen persönlichen Erfahrungen mit den Weinen von Jacob Duijn war ich diametral anderer Meinung.  Aber bekanntlich liegt die Wahrheit im Glas. Auf unserem allmonatlichen Jour fixe (also unserem Arbeitstreffen) standen im Mai die Spätburgunder SD 1998 bis 2008 aus dem Hause Duijn. An dieser Stelle sei nochmals Anne Seifried, der Lebenspartnerin von Jacob Duijn, gedankt, die in einer tollen Hau-Ruck-Aktion noch am Freitagnachmittag die beiden letzten Jahrgänge auf den Weg nach Hamburg gebracht hat, sodass wir am nachfolgenden Montag auch die Jahrgänge 2007 und 2008 in unserer Verkostung anstellen konnten.

Um die Weine besser verstehen und einordnen zu können, sind ein paar wenige Informationen zu Jacob Duijn und seinen Weinen sicherlich wichtig. Für mich die beste Nachricht vor ein paar Jahren war, dass Jacob auf biodynamischen Anbau umgestellt hat. Ich persönlich bin von diesem nachhaltigen Konzept sehr überzeugt und freue mich über jeden einzelnen Winzer, der diesen Weg einschlägt, denn nur durch die Rückbesinnung auf die Natur – bei gleichzeitiger Wiederherstellung der Natur – kann einerseits das Terroir vollumfänglich im Wein zum Ausdruck gebracht werden  und gleichzeitig ein Beitrag zum Erhalt der natürlichen Ressourcen geleistet werden. Der Verzicht auf Chemie im Weinberg ist dabei nur ein Bruchteil der Philosophie, viel wichtiger ist die Idee, das natürliche Gleichgewicht und damit die natürliche Widerstandskraft von Boden, Pflanzen, Tieren und somit natürlich auch der Reben wiederherzustellen. Das Ergebnis sind von Natur aus gesunde und wohlschmeckende Trauben, die das Terroir und den Jahrgang zu 100% widerspiegeln können. Ganz selbstverständlich gehört für mich zu dieser Idee auch die Vergärung mit den natürlichen Hefen aus Weinberg und Keller, Reinzuchthefen haben da nichts zu suchen. Insofern ist auch „demeter“ zu kritisieren, die Ihren zertifizierten Winzern erlauben, mit Reinzuchthefen zu arbeiten. Doch Jacob Duijn ist konsequent und setzt weder Reinzuchthefen ein, noch werden die Weine geschönt oder gefiltert. Letztlich wird jede  Form von Manipulation des natürlichen Ausdrucks vermieden und das ist für mich  genau das Gegenteil von Langeweile im Wein, das ist Spannung, Veränderung und Genuss  und damit Basis für eine sowohl intellektuelle als auch sinnliche Auseinandersetzung mit dem Wein.

Die Lage Bühlertaler Engelsfelsen ist geprägt durch Granitverwitterungsboden mit aufgeschlossenem Granit, der „dem Boden in einigen Grand Cru Lagen des Beaujolais sehr ähnelt“ (vgl. Braatz, Sautter, Swoboda, Holler: Weinatlas Deutschland, S. 182). Der Rebbestand für den SD ist im Schnitt über 40 Jahre alt; der Ertrag liegt gemäß Webpage (vgl. www.weingut-duijn.de) bei ca. 25 hl/ha. Das Lesegut wird weitgehend von Hand entrappt,  jedoch werden 20% der Stiele mitvergoren und die Gärung findet in 3000 Liter großen Holzbottichen statt. Die 2.Gärung erfolgt während der Lagerung im Barrique, die Weine liegen dort ca. 24 Monate.

Wir verkosten in unserer Gruppe schon seit vielen Jahren Wein, doch selten gab es eine so homogene Bewertung. Nachfolgend schildere ich meine – höchst subjektiven – Eindrücke zu den einzelnen Jahrgängen:

 

1998

Reife Farbe mit leichtem Wasserrand und orangenen Anklängen;  zur Mitte hin ziegelrot; etwas matt. Die Nase ist geprägt von einem schönen Duft von verwelkten Blüten und getrockneten Kräutern, dazu ein wenig rauchige Noten (Toast), reife Erdbeeren.  Das schöne und differenzierte Bukett schraubt die Erwartungen hoch, doch am Gaumen kann er nicht ganz das Niveau halten: Kühle Art, mit deutlicher Mineralik, mittelgewichtig; die recht kräftige Säure verleiht ihm einen Ausdruck von Frische. Neben dem mineralischen Eindruck, fällt das sehr abgebaute Tannin auf. Erst langsam entfaltet sich ein Aroma von Kirschen und schwarzen Pfeffer, das auch den Abgang prägt. – 89 Punkte  / Durchschnitt der Runde: 88

 

2000

Deutlich glänzender und strahlender als der 1998er, auch in der Farbe frischer.  Gereifter Pinot mit ausdrucksvollem, fest gewirktem Bukett;  eher dunkles Beerenaroma, aber auch Erdbeeren, klare Note von getoastetem Holz, leicht rauchig. Die Nase ist nicht ganz so edel und ausdifferenziert wie beim 1998er. Am Gaumen zeigt der 2000er SD dafür eine schöne, dichte und rotbeerige Frucht, feine Tannine und Anklänge von gebranntem Holz. Insgesamt ein ziemlich geradliniger Typ, mit feinem Schmelz und korrespondierenden Tanninen. Die Mineralität ist ebenfalls nicht ganz so ausgeprägt wie beim 98er, aber immer noch gut wahrzunehmen; auch im Abgang erscheint mir der 98er etwas länger. – 88 Punkte  / Durchschnitt der Runde: 88,2

2001

Das Fazit vorweg – wow, was für ein feiner, tiefgründiger und finessenreicher  Spätburgunder.  Eine Flasche von diesem  2001 Spätburgunder  SD,  ggf. noch ein gutes Buch und  das Leben meint es wirklich gut mit Dir.  Der Wein duftet herrlich;  die tiefen und vielschichtigen Aromen strömen einem förmlich entgegen -betörend!!  Zitat am Tisch: „Was für eine geile Nase!“  – man kann es sicherlich feiner artikulieren, aber im Ergebnis ist dem nichts hinzuzufügen 😉

Aroma für Aroma entwickelt dieser wunderbare Spätburgunder; da findet man Noten von getrockneten Kräutern (z.B. Kamille und Salbei),  Orangenschalen, Erdbeeren, aber auch Jod und Tabak.  Insgesamt ein wahres Wunder an Komplexität und Differenziertheit.  Am Gaumen das Spiegelbild der Eindrücke aus der Nase. Der 2001er SD bietet eine hervorragende aromatische Tiefe, ist dabei  kompakt & kraftvoll und bietet dem Gaumen Widerstand. Ein nahezu  perfektes Bild entwickelt sich auf der Zunge:  die Kombination  aus  feiner Saftigkeit, unterlegt mit einer reifen Säure und  perfekt eingebundenen Noten aus dem Barrique-Lager bilden hier die Grundlage. Hinzu kommt ein Spiel  aus Kraft und Muskeln einerseits und differenzierter Frucht und Anmut andererseits.  Diesem so erzeugten Spannungsbogen kann man sich als Genießer kaum entziehen.   Der 2001er Spätburgunder SD von Jacob Duijn zeigt sich lang und elegant im Abgang und auch hier weiß er mit seiner  höchst komplexen Art zu betören. Einmal, durch etwas Belüftung der Flasche nach dem Öffnen in Fahrt gekommen, tragen seine Anlagen ihn weit über 90 Punkte-Linie  und das lange Finale brennt sich in die Erinnerung  eines jeden Weintrinkers ein. – 95 Punkte / Durchschnitt der Runde: 94,2

2003

Nach den bereits drei verkosteten Jahrgängen 1998,2000 und 2001 strömt dieser Wein mit einer so tiefen und satten Farbe ins Glas, dass man sich fragt, welcher Dunkelfelder hier farbgebend war 😉 Natürlich ist das nicht der Fall, sondern die auffallend dunkle Farbe dürfte ein Spiegelbild des Hitzejahres 2003 sein (dickere Beerenschalen?)

In der Nase wirkt der Wein zunächst recht verschlossen, dann entfaltet sich eine dunkle Frucht, mit einem deutlichen Kirscharoma und Anklängen an Gewürze wie z.B. Nelken.  Auch am Gaumen ein für Spätburgunder eher ungewöhnliche Aromatik; mich erinnert er an die Donauwellen meiner Mutter, da gehen Knubberkirschen, Schokolade und Buttercreme eine wunderbare  Koexistenz ein.  Die 2003er Ausgabe des SD ist konzentriert, fleischig und körperreich; die Tannine sind spürbar, reif und rund. Die für diesen Jahrgang sehr gute Säure sorgt dafür, dass der Wein trotz seiner „fetten“ Anlagen ausgewogen und nicht zu schwer erscheint. Schöner, fester Kern, saftiger Stoff und ein Hauch von Minze im mittellangen Abgang. Mich erinnert der Wein eher an einen Supertoscan als an einen dt. Spätburgunder, trotzdem gefällt er mir gut und die 88 Punkte ist er allemal wert. – 88 Punkte / Durchschnitt der Runde: 87

2004

Auch der 2004 SD ist in der Farbe auffallend farbintensiv. Die Nase ist zu Beginn recht verschlossen und er braucht Luft im Glas, um sich zu öffnen. Der kompakte Eindruck bleibt jedoch; in der Aromatik eher dunkelbeerig, erinnert an Heidelbeeren;  auch eine zarte Tabaknote fällt auf. Am Gaumen ist der 2004er SD mit einer schönen, tiefen Aromatik ausgestattet;  er zeigt viel Extrakt und dezent würzige Noten. Der Wein ist sehr klar, in seinen Proportionen  bestens definiert und seine frische, mineralische Art erzeugt eine hohe Präsenz am Gaumen und auf der Zunge. Die Tannine wirken geschliffen und in seiner Anmutung  geht er in Richtung des 2001er Jahrgangs, jedoch ohne die  überaus betörende Differenziertheit und Finesse  des 01ers entwickeln zu können.  – 91 Punkte / Durchschnitt der Runde: 89,8

 

2006

Der 2006er SD ist zu Beginn in der Nase diskussionswürdig, denn er hat im ersten Moment einen recht deutlichen „Stinker“, der zwar mit der Zeit verfliegt, jedoch die ersten Eindrücke prägt. Am Tisch wurde diskutiert, ob es ein kleiner Böchser ist oder ob es die Nachklänge der spontanen Vergärung sind. Meine Vermutung ist, dass bei diesem Jahrgang die Schwefelgabe etwas höher ausgefallen ist und dass dadurch der Wein nicht zu 100% reintönig wirkt. Am Gaumen zeigt er sich von seiner saftigen Seite. Im Mund kühl und mit einer erkennbaren Mineralik ausgestattet. Er ist aromatisch tief sowie stoffig und konzentriert ins seiner Art. Die Tannine sind edel, stattlich und verleihen dem Wein das nötige Rückgrat,  aber das Holz wirkt (noch)  nicht komplett integriert und die leichte Bitternote hinten heraus sowie der – im Vergleich zu den anderen Jahrgängen – recht kurze Abgang sorgen dafür, dass der 06er Jahrgang die rote Laterne als Schlusslicht unserer Verkostung überreicht bekommt.  – 87 Punkte/  Durchschnitt der Runde: 85,6

 

2007

Mit der 2007er Ausgabe des SD scheint sich der Stil des Weins etwas verändert zu haben. Bereits in der Farbe wirkt er heller.  Auch im Bukett und am Gaumen erscheint mir der Wein zu Gunsten der Finesse und Differenziert  etwas zarter und weiblicher geworden zu sein.  Der Alkohol mit 12,5% ist moderat und auch beim Holzeinsatz vermute ich eine Veränderung im Vergleich zu früheren Jahren. 

Bereits in der Nase deutet der 2007er SD seine Klasse an, er wirkt schon in seiner Jugend edel und komplex. Die Aromatik ist geprägt durch Noten von roten Beeren, Anklängen an grünen Pfeffer und verschiedene herbe  Kräuter. Auch am Gaumen zeigt er ein beachtliches Spiel: eine feine,  differenzierte  Frucht, gepaart mit einer tiefen Mineralität  und edlen Aromen aus dem Holz, die bereits jetzt schon sehr gut integriert sind. Der Wein wirkt auffallend kühl und ich denke an Pinots aus der Region Sancerre, die dort auf sehr kalkhaltigen Böden wachsen; der SD spielt jedoch in einer höheren Liga.

Die Klasse des 2007er SDs lässt mich träumen, bei so einem Wein kann man Zeit und Raum vergessen und sich nur mit dem Inhalt des Glases beschäftigen. Dieser Spätburgunder  verbindet einen festen,  strukturbetonten Kern mit einem hohen Maß an Kraft, Eleganz und Anmut  – ich fühlte mich an eine wunderbare Giselle-Aufführung in einer Choreographie von John Neumeier im Hamburger Opernhaus erinnert. Tolle Länge !! Ich bin sehr gespannt, ob der Wein mit dem Alter noch etwas zulegen kann – 93 Punkte / Durchschnitt der Runde: 92,4

2008

Der 2008er wirkt im Glas noch einen Tick heller als der 07er.  Die Nase ist noch geprägt von einer Primärfrucht und ein  Noten  der Spotanvergärung.  Zur Zeit  erinnert er mich noch an einen Grand Cru aus dem Beaujolais: Veilchen, Kirscharomen, Bonbon;  dazu  zarte Röstaromen aus dem Holz.  Am Gaumen auffallend weich und seidig; sehr schön saftig.  Die leichte Extraktsüße und die frische Säure sind noch deutliche Boten der Jugend. Die Mineralik ist gut erkennbar, die Tannine sind feinkörng. Der Wein besitzt  – schon wie sein Vorgänger aus 2007 – einen festen Kern und erstaunlich viel Spiel für sein geringes Alter. Zurzeit hat er noch nicht ganz das Niveau des 2007ers erreicht, aber ich denke, er wird noch ein wenig zulegen. Schöne Länge.  – 91 Punkte / Durchschnitt der Runde: 90,4

 

 

 

 

2004 Les Clos, William Fevre – Chablis (Best Bottle Nr.1)

97 Punkte – Die Nase lässt einen in diesen kalten Wintertagen von Sommer, Obst- und Blumenwiesen träumen. Klares, ausdrucksvolles Bukett mit feinen Aromen, sehr rein. Am Gaumen das Gefühl von großer Klarheit und Mineralität; tiefe und komplexe Aromatik, dabei sehr fein, ja ziseliert und filigran. Dieser Wein ist ein Maß für Reinheit, Anmut  und erfrischender Lebendigkeit – habe selten einen so feinen, komplexen und dabei unglaublich lebendigen Weißwein im Glas gehabt. Am Tisch sprach ein Weinfreund das aus, was ich mir (als Gastgeber) nicht traute zu sagen: Dieser Wein ist perfekt, was kann man da noch besser machen??

 

 

Die Grand Cru Lagen im Chablis haben zusammen nur eine Größe von ca. 100ha; insgesamt sind jedoch mehrere Tausend Hektar mit Reben bepflanzt. Von den  ca.100ha ist „Les Clos“ mit 26ha die größte Einzellage, davon sind 4,11 ha im Besitz von William Fevre. Die Lage ist ein Südhang mit starker Sonneneinstrahlung; der Boden ist felsig, eine Mischung aus  kreidig-weißer, kompakter und tief reichender Lehmerde, durchzogen mit vielen Mineralien und Konglomeraten aus Fossilien (versteinerten Muscheln). Die Kalkverdichtungen im 80cm Tiefe verleihen diesem Grand Cru schon in jungen Jahren vielfältige Aromen und einen würzigen Geschmack. Um seine Komplexität erleben zu können, braucht er jedoch ein paar Jahre der Reife. Ich meine, Alan Medows hat dazu geschrieben, dass das  Alter wahre Wunder an Sublimität für den bereit hält, der Geduld mit seinen Chardonnays aus Burgund/Chablis aufbringt. Einen furchtbaren Irrtum dagegen derjenige begeht, der meint, burgundische Grand Crus in ihren ersten Jahren vollumfänglich beurteilen zu können. Womit kein Verbot des „Jung-Verkostens“ propagiert wird – denn die Weine haben auch jung schon viel zu geben – aber ein gut konstituierter Wein hat mit der Zeit unendlich mehr zu bieten.

 

Schon bei meinem Besuch auf dem Weingut vor ein paar Jahren war ich begeistert von der großen Klarheit und Präzision der Weine von William Fevre – und der Jahrgang 2004 (der damals als aktueller Jahrgang im Verkauf war)  gehört für mich zu den großen Jahrgängen im Chablis innerhalb der letzten 25 Jahre.

 

Die 2004er Ausgabe des „Les Clos“ – aus der vielleicht besten Grand Cru Lage in Chablis – ist ein ideales Beispiel dafür, dass sich die großen Chardonnays aus Chablis nicht hinter den  großen Namen der Côte d’Or verstecken müssen. Billig ist keiner dieser großen Weine, doch mit ca. Euro 30,- bis Euro 50,- kostet ein großer Chablis nur einen Bruchteil der großen Grand Crus von der Cote des Beaune.

2004 Riesling Primus Maximus, Heinz Nikolai – Rheingau („kleine“ Weinprobe Nr.1)


90 Punkte – Los ging es schon mal mit einer handfesten Überraschung! Am Tisch herrschte auf  Grund des satten Extrakts und der tollen Würzigkeit Einigkeit darüber, dass der erste Wein des Abend aus Österreich kommt, doch statt dessen hatten wir Primus Maximus 2004 von Frank Nikolai im Glas:

 

Viele reife, gelbe Früchte fand ich da in der Nase; kein ganz junger Wein mehr, aber hinreichend frisch und herrlich dicht. Am Gaumen dann sehr viel Extrakt, fest und tief. Besonders gut gefällt mir die Würzigkeit, die er insbesondere hinter heraus ausspielt und die ihm im recht langen Abgang Struktur und Vielfalt verleiht. Ein richtig schöner Wein, der allerbeste Anlagen hat, der jetzt in der Blüte seines Lebens sein dürfte, aber auch noch ein paar Jahre auf hohem Niveau durchhalten kann. Das Beste an diesem Stoff ist jedoch, dass Frank Nikolai – trotz aller Meriten, die er sich inzwischen landauf, landab verdient hat – immer noch ein unverschämt gutes Preis-Leistungsverhältnis bietet und man den aktuellen Jahrgang  für  Euro 8,50 ab Hof bekommen kann. Auch die beiden Ersten Gewächse aus dem Erbacher Steinmorgen und Siegelsberg sind mit ihren Euro 13,- und 14,- echte Schnäppchen.

2004 La Grola, Allegrini – Venetien

88 Punkte – Allegrini begleitet mich seit meiner Studentenzeit. Damals war es der Palazzo della Torre, dieser im Ripasso-Verfahren ( dabei werden dem bereits fertig vergorenen Wein, nochmals angetrocknete Trauben oder der Trester des Amarone zugesetzt und mit diesem erneuten Zucker- und Aromaschub wird eine zweite Gärung eingeleitet, die dem Wein einen wunderbaren Schmelz und eine dichte Frucht verleihen kann) vinifizierte Wein, der mich begeistert hat und mich anfixte alsbald auch meinen ersten Amarone zu verkosten. 

Heute steht der La Grola (70% Corvina Veronese, 15% Rondinella, 10% Syrah, 5% Sangiovese) aus dem sehr guten Italienjahrgang 2004 vor mir und ich bin immer noch angetan von dem, was das Hause Allegrini zu noch bezahlbaren Preisen (Euro 14,-) auf die Flasche bringt. Der Wein hat eine füllige Frucht von reifen Beeren, dunklen Würznoten (Wacholder und Tabak) und einen Hauch Kaffee und dunkler Schokolade. Körperreich, vordergründig samtig am Gaumen, aber die recht kräftige Säure sorgt für eine gute Balance. Die ausgereiften Tannine sind gut spürbar und sicherlich auch die Garantie dafür, dass der Wein ein paar Jahre auf diesem Niveau noch so bleibt. Mir schmeckts (auch wenn ich heute Weine mit mehr Eleganz vorziehe) und deshalb genehmige ich mir noch ein Glas als Schlummertrunk.

2004 Pinot Grigio Sialis, Agricola Franco Terpin – Venezien (Ski4)

80 Punkte – Die Farbe ist äußerst ungewöhnlich, nicht rosé, sondern eher ein sehr blasses orange mit Nuancen zu rosé und ocker. In der Nase ist der Wein zunächst recht verhalten, mit zunehmender Luftzufuhr wird sie jedoch ausgeprägter. Ich kann mich des Gefühls nicht erwähren, dass ich hier eigentlich nicht wirklich Wein vor mir habe, sondern eher ein weinhaltiges Softgetränk – so weich, rund und gemacht kommt mir der Wein vor. Von der Aromatik erinnert er mich ein wenig an roten (Malven-) Tee; ein Hauch von Tannin ist spürbar, von der Säure her wirkt er eher weich und reduziert.

 

Ein besonderes Phänomen konnten wir feststellen, als bereits ca. 2/3 der Flasche getrunken war und der Wein erneut in die leeren Gläser nachschenkt wurde. Das bislang in der Flasche verbliebene 1/3 des Weines war einerseits deutlich dunkler und trüber, andererseits auch im Aroma deutlich intensiver und so fanden wir auch noch Aromen (Walderdbeeren und gelbe Melone), die bis dato im Wein nicht auszumachen waren. Der Grund hierfür dürfte in den Trübteilen liegen, die dieser ungefilterte Wein während der Maischestandzeit mitbekommen hat. Diese für Weißwein völlig ungewöhnliche Methode, den Most während der Vergärung nicht von den Schalen zu trennen, dürfte dafür ebenso verantwortlich sein, wie für die ungewöhnliche Farbe. Zwar gehört der graue Burgunder zu den Rebsorten, die bei der Traubenreifung die Farbe wechseln und rote Farbpigmente (chemisch nicht identisch mit denen der roten Rebsorten) ausbilden, jedoch regelmäßig ohne Einfluß auf den Wein, da es keine Maischestandzeiten gibt, in denen die Farbpigmente in den Wein ünergehen können.  Auch wenn eine Maischestandzeit bei Winzern, die versuchen alte Ausbaumethoden wieder zu beleben, auch bei Weißweinen Anwendung findet (vgl. Gravner in Italien oder P.J. Kühn im Rheingau), so muss man jedoch bei diesem Erzeuger feststellen, dass solche Experimente nicht immer von Erfolg gekrönt ist.

2004 Cabernet Sauvignon St. George Reserve, Petra Winery (Zumot Group) – Jordanien

86 Punkte – Es war schon überraschend, wo meine lieben Weinfreunde überall waren, als dieser Wein blind ausgeschenkt wurde und es darum ging, zu definieren, was da im Glas ist, und wo es herkommt. Doch eines freute mich ungemein, dieses Mitbringsel aus dem letzten Urlaub war kein schlechter Wein, sondern eher das Gegenteil, ein respektabler Stoff aus einem Land, in dem zwar viele, viele Rebstöcke stehen, aber (aus religiösen Gründen) fast nur Tafeltrauben angebaut werden. Die Weinberge für diesen Wein wurden im Jahr 1995 mit französischer Hilfe angelegt und sie befinden sich allesamt in der Region um die Stadt Madaba, ca. 30km südlich von Amman. Die von den Moabitern gegründete Stadt wird bereits in der Bibel mehrfach erwähnt. Unser Wein wurde nach der frühbyzantinischen St. Georgskirche benannt. Diese Kirche ist weltberühmt, da sie das „Madaba-Mosaik“, die älteste (6. Jh.n.Chr.), im Original erhaltene kartografische Darstellung des Heiligen Landes und insbesondere Jerusalems beherbergt.

 

Der Wein ist recht hell in der Farbe. In der Nase wirkt er frisch, mit Anklängen an Paprika, Kirschen und Lakritz. Am Gaumen zeigt er ebenfalls eine angenehme Saftigkeit (von voll ausgereiften Beeren darf man hier auch ausgehen) und eine angenehme Frische. Die recht kräftige Säure steht ihm gut. Vom Körper eher mittelgewichtig, zeigt die eher rotbeerige Frucht sich von ihrer attraktiven Seite. Die ausgereiften Tannine geben die nötige Struktur und so steht ein schöner, insgesamt in sich schlüssiger Wein vor uns. Schade, dass ich nur eine Flasche mitgenommen habe. Jetzt oder in den nächsten 12-18 Monaten trinken.