1998 Jadis, Lèon Barral, Faugéres

 Visionäres Winzergenie, sensibler Wingertmann und vinologischer Revoluzzer gleichermaßen, in seinem Unangepasstsein und Habitus eine Reinkarnation des jungen, stets eigene Wege suchenden James Dean – in diesem Spannungsfeld steht Didier Barral.“ schrieb einst der Weinhändler, der mich mit Barral-Weinen anfixte.

Keine Ahnung, ob James Dean jemals Wein getrunken hat, aber das Attribut „unangepasst“ passt für Didier Barral und seine Weine sehr gut. Er hat in seinem Wingert ein einzigartiges Ökosystem geschaffen – und Pferde, Esel, Kühe und Schweine sind seine engsten Verbündeten. Auf natürliche Art und Weise wird der Boden gelockert und gleichzeitig gedüngt; Biodiversität ist der Weg und das Ziel zugleich. Ähnlich „altmodisch“ bringt er seine Weine auf die Flasche, ohne Filtration und Schönung. Eine tolle Fotostrecke dazu findet sich unter http://www.domaineleonbarral.com/Thomas_Gendre/Diaporama.html# – die Sau mit der vom Wein gezeichneten Schnauze gefällt mir am besten!

Rubinrote Farbe mittlerer Dichte, schöner Glanz. Zu Beginn ein animalischer Duft, Kuhstall, dann dunkle Fruchtnoten, Kirschkerne, ein Hauch von Schokolade und Leder; eigenständig und individuell, erinnert  an Ch. Rayas. Am Gaumen ein vergleichbares Bild, Kirschkerne, dunkle Frucht, dunkles Fleisch; trotz seiner 14% Alkohol kein Schwergewicht, gut auf den Beinen, feinkörnige Tannine, schönes Spiel und Länge. – 90 Punkte

1998 Valiniere, Domaine Léon Barral, Faugères

 

Mourvedre! Frisch im Glas wiederum mit animalischen Noten, dann fächert der Wein auf wie ein Pfauenrad. Lakritze, rote Früchte, Cassis, welke Blüten, Malven, Hagebutten, Sauerkirschen – dazu eine feine Würzaromatik. Am Gaumen löst er seine Versprechungen komplett ein, herrlich gereift, aber mit innerer Spannung und Kraft. Schönes Spiel zwischen würziger Süße und Frucht, dabei sehr ausgewogen und mit sehr guter Länge. – 94 Punkte

BIG FIVE – Nashorn und Mouton (Teil 2)


2004 Chateau Mouton Rothschild

92 Punkte – Das ist ein Mouton!?  Ein junger Pauillac und so fruchtbetont, weich und mit seidener Oberfläche; auf mich wirkt der Wein eher wie ein sonnengereifter US-Bordeaux-blend a la Opus One. Diese Bemerkung bitte richtig verstehen, als Beschreibung, nicht als Kritik. Ich mochte diesen hedonistischen Stoff, den man etwas verkürzt so beschreiben kann: fruchtig, tief, dunkel und weich. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn die Frucht ist nicht nur dicht, sie ist überaus komplex und hat viele Facetten, da findet man Kirschen, rote Grütze, Pflaumen, aufregende Gewürze, wie Zimt, Nelken und einen Hauch von Orient. Die Anklänge an Kakao, verbunden mit einer schönen Extraktsüße haben mich wohl bewogen auf meinem Verkostungszettel "milky way“ zu notieren. Die fruchtige Kraft und Konzentration sind wirklich gut gemacht und bemerkenswert, denn der Wein wirkt trotzdem kühl, edel und elegant. Die Tannine haben einerseits eine schmeichelnde, weiche Oberfläche, aber andererseits durchaus Kraft und sind strukturgebend. Wer Parkers Notiz aus 2007 liest, muss annehmen, dass die Tannine einmal deutlich(!) heftiger wahrgenommen wurden, denn er attestiert dem 2004er Mouton eine: „impressive concentration, and a primordial backwardness that will require 10-15 years of cellaring, (…) but the biting tannins will preclude any enjoyable consumption over the next decade. Anticipated maturity: 2020-2035” Aus meiner Sicht ist der Wein jetzt in einer ersten, schönen Genussphase, über seine Zukunft zu spekulieren ist aber schwierig, dennoch sollten die nächsten 15-20 Jahre kein Problem sein.

 

1983 Chateau Mouton Rothschild

84 Punkte – Die Notiz zu diesem Wein fällt etwas kürzer aus, denn ich glaube, dass die Flasche einen Vorbesitzer hatte, der sie falsch gelagert hat.  Tiefer, dunkelroter Farbkern. Am Gaumen eine Mischung aus Sylvesterkracher (Schießpulver), Liebstöckel, Sauerkraut und Molke. Am Gaumen gewisse malzige Süße, die Säure steht dagegen etwas außen vor, wirkt sehr reif. Malz, Sojasoße, deutliche Tertiäraromatik. Nach kurzer Zeit im Glas fällt der 83 Mouton ziemlich schnell in sich zusammen. 

 

1998 Chateau Mouton Rothschild

96 Punkte – Für mich der einzig große Mouton an diesem Abend. Der Wein zeichnet sich durch eine sehr tiefe, edle und genießerische Aromatik in Nase und Mund aus. Reich, fest gebaut, hervorragend strukturiert und mit aromatischer Tiefe und Vielfalt drückt sich dieser tolle Bordeaux an den Gaumen. Saftige und konzentrierte dunkle Frucht; Duft von dunkler Schokolade, Cohiba-Zigarren, Lakritze, Espresso-Bohnen, Cassis sowie einem Hauch von Minze. Auffallend schön auch die feinsandigen Tannine, die komplexe Art und die tolle Länge des Weins. Ein Beau, der noch viele Jahre nachhaltig Freude und Genuss bereiten wird. Wer einmal Mouton Rothschild kennenlernen möchte ist mit diesem Jahrgang sicherlich gut bedient, denn Euro 300,- sind sehr, sehr viel Geld, aber man bekommt einen großen, klassischen Pauillac, der immer noch deutlich günstiger ist als Flaschen aus aktuellen Jahrgängen, bei denen man nicht nur Zeit mitbringen muss, sondern auch eine gewisse Portion Unsicherheit in den Keller einlagert. 

1979 Chateau Mouton Rothschild

91 Punkte – Die letzte Benotung von Robert Parker im Jahr 1998 mit 76 Punkten ist vernichtend für einen Premier Grand Cru Classé. Er schrieb in der 3.Ausgabe seines Bordeaux-Führers: „It is a high acid Mouton that has always been austere. (…) It is the tannin, acidity, alcohol, and wood that make up much of the uninspiring aromatics and flavors. The 1979 Mouton is an uninteresting wine that has no place to go.” Auch ansonsten ist der Jahrgang 1979 nicht gerade als Riesenjahr bekannt; Achim Becker (www.weinterminator.de) schreibt z.B. „Wer Weine aus 1979 sucht, muss dreimal hingucken. Zu heterogen war das, was in diesem Jahr erzeugt wurde.
In Bordeaux wurde die größte Ernte seit 1934 eingebracht.“ – Aber probieren geht eben doch über studieren und wer nicht wagt, der nicht gewinnt ;-))

In der Nase eine ausgeprägte Aromatik von getrockneten Kräutern und Wiesenblumen, ein nicht namentlich genannter Teilnehmer freute sich sichtlich, denn er meinte: „der riecht wie ein guter „Roter Libanese“, die ganz leicht harzigen Noten sind vergleichbar. Am Gaumen zeigt der Wein Anklänge an rote Früchte, Zigarrenkiste und feine Gewürzaromen (Muskatnuss); mich überzeugt er mit seiner Standhaftigkeit und der schönen Harmonie, die er inzwischen aufweist. Die Tannine sind ziemlich abgeschmolzen, die Säure passt sich aber gut ein und ist jetzt richtig gut zu trinken. Wichtig: Ein paar Stunden vor dem Genuss öffnen, gerade die etwas älteren Herren brauchen die Luft.

 

1998-2008 Spätburgunder SD, Weingut Jacob Duijn – Baden

Schon lange liegen ein paar Flaschen Spätburgunder vom Weingut Duijn in meinem Keller. Jedes Jahr kamen ein paar wenige hinzu, aber getrunken habe ich meist „nur“ den Spätburgunder „Jannin“, also den Spätburgunder, den Jacob Duijn aus seiner Parzelle im Altschweier Sternenberg  erntet und der – preislich gesehen – die Mittelklasse des Hauses darstellt. Ein, zwei Flaschen der Luxusklasse, also dem SD aus der Lage  Bühlertaler Engelsfelsen habe ich stets auf die Seite gelegt und mir vorgenommen, sie im Rahmen einer Vertikalprobe mit Freunden zu studieren und zu genießen. Als nun auf einer  unserer letzten „Arbeitsproben“ das Gespräch auf deutschen Spätburgunder kam und in diesem Zusammenhang ein Kollege meinte: „also vom immer hoch gelobten Duijn habe ich noch nichts Besonderes getrunken“, war die Zeit reif, meine kleine SD-Sammlung zu opfern, denn nach meinen persönlichen Erfahrungen mit den Weinen von Jacob Duijn war ich diametral anderer Meinung.  Aber bekanntlich liegt die Wahrheit im Glas. Auf unserem allmonatlichen Jour fixe (also unserem Arbeitstreffen) standen im Mai die Spätburgunder SD 1998 bis 2008 aus dem Hause Duijn. An dieser Stelle sei nochmals Anne Seifried, der Lebenspartnerin von Jacob Duijn, gedankt, die in einer tollen Hau-Ruck-Aktion noch am Freitagnachmittag die beiden letzten Jahrgänge auf den Weg nach Hamburg gebracht hat, sodass wir am nachfolgenden Montag auch die Jahrgänge 2007 und 2008 in unserer Verkostung anstellen konnten.

Um die Weine besser verstehen und einordnen zu können, sind ein paar wenige Informationen zu Jacob Duijn und seinen Weinen sicherlich wichtig. Für mich die beste Nachricht vor ein paar Jahren war, dass Jacob auf biodynamischen Anbau umgestellt hat. Ich persönlich bin von diesem nachhaltigen Konzept sehr überzeugt und freue mich über jeden einzelnen Winzer, der diesen Weg einschlägt, denn nur durch die Rückbesinnung auf die Natur – bei gleichzeitiger Wiederherstellung der Natur – kann einerseits das Terroir vollumfänglich im Wein zum Ausdruck gebracht werden  und gleichzeitig ein Beitrag zum Erhalt der natürlichen Ressourcen geleistet werden. Der Verzicht auf Chemie im Weinberg ist dabei nur ein Bruchteil der Philosophie, viel wichtiger ist die Idee, das natürliche Gleichgewicht und damit die natürliche Widerstandskraft von Boden, Pflanzen, Tieren und somit natürlich auch der Reben wiederherzustellen. Das Ergebnis sind von Natur aus gesunde und wohlschmeckende Trauben, die das Terroir und den Jahrgang zu 100% widerspiegeln können. Ganz selbstverständlich gehört für mich zu dieser Idee auch die Vergärung mit den natürlichen Hefen aus Weinberg und Keller, Reinzuchthefen haben da nichts zu suchen. Insofern ist auch „demeter“ zu kritisieren, die Ihren zertifizierten Winzern erlauben, mit Reinzuchthefen zu arbeiten. Doch Jacob Duijn ist konsequent und setzt weder Reinzuchthefen ein, noch werden die Weine geschönt oder gefiltert. Letztlich wird jede  Form von Manipulation des natürlichen Ausdrucks vermieden und das ist für mich  genau das Gegenteil von Langeweile im Wein, das ist Spannung, Veränderung und Genuss  und damit Basis für eine sowohl intellektuelle als auch sinnliche Auseinandersetzung mit dem Wein.

Die Lage Bühlertaler Engelsfelsen ist geprägt durch Granitverwitterungsboden mit aufgeschlossenem Granit, der „dem Boden in einigen Grand Cru Lagen des Beaujolais sehr ähnelt“ (vgl. Braatz, Sautter, Swoboda, Holler: Weinatlas Deutschland, S. 182). Der Rebbestand für den SD ist im Schnitt über 40 Jahre alt; der Ertrag liegt gemäß Webpage (vgl. www.weingut-duijn.de) bei ca. 25 hl/ha. Das Lesegut wird weitgehend von Hand entrappt,  jedoch werden 20% der Stiele mitvergoren und die Gärung findet in 3000 Liter großen Holzbottichen statt. Die 2.Gärung erfolgt während der Lagerung im Barrique, die Weine liegen dort ca. 24 Monate.

Wir verkosten in unserer Gruppe schon seit vielen Jahren Wein, doch selten gab es eine so homogene Bewertung. Nachfolgend schildere ich meine – höchst subjektiven – Eindrücke zu den einzelnen Jahrgängen:

 

1998

Reife Farbe mit leichtem Wasserrand und orangenen Anklängen;  zur Mitte hin ziegelrot; etwas matt. Die Nase ist geprägt von einem schönen Duft von verwelkten Blüten und getrockneten Kräutern, dazu ein wenig rauchige Noten (Toast), reife Erdbeeren.  Das schöne und differenzierte Bukett schraubt die Erwartungen hoch, doch am Gaumen kann er nicht ganz das Niveau halten: Kühle Art, mit deutlicher Mineralik, mittelgewichtig; die recht kräftige Säure verleiht ihm einen Ausdruck von Frische. Neben dem mineralischen Eindruck, fällt das sehr abgebaute Tannin auf. Erst langsam entfaltet sich ein Aroma von Kirschen und schwarzen Pfeffer, das auch den Abgang prägt. – 89 Punkte  / Durchschnitt der Runde: 88

 

2000

Deutlich glänzender und strahlender als der 1998er, auch in der Farbe frischer.  Gereifter Pinot mit ausdrucksvollem, fest gewirktem Bukett;  eher dunkles Beerenaroma, aber auch Erdbeeren, klare Note von getoastetem Holz, leicht rauchig. Die Nase ist nicht ganz so edel und ausdifferenziert wie beim 1998er. Am Gaumen zeigt der 2000er SD dafür eine schöne, dichte und rotbeerige Frucht, feine Tannine und Anklänge von gebranntem Holz. Insgesamt ein ziemlich geradliniger Typ, mit feinem Schmelz und korrespondierenden Tanninen. Die Mineralität ist ebenfalls nicht ganz so ausgeprägt wie beim 98er, aber immer noch gut wahrzunehmen; auch im Abgang erscheint mir der 98er etwas länger. – 88 Punkte  / Durchschnitt der Runde: 88,2

2001

Das Fazit vorweg – wow, was für ein feiner, tiefgründiger und finessenreicher  Spätburgunder.  Eine Flasche von diesem  2001 Spätburgunder  SD,  ggf. noch ein gutes Buch und  das Leben meint es wirklich gut mit Dir.  Der Wein duftet herrlich;  die tiefen und vielschichtigen Aromen strömen einem förmlich entgegen -betörend!!  Zitat am Tisch: „Was für eine geile Nase!“  – man kann es sicherlich feiner artikulieren, aber im Ergebnis ist dem nichts hinzuzufügen 😉

Aroma für Aroma entwickelt dieser wunderbare Spätburgunder; da findet man Noten von getrockneten Kräutern (z.B. Kamille und Salbei),  Orangenschalen, Erdbeeren, aber auch Jod und Tabak.  Insgesamt ein wahres Wunder an Komplexität und Differenziertheit.  Am Gaumen das Spiegelbild der Eindrücke aus der Nase. Der 2001er SD bietet eine hervorragende aromatische Tiefe, ist dabei  kompakt & kraftvoll und bietet dem Gaumen Widerstand. Ein nahezu  perfektes Bild entwickelt sich auf der Zunge:  die Kombination  aus  feiner Saftigkeit, unterlegt mit einer reifen Säure und  perfekt eingebundenen Noten aus dem Barrique-Lager bilden hier die Grundlage. Hinzu kommt ein Spiel  aus Kraft und Muskeln einerseits und differenzierter Frucht und Anmut andererseits.  Diesem so erzeugten Spannungsbogen kann man sich als Genießer kaum entziehen.   Der 2001er Spätburgunder SD von Jacob Duijn zeigt sich lang und elegant im Abgang und auch hier weiß er mit seiner  höchst komplexen Art zu betören. Einmal, durch etwas Belüftung der Flasche nach dem Öffnen in Fahrt gekommen, tragen seine Anlagen ihn weit über 90 Punkte-Linie  und das lange Finale brennt sich in die Erinnerung  eines jeden Weintrinkers ein. – 95 Punkte / Durchschnitt der Runde: 94,2

2003

Nach den bereits drei verkosteten Jahrgängen 1998,2000 und 2001 strömt dieser Wein mit einer so tiefen und satten Farbe ins Glas, dass man sich fragt, welcher Dunkelfelder hier farbgebend war 😉 Natürlich ist das nicht der Fall, sondern die auffallend dunkle Farbe dürfte ein Spiegelbild des Hitzejahres 2003 sein (dickere Beerenschalen?)

In der Nase wirkt der Wein zunächst recht verschlossen, dann entfaltet sich eine dunkle Frucht, mit einem deutlichen Kirscharoma und Anklängen an Gewürze wie z.B. Nelken.  Auch am Gaumen ein für Spätburgunder eher ungewöhnliche Aromatik; mich erinnert er an die Donauwellen meiner Mutter, da gehen Knubberkirschen, Schokolade und Buttercreme eine wunderbare  Koexistenz ein.  Die 2003er Ausgabe des SD ist konzentriert, fleischig und körperreich; die Tannine sind spürbar, reif und rund. Die für diesen Jahrgang sehr gute Säure sorgt dafür, dass der Wein trotz seiner „fetten“ Anlagen ausgewogen und nicht zu schwer erscheint. Schöner, fester Kern, saftiger Stoff und ein Hauch von Minze im mittellangen Abgang. Mich erinnert der Wein eher an einen Supertoscan als an einen dt. Spätburgunder, trotzdem gefällt er mir gut und die 88 Punkte ist er allemal wert. – 88 Punkte / Durchschnitt der Runde: 87

2004

Auch der 2004 SD ist in der Farbe auffallend farbintensiv. Die Nase ist zu Beginn recht verschlossen und er braucht Luft im Glas, um sich zu öffnen. Der kompakte Eindruck bleibt jedoch; in der Aromatik eher dunkelbeerig, erinnert an Heidelbeeren;  auch eine zarte Tabaknote fällt auf. Am Gaumen ist der 2004er SD mit einer schönen, tiefen Aromatik ausgestattet;  er zeigt viel Extrakt und dezent würzige Noten. Der Wein ist sehr klar, in seinen Proportionen  bestens definiert und seine frische, mineralische Art erzeugt eine hohe Präsenz am Gaumen und auf der Zunge. Die Tannine wirken geschliffen und in seiner Anmutung  geht er in Richtung des 2001er Jahrgangs, jedoch ohne die  überaus betörende Differenziertheit und Finesse  des 01ers entwickeln zu können.  – 91 Punkte / Durchschnitt der Runde: 89,8

 

2006

Der 2006er SD ist zu Beginn in der Nase diskussionswürdig, denn er hat im ersten Moment einen recht deutlichen „Stinker“, der zwar mit der Zeit verfliegt, jedoch die ersten Eindrücke prägt. Am Tisch wurde diskutiert, ob es ein kleiner Böchser ist oder ob es die Nachklänge der spontanen Vergärung sind. Meine Vermutung ist, dass bei diesem Jahrgang die Schwefelgabe etwas höher ausgefallen ist und dass dadurch der Wein nicht zu 100% reintönig wirkt. Am Gaumen zeigt er sich von seiner saftigen Seite. Im Mund kühl und mit einer erkennbaren Mineralik ausgestattet. Er ist aromatisch tief sowie stoffig und konzentriert ins seiner Art. Die Tannine sind edel, stattlich und verleihen dem Wein das nötige Rückgrat,  aber das Holz wirkt (noch)  nicht komplett integriert und die leichte Bitternote hinten heraus sowie der – im Vergleich zu den anderen Jahrgängen – recht kurze Abgang sorgen dafür, dass der 06er Jahrgang die rote Laterne als Schlusslicht unserer Verkostung überreicht bekommt.  – 87 Punkte/  Durchschnitt der Runde: 85,6

 

2007

Mit der 2007er Ausgabe des SD scheint sich der Stil des Weins etwas verändert zu haben. Bereits in der Farbe wirkt er heller.  Auch im Bukett und am Gaumen erscheint mir der Wein zu Gunsten der Finesse und Differenziert  etwas zarter und weiblicher geworden zu sein.  Der Alkohol mit 12,5% ist moderat und auch beim Holzeinsatz vermute ich eine Veränderung im Vergleich zu früheren Jahren. 

Bereits in der Nase deutet der 2007er SD seine Klasse an, er wirkt schon in seiner Jugend edel und komplex. Die Aromatik ist geprägt durch Noten von roten Beeren, Anklängen an grünen Pfeffer und verschiedene herbe  Kräuter. Auch am Gaumen zeigt er ein beachtliches Spiel: eine feine,  differenzierte  Frucht, gepaart mit einer tiefen Mineralität  und edlen Aromen aus dem Holz, die bereits jetzt schon sehr gut integriert sind. Der Wein wirkt auffallend kühl und ich denke an Pinots aus der Region Sancerre, die dort auf sehr kalkhaltigen Böden wachsen; der SD spielt jedoch in einer höheren Liga.

Die Klasse des 2007er SDs lässt mich träumen, bei so einem Wein kann man Zeit und Raum vergessen und sich nur mit dem Inhalt des Glases beschäftigen. Dieser Spätburgunder  verbindet einen festen,  strukturbetonten Kern mit einem hohen Maß an Kraft, Eleganz und Anmut  – ich fühlte mich an eine wunderbare Giselle-Aufführung in einer Choreographie von John Neumeier im Hamburger Opernhaus erinnert. Tolle Länge !! Ich bin sehr gespannt, ob der Wein mit dem Alter noch etwas zulegen kann – 93 Punkte / Durchschnitt der Runde: 92,4

2008

Der 2008er wirkt im Glas noch einen Tick heller als der 07er.  Die Nase ist noch geprägt von einer Primärfrucht und ein  Noten  der Spotanvergärung.  Zur Zeit  erinnert er mich noch an einen Grand Cru aus dem Beaujolais: Veilchen, Kirscharomen, Bonbon;  dazu  zarte Röstaromen aus dem Holz.  Am Gaumen auffallend weich und seidig; sehr schön saftig.  Die leichte Extraktsüße und die frische Säure sind noch deutliche Boten der Jugend. Die Mineralik ist gut erkennbar, die Tannine sind feinkörng. Der Wein besitzt  – schon wie sein Vorgänger aus 2007 – einen festen Kern und erstaunlich viel Spiel für sein geringes Alter. Zurzeit hat er noch nicht ganz das Niveau des 2007ers erreicht, aber ich denke, er wird noch ein wenig zulegen. Schöne Länge.  – 91 Punkte / Durchschnitt der Runde: 90,4

 

 

 

 

1998 Chablis Mont de Milieu 1er Cru, Albert Pic – Burgund („kleine“ Weinprobe Nr.3)

86 Punkte – Für mich der erste Wein von diesem Erzeuger, der vermutlich zu den ältesten Chablis-Häusern (1755) gehört. Seit 1985 im Besitz des Baron Patrick de Ladoucette, der fleißig in die Kellertechnik investierte.

 

Die Nase ist sehr ungewöhnlich: deutlich wachsige Noten, riecht nach Mahagoniholz und Möbelpolitur. Dazu gesellen sich Noten von Akazienhonig. Im Mund erstaunlich wenig Säure, etwas nussig, aber auch Zitronenfrische. Insgesamt sehr klar und mineralisch-kalkig (und somit Chablis-typisch) mit noch schöner Festigkeit; recht trinkig.

1998 Chateau Rouget – Pomerol

  

 

90 Punkte – Ganz tiefe und dunkle Farbe. In der Nase zu Beginn recht verhalten, baute aber mit zunehmender Luft etwas aus. Dunkle Noten von Tabak, Backpflaumen und reifen Brombeeren; hinzu kommen Eindrücke von Schokolade und Blut (Eisen). Positiv fällt mir die feine Süße, die reifen (aber festen) Tannine und die schöne Ausgewogenheit bei dieser Cuvee aus 85% Merlot und 15% Cabernet Sauvignon auf. 1997 kam Michel Rolland (prominentester flying winemaker aus Bordeaux) zu diesem Chateau und der Wandel begann – schon der 1998er zeigt deutlich seine Handschrift. Die Kombination aus spät geerntetem und sehr reifem Lesegut, einer saftigen Extraktsüße und einer kräftigen Struktur (auch Dank eines geschickten Holzeinsatzes) im Wein, sind für mich ein Spiegelbild seiner Arbeit. Hinzu kommt, dass der Jahrgang 1998 am rechten Ufer in Bordeaux allgemein sehr gute Weine hervorgebracht hat und fertig ist der Stoff, der ein Chateau aus dem Mittelmaß (in dem sich Chateau Rouget jahrelang befand) zu neuen Ufern führt.

1998 Riesling Rosacker Grand Cru, Mallo et Fils – Elsass

90 Punkte – Ein gelungener Start in den Abend! Mein Mitverkoster und ich stocherten erst mal gewaltig im Nebel, um anschließend ein paar gewaltige Luftlöcher zu schießen, denn mehr als die Eigenschaft „aus deutschsprachigem Raum“ und „Riesling“, wobei ich der zweiten Aussage heftig widersprach, haben wir nicht „erraten“. Selbst ein Anruf bei der 11880 – „Da wird Ihnen geholfen“ brachte kein brauchbares Ergebnis.

 

Dieser Riesling wirkt dicht und konzentriert, riecht nach (mehligen) gelben Früchten, Steinfrüchten und wirkt am Gaumen sehr cremig. Dem etwas fülligen Eindruck steht aber eine angenehme Mineralik entgegen, sodass der Wein nicht barock wirkt. Hinten heraus hat er eine leichte Bitternote sowie eine deutlich erkennbare Aromatik von weißem Pfeffer. Dieser Eindruck, gepaart mit den mineralischen Akzenten, war wohl auch der Grund, warum ich mir Grüner Veltliner  und Österreich notiert hatte.

 

Aber da half alle Trinkerfahrung nichts, ich lag mit meiner Einordnung komplett daneben. Was hilft da nur: noch mehr Trinkerfahrung sammeln, kombiniert mit der nötigen Recherche. Also versuchte ich über diese große Lage im Elsass Informationen zu sammeln und so stieß auf der homepage der Domaine Francois Schwach auf folgenden Text:

 

Der Rosacker verdankt seinen Namen den wilden Rosenhecken, die früher die Weinberge umrandeten. Zwischen Hunawihr und Ribeauvillé gelegen, wurde er schon im Jahre 1483 erwähnt. Einen jungen Rosacker erkennen Sie an seinem leichten, etwas pfeffrigen Aroma. Dank seines kalkhaltigen Bodens gewinnt dieser Riesling bei längerer Lagerung noch an mineralischem Aroma.“

 

Eine vielleicht interessante Info noch am Rande: Für den berühmten Riesling „Clos Sainte Hune” nutzt die Domaine Trimbach nur den Namen der kleinen, 1,3 Hektar großen Parzelle; der Name der Grand Cru Lage „Rosacker“, wovon Saint Hune ein Teil ist, wird nicht angeführt.

1998 CASASILIA, Poggio al Sole – Toskana

93 Punkte – 10 years after und keine bißchen müde!! Ein herrlicher Tropfen, der durch seine Frische, seine Frucht und seine hervorragende Tanninstruktur überzeugt – ein moderner, aber mustergültiger Chianti Classico.

Die Nase wirkt sehr frisch, mit toller Knubberkirsch-Aromatik, Wald-(boden) und einem Hauch von edlem Tabak; insgesamt sehr animierend. Am Gaumen bestätigt sich das Bild: Kaum fassbare Frische für einen 10 Jahre alten Chianti; perfekte Säurestruktur und hochwertige, griffige Tannine. Das ist die Basis für eine tiefe und reiche Fruchtaromatik, die mit Anklängen von Knubberkirschen (herrlich knackig),  Lakritz und erdig wirkenden Aromen mich voll überzeugt. Dieser Chianti Classico hat einen vollen Körper, 14%Alkohol (die perfekt verpackt sind), eine wirklich perfekte Säure und eine runde, aber mit viel Struktur durchzogene Art, die mich begeistert und die meine Hand ständig zum Glas gehen läßt.

Leider hatte ich aus diesem Jahrgang nur eine Flasche;der Wein ist jetzt sicherlich am Beginn seiner perfekten Trinkreife, die er sicherlich die nächsten 2,3 Jahre beibehalten wird, um danach weitere 1,2 Jahre auch noch mit viel Genuß trinkbar zu sein.

Das Bild zeigt den 97er Jahrgang, den ich seit langem nicht mehr verkostet habe und noch in meinem Keller liegt.

Bleibt eigentlich nur nachzutragen, dass der Winzer/Eigentümer eigentlich Schweizer ist, und Johannes (Giovanni) Davaz heißt. Wer sich ein Bild vor Ort machen möchte, sollte dies unbedingt tun. Das Weingut verfügt über richtig schöne, regional typisch eingerichtete Ferienwohnungen und ist ein altertümliches Schätzchen. So schreibt z.B. der Gambero Rosso  in seiner 99er Ausgabe, dass Poggio al Sole zu den drei schönsten Weingütern im ganzen Chianti Classico gehört. Auf der webpage (www.poggioalsole.com) gibt man sich bescheidener und schreibt:

Poggio al Sole liegt im Herzen der Toscana, in der wunderschönen Landschaft zwischen Florenz und Siena. Noch genauer: Zwischen Tavarnelle Val di Pesa und Greve in Chianti. In den Archiven der nahegelegenen Abtei Badia a Passignano finden sich Dokumente, die besagen, dass auf diesem Gut bereits im 12. Jahrhundert Wein und Oliven angebaut wurden.


 

1998 Regina Vides, Hermanos Sastre – Ribera del Duero

94+ Punkte –

Stallgeruch zu Beginn, ganz dunkel und tief in der Aromatik, wirkt immer noch sehr konzentriert, erinnert mich auch auf Grund seiner Kühle an die nördliche Rhone; sehr, sehr komplex und hohe Eleganz. Dieser Wein stammt von 80-jährigen Tempranillo-Rebstöcken mit Erträgen kleiner 20hl. Das ist nicht international, das ist große, lokale Klasse!!  Dieser Wein hat die Kraft und die Struktur für ein langes Leben und wer mir eine Freude machen möchte, bringt bei einer der nächsten Verkostungen eine Flasche dieses Stoffs mit ;-))

1998 Harys, Domaine du Trapadis – Rasteau / Cotes du Rhone Villages

90 Punkte – Nun habe ich es raus gelassen….das Monster von einst. In seiner Jugend (ca. 2001) kaum zu ertragen, so viel Kraft und Tannin, dann in 2004 eine Flasche, die unerträglich war (krasser Schwefelböchser, von Frucht nahezu keine Spur) und jetzt schau her: ein fescher Kerl, der durchaus zu betören weiss. Ein eleganter Tänzer wird das nimmer mehr, aber auch ein Bauernsohn kann seinen Charme spielen lassen; er muss sich nur seiner Qualitäten bewußt sein. Dunkel, stramm und saftig – so kann man diesen Kerl wohl am besten beschreiben. Die herrliche Extaktsüße und die durchaus vorhandene Säure machen den Wein -trotz aller Kraft – fast sexy. Runde, körnige, aber immer noch richtig feste Tannine, dazu ein süßer Saft von reifen (aber nicht überreifen), schwarzen Waldfrüchten mit einem würzigen Tabak-und Holzton sowie etwas dunkler Schokolade. Der Wein ist vom ersten Mundgefühl rundlich , aber dann kommt  die stattliche Statur zum Vorschein; körperreich;  einer durchaus überzeugender Wein mit erstaunlich gut gehaltener Frische. Jetzt richtig geil zu trinken, kann aber weitere Jahre ohne Problem verkraften (wahrscheinlich hohe Flaschendiffenenz, denn bei dem Schwefelproblem von 2004 hilft auch kein längere Lagerzeit). Im Abgang wirkt das Tannin ledier etwas trocknend.