1997 Vigna del Sorbo Chianti Classico Riserva, Fontodi – Toskana

93 Punkte –  Das Hitzejahr 1997 hat in der Weinkritik eine Achterbahnfahrt erlebt wie kein Zweites – nach dem Jubel kam der Absturz. Zu warm, zu viel Alkohol, kein Lagerpotential waren die Schlüsse. Heute, 17 Jahre später, ist festzustellen, dass fast alle Recht behalten haben. Viele 97er Toskana-Weine haben die Blüte ihres Lebens bereits hinter sich, doch einige stehen gerade mitten in ihr. So auch die 97er Chianti Classico Riserva „Vigna del Sorbo“ aus dem Hause Fontodi.Da die Flasche erst heute aus der jahrelangen Querlage in die Horizontale befördert wurde, ist das Depot etwas in Unruhe. Aufgezogen und genossen! Rubinrote Farbe mittlerer Dichte. Die Nase zeigt eine reife, leicht eingekochte rote Frucht, Himbeeren, Preiselbeergelee und Sauerkirschmarmelade. Den aromatischen Rahmen bilden Sandelholznoten, feinstes Leder und schwarze Oliven. Am Gaumen ein herrlich konzentrierter Chianti. Frucht und Reife gehen spielerisch miteinander um und die Tannine sind wunderbar reif, rund und mürbe. Am Gaumen körperreich, aber nicht schwer, mit reichlich reifer Kirschfrucht, Kirschmarmelade, Schokolade, feinen Hölzern, etwas Rost und süßlicher Würzigkeit (Süßholzwurzel). Die Säure ist kräftig und bildet einen schönen Gegenpol zu dem reichlich vorhandenem Extrakt. Diese Cuvee aus 85% Sangiovese und 15% Cabernet Sauvignon ist auf Grund ihres Alters wunderbar ausdifferenziert und bereitet jetzt großes Vergnügen.

Chianti Classico aus Panzano

unioneviticoltoripanzanoGestern präsentierten die Mitglieder der „UNIONE VITICOLTORI DI PANZANO“ ihre Weine im Hamburger Hotel Louis C. Jacob. Eigentlich ist Panzano nur ein kleines Dorf mitten im Herzen des Chianti Classico. Aber nicht nur Erzeuger wie Fontodi, Castello dei Rampolla oder Fattoria La Massa – allesamt Erzeuger mit weltweitem Renommee – machen aus dem Ort eine Pilgerstätte für Liebhaber toskanischer Weine. Die »Unione Viticoltori di Panzano« – so der Name der Vereinigung, der 20 Betriebe in Panzano und Umgebung angehören – ist ein Phänomen, das weit über die Grenzen der Toskana hin strahlt. Seit über 15 Jahren treffen sich ihre Mitglieder regelmäßig und tauschen gesammelte Erfahrungen und Erkenntnisse aus, verkosten ihre Weine und die anderer Produzenten und versuchen aus Panzano das erste Bioweingebiet Italiens zu erschaffen. Heute  werden knapp 70 Prozent der Weingärten bereits biologisch oder biodynamisch bearbeitet.

Fast alle Chianti Classico Weine, also die Basisqualitäten der jeweiligen Betriebe waren bei der gestrigen Probe von hervorragender Güte. Herrlich duftig, verspielt in ihrer Frucht, mit viel Frische und hohem Trinkfluss machten sie trotz bzw. gerade wegen fehlenden Barrique- und Hyperextraktion-Exzessen viel Freude. Ideale Essensbegleiter oder auch gerne einfach mal so getrunken geht die Hand zum Glas. Ein Ausbund an Frische, mit viel Lebendigkeit und luftig, leichter, ja tänzelnder Frucht überzeugte mich z.B. der 2012 Chianti Classico von Castello die Rampolla auf ganzer Linie. Ähnlich schön auch der 2011 Chianti Classico von Il Molino di Grace – auch hier eine leichtfüßige, aber sehr saubere und klare Frucht mit viel Frische, Transparenz und Trinkfluss. Vom Weingut Vecchie Terre di Montefili kennt man am ehesten noch den reinen Cabernet Sauvignon „Bruno di Rocca“ als Supertuscan, doch mir hat der 2009 Anfiteatro als reiner Sangiovese noch etwas besser gefallen, da er hervorragend zeigt wie komplex, fein, nachhaltig und lang ein Sangiovese sein kann. Eine feste Bank seit Jahrzehnten die Wein von Fontodi (hier arbeitet man vollkommen biodynamisch) – der 2010 Flaccianello ist sicherlich ein Meisterwerk, dass schon in seiner heutigen Kindheit mit Ausgewogenheit und Eleganz glänzt. La Massas Weine sind internationaler im Ansatz, aber völlig beeindruckend bezüglich ihrer weichen Tannine und der seidigen Oberfläche  – so ist z.B. der 2011er Carla zwar ein reinsortiger Sangiovese, aber sicherlich nicht der typische Panzano-Vertreter; trotzdem oberlecker. Wer doch lieber Cabernet Sauvignon trinken möchte, darf etwas tiefer in die Tasche greifen, bekommt aber mit dem 2006er D’Alceo von Castello die Rampolla einen Spitzenwein, der mit viel Frucht, Kraft und Struktur seinen besten Zeiten noch entgegensieht.

Fazit der Verkostung für mich: ich habe meine Lust und Freude am Chianti Classico wiedergefunden – und da geht bei dieser Trinkigkeit auch mal eine Flasche zum Abendessen 🙂

2008 Schioppettino, La Tunella – Friaul

90 Punkte – Saulecker !!! Ich habe selten einen Wein getrunken, bei dem meine Hand so schnell immer und immer wieder zum Glas ging; ein Trinkfluss – wow.

Der Wein entstammt der autochthonen Rebsorte Schioppettino. Im Weingut La Tunella (bitte unbedingt die wunderschön gestaltete webpage www.latunella.it anschauen) werden die Reben im Juni massiv ausgedünnt; die Lese erfolgt von Hand und anschliessend werden die geernteten Trauben in Kisten leicht angetrocknet. Dann werden die Beeren entrappt, natürlich vergoren, um anschliessend etwas mehr als 2 Jahre in französischem Holz zu reifen. Das Ergebnis ist dieser köstliche Stoff, der eine hohe Frische mit eiener herrlich saftigen Frucht verbindet. Im Glas habe ich 14,5% Alk., aber der Wein wirkt leichtfüssig, frisch und elegant. Aroamtisch ist das eine Mischung aus Waldbeerengelee; Kirschsaft; feinen, etwas orientalisch angehauchten Gewürzen, frischem Pfeffer und einem Hauch verbrannter Erde. Ich kann jeden verstehen, der hier eine gewisse Ähnlichkeit mit Hermitage-Weinen zum Besten gibt. Ich freue mich immer sehr, wenn mir solche Weine angeboten werden, die einerseits eigenständig sind, aber andererseits das Spezielle nicht zum Selbstzweck wird, sondern die einfach viel Spaß und Genuss bereiten. Es gibt sicherlich aristokratischere und erhabenere Weine, aber dieser REbsaft ist einfach saulecker. 

Quell dieser Freude war heute Mario Zini, Chef vom Restaurant La Scala in Hamburg- Eppendorf. Meine geschmorte Kalbsbacke harmonierte perfekt zum Wein.

2008 Lagrein Riserva, Josephus Mayr / Erbhof Unterganzner – Südtirol

92 Punkte – Die Weine von Josephus Mayr schätze ich seit vielen Jahren sehr. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich die erste Flasche Lamarein getrunken habe, einen Wein, den es aus Südtirol eigentlich gar nicht geben kann. Im Stile eines Amarone aus angetrockneten Lagrein-Trauben gemacht, ist er für mich jedes Jahr aufs Neue ein wunderbares Erlebnis, diesen Stoff aus aktuellem Jahrgang geniessen zu dürfen. Das klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber die Menge an Lamarein ist Jahr für Jahr wahnsinnig gering. In den ersten Jahren waren die Flaschen noch von Hand durchnummeriert – von "meinem" ersten Jahrgang (1997) gab es ganze 550 Flaschen. Inzwischen ist der Lamarein kein Geheimtip mehr, denn die italienischen Weinführer überschlagen sich mit Lob für diesen Wein. So hat seinerzeit Luca Maroni – in seinem 2004er Weinführer – dem 2001er Lamaein den Titel des Bestes Rotweins Italiens verpasst oder der Gambero Rosso schrieb einmal: "Wir sind nahe daran, einen Josephus-Mayr-Fanclub zu gründen. Warum? Dieser Mann ist einfach ein großartiger Winzer, aber auch ein grandioser Interpret seiner Weine, die immer etwas Persönliches ausstrahlen, vielleicht sogar eine Spur Verrücktheit, aber das genau macht macht sie so faszinierend und fesselnd wie nur wenige andere in Italien." In einem anderen Jahr verwehrtem sie dem Lamerein aus einem einzigen Grund die drei Gläser – die verfügbaren Menge ist so gering, dass kein Mensch eine volle Flasche zu Gesicht bekommt.

Inzwischen war ich ein paar Mal vor Ort (auch wenn es – trotz Navi – verdammt schwierig ist, den Hof zu finden) und es war jedes Mal ein Erlebnis. Mit welcher Passion und mit welcher "Handwerkskunst" Josephus Mayr seine Weine erzeugt, ist wirklich beeindruckend.  Dass Josephus Mayr ein ganz "spezieller" Mensch ist, merkt man schnell, denn viele Worte macht er nicht, dafür hat er umso mehr Überzeugungen, die seine Arbeit leiten und die man in seinen Weinen schmecken kann. Winzerhände verraten mehr als glänzende Imagebroschüren und ich kenne wenige, …, eigentlich keinen, der im November nach Meran auf das schicke Weinfestival mit den 100 besten italienischen Weingütern kommt, und sooo schwarze Fingernägel hat, weil er gerade noch "auf Arbeit" war.

Doch heute habe ich keinen Lamarein im Glas, sondern den aktuellen Jahrgang des Lagrein Riserva  – Jahrgang 2008: Kohlrabenschwarz in der Farbe, mit purpurnem Rand; hochglänzend, aber völlig undurchsichtig. Die Nase ist kühl und eher verhalten, aber am Gaumen "brennts": Saftiger, dichter Stoff, dunkle Beerenfrucht, Brombeeren, schwarze Kirschen Lakritze, ein Hauch wilde Kräuter und für einen Rotwein eine außergewöhnliche Mineralik. Ein voller Körper, reichlich schmelzige Tannine und eine frische Säure sind die Grundlagen eines hervorragenden Lagreins, der insbesondere durch seine tolle Frucht und seine Saftigkeit besticht. Dass der Wein über eine gute Länge besitzt, versteht sich fast von selbst.

1996 Valpolicella Superiore, Romano Dal Forno

94 Punkte – Wow, ich kann es einfach nicht fassen, was Romano Dal Forno hier auf die Flasche bringt. Eine "normaler" Valpolicella ist ein Wein (häufig auch: +"chen"), der fruchtbetont ist und im besten Sinne fruchtig, schmatzig, lecker daher kommt. Diese Art von Wein sollte möglichst jung getrunken werden, bevor die pralle Schönheit verwelkt. Ganz anders dieser Einzellagen-Valpolicella "Vigneto di Monte Lodoletta". Lodoletta, der Name einer rassigen Italienierin ?? – Der Name des Weinberges ist hier wohl Programm. Nur ist das nicht irgendeine Bauernschönheit von den Hüglen des Valpolicella! Das hier ist die Wein gewordene Carla Bruni – zumindest, wenn man den aktuellen Gazetten Glauben schenken mag. Einerseits ganz auf Tiefe, Kühle und understatement angelegt, sicherlich auch mit einer distanzierenden Arroganz ausgestattet – andererseits aber: sinnliche Verführung – und zwar über Ecken, so dass man gar nicht merkt, wie man langsam, aber sicher willenlos wird. So sitze ich z.B.gerade  in meinem kühlen Weinkeller (ca. 16° Grad Celsius) und versuche alle Neuzugänge in die Kellerverwaltung einzugeben.  Dieser Wein macht mich so wuschig und ich kann die Hand gar nicht vom Glas lassen; mit der Folge, dass langsam, aber sicher die Konzentration schwindet. Egal, so einen Genuss stiftenden Wein hat man nicht alle Tage im Glas, also Arbeit bei Seite, zurück in die Wohnung, eine schöne CD einlegen und geniessen!!!

Betörende Nase von ganz dunklen Kirchen und Blaubeeren – mit einem Schlag Sahne darüber; dazu Eindrücke von Thai-Basilikum, Waldboden, Leder, Lorbeeren und Tabak. Am Gaumen immer noch sehr fest, reife, aber noch erstaunlich zupackende Tannine. Dazu kommt eine zarte Fruchtsüße, die aber kaum merklich ist, denn auf der anderen Seite sind da dunkle, fast schon bitter anmutende Eindrück von 80/90%-iger Schokolade, Kirschen und etwas grün wirkenden Kräutern. Geile Länge!!!! Wow, warum ist das nur meine einzige Flasche – ich brauche mehr davon….

Meine Notiz aus 2005 stimmt immer noch – nur sind schon wieder 5 JAhre ins Land gegangen und der Wein ist kaum verändert: http://weinwelt.blogg.de/eintrag.php?id=38

 

1988 / 1997 Il Pareto, Tenuta di Nozzole – Toskana („kleine“ Weinprobe Nr.6+7)

93 Punkte (1988) / 92 Punkte (1997) – Die Familientradition der heutigen Besitzer der Tenuta di Nozzole (Ambrogio und Giovanni Folonari) reicht bis ins späte 18. Jahrhundert zurück. Seit 1825 firmierte die Familie ihre Geschäfte unter dem Namen „Fratelli Folonari“ Im Jahr 1912 kauften die Brüder Italo (der Großvater von Ambrogio) und Francesco die bereits damals für ihren Chianti berühmte Firma Ruffino. In den späten 60er Jahren trennte man sich von „Fratelli Folonari“ und erwarb 1971  das Weingut Nozzole in der Nähe von Greve, im Herzen des Chianti-Gebietes. Gleiches gilt für das Weingut Cabreo, das in den 80er Jahren durch Ambrogio maßgeblich entwickelt und ausgebaut wurde. Doch irgendwie scheinen Familiendynastien nicht für die Ewigkeit gemacht und trennte sich Ambrogio und sein Sohn Giovanni im Jahr 2000 von Ruffino und dem Rest der Familie. Die beiden bekannten Weingüter und Marken Tenuta di Nozzole sowie Tenuta del Cabreo bilden heute den Kern des Besitzes der Tenute Folonari (www.tenutefolonari.com).

 

Il Pareto ist seit jeher ein reiner Cabernet Sauvignon; als früher Supertoscan einst als Tafelwein deklariert, trägt er heute die Herkunftsbezeichnung Indicazione Geografica Tipica (IGT). In meiner Augen ist dieser Wein in Deutschland leider viel zu wenig bekannt, denn gerade in den 80er und 90er Jahren besitzt dieser Wein eine hervorragenden Qualität und Langlebigkeit. Obwohl die Flasche selten mehr als ein Drittel der großen Supertoscans aus dem Bolgheri kostet, braucht er sich keinesfalls hinter ihnen zu verstecken.

 

Der 1988er Il Pareto (93 Punkte) zeigt bereits in der Nase seine Verwandtschaft zu Bordeaux. Am Tisch wurde gerätselt, der erste Bordeaux an diesem Abend oder doch der nächste Italiener – bei diesem Wein schieden sich die Geister. Mit seiner feinen Lakritznote erinnerte er an einen Wein aus dem Grave. Auffallend schön ist die hohe Frische, mit dem dieser über 20 Jahre alte Wein im Glas steht. Hinzu kommen ein hohes Maß an Eleganz und Komplexität, die seinem Auftritt eine aristokratische Dimension verleihen. Mit seinem erdigen Aromenbild und den Anklängen von feinem Tabak trifft er meine Vorstellung eines hochwertigen Bordeaux vollkommen. Dieser Wein ist kühl, komplex, genussreich und baut im Glas aus. Weitere Jahre in der Flasche, gelagert in einem dunklen, kühlen Keller dürfte er ohne Problem überstehen.

 

Il Pareto 1997 (92 Punkte) steht seinem Pendant aus 1988 kaum nach. Ein kraftvoller Cabernet mit klarer Struktur, definierten Konturen und einer wunderbaren Saftigkeit. Die 97er Ausgabe des Il Pareto besitzt einen vollen Körper, hat Rückgrad und ist trotzdem geschmeidig am Gaumen. Die klare und schöne Frucht, mit Noten von Cassislikör, erdigen Aromen, feinem Tabak und einem klitzekleinen Hauch von grünen Paprika, machen ihn für mich zu einem Cabernet Sauvignon in Reinform. Der Wein erlebt jetzt seine erste volle Blüte und dürfte auch die nächsten 10 Jahre viel Freude machen.

1997 Le Stanze, Poliziano – Toskana („kleine“ Weinprobe Nr.5)

92 Punkte – Die Familie Carletti startete mit dem Weinbau auf 22ha im Jahr 1961, heute besitzt man in der Gegend um Montepulciano 120 ha und ein weiteres Weingut in den Maremmen. Der Name Poliziano ist ein hommage an den humanistischen Dichter Angelo Ambrogini, der in Montepulciano geboren und als „Il Poliziano“ bekannt wurde.

 

 

Der Supertoscan „Le Stanze“ (benannt nach einem Gedicht von Il Poliziano) wurde erstmal im schwierigen Jahrgang 1987 gekeltert und auf den Markt gebracht. Mit diesem Wein versuchte man international bekannt zu werden, ohne den toskanischen Ursprung aufzugeben. Dass dieser Balanceakt im Hause Poliziano stets gelingt, konnte ich schon bei mehreren verkosteten Jahrgängen feststellen – an diesem Abend hatten wir die 97er Ausgabe im Glas.  Bereits das Bukett wies uns den Weg in die Toskana: viel Eisen (Blut), darunter verbarg sich zu Beginn eine etwas überreife Frucht von Pflaumen und Waldbeeren; hinzu kamen erdig-würzige Noten sowie Anklänge an Graphit. Mit zunehmender Luft baute die Frucht deutlich aus; ein Hauch von Maggikraut/Liebstöckel wies uns den Weg zum Alter des Weines. Am Gaumen brauchte er ein wenig Anlauf, nahm dann – mit der Luft im Glas – aber an Fahrt auf und entwickelte eine schöne Fülle. Die Reife war etwas deutlicher zu erkennen als beim zuvor verkosteten Desiderio von Avignonesi, dafür punktete der Le Stanze aber mit seiner komplexen Art am Gaumen, wenngleich der Desiderio in Punkto Eleganz leicht die Nase vorne hatte. Insgesamt ein immer noch Wein mit einer guten Struktur, Kraft und Fülle, der sicherlich noch die nächsten 2,3,4 Jahre schön zu trinken sein wird, wenngleich am Tisch auch deutlich gereifteren uns schwächeren Flaschen berichtet wurde.

1997 Desiderio, Avignonesi – Toskana („kleine“ Weinprobe Nr.4)

91 Punkte – Avignonesi kann sicherlich zu den führenden Weinhäusern in der Toskana gezählt werden. Heute verbergen sich hinter dem Namen vier Weinbaubetriebe: Fattoria La Capezzine, Estate I Poggetti, Estate La Selva und Estate La Lombarda. Zusammen verfügt Avignonesi über 225 ha Grund und Boden, von denen 109 ha unter Reben stehen und weitere 3 ha mit Olivenbäumen bepflanzt sind.

 

Vor einigen Jahren war ich auf einer Veranstaltung mit Mario Scheuermann, der behauptete, dass der Desiderio am besten schmeckt, wenn er mindestens 10 Jahre gereift ist. Wenn ich mich recht erinnere gab es damals einen wirklich schönen 88er Desiderio, der das getroffene statement deutlich unterstrich. Nun hatten wir einen 12 Jahre alten Desiderio im Glas, der mich mit seiner animierenden Nase von Waldbeeren und Eisen (Blut) überzeugte. Auch am Gaumen ein feiner Stoff, mittelgewichtig, mit recht eleganter Frucht und erdigen Anklängen; steht bestens im Saft, hat Struktur, eine schöne Säure und zeigt wenig Alter, trotzdem dürfte er jetzt – gute Lagerung vorausgesetzt – seinen Höhepunkt erreicht haben (jetzt herrlich ausgewogen und harmonisch). Auf diesem Niveau sicherlich die nächsten 2-3 Jahre unverändert, bevor sich das Alter etwas mehr in Szene setzt.

 

Wir diskutierten recht lange, ob dieser Wein ein reiner Merlot sein kann, oder ob es nicht doch eine Cuvee aus Merlot und Cabernet Sauvignon ist. In Kenntnis dessen, dass es bis dato immer ein reiner Merlot war, habe ich natürlich die „Merlot-Fahne“ hochgehalten, aber man sollte sich doch mehr auf seine Sinneseindrücke denn auf archiviertes Wissen verlassen! Im Gambero Rosso 2001, S.449 gibt’s folgendes zum 97er Desiderio zu lesen: „(…)Aus einem reinsortigen Merlot wurde jetzt ein Verschnitt aus Merlot und Cabernet Sauvignon. Seinen Duft nach kleinen roten Früchten begleitet eine gefällige und massvolle vegetabile Ader; gut auch der Geschmack mit dem etwas übermütigen Tanin, dessen feine Manieren noch den letzten Schliff benötigen.“ J

2004 La Grola, Allegrini – Venetien

88 Punkte – Allegrini begleitet mich seit meiner Studentenzeit. Damals war es der Palazzo della Torre, dieser im Ripasso-Verfahren ( dabei werden dem bereits fertig vergorenen Wein, nochmals angetrocknete Trauben oder der Trester des Amarone zugesetzt und mit diesem erneuten Zucker- und Aromaschub wird eine zweite Gärung eingeleitet, die dem Wein einen wunderbaren Schmelz und eine dichte Frucht verleihen kann) vinifizierte Wein, der mich begeistert hat und mich anfixte alsbald auch meinen ersten Amarone zu verkosten. 

Heute steht der La Grola (70% Corvina Veronese, 15% Rondinella, 10% Syrah, 5% Sangiovese) aus dem sehr guten Italienjahrgang 2004 vor mir und ich bin immer noch angetan von dem, was das Hause Allegrini zu noch bezahlbaren Preisen (Euro 14,-) auf die Flasche bringt. Der Wein hat eine füllige Frucht von reifen Beeren, dunklen Würznoten (Wacholder und Tabak) und einen Hauch Kaffee und dunkler Schokolade. Körperreich, vordergründig samtig am Gaumen, aber die recht kräftige Säure sorgt für eine gute Balance. Die ausgereiften Tannine sind gut spürbar und sicherlich auch die Garantie dafür, dass der Wein ein paar Jahre auf diesem Niveau noch so bleibt. Mir schmeckts (auch wenn ich heute Weine mit mehr Eleganz vorziehe) und deshalb genehmige ich mir noch ein Glas als Schlummertrunk.

1979 Barolo Bussia di Monforte Riserva Speziale, Bruno Giacosa – Piemont


96 Punkte – Der krönende Abschluss der Rotweinrunde an diesem Abend. Dieser herrliche Stoff ist nur in wenigen Jahren (1974, 1975, 1978 und 1979, jeweils rotes label) in kleiner Auflage erzeugt worden. Für die Optik gewinnt dieser Barolo keine Preise; mit unglaublich viel Depot strömt der Wein ins Glas, in der Farbe ansonsten eher blass und hell. Dafür hat es der Rest umso mehr in sich. Die Nase zeigt mit etwas Luft herrliche Trüffelaromen und feuchtes Unterholz, dazu Malven, etwas Liebstöckel und zwischendrin auch mal ein Hauch von verwässerter Coca Cola, aber das Aroma verändert sich, zeigt auch Anklänge von rotem Tee. Am Gaumen ebenfalls mit fortgeschrittener Reife, deutliche Tertiäraromatik (aber die von ihrer schönsten Seite), dazu etwas Tee von roten Früchten, eine feine und recht intensive Süße (Karamell). Insgesamt ein wunderbar reifer Barolo, mit sehr viel Spiel, Komplexität und Finesse. Ich liebe diese Art von klassischem Nebbiolo; für mich ist das großes Kino und unglaublich genussvoll.