1955 Mouton Rothschild – Pauillac / Frankreich

96 Punkte – Georges Braque war bis dato der berühmteste Künstler, der für Mouton ein Etikett gestaltete. Sein Honorar waren fünf Kisten vom 1955er sowie zwölf Flaschen eines Jahrgangs seiner Wahl. In der Literatur wurde der 55er bis in die frühen 80er Jahre als muskulöser, ziemlich ungeschmeidiger, zugeknöpfter Kraftprotz beschrieben. Glaubt man späteren Verkostungsberichten – aus der Mitte der 80er Jahre – erlebt der 55er hier Mouton hier seinen ersten Frühling. Gleichwohl wird kolportiert, dass bei einer spektakulären Jubiläumsverkostung in der Wiesbadener „Ente vom Lehel“ im März 1989, als Hans-Peter J. Frericks, der Münchner Sammler, Mouton und Latour in den Jahrgängen 1945 bis 1986 miteinander (oder gegeneinander?) antreten ließ, man zu dem Ergebnis kam: „Ein ‚no future’-Wein, mager, ja fast roh.“ Was für ein Irrtum, auch wenn man ihm zumindest ein „frisches und gutes Bukett“ attestiert hatte.

Jetzt, zu Beginn des Jahres 2017 präsentiert sich der 55er Mouton im Kern mit dunkler, leicht eingetrübter rubinroter Robe, die an den Rändern dezent orange-wässrige Aufhellungen aufweist. Im Bukett zu Beginn erkennbare Tertiär-Aromen von feuchten Laub, altem Leder, schwarzem Olivenwasser und reichlich welken Blüten/Rosen, aber auch viel Jod, Eisen und dezent Tabak. Mit mehr Luft zarte Spuren von getrockneten Feigen. Am Gaumen ebenfalls mit erkennbarer Reife, aber gleichzeitig immer noch richtig Struktur, feinsandige Tannine und aromatisch dicht für das Alter. Reste einer feinen, zart süßen Frucht pendeln zwischen getrockneten Erdbeeren und Blaubeeren (die einen auch an gereiften Cabernet Franc denken lassen). Hinzu kommt eine angetrocknete, herb-dunkle Würzigkeit, die sich gut einfügt und diesem (immer noch) vitalen „Weinsenior“ zu einem anspruchsvollen Trinkvergnügen macht. jetzt – 2022??

Nicolas Rossignol – Ankunftsverkostung

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(veranstaltet von Nobbi Müller – http://www.nobbimueller.de)

Hintergrund:

Nicolas Rossignol, geboren 1974, ist Winzer in der 5. Generation. Seine Weine sind ein prädestiniertes Beispiel für die vollzogene stilistische Wandlung von strukturbetonten Burgundern hin zu Weinen mit viel Frische, Klarheit und Finesse. Früher waren die Weine des Familienweingutes Rossignol Jeanniard bekannt für massive, tiefdunkle und gerbstoffbetonte Burgunder. Nicolas Weine sind dagegen stets anregend, frisch und elegant.

Nach Stationen in Südafrika, der südlichen Rhône und in Boredeaux startet Nicolas Rossignol 1997 sein eigenes Weingut mit knapp 3ha in den Lagen von Volnay, Pommard, Beaune, Aloxe-Corton and Pernand- Vergelesses. Bereits ein Jahr später kommen weitere 1,5 ha hinzu. Heute werden Weine aus über 20ha vinifiziert, wovon ein Teil aus den eigenen Weinbergen stammt, den Rest kauft er vom Familienweingut seines Vaters – zunächst nur gewisse Partien, inzwischen wird die komplette Ernte von Nicolas übernommen.

Sein Credo sind Lagentypizität und Transparenz. Im Keller verzichtet er auf kellertechnische Maßnahmen wie Kaltmazeration vor der Gärung oder Schönung und Filtration bei der Füllung. Im Weinberg sind chemische Unkrautvernichter tabu und bei der Pflege seiner Rebstöcke übernimmt der Mondkalender eine gewichtige Rolle.

Jahrgang 2013:

Der 2013er Jahrgang hielt für Nicolas Rossignol die gleichen, schwierigen Bedingungen bereit wie schon der 2012er Jahrgang. Einziger Unterschied: in 2013 kam zum Ende der Ernte noch massiver Botrytisdruck hinzu. 2013 suchten die Hagelstürme die Weinberge über drei Wochen später heim als ein Jahr zuvor. Die Reben waren zu diesem Zeitpunkt in ihrer vegetativen Entwicklung ca. drei Wochen hinter 2012 zurück, sodass das Schadensbild fast identisch zu 2012 ausfiel. Die Weinberge in den höheren Lagen haben dabei mehr gelitten als die flacher gelegenen Rebflächen. Viele der getroffenen Beeren sind nach dem Hagel abgetrocknet und anschließend abgefallen, sodass am Ende in keinem Weinberg ein Totalschaden entstanden ist. Größtes Problem für Nicolas Rossignol in 2013 sind die super geringen Mengen, die Ernte betrug nur 30% eines durchschnittlichen Jahrgangs. Bei der Vinifikation und im Ausbau hat Rossignol in 2013 besondere Vorsicht walten lassen. Die Extraktion von Farbe und Tannin wurde besonders schonend betrieben. Der Anteil an neuem Holzes im Ausbau beträgt nur 15-20%.

Im Ergebnis zeigten die verkosteten Weine eine gute, klare und durchaus konzentrierte Frucht mit einer belebenden Frische. Alle verkosteten Weine zeigen bereits heute einen jugendlichen Charme und sind deutlich zugänglicher als in anderen, strukturbetonten Jahren (z.B. 2005). Über die Lagefähigkeit mache ich mir keine Gedanken, die nächsten 10 Jahre sollten für die Einzellagenweine kein Problem darstellen.

Verkostungsnotizen:

2013 Bourgogne Heritière, Nicolas Rossignol – Burgund

Duftige, bereits erfreulich geöffnete Nase nach blauen und roten Beeren, leicht würzig. Am Gaumen leicht- bis mittelgewichtig, mit einer offenen, etwas rauhen Frucht, dezente Würzigkeit; offener Typ, mit gut eingepasster Säure, zeigt viel und will jetzt gefallen. Ein sauberer Burgunder für den Einstieg. Macht jetzt und in den nächsten 3,4 Jahren Spaß. Stammt von alten Reben in Pommard, in 2013 komplett entrappt, statt der üblichen ca. 3.800 Flaschen nur 660 Flaschen. 15/20 – jetzt bis 2019.

2013 Pommard „Les Vignots“, Nicolas Rossignol – Burgund

Sehr dunkel in seiner Robe. Schöne Burgundernase mit toller dunkler Frucht von schwarzen Johannisbeeren und anderen dunklen Beeren, feine Würzigkeit mit Anklängen von Pfeffer. Am Gaumen mit guter Substanz, dunkler und feiner Frucht, kombiniert mit einer Vielzahl erdiger Noten. Die feine Extraktsüße steht ihm heute gut, die Frucht ist an der Grenze zur Überreife, aber letztlich doch noch voll im „grünen Bereich“. Die mineralische Ader sorgt für ein komplexes, sehr stimmiges und schönes Burgundererlebnis. Das macht heute bereits viel Freude; von 12-18 Monaten zusätzlicher Reife im Flaschenkeller wird er dennoch profitieren. 17/20 – 2015 bis 2020

2013 Pommard 1er Cru, Nicolas Rossignol – Burgund

Schöne, tiefe Nase mit viel Substanz und einer offenen Frucht. Fruchtbetont mit viel roten Früchten, Himbeeren, Pflaumen und einer angenehm, erdigen Ader; frisches Brot. Am Gaumen mit guter Substanz, schönem Extrakt, mittlerem Körper, einer gut eingepassten Säure und einem klaren, von Mineralität geprägten Gesamteindruck. Hinten heraus wird er etwas strenger und schmuckloser. Aktuell gefällt mir der Les Vignots einen Tick besser. Mit zusätzlicher Reife dreht sich das Bild voraussichtlich.

Neue Cuvée mit nur 540 Flaschen, es befinden sich alle 1er Cru Lagen aus Pommard – außer Epenots und Chaponnieres darin wieder. Ein separater Ausbau hat in 2013 nicht gelohnt. 16+/20 – 2015bis 2022

2013 Volnay „Les Chevrets“ 1er Cru, Nicolas Rossignol – Burgund

Der animalisch, an gekochtes Rindfleisch erinnernde Auftakt überrascht zunächst etwas. Mit Luft baut die dahinter liegende, dunkelbeerige Frucht wunderbar aus, sie wird zunehmend komplexer, intensiver und tiefer in der Aromatik. Am Gaumen ein Wein mit schöner Substanz und Tiefe; pure, reintönige Frucht mit guter Dichte; mittlerer Körper. Die Tannine geben Struktur, sind an der Oberfläche rund und geschliffen. Der Wein besitzt Kraft, eine gute Säure und präsentiert sich bestens balanciert. Im Abgang mit Länge und sehr sauberer Pinotfrucht. 17+/20 – 2015 bis 2023

2013 Volnay „Les Caillerets“ 1er Cru, Nicolas Rossignol – Burgund

Ganz andere Stilistik in der Nase als alle verkosteten 2013er Rossignol-Weine zuvor. Kühler Duft, überaus kühl, geschliffen und elegant. Die Kombination aus dunkler Frucht, Tee, Zedernholz und einem Touch Menthol vermittelt einen aristokratischen Eindruck. Er zeigt seine Kraft und die Frucht nicht so offensiv wie der Les Chevrets, doch die Substanz ist sehr gut, von kühler Eleganz und edlem Zuschnitt. Die mineralische Ader ziert ihn wie eine silberner Nadelstreifen die gesamte Robe. Jetzt schon – mit ausreichend Belüftung – überaus genussvoll, wird aber sein Niveau sicherlich in den nächsten 10 Jahren halten. 18/20 – 2015 bis 2023

Grundsatz: Alle verkosteten Weine entstammen entweder dem eigenen Keller oder wurden vom Winzer kostenlos zur Verfügung gestellt. Eine darüber hinaus gehende Bezahlung oder  andere Art von Gratifikation ist grundsätzlich ausgeschlossen.

 

 

 

 

2011 Chateau des Tours – Côtes du Rhône Reserve Blanc

Chateau des Tours Reserve 2011 blanc

92 Punkte – Dieser reinsortige Grenache Blanc ist prall, drall und geil – man möge mir die Sprache verzeihen, aber wenn ich so etwas im Maul habe, kann mir der ganze Eleganz-Firlefanz gestohlen bleiben. Dieser Wein ist pures Leben, prall, üppig und ein Ausbund an Energie. Sahne, Milch und Honig. Üppige gelbe Früchte, Akazienblüten, Vanille, Myrrhe, im Hintergrund eine ausgeprägt würzige und mineralische Ader. Körperreich, trotz aller Üppigkeit schafft es die kraftvolle Säure die Dinge in Balance zu bringen. Der Wein ist zu keinen Zeitpunkt schwer oder zu alkoholisch, vielleicht ein Hauch von Bitterness bitter, aber hej, wen interessiert das schon – das Ding säuft (trinkt) man in Mengen, weil so endgeil und laaaaang am Gaumen. Am Ende betrunken, aber glücklich.

2013 Moulin à Vent Les Trois Roches, Domaine Vissoux – Beaujolais

Heute Abend wieder mal bei der lieben Madame Hu in Hamburg vorzüglich gespeist (französisch-asiatische Küche, ausschließlich Bio, null convenience, one women show in der Küche und meine Lieblingsgastgeberin in Hamburg-St.Pauli, von Außen schrabbelig, von innen unkompliziert elegant)

2013_VissouxZum wunderbaren3-Gang-Überraschungsmenü (Euro 39 – wer da nicht hingeht, ist selbst schuld) hatte ich mir diesen wunderbaren 2013 Les Trois Roches von Martine und Pierre-Marie Chermette ausgesucht.

Nomen est omen – der Wein stammt aus drei verschiedenen Parzellen: La Rochelle bringt die Kraft, Roche Noire die Säure und Lebendigkeit und Rochegrès sorgt für die wunderbare Eleganz.

Die 2013er Ausgabe ist bereits in ihrer Jugend wunderbar zu trinken: Strahlend, transparentes rubinrot mit purpurnen Reflexen,  ein duftender, bunter Strauss von roten Früchten (vorwiegend Himbeeren, Kirschen, aber auch Johannisbeeren & Brombeeren) und blauen Blüten (Iris, Kornblume). Trotz der schönen Saftigkeit, wirkt der Wein herrlich leichtfüssig. Am Gaumen ist die Frucht ein bisschen kompakter als in der Nase, dafür sorgen insbesondere die steinigen, kreidigen Anklänge sowie ein feines Tannin, dass eine erkennbare, aber sanfte Struktur ausbildet. Die feine Würze rundet das Bild ab, die Länge ist sehr beachtlich!

Fazit: Die Flasche war bereits nach der Vorspeise fast leer. – 91 Punkte

Ggf. gibt es den Wein noch bei Nobbi Müller (http://www.burgunder-suesswein.de)

 

 

2012 Sancerre Edmond, Alphonse Mellot – Loire

2012_EdmondA19/20 bzw. 96/100 – Blasses Gelb mit grünlichen Reflexen und strahlendem Glanz. Das Parfum ist glockenklar, reintönig, frisch und animierend. Es duftet nach kaltem, reinen Bergwasser, das man bei der Wanderung direkt mit der Hand aus dem Wasserlauf schöpft. Ein dezenter Duft von Wiesenblumen, Zitrusfrüchten, Waldmeister und einigen Gräsern. Am Gaumen hochgradig rein, voller Energie und innerer Spannung. Gazellengleich springt und tanzt dieser Wein auf der Zunge. Die Mineralität ist enorm ausgeprägt, fast staubig, der Wein hat Zug und Kraft und ist doch schlank, elegant und schon in seiner Jugend enorm ausgewogen. Der Edmond bekommt jedes Jahr eine Portion neues Holz, aber von der ist weit und breit nichts zu riechen oder zu schmecken, die Mineralität scheint diese Aromen vollends zu absorbieren. Trotzdem hat es wohl in Sachen Struktur und Festigkeit eine tragende Rolle. Mit etwas mehr Luft und Wärme entfaltet sich ein Strauß von hellen Blüten und jungen, gelben Früchten. Am Gaumen entwickelt der Wein eine wunderbare Länge und endet auf Mineralität und dezenten Zitrusnoten.

Dieser Sancerre gab unserer gestrigen, kleinen Verkostungsrunde ein paar schöne Rätsel auf. Da wir – wie immer –die Weine blind in unserer Runde trinken, hielten sich die Anwesenden Weinfreaks bei der Frage nach Herkunft und Rebsorte alle vornehm zurück und schauten „angestrengt“ abwesend. Vereinzelt fiel Frankreich, ein eher ungewöhnlicher Burgunder vielleicht, am Ende war der liebe Mathias dann aber auf dem richtigen Pfad: „Ein Sauvignon Blanc, wie ich ihn bisher nur extremst selten getrunken habe.“ Auf die sich anschließende Frage, ob der Wein gut sei, hielt sich dann keiner zurück mit seinen Elogen:

„absolut Wow, was für ein geiler Wein“

„Wow, der hat eine irre innere Spannung und Kraft“

„Fest, rein, sehnig und komplex“

„Lebendig, jung, frisch, jungfräulich“

Dies waren nur ein paar Aussprüche, die ich aufschnappte bzw. selbst dachte. Fazit: Ein wunderbarer Vertreter des Sauvignon Blanc, der klar den Boden und nicht die üblichen Aromen der Rebsorte in den Vordergrund stellt. Wer Stachelbeeren oder frisch geschnittenes Gras sucht, wird hier leider nicht fündig.

Seit dem 16.Jahrhundert, um genau zu sein, seit 1513 ist das Leben der Familie Mellot eng mit den Jahreszeiten und der Weinbereitung verbunden. Immer und immer wieder taucht die Familie als Winzer und Weinhändler in lokalen historischen Aufzeichnungen auf. Die Ernennung von César Mellot zum Weinberater von König Louis XIV stellt sicherlich einen historischen Höhepunkt in der Familienchronik dar.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts gründete ALPHONSE MELLOT eine Taverne in Sancerre, wo man fortan die regionalen Weine genießen konnte. Mit der im Jahr 1881 erteilten Lizenz durfte man dann in ganz Frankreich und der restlichen Welt Weine versenden. Seit dieser Zeit trägt jeweils der Sohn der Familie den Namen Alphonse.

Heute steht bereits die 19. Generation im Weinberg und Keller. Die Monopollage des Hauses, die Domaine La Moussiere mit ihren 30ha Reben, hat eine ideale südwestliche Exposition und der Boden aus sehr kalkigem Mergel sind die Grundlage für schönste Sauvignon Blancs. Die Träubchen für den Edmond stammen von einem besonders begünstigten Wingert innerhalb der Lage La Moussiere, die Stöcke sind mindestens 60 Jahre alt, viele sogar über 100 Jahre. Im ganzen Weingut arbeitet man biodynamisch und trägt das französische Biosiegel AB (=Agriculture Biologique) auf dem Etikett, das nach Demeter wahrscheinlich die strengsten Anforderungen stellt.

Ein bisschen schade ist, dass die schönen und künstlerischen Etiketten der letzten Jahre mit dem Jahrgang 2012 auf eine kühle, wenngleich ästhetische Sachlichkeit reduziert werden. Die Tänzer und Gaukler im Wingert der Jahrgänge zuvor fand ich irgendwie poetisch und voller Ausdruck – das passte für mich hervorragend zu diesem Wein, eine weitläufige Ähnlicheit mit Clerc Milon Rothschild war sicherlich Zufall.

 

2007 Chevalier-Montrachet, Domaine Etienne Sauzet – Burgund

15058337360_bdfee88733_b99 Punkte – Wahnsinnsteil! In 2007 hat Gérard Boudot ein Meisterwerk abgeliefert. Das Parfum des Weines ist überall – dicht, kraftvoll und enorm vielschichtig. Kein roter Teppich, sondern ein Aromenteppich kleidet den Weg zum ersten Schluck. Sahne, Citrusnoten, Birnen, etwas grüne Banane, exotische Früchte, Frühlingsblumen, Quitten, edles Holz (20% neues Holz in diesem Jahrgang) und eine Spur von Vanille und Wachs sind die Klangfarben in dem Gesang der Sirenen, dem man sich unmöglich entziehen kann. Voller Körper, mit einer atemberaubenden Intensität und schönen Rundungen, darunter liegt sehr viel Kraft und eine beneidenswerte innere Spannung. Dichte und aromatische Üppigkeit – ohne jedwede Schwere! Dieser Wein ist immer noch in seiner Sturm- und Drangphase und einmal aus der Flasche gelassen, zieht er Luft und legt los: Aromenschicht für Aromenschicht kleidet Mund und Rachen aus und bei der Beschäftigung mit dem Wein kann man Raum und Zeit verlieren – nur Du und der Wein! Großes, großes Weinkino. Auch wenn die 96 Punkte von David Schildknecht und John Gilman (jeweils aus 2009) nicht gerade bescheiden sind, fällt es mir schwer zu formulieren, was in diesem immer noch jugendlichen Wein besser sein könnte. 99 Punkte und ein irre langes Leben. Ich hoffe, die nächste Flasche nicht erst am Sterbebett zu genießen. „2007 Chevalier-Montrachet, Domaine Etienne Sauzet – Burgund“ weiterlesen

2003 Moulin A Vent Vieilles Vignes, Domaine Diochon, Beaujolais

89 Punkte – Die Weine aus Moulin A Vent gelten als die tiefgründigsten und langlebigsten unter den 10 Crus des Beaujolais. 2003 war auch hier ein Hitzejahr, dennoch beeindruckt dieser Wein heute mit viel Frische und Substanz.

Transparentes und leuchtendes Rubinrot. Bei 16 Grad Celsius im Glas perfekt konditioniert. Delikate Fruchtnase nach roten Früchten (vorwiegend Erdbeeren und Kirschen), dazu eine Brise aus dem kühlen Lorbeerwald.

Am Gaumen eine kühler, sehr mineralischer Ansatz; dann kommt die Frucht! – Ein Potourrie von roten Früchten – Erdbeeren, Kirschen, Kirschkernen (kleines Bitterle) und reifen Waldhimbeeren. Auf Grund der guten Säure (trotz Hitzejahrgang 2003) frisch und animierend; hohe Transparenz und Klarheit – wirkt animierend, die Hand geht zum Glas.  Ich geniesse ihn ohne Essen! Gereifter Beaujolais ist (fast) die letzte, unentdeckte Bastion! Viel Wein für recht kleines Geld.

1998 Jadis, Lèon Barral, Faugéres

 Visionäres Winzergenie, sensibler Wingertmann und vinologischer Revoluzzer gleichermaßen, in seinem Unangepasstsein und Habitus eine Reinkarnation des jungen, stets eigene Wege suchenden James Dean – in diesem Spannungsfeld steht Didier Barral.“ schrieb einst der Weinhändler, der mich mit Barral-Weinen anfixte.

Keine Ahnung, ob James Dean jemals Wein getrunken hat, aber das Attribut „unangepasst“ passt für Didier Barral und seine Weine sehr gut. Er hat in seinem Wingert ein einzigartiges Ökosystem geschaffen – und Pferde, Esel, Kühe und Schweine sind seine engsten Verbündeten. Auf natürliche Art und Weise wird der Boden gelockert und gleichzeitig gedüngt; Biodiversität ist der Weg und das Ziel zugleich. Ähnlich „altmodisch“ bringt er seine Weine auf die Flasche, ohne Filtration und Schönung. Eine tolle Fotostrecke dazu findet sich unter http://www.domaineleonbarral.com/Thomas_Gendre/Diaporama.html# – die Sau mit der vom Wein gezeichneten Schnauze gefällt mir am besten!

Rubinrote Farbe mittlerer Dichte, schöner Glanz. Zu Beginn ein animalischer Duft, Kuhstall, dann dunkle Fruchtnoten, Kirschkerne, ein Hauch von Schokolade und Leder; eigenständig und individuell, erinnert  an Ch. Rayas. Am Gaumen ein vergleichbares Bild, Kirschkerne, dunkle Frucht, dunkles Fleisch; trotz seiner 14% Alkohol kein Schwergewicht, gut auf den Beinen, feinkörnige Tannine, schönes Spiel und Länge. – 90 Punkte

1998 Valiniere, Domaine Léon Barral, Faugères

 

Mourvedre! Frisch im Glas wiederum mit animalischen Noten, dann fächert der Wein auf wie ein Pfauenrad. Lakritze, rote Früchte, Cassis, welke Blüten, Malven, Hagebutten, Sauerkirschen – dazu eine feine Würzaromatik. Am Gaumen löst er seine Versprechungen komplett ein, herrlich gereift, aber mit innerer Spannung und Kraft. Schönes Spiel zwischen würziger Süße und Frucht, dabei sehr ausgewogen und mit sehr guter Länge. – 94 Punkte

2010 Les Granits blanc, Chapoutier – St.Joseph / Rhône

95 Punkte – Zu später Stunde sitze ich an meinem Computer und schaue auf gigantisch viele Verkostungsnotizen der letzten Monate, die in den nächsten Tagen Probe für Probe hier erscheinen werden. Doch diese Weine sind alle Geschichte und der 2010 Les Granits von Chapoutier ist Gegenwart und zwar „Vollendete Gegenwart“! Aber die Zukunft ist voraussichtlich noch größer. Dieser reine Marsanne aus exzellenten Jahrgang kann unendlich reifen und wird wahrscheinlich immer noch gut im Glas stehen, wenn ich bereits die Radieschen von unten anschaue – und ja, ich bin erst 45 Jahre alt und meine Großmutter hat das 96. Lebensjahr vollendet.

Dieser jetzt so jugendliche, ausdrucksvolle und äußerst mineralische Wein hat das ganze Potential eines großen Langstreckenläufers. Aktuell ist die wunderbar klare Nase geprägt von floralen Noten (Lilien; weiße, nicht süße Blüten) und Steinmehl. Hinzu kommen Anklänge von herber Mandarinenkonfitüre, weißgelben Wachsbohnen, hellem Blütenhonig und salzigem Nordseewasser. Am Gaumen ebenfalls große Frische und Klarheit (trotzdem weiches Mundgefühl); fester, muskulöser Köper, aber kein Typ Bodybuilder. Die ausgeprägte Granit-Mineralik dominiert die Frucht (grüne Bananen, noch etwas unreife Melonen, Wachsbohnen, Jodsalz). Der Wein ist sehr klar, äußerst mineralisch und von kühler, fast unterkühlter Frucht. Die wunderbare, mineralische Länge vollendet das Bild eines wirklich großer Weißweins, der – abseits von Riesling und Chardonnay – seine ganz eigene, glockenklare, mineralische Aromatik ausbildet und voraussichtlich Genuss für die nächsten 50 Jahre bietet.

Leider habe ich nur weitere 2 Flaschen im Keller, die nächste wäre also erst in 25 Jahren zu trinken 😉