Morstein – Verkostung

Gerhard Retter lud zur entspannten Sonntagssoiree in seine Fischerklause. 11 Weinfreunde sind dem Ruf gefolgt und arbeiteten 😉 sich an der Frage ab, ob ganz unterschiedliche Weine aus einer der berĂŒhmtesten Weinlagen Rheinhessens – dem Morstein – charakterbildende Gemeinsamkeiten aufweisen.

Die angestellten Weine sind grob in zwei Gruppen zu unterscheiden: Altmeister und talentierter Nachwuchs. Alle Weine waren aus den JahrgĂ€ngen 2016,2015 und 2014 – mit zwei Ausnahmen.

Im Spitzenduell zwischen Keller und Wittmann gab es keinen klaren Sieger, die Weine performten erwartungsgemĂ€ĂŸ sehr gut. Ein von mir angestellter 2006er Morstein von Keller war Opfer eines verdeckten Korkers oder schlechter Lagerung. Wie ich im Nachhinein an Hand meiner Kellerbuchhaltung festgestellt habe, hatte ich eine Flasche 2013 bei Ebay gekauft. Dem Wein mangelte es an Frische, Klarheit und KomplexitĂ€t und ist klar dem Mangel dieser Flasche geschuldet.

Dass das 2007er Kirchspiel GG von Wittmann am Ende des Abends everybodies darling war, liegt nicht darin begrĂŒndet, dass das Kirchspiel – im Lagenvergleich – die Nase gegenĂŒber dem Morstein vorne hat, sondern, dass die Großen GewĂ€chse von Topwinzern ihre wahre Schönheit und KomplexitĂ€t erst mit der nötigen Reife entwickeln.

Von der Riege der – teilweise schon etablierten – Nachwuchswinzer gibt es reichlich Gutes zu berichten. Meine persönlichen Highlights kamen an diesem Nachmittag und Abend von Seehof, Erbeldinger, Rettig und Flick. Die Auslese von Katharina Wechsler war ebenfalls sehr ĂŒberzeugend.

Gestartet sind wir mit einem 2016 von der Fels. Wie immer, herrliches Rieslingkino von Klaus Peter Keller fĂŒr einen ĂŒberschaubaren Kurs. Der 2016er strahlte mit glockenklarer Aromatik, krĂ€utrig-mineralisch, super Frische und einem schönen Zug. Dann kam der erste Morstein in Form einer 2016er SpĂ€tlese trocken vom Weingut Hirschhof ins Glas. FĂŒr Euro 8,40 ist das ein sehr ehrlicher Wein mit viel primĂ€rer Rieslingfrucht, angenehm stoffig, saftig und rund.

Das Weingut Michel prĂ€sentierte sich mit 2 sehr unterschiedlichen Silvanern aus dem Morstein. Die 15er Ausgabe war recht dunkel, eher gelbwĂŒrzig; Schmelz, Brioche, Butter, recht wuchtig und auch ein bisschen klotzig. Die schlankere, reduktivere, in der Frucht klarere 2014er Ausgabe zogen (fast) alle am Tisch vor. Insgesamt ĂŒberzeugten Michels Silvaner mehr als die Rieslinge aus dem Morstein.

Der erste, fĂŒr mich typische Morstein – mit seiner vitalen, kalksteinigen Energie und Aromatik – kam vom Weingut Rettig. Katja Rettigs 2016 Riesling Morstein zieht ordentlich, ist krĂ€utrig-steinig komplex in der Aromatik und hat viel klare Frische und Trinkfluss.

Ob es an dem Weckruf von Katja Rettig lag oder doch nur an der QualitĂ€t des nachfolgenden Weins? Starke Leistung habe ich mir jedenfalls auf meinem Zettel notiert. Etwas dunkler in Nase und Gaumen, mit leichten Spontinoten und Gerbstoff drĂŒckt sich der junge 2016er Riesling Morstein Privat an den Gaumen. Packender, fester Riesling Stoff mit reintöniger Aromatik. Vom Weingut Erbeldinger hatte ich noch nie etwas gehört- eine LĂŒcke!

Das Weingut Gutzler kenne und schĂ€tze ich seit vielen Jahren. Der SpĂ€tburgunder aus dem BrunnenhĂ€uschen fĂ€llt – mit deutlich ĂŒber 90 Punkten – in machen JahrgĂ€ngen ganz hervorragend aus. Dieses Mal klebte leider Pech in Form von Kork an der SpĂ€tburgunder Flasche. Das 2016 Riesling GG ist hocharomatisch, am Gaumen findet sich auch eine angenehme Salzigkeit, doch mir persönlich war etwas zu viel Restzucker im Spiel und die Harmonie muss sich erst noch einstellen.

Es folgte einer der TOP-Weine der Verkostung. Der 2016er Morstein vom Seehof war noch reduktiv. Druckvoll, mit spannender, leicht herben steinig-krĂ€utrigen und zitrischen Aromen. Dieser Wein gehört in Sachen Morstein-TypizitĂ€t eindeutig zu den Musterknaben. Vibrierend, fest, erkennbare Kalkstein-Mineralik, zart vegetabil, schöne SĂ€ure und ein tolles Versprechen in Sachen KomplexitĂ€t und Eleganz fĂŒr die Zukunft.

Der 2016er Riesling Morstein vom Weingut Bergkloster begeisterte unseren Gastgeber noch einen Notch mehr als mich. Wie auch immer, Jason Groebe hat einen guten Job gemacht. Ebenfalls noch deutlich reduktiv, in der Armomatik Citrus und grĂŒne FrĂŒchte, zeigt etwas mehr Gerbstoff. Aktuell fĂŒr mich eher ein Essenbegleiter als Solist.

Der 2016er Morstein von Katharina Wechsler zeigte sich offener als von mir erwartet. Straff, mit schöner, klarer Rieslingfrucht, mittelgewichtig. Gute LÀnge.

Die Triologie aus 2014, 2015 und 2016 vom Riesling Morstein des Weinguts Winzerfamilie Flick ist konsistent und stark. Druckvoll, steinig, feinwĂŒrzig, in sich sehr stimmig und herrlich lang der junge 2016er. Der 2015er wirkt etwas monolithischer, trotz der vielleicht 1,2 Gramm mehr RestsĂŒĂŸe? Schön definiert, guter Extrakt. 2014 steht dem nichts nach.

Zum Speisengang – außer der Reihe ein 2009 Brudersberg von Heyl zu Herrnsheim. In Sachen Lagencharakteristik hat Gerhard Retter mit diesem Wein die Antipode gewĂ€hlt. Morstein eher kĂŒhl steinig, zitrisch mit frischer KrĂ€utrigkeit und tendenziell straff und eng gebaut, zeigt der Brudersberg (FiletstĂŒck am roten Hang in Nierstein) sich warm, stoffig, tendenziell weich – mit viel Schmelz, sehr gelb in der Frucht, hier auch Karamell, gelbwĂŒrzig und offen.

Der Riesling Reserve Auf der Henne von Groiss erfĂŒllte mit seiner extraktsĂŒssen, stoffigen und etwas breitschultrigen Art die Piratenrolle gut.

Den Piraten folgten die Klassiker: Morstein GG von Wittmann aus den Jahren 2016 und 2015 im direkten Vergleich. Aktuell in der schöneren Trinkverfassung die 15er Ausgabe. Kellers 2015er Ausgabe vielleicht eine Spur prĂ€ziser. Alle drei Weine großes Morstein Kino.

Die 2015er Ausgabe des Morstein von Dreissigacker war sehr gut. Auf meinem Zettel stand jedoch „ganz leicht verhangen – Botrytis?? Vielleicht war mein Gaumen schon etwas mĂŒde; muss ich noch einmal nachverkosten.

Einen formidablen Schlussakkord setzte die 2015er Auslese von Katharina Wechsler. Klar und reintönig in der Aromatik; recht straff mit schönem Biss und viel Frische. Animierendes SĂ€ure-SĂŒsse Spiel. In der Aromenwelt zwischen kandierten ZitrusfrĂŒchten und weiß-gelbem Steinobst sowie einer krĂ€utriger MineralitĂ€t im Hintergrund. Sehr gute LĂ€nge.