2015 Riesling Große Gewächse – Eine Auswahl

Die Großen Gewächse aus 2015 sind in der Breite sehr gut bis paritell herausragend gelungen – so zumindest der Tenor aus der Vorstellung in Wiesbaden und den anschliessenden Presseberichten.

Doch das eigenene Urteil ist durch nichts zu ersetzen.  Mein Keller füllt sich und die Neugier auf einen ersten persönlichen Überblick war kaum noch auszuhalten. Hier und da hatte ich schon ein paar Sachen verkostet, aber es benötigt eigentlich Ruhe, statt der üblichen Verkostungsquickies im Minutentakt, um diesen Gewächsen in den Kindenschuhen auch nur halbwegs gerecht zu werden. Gestern Abend konnte ich mit 9 Weinfreunden ausgiebig verkosten,  trinken und ratschen über die Weine, von denen viele zu meinen persönlichen Favoriten gehören und die Jahr für Jahr Einzug in meinen Keller erhalten. Schwierig ist, dass bereits jetzt, knapp 2 Monate nach der Freigabe einige GGs schon komplett vom Markt absorbiert sind und es somit schwer wird, diese noch zu kaufen.

Verkostungsnotizen:

2014 Riesling Doosberg GG, Peter Jacob Kühn – Rheingau

Intensive goldgelbe Farbe, strahlend. Zunächst recht verhaltene Nase, die mit Luft mächtig ausbaut, um dann in voller Pracht unglaublich komplex und duftig zu betören. Marc meinte: „aus der Nase hätten andere zwei Weine gemacht“), zunächst Heu, nasser Kalkboden, dann immer kräftiger mit einer intensiv herben gelben Frucht, viel gelbe Blüten, auch gelbwürzig. Am Gaumen herrlich feinsaftig, dicht und kräftig, aber völlig ohne Schwere, bomben Säure (geschliffen und reif), steinge Noten, Mandarinen, entwickelte Frucht, Grapefruit, leichter Gerbstoff, eine salzig mineralischer Faden zieht sich durch den mittellangen Abgang. 94 Punkte

2015 Riesling Frühlingsplätzchen GG, Emrich-Schönleber – Nahe

Helles Zitronengelb mit klarem Glanz. Recht kräutrige Nase, Zitrusfrüchte, viel steinige Kräuter, kühler Ansatz, sehr rein und klar. Spontinoten am Gaumen, resche Säure, spritzig, Limonen, Limettenblätter, Zitronenmelisse, auch wieder schlanker Ansatz, transparente Art mit nur 12%Alk. Bei der Nachverkostung am nächsten Tag mit mehr Zug und Esprit. Am Abend „nur“ 90 Punkte

2015 Riesling Kirchspiel GG, Keller – Rheinhessen

Dunkles Zitronengelb. Duftige, ausdrucksvolle/intensive und sehr reintönige Nase, dunkel-kräutrige, ätherische Aromenwelt, Brennnesseltee, gelbes Steinobst, dunkle Erde. Am Gaumen macht das Kirchspiel mächtig Dampf, vielleicht das intensivste, junge Kirschspiel aller Zeiten. Dicht, mit viel Zug am Gaumen, weiche Oberfläche, darunter klare Struktur, sehr viel Kräuternoten, setzt ein Ausrufezeichen! Aromatisch eine intensiv-komplexe Aromenwelt: ein Hauch Cassis, Brennnessel, Tabak, da schießt minütlich mehr aus dem Glas, leichte Cremigkeit, viel Würzigkeit, blonder Tabak, dunkle Seite der Macht, Erdigkeit. Nachhaltig, extraktreich und mit guter Länge. 93 Punkte

2015 Riesling Kirschspiel GG, Groebe – Rheinhessen

Intensives, strahlendes Zitronengelbe mit grünlichen Reflexen.  „Der Morstein, der aus dem Kirschspiel kam“ Sehr fest gewobene, kühle, kräutrige Nase, eine Spur Rauchigkeit, vegetabile Noten, sehr klar und stringent. Gleicher Eindruck am Gaumen, viel Zug und Straffheit, sehnig-fester Kern, aktuell sehr straight (fast monolithisch). Klare, pikante Säure, ein Hauch Tabak, sehr mineralisch (nassel Kiesel und Kalk), herbe Zitronenzesten. Ich liebe diese reintönige, druckvolle und präzise Art, die aktuell, als Jungspund, keine Gefangenen macht. Präzise 92+ Punkte

2015 Grüner Veltliner Radikal, Herbert Zillinger – Weinviertel, Österreich

Der Pirat des Abends! Helles Goldgelb mit zart grünlichen Reflexen. Von Anbeginn setzt dieser Wein nicht auf Frucht, sondern eher auf ätherische, blütige und erdige Aromen: Dunkle Blüten, Scharfgarbe, Kamille, Orangenblüten, Blätterwald im feuchten Herbst, ein Hauch gelbes Curry und etwas laktische Noten. Am Gaumen erkennbar mit Maischestandzeit gearbeitet – leichter Gerbstoff, kommt auch hier wenig über die Frucht, Kräutertee, grüner Tee, Linsen, Heu/Stroh und getrocknete Apfelringe. Dichter Extrakt mit zart schmelziger Oberfläche und einer geschmeidigen, balancierten Säure. Der Wein wird erst im nächsten Jahr freigegeben, die Zeit der Flaschenreife wird ihm gut tun, denn aktuell braucht er sehr viel Belüftung bis er sich aus seinem Kokon entfaltet. Am 2.Tag deutlich besser als am Vorabend (trotz mehrstündiger Belüftung in der Flasche) – 92+ Punkte

2015 Riesling Abtsberg Riesling GG, Maximin Grünhaus – Ruwer

Funkelndes, helles  Zitronengelb mit grün schimmerndem Glanz. Kühler Auftakt in der Nase mit hellen, ätherischen Aromen; helle feuchte Kräuter, z.B. Brennnessel, Waldmeister etwas Minze, sehr klar, transparent und rein, zeigt überhaupt keine Schwere, Frucht spielt ein völlig untergeordnete Rolle, vielleicht etwas Grapefruit und unreife Birne. Am Gaumen wiederum kühler Ansatz; glockenklare Aromatik, viel grüne Blätter, Eichenlaub, Brennnessel, Waldmeister, steinig-mineralisch, ein Hauch Gerbstoff, wiederum nur begrenzt Frucht, rosa Grapefruit, Limetten, schiefrige Bitternoten, pikante Säure. Engmaschig und mit sehnigem Zug, aber ohne jede Schwere; schlanke 12% Alkohol. Äußerst klar und reintönig, in seiner betont schlanken,grün-kräutrigen-steinigen Art etwas in sich gefangen. Ein wenig mehr Frucht würde eine weitere Dimension öffnen und ihn noch komplexer machen. Am Stil hat sich wenig geändert, des Kaisers neue Kleider (erster Jahrgang als VDP-Mitglied) heißen jetzt Großes Gewächs statt Spätlese trocken. 91 Punkte

 

2015 Riesling Halenberg GG, Emrich-Schönleber – Nahe

Leuchtend zitronengelber Kern mit lindgrünen Randreflexen. Der Wiedererkennungsfaktor des Halenberg GG von Emrich-Schönleber ist einzigartig. Jahr für Jahr ist es diese bestimmte Komposition einer tiefen Aromatik von gehauenen Steinen und nassen Kräutern, die einen in ihren Bann zieht. So auch bei der 2015er Ausgabe. Am Gaumen frischer, mineralischer Auftakt, dunkle Kräutrigkeit, dann sehr dicht, extraktreich und reintönig. Der Wein hat eine klasse Säure, besitzt Zug und Druck, hat mineralischen Grip mit einem winzigen Hauch Gerbstoff. Zitronenmelisse, Limette, Minze, Basilikum und ein Hauch Ingwer. Regt mit seiner Säure den Speichfluss an, ein Hauch Salzigkeit. Macht müde Männer munter, straffgewirkt, aber insgesamt alles sehr stimmig; endet lang auf seiner kräutrigen Mineralität. 94 Punkte

 

2015 Riesling Ungeheuer GG, von Buhl – Pfalz

Jung, frisch, knackig und richtig grün hinter den Ohren. In der Nase sehr fruchtige Aromen, leicht künstlich nach Gummibärchen, Nadelwald und Sauvignon Blanc. Am Gaumen ebenso frisch, jung, aber auch fragmentiert, da passt erst einmal wenig zusammen, wirkt strukturlos und einfach unfertig. Rassige Säure, grasige Noten, unreife Zitrusfrüchte, grüne Mango, ein Hauch grüner Paprika. Das eignet sich wahrscheinlich als Sektgrundwein deutlich besser als für ein Großes Gewächs. Einerseits ist es zwar nett, wenn Große Gewächse mit 12% Alkohol auskommen wollen, andererseits fragt man sich hier, ob die Beeren ihre volle physiologische Reife erreicht haben.  Am 2. Tage erkennbar harmonischer, aber die Aromatik bleibt ungewöhnlich. Die Nase erinnert noch stärker an Sauvignon Blanc mit Aromen von Maracuja, Kumquats und Nadelbäumen; auch andere frische exotische Früchte mit Säurebetonung, wie z.B. Grapefruit und Pomelo. Am Gaumen geradlinig schlank, überwiegend Aromen grüner Früchte, viel vegetabile Noten, frisches Blätterwerk, etwas grüne Walnuss, ein Hauch Gerbstoff. Am 2. Tag: 86 Punkte.

 

2015 Riesling Hermannshöhle GG, Dönnhoff – Nahe

Helles Zitronengelb mit Glanz. Tiefes, klares und sehr reintöniges Bukett; keineswegs laut, vielmehr puristisch, unaufgeregt und ausgewogen; weißes Kernobst, zart Birne und Blüten. Wie so oft bei der Hermmanshöhle von Dönnhoff, besitzt auch das 2015er Große Gewächs bereits in seiner Jungend eine wunderbare Harmonie und Eleganz. Am Gaumen sehr stimmig; feingliedrige, elegante Säure und Aromatik; aber mit innerer Kraft, Vitalität und sehr schöner Struktur. Zarte, mineralische Würze, nobel und mit feinstimmiger Lebendigkeit. Schon jetzt mit sehr angenehmen Trinkfluss. Wer es laut mag, macht bitte einen Bogen, das ist Stoff aus dem sensible Genießerträume sind. 95 Punkte

 

2015 Riesling Niederberghelden GG, Schloss Lieser

Mein goldenes Ei! Was für ein toller, jugendlicher, gut gebauter, attraktiver Bursche mit Charakter, hoher individualität und Tiefe.

Leuchtendes, tiefes Zitronengelb. In der Nase eine Mischung aus Spontanvergärungsaromen und Moselwürze. Flintstone, zarte Rauchigkeit, nasser Schiefer, Flechten, eine Mischung aus jodiger Meeresluft und feuchtem Herbstwald im Nebel; dahinter eine noch verhaltene Zitrusfrucht und etwas Minze. Am Gaumen herrlich frisch, blau-schwarze Mineralik, mit genialer, verspielter Säure. In seiner Art fordernd und doch ungemein trinkanimierend. Vielseitig, reintönig, sehr klar und mit definierten Konturen; herrlich extraktreich, aber völlig ohne Schwere oder Dicke. Präzise Aromatik, zahlreiche kräutrig-würzige, vegetabile Aromen, getrockneter Thymian, von den Steinen/Schiefer geprägt. Assoziationen von weißen Früchten, Vogelbeeren, Meeresbrise mit leichter Salzigkeit. Unglaublich lang, pur, steinig und einfach groß. Das ist jetzt so unglaublich sexy, man darf sehr gespannt sein, was aus diesem Typen wird. 96 Punkte

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