Spätburgunder vs. Pinot Noir

Die oft beschäftigte, aber nie gelöste Frage: kann deutscher Spätburgunder gegenüber den Brüdern und Schwestern aus Burgund bestehen, stand im Mittelpunkt der Verkostung an diesem Abends.

Einmal mehr hat der liebe Stephan – vielen auch als octopussy im Weinforum (www.dasweinforum.de)  bekannt – in Hamburg zu einer spannenden Probe geladen. Die Probannten der Verkostung waren ideal gewählt  – weder trat David gegen Goliath an, noch wurde jugendliche Ungestümtheit auf honorige Altersweisheit losgelassen. Auch ein DFB-Pokal ähnliches Spiel, bei dem ein Kreisliga-Verein (Village) auf Champions League Teilnehmer (Grand Cru) trifft und alle auf ein Wunder hoffen,  war von Anbeginn in diesem Wettbewerb ausgeschlossen. Lediglich bei der regionalen Immatrikulation zur Probe war Stephan bei den französischen Pinots etwas großzügiger, als bei den deutschen Spätburgundern –  letztere bekamen nur eine Zulassung zum Spielbetrieb, wenn sie aus Baden stammten. Preislich lagen die Weine des Panels pro Flasche zwischen Euro 20 und Euro 45. Da in der Runde der Verkoster das Thema Transparenz als Qualitätsmerkmal  an diesem Abend eine Rolle spielen sollte, wäre ein Vertreter des deutschen Meisters in Sachen Transparenz (R.Fürst aus Franken) ein wünschenswerter  Sparringspartner gewesen, denn die Badener  Winzer setzen  fast schon traditionell  mehr auf Struktur und Tannin.

Alle Weine entstammten dem Jahrgang 2007 und wurden paarweise blind serviert. Neben der Frage der Qualität stand die Frage der Herkunft (Deutschland oder Frankreich) im Fokus. Darüber hinaus gab es von jedem Winzer 2 Weine an diesem Abend zu verkosten und im Ablauf der Probe sollte man matchen, welche Weine vom gleichen Winzer stammten. Letztere Fragestellung ist insbesondere vor dem Hintergrund einer erkennbaren(?) Handschrift des Winzers – unabhängig von der genauen Lage – interessant.

Mehr Details zum Probenablauf und weitere Verkostungseindrücke findet Ihr unter: http://www.dasweinforum.de/viewtopic.php?f=29&t=3324

2007 Spätburgunder Schlatter SW, Weingut Martin Waßmer – Baden

87 Punkte – kühle Nase, deutliche Erdbeerfrucht, dunkel, klarer Holzeinsatz, rauchig, speckig, Holzkohle, maskulin, Kräuter, stemmiger Spätburgunder, der in dieser Art nur aus Deutschland kommt. Am Gaumen vergleichbares Aromenbild – recht knackig, gute Säure, dezente Extraktsüße, viel Tannin, dass etwas sperrig wirkt und die Vermutung nahe legt, dass hier mit den Stengeln vergoren wurde. Frucht von Erdbeeren, Himbeeren kombiniert mit Speck und Kohle, letztlich ein Wein, der wie aus dem Baukasten zusammengesetzt erscheint. Die 87 Punkte sind schon ein Anleihe auf eine weitere Flaschenreife, die die Komponenten etwas mehr vermählt.

2007 Morey St. Denis 1er Cru „Charmes“ Pinot Noir, Lignier-Michelot – Burgund

89 Punkte – in diesem Flight war klar, dass dies der Franzose sein muss. Etwas unauffällige Nase – tut weder weh, noch zeigen sich besonders komplexe Charaktereigenschaften; die zarte, klare  Burgunderfrucht ist jedoch positiv zu vermerken. Am Gaumen hat er es nach dem Waßmer recht leicht, denn sowohl in der A-, wie auch der B-Note liegt er klar vorne. Technisch  ein einwandfreier Pinot, da passen Frucht, Säure und die zarten Tannine zueinander. Aber 3- oder gar 4-fach Sprünge sowie besondere Pirouetten – lässt er sicherheitshalber aus. Auch im künstlerischen Ausdruck bleibt er mir zu unbestimmt. Positiv hervorzuheben ist, dass er mit einer schönen Leichtigkeit über das Eis schwebt und gröbere Fehler einfach vermeidet. Leichtfüßig; ordentlich strukturierte, hellrote Frucht; ein wenig Süßholz und Kirsch. Positiv: schöne Mineralität; präziser Wein mit guter Länge.

2007 Nuits St. Georges 1er Cru „Perrières“ Pinot Noir, Regis Forey – Burgund

91 Punkte – kräftig in der Farbe. Frisch im Glas eine recht animalisch transpirierende Nase, mit Luft wird er immer klarer und baut im Glas herrlich aus. Dunkle, kühle Aromatik, mit Noten von Cassisgelee, Kirschkuchen mit Streuseln, auch ein Touch Menthol. Am Gaumen ein klares, substanzvolles Bild. Knackige Beerenfrucht im Morgentau, klar definiert, schöne Substanz und Frische! – große Freude, die Hand geht zum Glas. Hat noch viel Potential!

2007 Spätburgunder Schulen, Weingut Ziereisen – Baden

85 Punkte – In der Nase eine kräftige, aber wenig schmeichelnde Frucht, Holzkohle und angebranntes Gummi. Am Gaumen durchaus mit fruchtigen Anlagen, die aber gegen die sperrigen und leider etwas grün wirkenden „Holzsaftnoten“ nicht ankommen, Cassis, Erdbeeren, insgesamt aber zu klotzig und sperrig, wirkt im Abgang auch etwas bitter. Aktuelle gewinnt man den Eindruck, dass das Holz die Frucht absorbiert und auffrisst. Aber Wunder geschehen beim Wein immer wieder…

2007 Savigny-lès-Beaune 1er Cru „Aux Guettes“ Pinot Noir, Jean Marc & Hugues Pavelot – Burgund

85 Punkte – triple „k“ – kalkig, konsequent, karg  & furztrocken – ein Kollege am Tisch formulierte es bildlicher und traf den Nagel auf den Kopf: „ein humorbefreiter Karatekämpfer, der den Tisch zerlegt“. Sehr geradeaus, wenig Spiel, viel Tannin für einen Pinot; deutlich von der Struktur geprägt; positiv auch hier die Mineralik. Ein idealer Stoff für Wein-Masochisten oder wie Carsten Klemann einmal sagte: „Frucht ist deutlich überbewertet“ – <lach> Den Spruch im Zusammenhang mit Wein finde ich – selbst nach Jahren – immer noch grandios!

2007 Spätburgunder Bombacher Sommerhalde GG, Weingut Bernhard Huber – Baden

89 Punkte – Zu Beginn etwas irritierende Reste von Kohlensäure, die sich im Glas verlieren. Stoffiger Spätburgunder mit rotbeerigen Fruchtnoten; fruchtig-beerige Süße. Baut im Glas aus und gewinnt an Kontur, dann auch dezent würzige Noten – Sanddorn, ein Touch von Kreuzkümmel.  Zum Sprung über die 90er Punktegrenze müsste er an Länge zulegen – die wollte oder konnte er an diesem Abend nicht zeigen.

2007 Chambolle Musigny 1er Cru Les Charmes Pinot Noir, Domaine Ponsot – Burgund

93 Punkte – Diese Flasche war ein „Mitbringsel“ eines Weinfreundes an diesem Abend und stand eigentlich als Essenbegleiter außerhalb des panels, aber für mich entpuppte sich dieser Chambolle Musigny 1er Cru als benchmark, an der sich alle anderen Vertreter an diesem Abend messen lassen mussten.

Zu Beginn dezent animalische Nase, die schnell verfliegt – dann ausgesprochen duftige, feinfruchtige und spielerische Nase. Am Gaumen mit feiner Säure, weichen Tanninen und einer feingliedrigen, transparenten Aromatik. Rote Beeren, feine Marzipansüße; erweckt die Aufmerksamkeit und zeigt Präsenz ohne jeden „lauten“ Ton.  Einziges Manko an der Geschichte – das Glas war zu schnell leer.

2007 Spätburgunder „Rhini“, Weingut Ziereisen – Baden

89 Punkte – Kräftiges und ausdrucksvolles Bukett mit Noten Von reifen Erdbeeren, Kirschen und kräutrigen Anklängen; deutlicher Holzeinsatz, aber deutlich besser gemanagt als beim „Schulen“. Am Gaumen kühl, mit guter Struktur und Substanz; deutliche Mineralik – kalkig. Der Wein zeigt Druck und Frische, ein guter Spätburgunder, auch wenn seine Persönlichkeit nicht durch Frucht und Süße geprägt ist.

2007 Pernard-Vergelesses 1er Cru Les Vergelesses Pinot Noir, Jean Marc & Hugues Pavelot – Burgund

88 Punkte – glockenklarer, kühler und dunkelfruchtiger Pinot, Noten von Brombeeren und Cassis. Am Gaumen Typ Ausdauerläufer: sehnig und etwas verbissen, dafür mineralisch und klar. Gewinnt mit Luft etwas an Süße und baut aus, aber insgesamt – auch auf Grund seiner etwas stumpfen Tannine – eher ein akademischer, verkopfter Pinot, dem die „Freude am Sein“ etwas abgeht.

2007 Morey St.Denis 1er Cru Les Chenevery Pinot Noir, Lignier-Michelot – Burgund

88 Punkte – Würzig-süße Nase, zugänglich und reif, ein kleiner Schmeichler. Kann sein Versprechen am Gaumen nicht ganz einlösen. Fruchtig, mit orientalisch-würzigem Einschlag; angenehm saftig mit verspielter Süße, Süßholz, mit etwas Luft entwickelt er auch erdige Noten; ordentliche Säure. Im Gesamteindruck wirkt er jedoch eher wie ein vollgesogener Stoff, dem es an Leichtigkeit mangelt – dieser Teppich fliegt nicht. Die mangelnde Länge im Abgang bestätigt für mich diesen Eindruck.

2007 Pinot Noir GC, Weingut Martin Waßmer – Baden

90 Punkte – Tiefe Nase, substanzreich.  Teer, Speck und Rauch sind interessant verwoben mit einer kräftigen Kirsch- und Cassisfrucht. Am Gaumen ein ebenso körper-  und substanzreicher Pinot mit kühlem Ansatz; neben den kräftigen Fruchtnoten offenbart er auch Anklänge von Waldboden, Menthol und edlen Hölzern. Opulenter, in sich schlüssiger Pinot mit guter Länge.

2007 Nuits St. Georges 1er Cru Les St. Georges, Regis Forey – Burgund

91 Punkte – Kühle, etwas reduktive Nase. Sehr klar – in der Frucht mit deutlichen Cassisnoten – etwas ungewöhnlich für Pinot Noir. Am Gaumen mit Druck und Struktur, zeigt eine schöne Mineralik, gepaart mit einer herrlichen Kirschfrucht. Hat noch ein gutes Potential .

 2007 Hecklinger Schlossberg Spätburgunder GG, Bernhard Huber – Baden

93 Punkte – Helltönige Farbe. Helle, frische und verspielte Frucht (rote Beerenfrüchte; Himbeeren, Erdbeeren)– fein und aromatisch zugleich. Kein Schwergewicht, sondern der Wein wirkt straff und gleichzeitig beschwingt; moderate Säure. Die Frucht zeigt ebenfalls helltönige Aromen von nicht komplett ausgereiften Pfirsichen, Pflaumen, Himbeeren und Kirschen. Ein Wein mit schöner  Struktur und gutem Alterungspotential – hier ist nichts gewollt, hier darf alles so sein, wie es ist. Macht viel Freude!!

Das FAZIT der Probe: Ich weiß nur, dass ich nichts weiß. Tendenziell fiel die Länderzuordnung (Deutschland oder Frankreich) richtig aus, trotzdem kann man nicht von einer klaren Stereotypizität eines französischen Pinots oder deutschen Spätburgunders sprechen. Hinsichtlich der Qualität im Glas, erst recht nicht. Was bleibt? Die Qual der Wahl. Das Angebot ist breit und es hilft nur eines: Selbst verkosten, trinken und eigene Vorlieben entdecken –   grundsätzliche Qualitätsunterschiede zwischen Pinot und Spätburgunder gibt es nicht.