2005 Puilly-Fuissé Vieilles Vignes, Domaine de Fussiacus – Burgund

88 Punkte – Pouilly-Fuissé ist eine Appelation d’Origine Contrôlée für Weißwein im Macônnais und leicht zu verwechseln mit Pouilly-Fumé von der Loire, einem Sauvignon Blanc. Wer sich weißem Burgunder nähern möchte und ein Gefühl für schöne Chardonnay-Weine entwickeln möchte, ist in dieser Region prächtig aufgehoben, denn sie bietet gute Qualitäten für ehrliches Geld. Leider kann man dies für die großen, weißen Schwestern und Brüder von der Côre de Beuane nicht immer sagen.

Die Domaine Fussiacus (klingt irgendwie nach einem Römer, der gerade mal wieder von Asterix und Oberlix ein paar Schellen bekommt ;-)) produziert mit Ihrem Vieilles Vignes einen mustergültigen Wein dieser Appelation.  In der Nase ist dies ein recht offener, fruchtiger Geselle, der mit seinen Apfel-matschigen, wachsigen und nussigen Noten durchaus zu überzeugen weiß. Hier werden keine Gefangenen gemacht, die Nase ist klar geradeaus und zeigt, was sie kann. Am Gaumen etwas differenzierter. Einerseits gelbe, exotische, vanillige und teilweise auch etwas barocke Noten, andererseits eine schöne klare Mineralität und Frische, die diesem Chardonnay in Summe eine  blumig kalkige Komponente verleiht. Der 2005 ist jetzt perfekt gereift, schön saftig und mit einem leicht haselnussigen und buttrigen Begleitton, den er verträgt, da er ausreichend mineralische Frische und eine schöne Säure dagegen setzen kann. Dieser Stoff ist kein intellektueller Edelmann, aber ein so griffiger und schelmischer Spross, der das Zeug hat, die Bourgeosie zu begeistern. Mir gefällt’s und die Flasche war an diesem Abend schnell leer.

 

2011 Riesling Große Gewächse – Berlin Riesling Cup

Der Berlin Riesling Cup ging dieses Jahr am Samstag, den 6.10. in seine fünfte Runde – und aus einem jungen, zarten Pflänzchen hat sich eine junger Baum entwickelt, dessen Jahresringe immer bedeutender werden. Martin Zwick hat mit dem Berlin Riesling Cup eine Plattform geschaffen, die es den Verkostern ermöglicht (unter sehr guten räumlichen und organisatorischen Bedingungen) stringent, aber doch in angemessener Ruhe eine handverlesene Auswahl der besten Großen und Ersten Gewächse des jeweiligen Jahrgangs zu verkosten.  Als vorteilhaft – gegenüber der sicherlich ebenfalls perfekt organisierten GG-Auftaktveranstaltung des VDP – haben sich zwei Dinge erwiesen. Die zusätzlichen 6 Wochen auf der Flasche haben die Rieslinge einerseits genutzt, um sich nach ihrer Füllung zu beruhigen und ihren Ausdruck weiter auszubilden, anderseits ist mit der angestellten Anzahl von  ca. 40 Großen Gewächse aus meiner Sicht die Grenze erreicht, was – trotz professionellstem Umgang mit den Weinen – die menschliche Sensorik seriös verarbeiten kann. Viele „Profis“ mögen mir widersprechen und sagen, dass 150 und mehr Weine an einem Tag erfassbar sind, doch diese These teile ich aus zwei Gründen nicht. Erstens besitzt diese Kategorie von Weinen eine so komplexe Struktur und einen so vielschichtigen Ausdruck, dass man ihnen mit 180 Sekunden Verkostungszeit sowie 3,4 oder 5 Worten pro Wein und einem zugewiesenen Punktwert nicht gerecht wird. Zweitens bin ich davon überzeugt, dass die menschlichen Rezeptoren nicht so weit geschult werden können (egal wie oft man Degustationsmarathons durchläuft), dass sie ab einer gewissen Penetration nicht abstumpfen und  man im Ergebnis nur noch die aromatischen Hoch- und Tiefpunkte erfasst. Im Ergebnis führen Massenverkostungen zu „Punktebrei“, also einer Punktsetzung um den bisherigen eigenen Durchschnitt. Der VDP täte gut daran, die Wiesbadener Veranstaltung nicht nur gewohnt professionell zu organisieren, sondern auch von den Verkostern, Journalisten und Einkäufern etwas mehr Zeit zu verlangen – schließlich haben die Winzer sehr viel Arbeit, Zeit, Geld und Inspiration investiert, derer man gerecht werden muss. Pro Tag ein Anbaugebiet wäre ideal, mindestens jedoch eine Verteilung auf 2 Tage ist erforderlich.

Nachfolgend nun meine persönlichen, höchst subjektiven Eindrücke anlässlich des diesjährigen Berlin Riesling Cups. Insgesamt waren 13 Verkoster am Tisch, wobei Martin Zwick als Veranstalter und einzig „Wissender“ bei dieser Blindverkostung nicht selbst gepunktet hat. Ebenso sind die Eindrücke von Tino Seiwert, Miteigentümer und Geschäftsführer von Pinard de Picard – wegen möglicher Interessenkonflikte – nicht in das offizielle Ergebnis eingeflossen. Darüber hinaus galt ein recht strenges Verkostungsreglement, z.B. durfte über den verkosteten Wein erst „gequatscht“ werden, wenn alle ihre Bewertung fertig hatten, sodass weder eine gruppendynamische Euphorie noch ein kollektiver Verriss durch gegenseitiges „Unterbieten“ möglich war.

Insgesamt präsentierten sich die Großen Gewächse des Jahrgangs 2011 in einer sehr guten Verfassung und mit einer für diese Phase beachtlichen Zugänglichkeit.  Diese Verkostung hat richtig Spaß gemacht, denn einerseits lassen die Ergebnisse erkennen, dass die deutsche Winzerelite reif ist für den Weinolymp oder zumindest keine Probleme haben dürfte, um in der Champion League zu bestehen. Das Qualitätsstreben der letzten Jahre manifestiert sich von Jahrgang zu Jahrgang, sowohl in der Breite, als auch bei einzelnen Spitzenwinzern. Die Früchte ernten aber nicht nur diese Spitzenwinzer, deren Große Gewächse preislich seit Jahren nur die nördliche Richtung kennen. Für viele junge Winzer ist dies sicherlich Ansporn weiter auf Qualität zu setzen und immer noch ein bisschen mehr zu wollen.

Wie bereits gesagt, zeigt der Jahrgang 2011 bereits in seiner heutigen Jugend eine beachtliche Trinkigkeit und ich hätte mir sehr an diesem Abend gewünscht, nicht konsequent spucken zu müssen – was ich dann nach  24 Uhr und über 40 „Spucks“ später auch getan habe. J

Absolut outstanding in der Top-Liga der Großen Gewächse sind für ich dieses Jahr die Weine(!) von Schäfer-Fröhlich. Sie sind – trotz Ihrer ungestümen Spontangäraromatik – innerlich so unglaublich kraftvoll, präzise und klar, als ob sie mit besten Werkzeugen, handwerklich perfekt, aus einem Stein gemeißelt worden wären.  Selbst Klaus Peter Keller muss sich wohl geschlagen geben, wenn auch die Abtserde im Wettstreit um die Jahrgangskrone ein gewichtiges Wort mitreden dürfte (G-Max war nicht angestellt).

2011 Norheimer Dellchen Riesling Großes Gewächs, Hermann Dönnhoff – Nahe

87-90 Punkte: Der erste Wein ist einer solchen Verkostung ist für mich immer besonders schwierig, da ich mich einpegeln muss – und so ist dieser Wein auch der einzige, den ich am Ende der Probe nochmals intensiv nachverkostet habe und den ich daher mit einer Punktbandbreite angebe. Wie der Name schon sagt, wächst das Dellchen in einer „Delle“ – vertikalen Felsmulden in den sich – parallel zum Ufer der Nahe – erhebenden Felsformationen. Die Böden sind geprägt durch Schiefer und Porphyr, vulkanischem Verwitterungsgestein.

Helle Farbe mit grünlichen Reflexen. Klare, recht kühl wirkende Nase, getrocknete Wiesenkräuter, aber auch ein Touch Honig, was bei mir den Verdacht aufkommen lässt, dass auch ein paar boytritisbehaftete Träubchen mitvergoren wurden. Eigentlich bei diesem Jahrgang eher unwahrscheinlich, doch auch am Gaumen bestätigt sich der Eindruck. Der Wein ist im Kern konzentriert und kraftvoll, trotzdem eher leise und leicht im Trunk.  Erkennbar klare Mineralität und mittlere Länge.

2011 Westhofener Kirchspiel Riesling Großes Gewächs, Weingut Keller – Rheinhessen

90 Punkte – Die Nase wirkt sehr rein und klar, noch etwas verhalten. Einen ganz anderen Eindruck vermittelt der Wein am Gaumen, zunächst überraschend offen, dichte, hocharomatische Frucht von gelben Früchten, Steinobst, weiche Textur.  Mit mehr Luft (und wenig Wein im Glas) dringt die tiefer liegende Mineralität durch, dann wird der Wein animierender, Aromen von Zitronenschalen, der Wein gewinnt an Klarheit und Präzession.  Ich bin mir sicher, dass der Wein in diesem jungen Stadium einfach ein paar Stunden in der Karaffe gebraucht hätte, um sein Potential auszuspielen.

Lieber Martin, das ist wohl der einzige Verbesserungsvorschlag fürs nächste Jahr: alle Flaschen morgens oder noch besser, am Tag vorher aufziehen und belüften; Platz für 40 Karaffen hat wohl keiner  😉

2011 Forster Pechstein Riesling Grand Cru (Großes Gewächs), Weingut Bürklin Wolf – Pfalz

92 Punkte – Zupackender Stoff, kraftvoll und dicht, leicht salzige Mineralität, voller Körper, wirkt sehr klar – auch durch die resche Säure (wie die Südtiroler Freunde so etwas liebevoll beschreiben), auf Kante genäht, aktuell stehen die Komponenten noch ziemlich nebeneinander, braucht Zeit zur Harmonisierung. Dürfte weiter gewinnen.

2011 Forster Pechstein Riesling Großes Gewächs, Weingut Bassermann-Jordan – Pfalz

89 Punkte – etwas reduktive Nase, Noten von Waldmeister und weißen Johannisbeeren, wirkt sehr klar. Am Gaumen  engmaschig und ziemlich konzentriert, dabei sehr griffig, fest und mineralisch. Zeigt noch recht wenig Spiel, bleibt aber mineralisch lang am Gaumen. Könnte in 2,3 Jahren deutlich höher reüssieren.

2011 Monzinger Halenberg Riesling Großes Gewächs, Weingut Emrich-Schönleber – Nahe

95 Punkte – Ahhh, mon Dieu! Noch von der Hefe geprägte, kühle Nase, darunter liegen Noten von grün-gelbem Steinobst, Citrusnoten und Johannisbeeren; deutlich kräutrige, pflanzliche Aromen. Am Gaumen viel Kraft, Saft und vibrierende Spannung; kein Bodybuilder, sondern eher eine Mischung aus 10-Kämpfer und Marathonläufer. Sehr klar, pur und mineralisch (auf meinem Zettel steht „abartige Mineralität“), Steinpuder, große Tiefe – hält die Spannung bis in den laaaaangen Abgang. Ein Wein zum „Ablutschen“ – I love it.

2011 Siebeldingen Im Sonnenschein „Ganz Horn“ Riesling Großes Gewächs, Ökonomierat Rebholz – Pfalz

89 Punkte – Erstaunlich weiche, blumige Nase,  Birnen, süße Früchte, aber auch pflanzliche Aromen (grüne Erbsen). Am Gaumen eine eher dralle Schönheit, dicht und mit üppiger Fülle – ein Wein im weiten Gewand – und trotzdem mit Struktur. Dieser Riesling hat von allem viel, ein Füllhorn, die Säure passt dazu, trotzdem aktuell nicht my cup of tea; in der Länge kann er zulegen.

2011 Hochheimer Hölle Riesling Goldkapsel, Weingut Künstler – Rheingau

93 Punkte – Vielschichtig, verspielte Nase, mit Noblesse. Am Gaumen viel Druck und Zug; viel Extrakt, dennoch sehr frisch; die wirklich schöne Säure spielt mit dem „bissl“ Restzucker wunderbar. Insgesamt tief und rein in der Frucht, angenehmen Mineralik, hat Grip, aber auch Schmelz; sehr gut balanciert, mit toller Länge – macht Lust auf den nächsten Schluck.

2011 Westhofener Morstein Riesling Großes Gewächs, Weingut Wittmann – Rheinhessen

93 Punkte – Noch unruhige, aber Konzentrierte Nase, Zitrusfrüchte, kalte kräutrige Würze, tief! Am Gauen sehr strukturbetont, fest und stoffig – packt zu; passt in seiner Art und seiner Mineralität in diesem Zustand auch in die Wachau. Voller Extrakt, saftig, aktuell mit einem kleinen, würzigen Bitterle am Ende. In diesem Zustand noch ziemlich unruhig und schwer zu verkosten, braucht unbedingt mehr Zeit, hat aber Potential noch deutlich zuzulegen.

2011 Westhofener Morstein Riesling Großes Gewächs, Weingut Keller – Rheinhessen

94+ Punkte – Noch etwas unruhig – mit leichter Gäraromatik. Mit Luft entwickelt sich langsam eine superklare, tiefe Aromatik. Am Gaumen schlank und kraftvoll zugleich, tiefer Ansatz, schöner Zug, Figur eines Langstreckenläufers (der zur Abkühlung in einen Gletschersee springt), sehr kalkige Mineralität, dürfte komplett spontan vergoren sein -braucht aktuell unglaublich viel Luft, um seine Klasse auszuspielen. Im Keller auf die Seite legen, einer der ganz wenigen Weine der Verkostung, der in seinen Kindertagen wenig Sinn macht, das Potential ist aber riesig.

2011 Dorsheimer Burgberg Riesling Großes Gewächs, Weingut Diel – Nahe

87 Punkte – noch etwas Kohlensäure, fest gewirkter Duft mit Citrusfrüchten, gelbem Steinobst, ein wenig dropsig; ungewöhnliche Klebernoten (noch von der Gärung). Am Gaumen wirklich jung, recht kompakt, die Frucht kommt noch nicht richtig aus der Deckung; die Mineralik spiegelt sich in zarten Kräuteraromen wider; spielt eher auf der leisen Aromen-Klaviatur. Sicherlich schöne Anlagen, die brauchen aber noch etwas Zeit und heute eben nicht mehr als 87 Punkte.

2011 Nackenheimer Rothenberg Riesling Großes Gewächs, Weingut Kühling-Gillot – Rheinhessen

94 Punkte – Dichter und zugänglicher Duft nach gelben Früchten, dazu  deutlich kräutrig-mineralische Noten, wunderbar verwoben, viel Spiel. Am Gaumen geschmeidige Oberfläche, darunter viel Saft und Kraft. Schöne Dichte, sehr kompakt, viel Frucht, hat trotzdem schon Spiel – oder anders gesagt: hat von Allem etwas, auch eine mineralisch-salzige Komponente. Richtig guter Stoff, zeigt Klasse bis ins lange Finale.

2011 Centgrafenberg Riesling Großes Gewächs, Weingut Rudolf Fürst – Franken

89 Punkte – kühler Ansatz, klar und fein. Eher zurückhaltender Stil, trotzdem ist alles auf dem Platz, wo es hingehört, sehr frisch, schöne Frucht, auch mit Mineralik; schöner, feiner Saft, eher schlank. Gut eingebaute Säure; gute Länge; eigentlich müsste er eine „9“ vorne haben bei den Punkten, aber mir fehlt irgendwie die persönliche Note, ein wenig Inspiration.

2011 Erbacher Marcobrunn Riesling  Erstes Gewächs, Schloss Schönborn – Rheingau

89 Punkte – umwerfende Fruchtnase, viele weiße und gelbe Steinobstnoten, exotische Anklänge, Maracuja, aber auch vegetabile Aromen. Hat noch etwas Rest-kohlensäure, viel Extrakt, saftige Frucht, ausgeprägtes Säure-Süße-Spiel, zum Schluss kommt eine leicht salzige Mineralik durch. Gute Länge. Ein Bekenntnis seiner Herkunft.

2011 Dorsheimer Pittermännchen Riesling Großes Gewächs, Weingut Diel – Rheinhessen

95 Punkte – Eine Tüte voller frischer Äpfel; rauchig-kräutrige Noten; tiefe, animierende Rieslingnase. Unglaublich tiefer und klarer Ansatz, sehr rein, salzig-erdige Mineralik, kompakt und dicht, viel innere Kraft und Spannung – jedoch ohne jede Schwere. Getrocknete Kräuter, Zitrusnoten, Apfelschalen, würzig; einen Hauch von Gerbstoff, viel Spiel. Ein kühler Intellektueller und kein Männchen, sondern ein echter Mann und Gentleman mit zart schmelziger Oberfläche und komplexem Charakter. Hinterlässt lange Spuren – sprich tolle Länge.

2011 Westhofener Brunnenhäuschen Riesling Großes Gewächs, Weingut Wittmann – Rheinhessen

94 Punkte – Was für ein stolzer Geselle, in alten Zeiten hätte man ihn wohl geadelt – „von Wittmann“! Kühl, straff und ungemein reintönig – sehr tief. Kräutrig-mineralische Würze in der Nase, dazu komplexe Zitrus- und Steinobstnoten. Am Gaumen gemahlene Steine, glockenklar und hervorragend strukturiert, dicht. Ganz ausgezeichnete aromatische Tiefe, zupackend, ja fordernd, mit viel innerer Spannung, vibrierend, lebendige Säure.  Sehr komplexer Stoff, der jedoch noch ungemein jung ist und seinen geneigten Genießer zum „Steinelutscher“ werden lässt.

2011 Deidesheimer Langenmorgen Riesling Großes Gewächs, Weingut von Winning – Pfalz

94 Punkte – Feinfruchtig Noten, sehr würzig, Feuerstein, noch etwas unruhige Nase. Am Gaumen sehr zupackend, druckvoll und saftig; sehr fest gebaut. Aktuell zeigt der Wein sehr mineralisch betont, würzig-salzig, schöne Tiefe. Mit gefällt besonders gut die sehr tiefe Mineralik, die am Gaumen wunderbar durch einen zarten Schmelz abgefangen wird; schönes Säurespiel. Tolle Länge. (Wenige Wochen später auch Pechstein und Kirchenstück verkostet, für mich bleibt’s dabei: im 2011er Jahrgang ist der Langenmorgen erste Wahl bei von Winning)

2011 Westhofener Abtserde Riesling Großes Gewächs, Weingut Keller – Rheinhessen

96+ Punkte – Noch etwas unruhige, hefige Nase, rauchig-würzig, an Feuerstein erinnernde Nase, dazu Noten von weißen Blüten, Pomelos und anderen Zitrusfrüchten. Am Gaumen eine vollkommen klare, ja, gletscherklare und transparente Aromatik, so präzise wie die Nr.1 von  A.Lange und Söhne aus Glashütte. Am Gaumen sehr dicht und kraftvoll, mit „schmutziger“ Mineralität, Kalkstein pur. Dieser Riesling ist für ein langes, langes Leben gebaut, Lage um Lage ist einzeln aufgebaut, hervorragende Struktur, total präzise und klar. Neben aller Mineralik, die diesen Riesling prägt, bildet ein grandioses Säure-Süße-Spiel den Hintergrund, auf dessen Grundlage jedes einzelne Aroma ein virtuelles Solo vollziehen kann. Mit genügend Ruhe reift hier ein Meisterwerk heran; das Eleganz und Virtuosität zu vermitteln mag. Grandioser Stoff.

2011 Niersteiner Pettenthal Riesling Großes Gewächs, Weingut Kühling-Gillot – Rheinhessen

93 Punkte – Auffallend dunkle Aromen im Bukett für einen Riesling, hochreife und feinwürzige Frucht, Tabakblätter, feuchte Waldwiese nach einem Regen, kühler Ansatz, trotzdem noble Art. Am Gaumen saftig und dicht; mit tollem „Dekolleté“ und weicher, feinschmelziger Oberfläche. Satte, fruchtig-würzige Aromatik, sehr tief und konzentriert, reintönig und nachhaltig. Wirkt jetzt schon angenehm trinkbar und balanciert, hat trotzdem eine große Zukunft auf Grund allerbester Anlagen. Tolle Länge.

2011 Niederhäuser Hermannshöhle Riesling Großes Gewächs, Weingut Dönnhoff – Nahe

93 Punkte – deutliche Gäraromen, getrocknete Kräuter, in der Aromatik noch recht verhalten. Am Gaumen sehr klar und präzise, sehr tief und strukturbetont; viel innere Kraft und Grip, packt zu. Insgesamt sehr klar und präzise Stilistik, transparent, Touch vom Gerbstoff, kräutrig-mineralisch, wirkt sehr geschliffen, braucht mehr Luft und Zeit, resche Säure, tragender und langer Abgang. Aristokratisch.

2011 Mölsheimer Zellerweg am Schwarzer Herrgott Riesling Großes Gewächs, Weingut Battefeld-Spanier – Rheinhessen

93 Punkte – konzentrierte Nase von getrockneten Kräutern und Steinobst, erdig-mineralisch. Dicht und kompakt am Gaumen, herrlich „unaufgeregt“ – hat eigentlich alles, was ein großer Riesling benötigt, tief, betont kalkige Mineralik, gelbfruchtig und mit  schönem, seidigem Schmelz, kühler Eindruck. Braucht ein wenig Zeit, um seine tollen Anlagen noch zu harmonisieren.

2011 Bockenauer Felseneck Riesling Großes Gewächs, Weingut Schäfer Fröhlich – Nahe

96 Punkte?? – GONG – voll auf die Zwölf! Sehr deutliche, würzige Aromen der Spontanvergärung, mit einer ordentlichen Portion Schwefel erinnert er an Sylvester kurz nach zwölf; Feuerstein. Dahinter steckt jedoch eine energiegeladenen, vibrierender Stoff, bei dem jedes einzelne Teilchen in eine andere Umlaufbahn möchte. Dicht, satt, mit kräftiger Säure – ungemein rassig, ein Araberhengst, der galoppieren möchte, aber seine Kraft noch nicht richtig dosieren kann und weiter ausgebildet werden muss. Wenn er nach dieser ersten, noch etwas unruhigen Jugendphase seine PS auch nachhaltig auf die Straße bringt, dann ist es womöglich der größte Wein des Jahrgangs. Das kann pure Ästhetik werden, denn zu der – unschwerlich zu erkennenden – power kommen auch schon jetzt ein Verspieltheit und eine, ja, tänzelnde Art, die nur erhabene Pferde haben. Kühl, sehr mineralisch, Steinmehl, dazu klare, transparente Fruchtaromen, herrlich langer und facettenreicher Abgang.

2011 Wiltinger Gottesfuß Riesling Großes Gewächs, Weingut van Volxem – Saar

93 Punkte – kräutrige Spontangäraromennase (ein wunderbares Wort für Galgenmännchenspiel), dichter Aromatik, hochreifer, leicht süßer Eindruck von gelben, kandierten Früchten mit einer schönen Zitrusaromatik und kräutrigen Mineralik unterlegt. Am Gaumen stoffige, saftige und nachhaltige Frucht, überwiegend gelbes Steinobst; dazu tabakige und kräuterwürzige Anklänge.  Tief und mit schönem, mineralischem Kern; der schönen Extraktsüße und den paar Gramm Restzucker steht eine herrliche Säure gegenüber, die den Wein bis in das lange Finale hervorragend trägt. Ein Wein zum Lutschen.

2011 Ruppertsberger Gaisböhl Riesling Grand Cru (Großes Gewächs), Weingut Bürklin-Wolf – Pfalz

89 Punkte – In der Nase augenblicklich etwas verhalten, Anklänge von gelben Früchten und weißen Blüten. Dicht und sehr rein, auch durchaus kraftvoll, doch die Säure steht aktuell etwas außen davor. Gute Konzentration; ordentliche, kräuter-würzige Mineralität. Sehr gute Anlagen, die sich – um den 90er Ochser zu überspringen – noch ein bisschen besser vermählen müssen, andererseits schon jetzt in der Frucht sehr zugänglich.

2011 Schloss Johannisberg Riesling Erstes Gewächs, Fürst von Metternich-Winneburg’sche Domäne Schloss Johannisberg – Rheingau

91 Punkte – Klare und reintönige Rieslingnase, gelbes Steinobst, Zitrusnoten, etwas getrocknete Kräuter. Am Gaumen dicht und kompakt; viel Zug; schöne straffe Mineralität, viel Stoffigkeit, dabei klar, kühl und kompakt; wirkt fast monolithisch, toller Rheingauer Vertreter.

2011 Eschendorfer Lump Riesling Großes Gewächs, Weingut Sauer – Franken

89 Punkte – Feine kräuterwürzige Aromatik in der Nase, Zitrusaromen, am Gaumen würzig-pikant, getrocknete Kräuter, klar und griffig, schönes Säure-Süße-Spiel, wobei die Säure herrlich pikante Akzente setzt. Reintönige Frucht, griffig und fest. Macht jetzt schon richtig Freude, trotzdem mit deutlichen Reserven. Toller, von Klarheit und Länge geprägter Abgang.

2011 Rüdesheimer Berg Rottland Riesling Erstes Gewächs, Weingut Balthasar Ress –
Rheingau

90 Punkte – sehr ungewöhnliche Nase, noch von Gäraromen geprägt, vegetative und würzige Anklänge, Brennnessel. Am Gaumen extraktstark, würzig, ebenfalls vegetative Aromen, erinnert im Stil an die Weine von Peter Jakob Kühn, längere Maischestandzeit?? Hat durchaus Tiefe, Druck und Komplexität, nur ist das Arombenbild nicht typisch Rheingau; wirkt ein wenig alkoholisch. Nach der Verkostung sehr kontrovers diskutiert, mit 90 Punkten hatte ich den höchsten Wert unter 11 Verkostern; Mittel bei 87,67 Punkten.

2011 Monzinger Frühlingsplätzchen Riesling Großes Gewächs, Weingut Emrich-Schönleber – Nahe

92 Punkte – feinfruchtiger Riesling, gelbe Früchte, noch recht dezent kräutrig-mineralische Anklänge in der Nase. Am Gaumen schöne, nicht aufdringliche Dichte, ordentliche Tiefe, mit eher hintergründiger Mineralik, wirkt sehr klar und transparent, mit feiner Salzigkeit und Würze. Präzise gearbeitet. Der Abgang ist nachhaltig und die bislang eher hintergründige Mineralik tritt hervor und bleibt lange am Gaumen haften. Insgesamt etwas femininer als Bruder vom Halenberg, aber jetzt schon mit mehr Harmonie und Trinkigkeit.

 

2011 Niersteiner Pettenthal Riesling Großes Gewächs, Weingut Keller – Rheinhessen

95 Punkte – Ein noch unruhiger Geselle, die Nase ist noch geprägt von Gäraromen, sicherlich spontan vergoren, auch zeigt er einen Hauch von Kohlensäure. Dann aber kommt’s wild und zupackend mit „schmutziger“ (Schiefer-?)Mineralik. Auf der einen Seite packt dieser Stoff richtig zu, andererseits schreit er laut nach Luft. Außerordentlich gut gefällt mir die rauchige Salzigkeit und die strukturbetonte „Bauart“ sowie die Transparenz und Klarheit in den Aromen. Sehr druckvoll, eine Mischung aus Steinbruch, Wiese und Nordseestrand. Als ich im Nachgang erfuhr, dass wir Kellers Pettenthal im Glas hatten, kann ich einmal mehr belegen, dass die Handschrift des Winzers mehr Einfluss hat, als die reine Lage/ das Terroir. Das Pettenthal von Kühling-Gillot brillierte mit den seidigen, eleganten, aber doch etwas üppigen Rundungen, während Klaus Peter Kellers Ausgabe sich eher wie ein Erster Tänzer – a la Carsten Jung  – aus John Neumeiers Ballet Compagnie (kraftvoll, austrainiert, körperbetont und trotzdem filigran und elegant http://www.ndr.de/kultur/buehne/ballettoscar101.html ) präsentiert. Gemeinsam ist jedoch Rieslingen aus dem Pettenthal beiden, dass sie zu den ganz großen Weinen des Jahrgangs gehören.

2011 Forster Kirchenstück Grand Cru (Großes Gewächse), Weingut Bürklin Wolff – Pfalz

89 Punkte – Auf dem Papier und im Preis hatten wir das edelste und teuerste Pferd aus dem Stall von Bettina Bürklin-von Guradze vor uns. Doch wie das manchmal so ist, unterliegen auch die besten Pferde Schwankungen. Dieses Jahr konnte mich das Kirchspiel nicht überzeugen. Die Nase ist kühl und eher verhalten, feine Fruchtanklänge von Steinobst und diversen Zitrusfrüchten. Am Gaumen sehr klar, straff und sehnig, sehr animierend, frisch und rassig, fast ein wenig zu resch in der Säure. Dieser Wein belebt die müden Geister mit einer nachhaltigen und erdigen Mineralität; mit etwas mehr Fruchtextraktion- und reife würde er mir noch besser gefallen und dann sicherlich auch flott und geschmeidig über die 90-Punkt Grenze galoppieren.

2011 Oestricher Doosberg „Landgeflecht“, Weingut Peter-Jakob Kühn – Rheingau

91 Punkte – Die biodynamisch erzeugten Rieslinge von Peter-Jakob Kühn sind stets besondere Vertreter ihrer Art und die halbe Weinwelt reibt sich an ihnen, so kommt es auch, dass selten die Kritiken weiter auseinander gehen. Doch ich gestehe gerne, dass ich diesen ursprünglichen Stil sehr schätze und mir privat jedes Jahr ein paar Fläschchen hinlege, denn der Genuss braucht hier Zeit. Der Landgeflecht kommt aus zwei spieziellen Parzellen im Oestricher Doosberg und mit zwei gutseigenen „Träubchen“ ausgezeichnet, gehört er in die zweite Reihe des Weinguts. Peter Jakob Kühn vergärt ausschließlich spontan und lässt seine Rieslinge meist auch die „Malo“ durchlaufen. Der Landgeflecht aus 2011 ist noch sehr, sehr unruhig am Gaumen, im ersten Moment ein etwas unwirklicher Eindruck in der Nase, eine Kombination aus Apfelbrei und Brausepulver. Doch die Klasse des Rieslings liegt hinter „diesen“ Spontiaromen. Da gibt’s viel gelbe Früchte, Brioche, Apfelmus und sehr würzige-mineralische Anklänge sowie einen wunderbaren Schmelz mit etwas Sahnetoffee. Fazit: Ein außergewöhnlicher Riesling, aber einer der sich lohnt – und vielleicht sogar den Wein-Erlebnishorizont zu erweitern vermag. Schöne Länge.

2011 Nieder-Flörsheim Frauenberg Riesling Großes Gewächs, Weingut Battenfeld-Spanier – Rheinhessen

91 Punkte – Würzig-mineralischer Duft, sehr klare und reintönige Rieslingnase. Am Gaumen körperreich, schöne Saftigkeit, ebenfalls reintönig und ziemlich präzise. Etwas kräutrige Mineralik, lebendige Säure, aber insgesamt erstaunlich harmonisch und im positiven Sinne unaufgeregt; angenehmer Schmelz, etwas vom Holz geprägt. Angenehme Tiefe, letztlich hat er ganz viele gute Eigenschaften, aber irgendwie fehlt mir noch etwas mehr Inspiration, das Besondere, damit er die hohen Weihen von deutlich über 90 Punkten erlangen kann.

2011 Schloßböckelheimer Felsenberg Riesling Großes Gewächs, Weingut Schäfer-Fröhlich – Nahe

94 Punkte – Deutliche Spontannoten, auch Schwefel, dahinter aber klar, herrlich tief und dicht, dabei mit einer feinen Frucht von z.B. reifen Zitrusfrüchten und jungem Steinobst. Am Gaumen, sehr komplex und lebendig, mit hervorragender Tiefe und vitaler, aber feiner Säure. Laserstrahl präzise, sehr fokussiert, kompakt und zupackend. Dieser Stoff beschäftigt Gaumen und Geist, da vibriert, rüttelt und schüttelt es mich, wenn ich einen Schluck nehme. Zarte Fruchtaromen, viel kräutrig-pflanzliche und florale Anklänge, eine komplexe Mineralität und sehr viel Lebendigkeit machen dieses Große Gewächs wirklich groß. Diese Lebendigkeit und die kraftvolle, animierende Art begeistern mich – hier wirkt alles homogen und miteinander verwoben. Ein Spitzensportler, mit klarer Präsenz und perfektem shape. Kilometerlang.

2011 Birkweiler Kastanienbusch Riesling Großes Gewächs, Ökonomierat Rebholz – Pfalz

90 Punkte – Feine Fruchtnase mit grünen, leicht kräutrigen und grün-vegetabilen Anklängen, frischer Waldmeister. Am Gaumen runder Ansatz und saftige, leicht süßliche Frucht, dabei fest und mit angenehmen Druck; deutlich würzige Anklänge, besitzt Spiel. Die Oberfläche hat einen schönen Schmelz und im Abgang spielen fruchtige Anklänge miteinander, ein Hauch von Karamell und Süße. Insgesamt ein schöner  Riesling, der eher den gemeinsamen Auftritt mit einem tollen Essen sucht als allein die Bühne zu rocken.

2011 Rauenthaler Nonnenberg Riesling Erstes Gewächs, Weingut Breuer – Rheingau

92 Punkte – Schöne dichte und betont fruchtig-mineralische Nase, eine herrliche Kombination aus gelbem Steinobst und mineralisch-kräutrigen, teilweise auch pflanzlichen Aromen. Am Gaumen dichte und straffe Art, frische Frucht, feiner Saft, rote Früchte, weiße Pfirsiche, Melone, ein Hauch würzig, Kirschkerne, fest gewirkt, wirkt einerseits sehr jung, doch andererseits zeigt er bereits in seiner Jugend eine auffällig schöne Harmonie. Die recht resche Säure ist mit ausreichend Extrakt und einer dezenten Süße gut abgepuffert. Die aromatische Tiefe macht bereits jetzt viel Spass, doch der Wein hat viel Potential für ein langes, genussstiftendes Leben. Toller Rheingau-Riesling.

2011 Königsbacher IDIG Riesling Großes Gewächs, Weingut Christmann – Pfalz

92 Punkte – dichte, feinwürzige Nase, reife Frucht von Steinobst. Am Gaumen ziemlich ausladend, kraftvoll, saftig und fest gewirkte Mineralik. Weiche, ein wenig cremige Oberfläche, am Tisch wurde später ein Panther ins Spiel gebracht, aber wohl eher frei nach dem gleichnamigen Rilke-Gedicht, das einen Panther in der Pariser Zoo-Gefangenschaft beschreibt. Auch hier ist Kraft, Saft und mineralische Muskel-(Extrakt-)power reichlich vorhanden, aber alles wartet darauf, befreit zu werden, um sich zu entfalten. Dieser junge Panther hat tolle Anlagen, auch und gerade wegen seinem recht weichem „Fell“ macht er jetzt Freude, aber man sollte ihn voll auswachsen lassen und dann freie Bahn geben. Gute Länge.

tbc

2000 Cuvee Reserve, Château Pegau – Rhone

91 Punkte – Bob Parker hat wohl mit seiner letzten Verkostungsnotiz zu diesem Wein nicht recht, wenn er ihn über den 1998er setzt, aber ein schöner, klassischer CdP von Pegau ist es allemal.

Ein Duft von den Wiesen der Provence, dazu Kirschen. Am Gaumen Schattenmorellen,  nicht süße Cassisfrucht, Leder und ein Touch Sternanis sowie weißer Pfeffer. Nicht zu schwer, Mittelgewicht, herrlich reife, gut eingebundene Säure, Tannin ist erstaunlich weit abgebaut; schöne Balance, doch an Länge fehlt es ihm ein wenig, trotzdem individueller Charakter und meine Hand geht zum Glas, macht zu keiner Zeit satt, sondern animiert zum nächsten Schluck, über den Abend die Flasche „gesüffelt“. So langsam austrinken.