2010 Oestrich Doosberg Riesling 3 Trauben, Peter Jakob Kühn – Rheingau

93+ Punkte – Keine Ahnung wie, aber Peter Jakob Kühn hat offensichtlich die Kurve gekriegt, man könnte auch formulieren, den Stein des Weisen gefunden, aber das würde schon wieder die berufsmäßigen Skeptiker in meinem Weinbekanntenkreis auf den Plan rufen, die es einfach nicht zulassen wollen, dass das von ihnen selbst so erklärte biodynamische Spinnertum richtig (sorry wegen der Wortwahl) geilen und spannungsgeladenen Wein auf die Flasche bringt. Zugegeben, der 2010er Oestricher Doosberg 3 Trauben erschliesst sich nicht sofort jedem "Henker" einer Flasche, aber wer dem Wein ein wenig Zeit zur Beatmung und Entfaltung gibt, sich selbst ebenfalls Zeit nimmt und bereit ist, sich mit seinen Sinnen einzulassen (ich weiss, ich wiederhole mich mit diesen Anforderungen bei Kühn Weinen), der wird sie erleben … die strahlenden Facetten dieses geistreichen Stoffs. Bei diesem Wein glaube ich, dass Peter Jakob Kühn dort angekommen ist, wo er mit seinem selbstauferlegeten, "historischem" Biowinzertum  immer hinwollte.

Selbst als eher ungeübter Geniesser – wird man erkennen, dass dieser Wein eine perfekte Mischung aus definierter Eigenständigkeit, perfektem Handwerk, richtig angewandter Ideologie, Rheingauer Geschmacks- und Weintradition sowie einem Schuss Glück ist:

Wunderbar tiefe Nase, Assemblage von diversen Citrusfrüchten mit getrockneten Kräutern und frischem Heu, dazu ein Touch von gekühltem, gelbem Kernobst. Am Gaumen dicht und fest, mit viel Zug und einem gewissem Tannin, das mich zur Frage bringt, ob der überwiegende Teil der Weintrinker (ich inklusive) im schwarzen Glas erkennen würden, dass es sich um Weißwein handelt. Sie werden jetzt sagen, was ist dass denn für ein selbsterklärter Weinfreak, der noch nicht mal Rot- von Weisswein unterscheiden kann, aber machen Sie einfach mal öfter diesen banalen Test: schwarze Gläser von Riedel und los geht es! – Selbstversuch only, man will ja niemanden vorführen ;-).  Richtig straffer Riesling, mit viel pflanzlicher Würze, im Hintergrund dicht bepackt mit einer Mineralik, die den Wein glockenklar und rein wie einen Gebirgsbach erscheinen lässt. Hat ordentlich Muskeln, ist aber gleichzeitig drahtig und ausdauernd. Zeigt jetzt schon einiges an Weinstein/Depot. Tief, klar  und mineralisch, aber die Oberfläche hat auch eine sanfte, schmelzige Seite zu bieten –  einen schönen Teint eben. Die vorhandene, aber etwas hinter der Mineralik versteckte, vielseitige, weißgelbe Steinobst-Frucht sowie  die perfekt eingebundene Säure und Nachhaltigkeit nehmen mich mit auf ihrer Geschmacksreise und meine Flasche vor mir ist viel zu schnell leer.

2004 Riesling Oestricher Doosberg 3 Trauben, Peter Jakob Kühn – Rheingau

89 Punkte – Nach langer Zeit (7 Jahre; vgl. http://weinwelt.blogg.de/eintrag.php?id=72 ) mal wieder einen 2004er Doosberg von Kühn im Glas und ich bin immer noch überzeugt von diesem ungewöhnlichen Riesling. Peter Jakob Kühn war damals noch mitten in den ersten Jahren seiner Umstellung des Betriebes auf biodynamischen Weinbau. Sowohl seine bisherigen Kunden als auch die geneigte "Weinexpertenschar" hatten reichlich Diskussionstoff, ob dieser neuen Ausrichtung im Weinberg und Keller. Zugegeben, diese neue "alte Art" von Riesling ist alles andere als mainstream und sicherlich keine easy drinking, aber wer Zeit mitbringt und Lust verspürt sich einzulassen, reinzuhorchen in die Tiefen eines Weines geht auf eine Entdeckungsreise zu "unbekannten Welten" – ganz im Sinne des Raumschiffes Enterprise. Heute hat Peter Jacob Kühn seinen Weg gefunden, die Symbiose aus biodynamischem Weinbau und bekannten rheingauer Wein-Geschmackswelten – doch ich gehe gerne zurück in seine Experimentierphase (die es auch heute noch gibt, z.B. bei seinem 2009er Amphorenwein), in denen z.B. lange Maischestandzeiten / Vergärung auf den Schalen  solche Weinunikate formten, wie dieses, das gerade vor mir im Glas steht.

Goldgelb fliesst dieser acht Jahre alte, trockene Riesling ins Glas.  Die Nase zeigt wenig Frucht, dafür gibt es Noten von Bienenwachs, grünen Walnüssen, grünen Oliven und (sehr) reifen Äpfeln. Am Gaumen überrascht die Frische, sicherlich gut unterstützt von einer schönen, kräftigen Säure. Geschmacklich fallen mir Dinge wie Brioche; Toffee; reife, etwas mehlige Äpfel, Heu und grüne Mandeln (wer schon einmal junge, grüne Mandelfrüchte – bestehend aus Haut und Haaren, also noch ohne harte Schale probiert hat, weiss wovon ich rede) ein. Insgesamt ein kräftiger Bursche, mit Kraft, Saft (extraktreich) und Spiel, aber kein Sinnbild für leise Töne und aristokratische Eleganz. Mir gefällts trotzdem – auch wegen der großen Länge am Gaumen.

http://youtu.be/7VkRsfHz0r8