2003 Chateau Duhart-Milon Rothschild – Pauillac

94 Punkte – Einen wunderbaren Auftakt bildete an diesem Abend der 2003 Duhart-Milon Rothschild. Duhart-Milon gehört heute zum Imperium der Domaines de Barons Rothschild und segelt aktuell im Windschatten des großen Bruders Lafite Rothschild sehr erfolgreich auf der Welle des wirtschaftlichen Erfolgs mit. Eigentlich hat man bei Duhart-Milon den Windschatten nicht nötig, denn das, was da im Glas war, ist richtig toller Stoff – klassisch und sehr genussreich.

Bis zum Jahr 1962 war Château Duhart-Milon – seit über 100 Jahren – im Eigentum der Familie Castéja. Mehrere Erbteilungen führten bis dato zu einer Aufsplitterung der Weinberge und zu einem Qualitätsverlust bei den Kellerergebnissen. Als die Rothschilds das Chateau im Jahr 1962 aufkauften, umfasste das Gut nur noch 17 Hektar. Man beschloss umfangreiche Investitionen, die Château Duhart-Milon wieder zu seiner alten Größe verhelfen sollten. Die Weinstöcke wurden in 1963 fast vollständig erneuert, dazu kamen neue Weinlager und Gärkeller in Pauillac.

Es ist für mich immer schwierig, wenn mich jemand fragt: Was ist ein klassischer Bordeaux oder noch schlimmer, was ist ein klassischer Pauillac? – jetzt habe ich eine Antwort: „Trink einen Schluck Duhart-Milon Rothschild 2003!!“ Wie ich auf der Webpage von Barons de Rothschild jedoch feststellen musste, hatten diese Idee jedoch schon andere vor mir: „Der Grand Vin des Château Duhart-Milon wird oft als klassisches Beispiel der Herkunftsbezeichnung Pauillac bezeichnet. Er zeugt von einer „zurückhaltenden Vornehmheit und von großem Raffinement“, so die Beurteilung des Agenten Abraham Lawton, der dem Wein im Jahre 1815 „eine große Bestimmtheit und einen ziemlich ausgeprägten Saft“ bescheinigt. (Der „Saft“ der Premiers Crus des Médoc wird auf schöne Weise mit dem Geruch verglichen, „der sich im Raum verbreitet, wenn man einen Siegellack erster Güte verbrennt.“)“ – Wie toll, dass diese Einschätzung fast 200 Jahre später immer noch ihr Gültigkeit hat.

Also – was hatten wir nun im Glas? Einen Wein, dessen Nase so betörend ist, dass es einem schwer fällt, das Glas abzusetzen. Herrliche „Bordeauxnase“, Aromen feinsten Tabaks, Mokka und getrocknete Kräuter. Dazu passen die Eindrücke von Leder, Paprika und Lakritze. Die ausdrucksvolle, feine Frucht verbindet sich mit den ätherischen Aromen und die feinen, weichen Tannine bilden ein hervorragendes Rückgrat für diesen bestens strukturierten, ausgewogenen und jetzt schon eleganten Bordeaux. Die feine Fruchtsüße wirkt – trotz einer auf Grund des Jahrgangs eher geringen Säure – fein und zieht sich durch bis in den schönen, ausgewogenen und langen Abgang. Insgesamt ein klassischer Bordeaux aus einem Jahrgang, der auf Grund seiner sommerlichen Hitze – häufig vollkommen zu Unrecht – mit „Trinkmarmelade“ gleichgesetzt wird. Aktuell ein wirklicher Trinkgenuss, Eile bedarf es jedoch keiner. Wer nur eine Flasche im Keller hat, sollte sie jetzt trinken. Warum? Jetzt kann man noch nachkaufen 😉 Wehmutstropfen dabei sind die davon gelaufenen Preise. In der Subskription mal für ca. Euro 25,- zu haben, dürfte es jetzt schwierig werden, ihn im Handel für unter Euro 100,- zu bekommen. Etwas günstiger vielleicht auf Auktionen.

So und So – kleine Bordeauxprobe 2003

In der Vorweihnachtszeit waren liebe Freunde zu Gast und der Abend war in Sachen Kulinarik „So und So“ – meine Küchenleistung kann ich wohl bei der Vorspeise noch als gut bezeichnen, aber beim geschmorten Ochsenschwanz wollte ich lieber in den Keller gehen, um das Ergebnis nicht länger mitansehen zu müssen. Die Schmorsoße, fruchtig mit Cranberries abgeschmeckt noch lecker, aber das Fleisch war weit davon entfernt „mürbe“ zu sein. Der gespendete Trost meiner Gäste half mir nur bedingt – ich glaube, jeder, der gerne in der Küche steht, wird das verstehen.

Aber auch beim Wein: So und So – ein gemischtes Bild. Thema des Abends war eine kleine Auswahl von Bordeauxweinen aus dem Hitzejahr 2003. Zwei Weine konnten klar mit den Vorurteilen aufräumen, dass in 2003 nur früh reifende Weine entstanden sind, die ein Mangel an Struktur und Eleganz auszeichnet. Andererseits gab es mit dem in der Subskription hochgelobten 2003 Château Leoville Las Cases auch genügend Diskussionsstoff. Die Weine:

2003 Château Duhart-Milon Rothschild

2003 Château Leoville Las Cases

2003 Château Leoville Barton

2003 Château Phélan Ségur

BIG FIVE – Nashorn und Mouton (Teil 2)


2004 Chateau Mouton Rothschild

92 Punkte – Das ist ein Mouton!?  Ein junger Pauillac und so fruchtbetont, weich und mit seidener Oberfläche; auf mich wirkt der Wein eher wie ein sonnengereifter US-Bordeaux-blend a la Opus One. Diese Bemerkung bitte richtig verstehen, als Beschreibung, nicht als Kritik. Ich mochte diesen hedonistischen Stoff, den man etwas verkürzt so beschreiben kann: fruchtig, tief, dunkel und weich. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn die Frucht ist nicht nur dicht, sie ist überaus komplex und hat viele Facetten, da findet man Kirschen, rote Grütze, Pflaumen, aufregende Gewürze, wie Zimt, Nelken und einen Hauch von Orient. Die Anklänge an Kakao, verbunden mit einer schönen Extraktsüße haben mich wohl bewogen auf meinem Verkostungszettel "milky way“ zu notieren. Die fruchtige Kraft und Konzentration sind wirklich gut gemacht und bemerkenswert, denn der Wein wirkt trotzdem kühl, edel und elegant. Die Tannine haben einerseits eine schmeichelnde, weiche Oberfläche, aber andererseits durchaus Kraft und sind strukturgebend. Wer Parkers Notiz aus 2007 liest, muss annehmen, dass die Tannine einmal deutlich(!) heftiger wahrgenommen wurden, denn er attestiert dem 2004er Mouton eine: „impressive concentration, and a primordial backwardness that will require 10-15 years of cellaring, (…) but the biting tannins will preclude any enjoyable consumption over the next decade. Anticipated maturity: 2020-2035” Aus meiner Sicht ist der Wein jetzt in einer ersten, schönen Genussphase, über seine Zukunft zu spekulieren ist aber schwierig, dennoch sollten die nächsten 15-20 Jahre kein Problem sein.

 

1983 Chateau Mouton Rothschild

84 Punkte – Die Notiz zu diesem Wein fällt etwas kürzer aus, denn ich glaube, dass die Flasche einen Vorbesitzer hatte, der sie falsch gelagert hat.  Tiefer, dunkelroter Farbkern. Am Gaumen eine Mischung aus Sylvesterkracher (Schießpulver), Liebstöckel, Sauerkraut und Molke. Am Gaumen gewisse malzige Süße, die Säure steht dagegen etwas außen vor, wirkt sehr reif. Malz, Sojasoße, deutliche Tertiäraromatik. Nach kurzer Zeit im Glas fällt der 83 Mouton ziemlich schnell in sich zusammen. 

 

1998 Chateau Mouton Rothschild

96 Punkte – Für mich der einzig große Mouton an diesem Abend. Der Wein zeichnet sich durch eine sehr tiefe, edle und genießerische Aromatik in Nase und Mund aus. Reich, fest gebaut, hervorragend strukturiert und mit aromatischer Tiefe und Vielfalt drückt sich dieser tolle Bordeaux an den Gaumen. Saftige und konzentrierte dunkle Frucht; Duft von dunkler Schokolade, Cohiba-Zigarren, Lakritze, Espresso-Bohnen, Cassis sowie einem Hauch von Minze. Auffallend schön auch die feinsandigen Tannine, die komplexe Art und die tolle Länge des Weins. Ein Beau, der noch viele Jahre nachhaltig Freude und Genuss bereiten wird. Wer einmal Mouton Rothschild kennenlernen möchte ist mit diesem Jahrgang sicherlich gut bedient, denn Euro 300,- sind sehr, sehr viel Geld, aber man bekommt einen großen, klassischen Pauillac, der immer noch deutlich günstiger ist als Flaschen aus aktuellen Jahrgängen, bei denen man nicht nur Zeit mitbringen muss, sondern auch eine gewisse Portion Unsicherheit in den Keller einlagert. 

1979 Chateau Mouton Rothschild

91 Punkte – Die letzte Benotung von Robert Parker im Jahr 1998 mit 76 Punkten ist vernichtend für einen Premier Grand Cru Classé. Er schrieb in der 3.Ausgabe seines Bordeaux-Führers: „It is a high acid Mouton that has always been austere. (…) It is the tannin, acidity, alcohol, and wood that make up much of the uninspiring aromatics and flavors. The 1979 Mouton is an uninteresting wine that has no place to go.” Auch ansonsten ist der Jahrgang 1979 nicht gerade als Riesenjahr bekannt; Achim Becker (www.weinterminator.de) schreibt z.B. „Wer Weine aus 1979 sucht, muss dreimal hingucken. Zu heterogen war das, was in diesem Jahr erzeugt wurde.
In Bordeaux wurde die größte Ernte seit 1934 eingebracht.“ – Aber probieren geht eben doch über studieren und wer nicht wagt, der nicht gewinnt ;-))

In der Nase eine ausgeprägte Aromatik von getrockneten Kräutern und Wiesenblumen, ein nicht namentlich genannter Teilnehmer freute sich sichtlich, denn er meinte: „der riecht wie ein guter „Roter Libanese“, die ganz leicht harzigen Noten sind vergleichbar. Am Gaumen zeigt der Wein Anklänge an rote Früchte, Zigarrenkiste und feine Gewürzaromen (Muskatnuss); mich überzeugt er mit seiner Standhaftigkeit und der schönen Harmonie, die er inzwischen aufweist. Die Tannine sind ziemlich abgeschmolzen, die Säure passt sich aber gut ein und ist jetzt richtig gut zu trinken. Wichtig: Ein paar Stunden vor dem Genuss öffnen, gerade die etwas älteren Herren brauchen die Luft.

 

BIG FIVE – Nashorn und Mouton Rothschild (Teil 1)

Als vor zwei, drei  Wochen mein Freund Bernd aus Frankfurt anrief und mich fragte, ob ich nicht mal wieder Lust hätte nach Frankfurt zu kommen, man wolle sich jetzt, in der Weihnachtszeit um die BIG FIVE kümmern,  stand ich doch ziemlich auf dem Schlauch – was will er von mir?  Zwar möchte ich in Kürze nach Südafrika und so hatte ich auch schon von den BIG FIVE gehört – aber Löwe, Nashorn, Büffel, Leopard und Elefant in Frankfurt? Ein geplanter, gemeinsamer Zoobesuch – wohl eher nicht.

Völlig ahnungslos fragte ich nach, er solle etwas konkreter werden. Na, Mouton, Lafite, Latour, Haut Brion und Margaux eben.  Ach so, na klar, Mouton, Lafite, Haut Brion, Latour und Margaux – eben! Jeder bringt eine Flasche mit  und schon geht’s los. Angefixt war ich nun schon, man bekommt selten die Gelegenheit solche Pretiosen nebeneinander verkosten zu können und gerade in solchen Vertikalvergleichen liegt die Chance, wirklich etwas lernen zu können.  Aber nicht von jedem Weingut habe ich etwas im Keller, aber erst einmal zusagen und Lösungen wird es immer geben. Also Teil 1 der BIG FIVE war nun Mouton…

Mein persönliches Fazit: Alle haben Recht und probieren geht über studieren!!

Die Probe fand blind statt und keiner wusste (außer der selbst mitgebrachten Flasche) welche Jahrgänge angestellt worden sind. Auffallend bei vielen Mouton Jahrgängen sind die extrem (!) unterschiedlichen Bewertungen in der Weinliteratur, insbesondere Winespectator und Robert Parker haben sehr widersprechende Notizen veröffentlicht.

 

1990 Mouton Rothschild

89-93 Punkte – Jaaaa, grrrr, was für eine betörende Nase; so wunderbar tief, vielschichtig, fein und elegant(!!).  Feinste Röstaromen, edles Holz, ein Hauch animalisch. Ein sinnliches Erlebnis, man möchte gar nicht mehr aufhören zu riechen – und dann? Fast als wenn man es geahnt hätte, am Gaumen dann das abrupte Erwachen; Coitus interruptus sozusagen. Auf der Habenseite stehen zwar eine schöne Frische, angenehme, abgeschmolzene Tannine sowie eine noch recht jung wirkende Kirschfrucht und ein paar eher ungewöhnliche Aromen (wie z.B. nach Reisnudeln), aber insgesamt kommt der 90er Mouton nicht rüber, der Wein läuft irgendwie „durch“, es fehlt an Substanz. Die Säure steht außen vor und leider endet der Wein auch auf dieser. Meine Erstbewertung an diesem Abend waren 89 Punkte und die waren ausschließlich diesem unglaublich sinnlichen Duft gewidmet.  Doch es war nicht aller Tage Abend und wir rückverkosteten den Wein später noch zweimal – und jedes Mal wurden die Punkte mehr.  Nach dem ersten Durchstreichen standen dann 91 Punkte zu Buche, zum Ende wurden es dann noch 93 Punkte. Obwohl die Flasche schon ein paar Stunden vorher geöffnet worden war, legte der Wein mit mehr Luft (und Wärme) nochmals deutlich zu. Er entwickelte am Gaumen balsamische Noten, eine feine Süße (wo er die herholte, ist mir völlig rätselhaft) und irgendwie eine schöne, etwas laktisch wirkende Frucht, die mich an Heidelbeersahne erinnerte. Schade, dass schon so vieles getrunken war…

Zuletzt von Parker in 2009 mit 84 Punkten bewertet – da hat er dem Wein wohl nicht genug Luft gegeben. Der Wine Spectator hat in 2001 noch 97 Punkte vergeben, in 2005 waren es nur noch 87 Punkte – meine Meinung dazu: der Wein lebt!!

 

 

1992 Mouton Rothschild

89 Punkte – Diese Flasche war schon um 09.00 Uhr morgens geöffnet worden und vielleicht lag es an der ausreichenden Luftzufuhr, dass sich dieser 92er Mouton von Anbeginn in guter Verfassung präsentierte. Ich habe mir notiert: dunkle, angenehme Nase, mit schmeichelnden Mokkatönen. Am Gaumen ein klassischer Pauillac. Die schöne, recht ausgewogene Aromatik mit Noten von Cassis, Heidelbeeren sowie Kaffee und Graphit überzeugt mich. Die feine Süße und das reife Tannin runden das harmonische Geschmackserlebnis ab.  Kein wirklich großer Wein, dazu fehlt es ihm an Tiefe und Struktur, aber jetzt schön zu trinken (fast 12 Std. geöffnete Flasche). Kellerbestände sollten ausgetrunken werden.

Parker hat den 1992er mit 88 Punkten bewertet und ihm eine Genussphase bis 2004/2006 bescheinigt. René Gabriel prophezeite 1996: „Wenn Sie noch keinen 90er oder 89er Mouton im Keller haben, dann kaufen Sie jetzt sofort den 92er. Einen so billigen und doch relativ großen Mouton gab es schon lange nicht mehr und wird es vermutlich nie mehr geben.“ Irgendwie Recht hat er, der Herr Gabriel, vor allem, was die Preise angeht!!

 

1988 Mouton Rothschild

93 Punkte – Auch diese Flasche war bereits 12 Stunden vorher geöffnet worden und für mich war bei diesem 88er das im Glas, was ich mir unter einem Mouton vorstelle: Leichter Stinker zu Beginn, etwas animalische Noten, dann aber Frucht, edle Hölzer und etwas Kaffee.  Am Gaumen eine feine Würzigkeit, etwas Malz, wiederum edles Holz. Druckvoller Bursche, hat Substanz, Kraft und Struktur; wirkt maskulin. Feine, körnige Tannine, Graphitnote, schöne aromatische Tiefe, deutliche Cassis-Aromatik. Insgesamt beeindruckender Stoff, meine Hand geht massiv zum Glas. Entwickelt an diesem Abend eine schöne Süße, die mit zunehmender Luftzufuhr immer schöner wird. Vielleicht fehlt ihm das letzte Quentchen Eleganz, aber mir macht dieser 88er Mouton richtig Spaß und ich schwelge.

Vom Wine Spectator zwischen 92 und 100 Punkten (100 Pkt. in 1991 und 92 Pkt. in 2009) und von Parker nur zweimal in 1993 mit konsistenten 89 Punkten bewertet.

 

1970 Mouton Rothschild

93 Punkte – Wirklich schöne Nase, etwas animalisch, Leder, dezente Rauchnote, kräutrig-balsamische Eindrücke. Wirkt distinguiert, ein Wein zum Philosophieren. Am Gaumen tief und nachhaltig; feine Tanninstruktur (die Tannine wirken dabei immer noch erstaunlich jung). Kräutrige Aromen verbinden sich mit Noten von Cassis, Graphit und hochwertigem Holz. Anklänge von Pfefferminze und Eukalyptus. Schöne Nachhaltigkeit; richtig gute Länge – toller Stoff! Diesen Wein möchte man genießen und entsprechend braucht an Zeit, um sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Bei Nachkauf ist jedoch Vorsicht geboten. Angeblich sind sehr unterschiedliche Flaschen im Umlauf, so soll seinerzeit eine große Charge spekulativ aus den U.S.A. gekauft worden sein, die zwar ab Chateau versandt wurde, aber letztlich nicht abgerufen wurde. So hat der Container viel Zeit im Hafen in den U.S.A. verbracht und einen entsprechenden Hitzeschaden erlitten, bevor die Reise zurück angetreten hat.  

Der Wine Spectator hat beim 70er Mouton eine schöne Varianz in seinen Bewertungen, 1986 und 1991 mit 86 bzw. 84 Punkten bewertet, dann in 1993 bislang die letzte Bewertung: 96 Punkte !! Auch bei Parker ist die letzte Notiz schon veraltet, in 1996 gab es 93 Punkte.

Die Notizen zu den Jahrgängen 2004, 1983, 1998 und 1979 folgen bald.

2001 – 2010 Hubacker Großes Gewächs Vertikalverkostung, Weingut Keller – Rheinhessen

Das Weingut Keller ist  weltweit eines der bekanntesten Aushängeschilder für deutschen Riesling und in der Champions League internationaler Weine angekommen und etabliert. Wer jedoch die Möglichkeit hat, die handelnden Menschen dieses Weingutes kennenzulernen, wird sehr schnell feststellen, dass es ihnen nicht darum geht, „Star“ zu sein, sondern eher das Gegenteil der Fall ist, die Mitglieder der Familie Keller, die heute mit 4 Generationen Hand in Hand auf dem Weingut arbeiten, sind allesamt angenehm unaufgeregt und im besten Sinne bodenständig. Man spürt als Besucher des Weingutes Keller, dass hier ein jeder seiner Passion/Berufung folgt, die vier Generationen eint: Jahr für Jahr der Natur DEN besten Wein abzuringen.

Parallel pflegen die Kellers seit vielen Jahren den nationalen und internationalen Austausch mit anderen Winzern und man versucht das eigene Wissen an die nächste Generation von Winzern und denen, die es werden wollen, weiterzugeben – die talentierten Lehrlinge und Praktikanten kommen z.B. von der Mosel – oder aus Norwegen und Japan. Verbundenheit mit der eigenen Scholle und Berücksichtigung  regionaler Stärken stehen eben nicht im Widerspruch zu Internationalität und Weltoffenheit.

Die Geschichte des Weingutes Keller ist eng verbunden mit der Geschichte des Dalsheimers Hubackers. Die Keimzelle des Weingutes Keller wurde im Jahr 1789 von Johann Leonhard Keller erworben, der dieses besondere Stückchen Erde vom Andreasstift in Worms erwarb. Die 4,03 ha (bis 1971 als „Oberer Hubacker etikettiert) sind somit seit über 200 Jahren im Eigentum der Familie Keller. Dass dieses Stück bis heute ungeteilt im Familienbesitz verblieben ist, darf einer glücklichen „Familienplanung“ oder dem Zufall zugeschrieben werden, denn es gab bis zur 9. Generation immer nur einen männlichen Erben.

Unter Georg III, der fünften Keller Generation, wandelte sich der Hubacker in den heutigen, sanften Südost-Hang. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war der Hubacker ein Terrassenweinberg, auf dem es auch Buschwerk und offenen Felsen gab. Friedrich Heinrich, der Sohn von Georg III, machte in zwei Jahren die felsigen Abschnitte als Weinberg urbar, indem er schwere Felsbrocken sprengte. „Allein um die Felsen auf dem Hubacker beseitigen zu können, soll Friedrich Heinrich seine Sprengmeister-Prüfung gemacht haben. Weil Vater und Sohn von einem optimal nutzbaren Weinberg träumten, ebneten sie dann auch noch die Terrassen.“ (vgl. S. 153f., Junko Iwamoto, Kellergeschichten – Zwölf Monate auf dem Weingut Keller, 2.Aufl. ISBN 978-3-00-034169-4). Ein paar Jahre nach den Sprengungen konnte kein Wein gelesen werden und als endlich wieder daran zu denken war, wurde Erwin, der einzige Sohn von Friedrich Wilhelm und seiner Frau, in die Wehrmacht eingezogen.

1945 wurde das Haupthaus durch Bomben der Amerikaner zerstört und nach Kriegsende wurde der gesamte Wein, der im Keller des Weingutes lagerte, durch die französische Armee beschlagnahmt. Erst 1947 kehrte Erwin aus der Kriegsgefangenschaft  zurück, ein tschechischer Bauer hatte ihm bei der Flucht geholfen. 1948 heirate Erwin seine Jugendliebe, mit der er schon vor seiner Einziehung verlobt war und begann mit seinem Vater, dem Sprengmeister, das Weingut wieder aufzubauen. Aber da ein Übel selten allein kommt, hatte 1945 die Reblaus „Einzug“ im Hubacker gehalten. Glücklicherweise hat man sie frühzeitig entdeckt und der Schaden blieb eng begrenzt. Seit 1948 wurden dann Pfropfreben mit amerikanischer Unterlage gepflanzt und bis Anfang der 50er Jahre der Hubacker saniert. Mitte der 70er Jahre war der Hubacker nochmals in Gefahr, denn die geplante Autobahn A61 sollte direkt durch den Weinberg geführt werden. Doch Dank der Einwendungen der Familie und der regionalen Politik hatte man im Verkehrsministerium von Rheinland-Pfalz ein Einsehen und die lokale Weinkultur blieb erhalten, und so macht die A61 in Ihrer aktuellen Streckenführung von der Ausfahrt Worms nach Gundersheim eine Kurve – um den Hubacker  herum.

Heute liegt der Kellersche Teil des Hubackers  „in seinen niedrigsten Höhen 170 Meter und in seiner höchsten Erhebung 230 Meter über dem Meeresspiegel. Die maximale Hangneigung beträgt 28% (…). ‚Als ich jung war, hieß es in Rheinhessen, man sollte in Höhen über 200 Metern über dem Meeresspiegel besser keinen Wein anbauen. Im Süden der Pfalz gibt es Wälder, die den Wein in dieser Höhe schützen, aber in Rheinhessen nicht. Deshalb sind die Reben dem Wind ausgesetzt. Damals kühlte der Boden in der Höhe aus, weshalb dort kein guter Wein wuchs,‘ so Erwin.“ (vgl. S. 153f., Junko Iwamoto, Kellergeschichten – Zwölf Monate auf dem Weingut Keller, 2.Aufl. ISBN 978-3-00-034169-4).

Dem Hubacker und dem Weingut Keller hat der Klimawandel sicherlich geholfen, die Trauben im Hubacker reifen heute immer noch spät, aber sie erreichen eine bessere Reife und  aus dem einstigen Nachteil ist ein Vorteil geworden:  die kühlen Winde tragen heute dazu bei, dass man eine stärkere Tag-Nacht-Abkühlung hat, was einer guten Säureausbildung helfen dürfte. Unterirdisch erstreckt sich im Hubacker  eine große Platte von gelbem Kalksteinfels, darüber liegt ein tonhaltiger Boden mit Humusschicht. So wird das Regenwasser gehalten und selbst in heißen und trockenen Sommern kommt kein Trockenstress auf.

Interessanterweise stammen sämtliche Rieslingklone des Hubackers von der Saar. Bis in die 70er Jahre gab es auf dem Weingut Keller kaum Riesling, erst mit der Hochzeit von Klaus Keller mit Hedi, einer Winzertochter von der Obermosel kam die Begeisterung für Riesling in die Familie Keller. Die – inzwischen leider verstorbene – Frau von Klaus Keller und Mutter von Klaus Peter Keller besuchte die Weinbauschule in Trier und arbeitete anschließend in dem der Weinbauschule angeschlossenen Institut zur Selektion von Klonen.

Auf Grund der gemeinsamen Liebe zum Riesling beschlossen Hedi und Klaus Keller nunmehr Riesling im Hubacker anzupflanzen. Der erste Versuch mit Rheingauer Klonen scheiterte jedoch, die Weine entsprachen nicht den gemeinsam gesteckten Zielen. Hedi Keller konnte nun ihren Mann überzeugen, Klone zu pflanzen, die sie bereits aus Ihrer Arbeit am Institut in Trier kannte. Das Ergebnis: Heute stammen sämtliche Reben im Hubacker von Saar- Selektionen, die aus  alten Beständen der Oberemmeler Hütte und dem Scharzhofberg – gemeinsam von Hedi Keller und Eberhard von Kunow (Weingut von Hoevel) – selektioniert wurden.

Vor 10 Jahren, im Jahr 2001, hat Klaus Peter Keller  (die 9.Generation der Familie Keller im Weingut)  erstmals die Vinifikation des Jahrgangs übernommen und so auch das Ergebnis des Großen Gewächses aus dem Hubacker zu verantworten. Ich war sehr gespannt, wie sich diese 10 Jahrgänge – im Vergleich einer Vertikalverkostung – nebeneinander präsentieren werden.

Selten ist mir ein Fazit über 10 Jahrgänge leichter gefallen, als nach dieser Verkostung: Alle Weine haben eine unglaubliche Kraft und innere Spannung, sie eint die vom Kalkstein geprägte Mineralik. Die Säure ist stets perfekt integriert und mich hat vor allem die sehr klare und präzise Definition überzeugt, am besten zu vergleichen mit dem austrainierten Körper eines Balletttänzers oder einer Skulptur eines Athleten der frühen olympischen Spiele in Athen.  

Auffallend auch die hervorragende Alterungsfähigkeit, wir hatten 10 aufeinander folgende Jahrgänge am Tisch, aber eine Alterung zwischen den Jahrgängen ist kaum feststellbar, selbst der 2001 zeigt eine Frische und Lebendigkeit, die viele, wesentliche jüngere Große Gewächse nach 3 oder 4 Jahren schon nicht mehr vorweisen können.

Da das Wetter zur Zeit so schön kalt und klar ist, habe ich sämtliche Flaschen 2 Tage auf dem Balkon stehen lassen und die Weine nochmals nachverkostet. Überzeugendes Ergebnis: alle Weine noch intakt, insbesondere die jüngeren Jahrgänge zeigen teilweise noch deutlicher, was in ihnen steckt, aber auch der 2004 braucht die Zeit. Wer die Zeit und die Muse hat, sollte den Hubackers von Keller mindestens viel Zeit im Keller geben, sie reifen nicht nur perfekt, sie brauchen das Lager im Keller, um ihre Finesse und Eleganz überhaupt ausspielen zu können.  Vom Stil gibt es einen Ausreißer für mich im Gesamtkontext dieser 10 Jahre Hubacker GG – der 2005; doch dazu gleich mehr.

Dankenswerter Weise hat Klaus Peter Keller mir zu jedem Jahrgang eigene Informationen zur Verfügung gestellt, die nachfolgend meine Verkostungseindrücke jeweils einleiten.


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