Berlin Riesling Cup – 36 Große Gewächs aus 2008

Am vergangenen Wochenende hat Martin Barz einmal mehr eine wunderbare Riesling-Veranstaltung  in Berlin (BRC – den Berlin Riesling Cup) organisiert, bei der sich die handverlesenen Teilnehmer in privater Atmosphäre einen wunderbaren Überblick über die Rieslingspitzen des Jahrgangs 2008 verschaffen konnten. Angestellt waren ausschließlich Erste und Große Gewächse der Regionen Baden, Franken. Mosel, Nahe, Pfalz, Rheingau und  Rheinhessen. Ausgeschenkt wurden die perfekt temperierten Weine in mundgeblasenen Universalgläsern der Firma Zalto (meiner seit vielen Jahren favorisierter Glasmanufaktur, die ich bei Karl Meyer auf dem Pretzhof in Wiesen bei Sterzing/Südtirol kennengelernt habe).

 

Die bereits an anderer Stelle von vielen Verkostern beschriebene kräftige Säure der Weine anderer Qualitätsstufen determiniert auch die Stilistik der Ersten/Großen Gewächse des Jahrgangs 2008. Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen haben viele Erste/Große Gewächse eine kräftige bis pikante Säure, die den Level der Vorjahre deutlich übersteigt. Bei einigen wenigen Weinen ist die Säuredurchdringung jedoch derart hoch, dass die Weine nicht auf breiter Basis Zuspruch finden werden. Trotzdem bin ich von der Qualität des Jahrgangs überzeugt, denn er steht für einen starken Ausdruck des terroirs; die meisten Weine sind fordernd, sehr klar, straff und präzise in Frucht und Mineralität. Um mal ein ganz anderes Bild zu bemühen: Mehr Klaus von Dohnanyi als Kurt Beck, mehr Richard von Weizsäcker als Helmut Kohl.

 

Die „Top Five“ der Verkostung waren für mich das Kirchstück von Bürklin-Wolf, der Halenberg von Schäfer-Fröhlich, die "Morsteine" von Keller und Wittmann sowie der leider nur in Mini-Auflage geerntete wurzelechte Rothenberg von Kühling-Gillot. Auf Grund der Jugendlichkeit der Weine werden sich viele Eindrücke noch verändern. Dies ist auch der Grund, warum ich meist keinen genauen Punktwerte, sondern Punktspannen angegeben habe.     

 

Es wurden – bis auf den ersten Wein zur Begrüßung – alle 36 Weine in 2er flights gereicht, die Klaus Peter Keller vom Weingut Keller im Vorfeld der Probe zusammengestellt hatte:

2008 Iphöfer Kronsberg Riesling GG, Weingut Hans Wirsching – Franken (zur Begrüßung)

 

87-89 Punkte – Kräuterwürzige Nase; Salbei, weiße Beerenfrucht und dezente Citrusaromen. Ähnlicher Aromeneindruck am Gaumen, klare Frucht mit ausgeprägter Mineralik, die lebendige bis stahlige Säure ist gut abgepuffert. Sehr schöne, mineralisch betonte Länge, animierend. Ein Wein auf den ich Lust habe.

 

 

2008 Iphöfer Julius-Echter-Berg Riesling GG, Weingut Hans Wirsching – Franken (flight 1)

 

88-90 Punkte – In der Nase dominiert der Duft von Steinobst, erinnerte mich stark an die gelben (!!) Kirschen, die ich als Kind jedes Jahr in rauen Mengen von unserem Baum im Garten genascht habe (nie sonderlich süß, aber irre lecker). Am Gaumen klare, feinsaftige gelbe Frucht, etwas exotisch angehaucht (Maracuja); wirkt mineralisch, druckvoll und zupackend – auch auf Grund seiner deutlich spürbaren Säure. Gute, mineralische Länge.

 

 

2008 Westhofener Brunnenhäuschen Riesling GG, Weingut Wittmann – Rheinhessen (flight 1)

 

92-93 Punkte – Die Filets der Lage Westhofener Brunnenhäuschen befinden sich in der „alten Gewann Abtserde“ und das Weingut Wittmann bewirtschaftet dort nur einen halben Hektar Rieslingreben. Der Boden besteht aus Tonmergel, der mit viel Kalkstein durchzogen ist. Da der Boden auch sehr eisenhaltig ist, wirkt er rötlich.

Die Frucht die aus meinem Glas reichlich strömt, ist allerdings nicht rot, sondern üppig gelb, mit Anklängen an reife Quitten, Mirabellen und Biskuitteig. Der Gaumen wird durch einen dicken Saft betört, der den ganzen Mund mit seinem wunderbaren Schmelz ausfüllt. Differenzierte, aromatische und sanfte Frucht mit Anklängen an Apfelkompott, Papaya, reife Flugananas, Quittegelee und einem aufregenden Hauch von Currykraut. Trotz dieser eher weichen Fruchtaromatik ist der Wein druckvoll und zu keiner Zeit zu dick oder gar langweilig, sondern genau das Gegenteil: aufregend und betörend. Ich vermute, dass die Trauben extrem spät gelesen wurden, vielleicht auch ein Grund, warum dies einer der wenigen Wein für mich im gesamten panel war, bei dem ich die Säure wunderbar ausgewogen empfunden habe. 

 

 

2008 Dalsheimer Burgberg Riesling GG, Schlossgut Diel – Nahe (flight 2)

 

90-92 Punkte – Erst seit dem Jahr 1997 besitzt das Schlossgut Diel im Dalsheimer Burgberg 1,8 ha Weinberge und damit genau die Hälfte dieser mikroklimatisch besonderen Steillage. Mit Schiefer und Kieselsteinen durchsetzter Lehmboden, mit teilweise hohem Anteil an Taunusquarzit bietet die windgeschützte Südlage grundsätzlich exzellente Voraussetzungen für die Erzeugung gehaltvoller, stoffiger und rassiger Rieslinge mit großem Alterungspotential.

Die Dielsche Interpretation 2008 dieser Rieslinglage fließt mit einem hellen gelb und grünen Reflexen ins Glas und offenbart zu Beginn noch ein kleiner (Spontan-?)Stinker,  danach klare, von Steinobst geprägte Nase. Am Gaumen reintönig, sehr klar, eher druckvoll und mit einer kräuterwürziger Mineralik ausgestattet; dazu dezente Tabaknoten. In seiner Mineralik für mich als Nahe-Wein gut zu erkennen; präzise und geschliffen; der Abgang ist durch seine Mineralität deutlich geprägt; schöne Länge.

 

 

2008 Nieder-Flörsheimer Frauenberg Riesling GG, Weingut Battenfeld-Spanier – Nahe (flight 2)

 

91 Punkte – bei diesem Wein hatte ich die gleiche Assoziation, wie schon bei der 2007er Ausgabe: ein Smaragd aus der Wachau. Zwar ist dieser Vergleich auf Grund der unterschiedlichen Böden eigentlich abwegig, in Punkto Dichte und Schmelz sowie Kraft und Mineralität bleibe ich bei diesem Vergleich.  Dieser Wein ist „fett“ im umgangssprachlichen Sinn. Meine Notizen des Abend lauten:“ feiste Pfirsich- und Steinobstfrucht, Spontanstinker, sehr mineralische, tiefe Würze, irgendwie wild; weiße Johannisbeeren, Mandarinen, viel Schmelz und trotzdem sehr animierend im Trinkfluss; schöne „Wachauer“ Fruchtsüße; Glycerin, kraftvolle Länge, dezente(r) Bitterkeit/Gerbstoff.“

Als ich gerade nochmals das kleine Begleitheftchen, dass Jürgen so schön zusammengestellt hat, durchforste, ist es mir fast peinlich, denn es  scheint, dass ich bei Wein-Plus in Teilen abgeschrieben habe (oder aber der Wein ist einfach so ;-)):

 

„91+ Sehr präsenter, deutlich hefiger und tabakiger Duft nach teils kandiertem Steinobst, Brotgewürzen und Zitrusfrüchten mit frischen, süßlichen Kräuteraromen und steiniger Mineralik. Sehr saftig im Mund, viel reife, eingemacht wirkende Mandarinen-Steinobstfrucht, feine, lebendige Säure, hefige Töne und süßliche Kräuteraromen am Gaumen, auch wieder etwas Tabak, deutliche, etwas salzige Mineralik, Kandisaromen, ganz leichter Gerbstoff, gewisse Tiefe, sehr guter Abgang.“

Eine Sache bleibt jedoch offen: Wann, wie und warum der Nieder-Flörsheimer Frauenberg zur 1. Lage wurde, denn weder in den Lagen-Beschreibungen des VDP (vgl. http://www.vdp.de/klassifikation/die-lagen/rheinhessen/) taucht sie als solche auf, noch ist sie im „Weinatlas Deutschland“ (vom Hallwag Verlag) als solche aufgeführt. Aber ich bemühe mich um Aufklärung in den nächsten Tagen.

 

 

2008 Birkweiler Kastanienbusch  Riesling GG, Weingut Ökonomierat Rebholz  – Pfalz (flight 3)

 

91-93 Punkte – Die wohl bekannteste Lage an der südlichen Weinstrasse. Die Weinberge liegen windgeschützt in einem Talkessel, der begrenzt wird durch Kastanienbäume. Durch die Kessellage bekommen die Reben so viel Wärme, dass sie im Frühjahr regelmäßig früher austreiben als in anderen Lagen.

In der Nase zeigt der Kastanienbusch bereits jetzt seine vielfältigen Anlagen: einerseits würzig-mineralisch, anderseits deutlich gelbe Früchte und blütige Aromen. Am Gaumen ausgeprägte Aromatik, dabei sehr klar und tief. Steinobst, Apfel; sehr saftig und reif; stringent – mit gutem Zug; kompakt und komplex zugleich. Sehr gute Länge, macht jetzt schon richtig Spaß, hat aber Potential für viele Jahre. Auffallend positiv ist die momentan sehr gut integrierte (aber kräftige) Säure.

 

 

2008 Westhofener Kirchspiel Riesling GG; Weingut Keller – Rheinhessen (flight 3)

 

90-(92++ Punkte) – „Ja mei“ würde wohl der Bayer sagen, als die Flasche aufgedeckt wurde. Bereits im Frühjahr hatte ich das besonders große Vergnügen an einer Vor- bzw. Fassweinprobe der gesamten Keller-Kollektion teilnehmen zu dürfen. Doch was ich damals in meiner kleinen Verkostungskladde notiert habe, will nicht wirklich zu dem passen, was in meinem jetzigen Proben-Protokoll zu den Keller-Weinen steht. Aber wie sagte der ehemalige Trainer von Werder Bremen und heutige Ehrenbürger von Griechenland stets: „Die Wahrheit liegt im Glas“ (oder so)!!!

Die Nase offeriert zunächst etwas wachsige Noten – auch ein Hauch von frisch blanchiertem Gemüse findet sich da. Gott sei Dank ist auch noch ein Rest der heftigen, kräutrigen Mineralität vorhanden, die im Frühjahr noch klar den Ton angegeben hatte. Am Gaumen mit gewisser Gäraromatik; die Frucht wirkt nicht mehr so klar wie noch im Frühjahr. Dafür hat sie sich deutlich mehr aufgeplustert und wirkt saftiger und dicker. Stoffiger Wein, mit festem und recht fruchtsüßem Kern. Positiv heute wie damals ist für mich die sehr, sehr gut integrierte Säure.  Hochkonzentriert war nicht nur ich beim verkosten, sondern so ist auch der Wein. Ich denke, er braucht deutlich Zeit, damit er seine Klasse und die Klarheit der Aromen wieder besser ausspielen kann. Aktuell eher bei 90 Punkten.

 

 

2008 Forster Kirchenstück Riesling GG, Weingut Dr. Bürklin Wolff – Pfalz (flight 4)

 

93-95 Punkte Lutsch- und Beißstoff !!! Die Nase ist üppig, dabei klar und fest. In der Nase und am Gaumen wirkt ein formidable Mineralik die ich so – in ihrer fasten brennenden Art – aus dem Forsten Kirchenstück noch nie erlebt habe. Der Boden dort ist ein „heterogener Mix aus Basalt, Sandstein, Kalkgeröll und Ton mit einer mächtigen Tonschicht im Mittelbau und einer stark ausgeprägten Kalkplatte in einer Tiefe von 2m.“ (vgl. Weinatlas Deutschland, Hallwag Verlag, S. 145).  Einen mindestens gleichstarken Gegenspieler hat die Mineralik in der klaren, aber üppigen Frucht gefunden. Aromatisch sind die Früchte eher gelbfleischig und teilweise exotisch angehaucht. Die recht kräftige Säure wird durch die satte Extraktsüße perfekt abgepuffert und gemeinsam schwingt man sich zu neuen Höhen auf. Kurzum der Wein ist herrlich saftig und extraktstark; dabei straff gewirkt. Außerdem hat er Tiefe, eine hohe Vielfalt sowie Charme und  Länge. – Noch kürzer: Generös ausgestatteter Wein!! Am kürzesten: großer Stoff!!

 

 

2008 Westhofener Abtserde Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen (flight 4)

 

92 (-95 Punkte) – „Der Alhambra-Wein oder die Araber im katholischen Spanien“ – die Abtserde offenbart einen Duft von orientalischen Gewürzen (insbesondere Kreuzkümmel), dazu ein wenig Lavendel und frische Orangen.  Am Gaumen wiederholt sich der Eindruck von orientalischen Gewürzen, dazu kommen Mandarinen, und eine tiefe, sehr kräutrige Mineralik. Sehr dichter und konzentrierter Stoff, vom Mundgefühl auffallend weich, fast cremig, mit richtig tollem  Schmelz. Der Abgang ist wiederum sehr mineralisch geprägt und richtig lang. Aber auch bei der Abtserde grüßt das Murmeltier, denn im Frühjahr empfand ich den Wein noch fokussierter und präziser und damals versprach er den Himmel auf Erden. Jetzt hängt man irgendwie in den Wolken – und die Freiheit ist ja bekanntlich erst darüber grenzenlos. Trotzdem glaube ich – auf Grund meiner Erlebnisse im Frühjahr – an das riesige Potential dieses genialen Stoffs. Aktuell aber eher 92 Punkte.

 

 

2008 Marienburger Falkenlay  Riesling GG, Clemens Busch– Mosel (flight 5)

 

86 Punkte – eigentlich bin ich ein großer Fan von Clemens Busch und seinen Weine, aber dieser Falkenlay aus der Lage Marienburg bei Pünderich ist etwas für extreme Puristen oder erprobte Nahkämpfer. Unglaublich klar und fast fragil von seiner Frucht – man muss schon ganz tief reinhorchen, um neben der tiefen, konturscharfen Schiefermineralik diese auch zu finden. Kein Schwergewicht, aber schwerwiegend in Sachen Säure; meine Zähne und mein Magen haben sich nach dieser Attacke ergeben. Für mich grenzwertig, aber es gab am Tisch durchaus Kollegen, die seine Fahne hochgehalten haben.

 

 

2008 Ockfener Bockstein  Riesling GG, Weingut von Othegraven– Saar (flight 5)

 

89-90 Punkte – Hmm, ein rätselhafter, aber spannender Riesling. In der Nase recht verhalten, Anklänge an Birnen, Quitten und Physalis. Am Gaumen dann völlig ungewöhnlich, man kommt auf die Idee, dass der Wein im Barriquefass gelegen hat. Zu den schönen Citrusaromen gesellen sich Noten von Butter, Karamell; Mürbeteig  und reifen Stachelbeeren. Insgesamt wirkt der Wein sehr harmonisch, dies gilt auch für die Säure, die sehr gut integriert scheint; körperreich. Besonders attraktiv auch der klare, von einem schönen Schmelz geprägte Abgang, der durchaus Länge zeigt. Am Tisch wurde lange diskutiert, woher diese „Holznoten“ kommen – folgende Thesen standen zur Auswahl:

 

  • Frische Stückfässer
  • Teilweiser Barrique-Einsatz
  • (Teilweise) zweite, malolaktische Gärung
  • Langes Hefelager, ggf. auch mit Batonnage, d.h. mehrmaliges Aufrühren der Hefen

 

Bin gespannt, ob ich das Thema aufklären kann; werde dann hier berichten. Ich glaube an eine Kombination aus Stückfässern und langem Hefelager.

 

 

2008 Monzinger Halenberg  Riesling GG, Weingut Schäfer-Fröhlich – Nahe (flight 6)

 

92-94 Punkte – Zu Beginn ein leichter Ton von Eisbonbon, dann kommt aber ein Schwall von kräutriger, rauchiger  Mineralität, Anklänge an Feuerstein. Am Gaumen klar, fest und druckvoll. Sehr stringenter Stoff, der fast aktuell noch ein wenig „eckig“ wirkt. Hoher, mineralischer Extrakt, mit salzigen Anklängen und Tabak. Die saftige Frucht ist geprägt von Citrusaromen und gelben Früchten. Druckvolle Länge. Ein typischer Halenberg, der mir in diesem Jahr noch einen Tick besser gefällt als sein Pendant vom Weingut Emrich-Schönleber.

  

 

2008 Königsbacher Idig  Riesling GG, Weingut Christmann – Pfalz (flight 6)

 

90-92 Punkte – Dieser auf Kalkmergel gewachsene Wein ist in seiner aktuellen Verfassung nicht ganz einfach zu erfassen/verstehen. Die Nase wird von einem dichten Aromenteppich empfangen, der aktuell noch von einem kleinen Stinker begleitet wird. Am Gaumen frische Citrusnoten, Tabak, Orangenzesten und Raps(-margarine). Etwas irritiert haben mich die dezent laktischen Noten. Fest gebauter Stoff, der mit seinem angenehmen Schmelz den Mund voll ausfüllt und keinesfalls anstrengend wirkt. Die Frucht – bestehend aus einem Mix aus frischen Äpfeln und weißen Pfirsichen – ist  klar und präsent; recht stoffig. Die frische Säure ist vergleichsweise gut integriert.

 

 

2008 G-Max – Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen (flight 7)

 

92- (96 Punkte) – Irgendwie bedauere ich es sehr, dass an diesem Tag die Weine von Klaus-Peter Keller nicht so performt haben, wie bei der Verkostung im Frühjahr, denn da war auch, oder gerade der G-Max von einer derart überzeugenden Brillanz und sinnlichen Ausstrahlung, dass mir die Spucke wegblieb. Jetzt ist zwar die Nase geprägt von einer klaren, puren Pfirsichfrucht sowie frischen, exotischen Früchten, die toll sind, aber diese Leichtigkeit des Seins, die er noch vor wenigen Monaten in Form eines an Pfauenfedern erinnernden Farb-/Fruchtspiels hatte, konnte ich bei der jetzigen Verkostung nicht finden. Momentan spielt er zwar zwei seiner Asse in Form der dichten Frucht und festen Mineralität aus, aber die dritte Dimension fehlt. Die Säure ist auch in diesem Zustand perfekt integriert und der Wein macht einen in sich geschlossenen, konsistenten Eindruck –aber halt ohne diese besondere Komplexität und die Leichtigkeit (bei aller Kraft und Dichte), die er noch im Frühjahr hatte. Doch was ist schon ein Augenblick im langen Leben dieses Weines. Ich bin auf Grund meiner Erfahrungen im Frühjahr zutiefst davon überzeugt, dass man diesen Wein über die nächsten 20 Jahre trinken kann; nur wer bekommt schon so viel davon, dass er jedes Jahr einmal nach dem Rechten „schmecken“ kann. Aktuell 92 Punkte.

 

 

2008 Niederhäuser Hermannshöhle Riesling GG, Weingut Dönnhoff – Nahe (flight 7)

 

92-93 Punkte – In der Nase mit Frische eines leicht nebligen Frühlingsmorgens; die Erde dampft und es duftet nach frischer Wiese und der in den Startlöchern stehenden Natur, die nur auf die ersten Sonnenstrahlen wartet. Tiefer, klarer, mineralischer Geruch, aber noch etwas verhaltener Wohlgeruch nach weißen Früchten, frischen Frühlingsblüten und feuchtem Gras; sehr delikat. Am Gaumen hochfein, straff und subtil zugleich. Dabei tief und nachhaltig, ohne jeden Lärm. Der Wein steckt voller Nuancen, die drauf warten gefunden und erforscht zu werden. Diesen Wein sollte man in Ruhe genießen und sich möglichst nicht ablenken lassen, damit man sich auf ihn einlassen kann. Die 2008er Ausgabe der Hermannshöhle braucht Zeit, um sich zu entfalten. Für mich kommt dieser Wein dem Ebenbild eines in die Höhe gewachsenen  Hanseaten nahe, der lieber einmal mehr den Mund hält, als irgendetwas in die Welt zu posaunen, sich aber parkettsicher und mit Stil überall und jederzeit zu bewegen weis.

 

 

2008 Hochheimer Hölle Riesling GG, Weingut Künstler – Nahe (flight 8)

 

91-93 Punkte Kühler, klarer Ansatz, mit deutlicher Mineralik, getrocknete Gebirgskräuter; dazu frische Noten von weißen Pfirsichen und Citrusfrüchten – keineswegs aufdringlich, sondern eher etwas hinter den „steinigen Brocken“ versteckt. Am Gaumen die von Künstlers Hölle gewohnte sehr klare, druckvolle und mit Mineralien aufgeladene; etwas salzige Art; energiegeladen, saftig, mit sehr viel Zug; momentan steht er wie ein Monolith im Glas; sehr stimmig, mit guter Länge. Die Säure wirkt momentan noch etwas kratzig, aber ich denke, dass die Frucht weiter aufblühen und der Wein somit etwas geschmeidiger  wird,  momentan eher 91 Punkte, aber sicherlich das Potential für ein oder zwei Punkte mehr.

 

Etwas komisch im System von Künstler ist, dass es über den Ersten Gewächsen, noch trockene Goldkapseln gibt, die nicht nur preislich etwas höher liegen, sondern die auch die Spitze der Kollektion bei den trockenen Weinen darstellen. Am 27.09.08 habe ich auf dem Weingut die gesamte Kollektion verkostet und die 08er Hölle Goldkapsel mit 92-94 Punkten bewertet. Die trockene Goldkapsel aus dem Kirchenstück steht der Hölle kaum nach; sehr rauchig und kräuterwürzig; Brioche; großartige Tiefe; langer Nachhall, sehr substanzreich. 92-93 Punkte. Da auch die 2007er Goldkapseln angestellt waren, habe ich auch diese verkostet, welch Offenbarung! In 2007 leicht vertauschte Rollen, das Kirchenstück hat die Nase leicht vorn (93-95 Punkte); Hochheimer Hölle (92-93 Punkte).  

 

 

2008 Westhofener Morstein Riesling GG, Weingut Wittmann – Rheinhessen (flight 8)

 

92-94 Punkte – Zu Beginn eine von den Spontannoten noch etwas beeinflusste Nase, mit mehr Luft öffnet sich ein komplexer Aromenstrauß von frischen gelben Früchten (Quitten; Ananas, Maracuja). Sowohl in der Nase als auch am Gaumen begeistert mich die Tiefe und die pure, klare Art. Am Gaumen zeigt er viel Spiel sowie eine ausgereifte, elegante  Frucht. Unterlegt ist das ganze mit einer schönen Mineralik, die in einem herrlich ausgewogenen Verhältnis zur Frucht steht; der Wein besitzt einen wunderbaren Schmelz und hohen Trinkfluss. Sehr gute Länge.

 

 

2008 Bockenauer Felseneck Riesling GG, Weingut Schäfer-Fröhlich – Nahe (flight 9)

 

 

91-93 Punkte – Das Bockenauer Felseneck ist eine recht steile Lage mit Gesteinsboden des Oberrotliegenden, bestehend aus blauem Devonschiefer, weißgrauem Quarzit und Basaltgeröll. Die Lage besitzt Sonneneinstrahlung bis in den Abend und ist gegen kühle Fallwinde durch Bäume oberhalb der Lage geschützt. Noch recht deutliche Noten von der Spontanvergärung in der Nase; mineralische Würze, mit Anklängen von weißen Pfirsichen und Citrusfrüchten; Am Gaumen rassig, mit kräutrig-rauchiger Mineralität und Würze; „Steinlutscher“; druckvoll, trinkanimierend, hat noch recht viel Kohlensäure; endet durchaus lang auf dezenten Citrusnoten und einer leicht salzigen Mineralik.

 

 

2008 Westhofener Morstein Riesling GG, Weingut Keller – Rheinhessen (flight 9)

 

92- (96 Punkte) – Im Frühjahr konnte ich es kaum in Worte fassen, so genial gut hat mir der Wein gefallen und meine Notizen sind dementsprechend ausgefallen: „Meditationswein, großes Kino, geiler Extrakt, großartige Klarheit und Komplexität, hat „Alles“, was einen Wein ausmachen sollte, kindliche Perfektion, mit großartiger Zukunft, etc. Deutlich jenseits der 95 Punkte.“ Jetzt liest sich das zwar etwas anders, aber mein Glaube an die Größe des Weins bleibt (auch wenn es inzwischen etwas monoton klingt, was ich bei den Keller-Weinen so schreibe). Aktuell dichte Frucht in der Nase, mit viel gelben Früchten, insbesondere diverse Pfirsicharomen, ein Hauch von Vegetabilität (Bohnenkraut); am Gaumen „schmutzige“ Mineralität, hohe innere Dichte, kraftvolle Frucht, aber auch viel Spiel, sehr schönes Spiel zwischen Säure und Extraktsüße, guter, klarer Zug am Gaumen. Insbesondere die Mineralität versteckt sich momentan etwas; wenn die jedoch richtig aus dem Knick kommt, dann „explodiert“ der Stoff. (…) Freue mich auf die Nachverkostungen!!!

 

 

2008 Kiedricher Gräfenberg Riesling GG, Weingut Robert Weil – Rheingau (flight 10)

 

90-92 Punkte   Bereits zu Beginn mit kräftiger Nase von reifen gelben Früchten; zur Zeit  kommt die Frucht ein wenig dropsig rüber und erinnert an Gummibärchen. Im Mund verstärkt sich der Eindruck von saftigen, gelben Früchten – durchaus mit exotischem Einschlag; die Noten von in Honig getauchten Citrusfrüchten  gefallen mir ebenfalls sehr gut. Hinzu kommen auch mineralische Anklänge sowie erkennbar laktische Noten (Joghurtgums). Der Wein wirkt am Gaumen geschmeidig; die Säure ist richtig gut (!) eingebunden und er besitzt eine schöne aromatische Tiefe, die ihn bis in das lange Finale trägt. Er endet, wie er angefangen hat: auf einer saftigen gelben Frucht, die lange am Gaumen haftet. Insgesamt kann ich mir gut vorstellen, dass der Wein mit mehr Reife noch richtig outperformt und eine Punktzahl jenseits der 92 Punkte erreicht (vorausgesetzt diese etwas aufdringliche, dropsige Art in der Nase verschwindet genauso wie das, was sich Frau Klum so werbewirksam zwischen ihre Fußzehen gesteckt hat).

 

 

2008 Niersteiner Pettenthal Riesling GG, Weingut Kühling-Gillot – Rheinhessen (flight 10)

 

91-93 Punkte – Wunderbar ungewöhnliche Aromatik in der Nase – da finden sich momentan Noten von Gewürznelken, Wacholderbeeren, Zündelhölzern, genauso wie Aromen von kandierten Citrusfrüchten und Steinobst; abgerundet wird dieses kleine Aromenwunder von einer Prise Zimt. Am Gaumen nicht so lieblich, sondern sehr klar und fokussiert; rauchig-kräutrige Noten, sehr mineralisch, leicht salzig, Feuerstein, hinten heraus auch ein kleines „Bitterle“. In seiner Art recht laut, aber unglaublich trinkanimierend, gefällt mir sehr gut. Rrrhh, von dieser Art von Wein trinke ich persönlich gerne auch einen oder zwei Schluck mehr als üblich.

 

 

2008 Monzinger Frühlingsplätzchen Riesling GG, Weingut Emrich-Schönleber – Nahe (flight 11)

 

92-93 Punkte – Alle Jahre wieder gehören die beiden Monzinger GG von Emrich-Schönleber zu den Weinen, die ich mir gerne in den Keller lege, doch meist gefällt mir der Halenberg einen Tick besser als das Frühlingsplätzchen. Bei dieser Verkostung hat jedoch das Frühlingsplätzchen das betriebsinterne Rennen mit einer Nasenlänge gewonnen: tiefe, sehr klare Nase von Steinobst, getrockneten Kräutern und einer hier schon deutlich erkennbaren Mineralik. Am Gaumen saftiger Stoff, sehr fest und klar definiert. Sehr straff gewoben, tief, fordernd, mit Biss. Die Säure ist pikant, momentan noch etwas anstrengend; ich gehe jedoch davon aus, dass der Wein mit der Zeit etwas geschmeidiger wird, die Frucht ein wenig – gegenüber der Mineralik – zulegt / sich öffnet und damit die Säure besser integriert wirkt. Lebendiges Finale, das mit seiner Mineralität den Gaumen noch lange beschäftigt.

 

 

…. Fortsetzung folgt …..

 

 

…. Fortsetzung folgt …..

 

 

2 Gedanken zu „Berlin Riesling Cup – 36 Große Gewächs aus 2008“

  1. Das ist schon druckreif! Kann nur beim Forster Kirchenstück mitreden: Fand den Wein auch total spannungsgeladen. Als ob er in alle Richtungen will: Mal finessig und subtil, mal kraftvoll und barock in der Frucht. Bin gespannt welche Ausfahrt vom Kreisverkehr der Wein in ein paar Jahren nimmt nachdem er schon einige Runden gedreht hat. Hier noch meine Story dazu: http://blindtasting.twoday.net/stories/5940238/ Gruß, Alex

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