1971 Bernkasteler Badstube Riesling Eiswein Auslese, Weingutes der Pfarrkirche Bernkastel – Mosel / „Ma(n)ifest Nr.4“

 

92 Punkte – Überraschende Farbe: Kupferfarben mit bernsteinfarbenen Reflexen, strahlend, klar. Aufregende Nase mit Noten von Orangeat, Aprikosen und Nussecken. Am Gaumen glockenklare Frucht, mit tollem Süße-Säure-Spiel, schöner Frische und Noten von Apfelkompott; Crême Brulee und Orangenmarmelade. Baut im Glas aus; mit langem Nachhall im Abgang. Eine sehr interessante Erfahrung !

1983 Erbacher Marcobrunn Riesling Auslese, Weingut Langwerth von Simmern – Rheingau / „Ma(n)ifest Nr.3“

92 Punkte – Dieses Traditionsweingut liegt im schönen Eltville am Rhein und blickt wahrlich auf eine lange Geschichte (http://www.langwerth-von-simmern.de/deutsch/geschichte.htm) zurück.

Wahrscheinlich noch viel mehr Geschichten könnte man über die Lage Marcobrunn erzählen. Sie gehört seit Jahrhunderten zu den allerbesten Weinbergslagen in Deutschland. Bereits im 12. Jahrhundert ist sie in einem Lehensverzeichnis namentlich als „marcoburnen“ erwähnt, ab 1275 auch als "markenborne".  Der Name kommt von "marka" (= Grenze) und bezeichnet einen Brunnen an der Gemarkungsgrenze Erbach-Hattenheim. Als die Erbacher um 1810 den Brunnen mit einer klassizistischen Umrahmung schmückten, schrieben sie auf den oberen Abschluss "Marcobrunnen Gemarkung Erbach". Die darüber eben nicht erfreuten Hattenheimer ließen diese komplette Vereinnahmung durch die Erbacher nicht zu und schrieben – nicht ganz humorfrei – auf ihrer Seite des Brunnens: "So ist es richtig und so soll es sein. Für Erbach das Wasser und für Hattenheim den Wein!" 

Viele berühmte Personen aus aller Welt besuchten diesen Weinberg und nahmen die feinsten Gewächse mit nach Hause. Ziemlich unerreicht in seiner Begeisterung über die Weine aus dieser Lage dürfte wohl Zar Nikolaus II gewesen sein, denn es wird berichtet, dass er fast den gesamten Jahrgang 1893 an den russischen Hof liefern lies. Höchstwahrscheinlich sind Teile davon auch direkt in den weltberühmten Massandra-Keller zur weiteren Lagerung geleitet worden. Zar Nikolaus II hatte ihn in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts an der Krim anlegen lassen. Nach dem Fall des eisernen Vorhanges bekam die Welt einen Eindruck, welch unermesslicher Weinschatz in diesen riesigen Kellergewölben angehäuft worden ist, denn das Weinauktionshaus Sotheby’s hatte es geschafft, einen Teil des Kellers zu akquirieren und im Rahmen von weltweit beachteten Auktionen zu versteigern.

Unsere 83er Riesling Auslese funkelte im Glas und präsentierte sich auch in der Nase reintönig und glockenklar. Am Gaumen ein schönes Spiel von gelben Früchten (Pfirsich und süße Ananas), Mineralität, Säure und Süße. Insgesamt immer noch jugendlich frisch, animierend und wunderbar ausgewogen. Auf mich wirkte der Wein überaus animierend und meine Hand ging zum Glas.  

 

 

 

 

 

1989 Meringer Zellerberg Auslese, Franz Josef Steffen – Mosel / „Ma(n)ifest Nr.2“

Hier zeigt sich der Unterschied der Lage, vom gleichen Winzer und aus gleichem Jahrgang, aber nicht von gleicher Güte wie die Auslese aus der Trittenheimer Apotheke. Gelbe Früchte, aber etwas undifferenziert.

84 Punkte 

1989 Trittenheimer Apotheke Goldkapsel Auslese, Franz Josef Steffen – Mosel / „Ma(n)ifest Nr.1“

 

88 Punkte – Diese oberleckere Auslese Goldkapsel aus einer richtig berühmten und wunderschönen Lage (einen Besuch von Trittenheim und der Moselschleife kann ich jedem Naturliebhaber und Genussmenschen nur empfehlen) gehört in die Kategorie Einstiegsdroge. Sollte es wirklich noch jemand da draußen geben, der für kleines Geld (€12,- im Restaurant Schorn käuflich zu erwerben) mal wissen möchte, wie ein klassischer Moselriesling reift, der sollte hier zugreifen. Und wer sich etwas mehr Mühe machen möchte geht selbst auf die Pirsch nach solchen Goldschätzen, denn es gibt immer noch eine Vielzahl kleiner Winzerbetriebe, die in keinem Weinführer gelistet sind, die eine Vielzahl von Flaschen aus sehr guten Jahren im Keller liegen haben, die es zu entdecken gilt. Hinfahren, Probieren und die schönsten Wein mit nach Hause nehmen.

 

Diese Goldkapsel war im besten Sinne „trinkig“, ganz zarter Petrolton, Citrusaromen, gelbe Früchte, ein bisschen exotische Frucht, schönes Säure-Süße-Spiel, straff und immer noch herrlich frisch; dabei recht differenziert und klar in der Aromatik.

 

Ma(n)ifest der reifen Weine

 

Das zweite Maiwochenende 2009 wird als eines der genussreichsten in meine persönliche Wein- und Trinkgeschichte eingehen: Die Weine an diesem Abend haben (mir) endgültig klar gemacht, dass man die ganz, ganz großen, die Sinne berauschenden Momente (und ich spreche hier nicht vom Alkohol ) meist nur mit gereiften Gewächsen erleben kann.

 

Die Runde tagte – wie gewöhnlich – im Schorn (in der Martinstrasse in Düsseldorf) und Franz Josef kochte dieses mal mit junger Unterstützung und so genossen wir ein wunderbar komponiertes, leichtes Frühjahrsmenü. Seine bezaubernde Tochter war für uns im Service unterwegs und ich denke, dass dieses junge Duo die Energie und den notwendigen Spaß an der Sache haben wird, um das „Schorn“ wieder dahin zu führen, wo es – auf Grund der Klasse der Küche – seit je her hingehört: in die Münder des Düsseldorfer Publikums.

 

Gestartet wurde mit zwei Weinen, die Franz Josef erst kürzlich erstanden hat und die man für kleines (!) Geld bei ihm kaufen oder im Restaurant genießen kann.

 

1929 Chateau Branaire Ducru – Saint Julien

 

82 Punkte – Die Jahrgänge 1928/1929 sind als Zwillinge für hervorragenden Bordeaux in die Geschichte eingegangen. Michael Broadbent schreibt zum Jahrgang: „Der Inbegriff von Eleganz. Wesentlich frühere Blüte als beim tanninreichen Jahrgang 1928. Kann bei guter Lagerung immer noch überragend sein. Juli, August und September waren heiß, vor der Lese gab es im September willkommene Regenfälle. Das reduzierte Tannin, Alkohol und Säure, der Charme allerdings blieb erhalten.“ Mir erscheint diese Wetter-/Regenargumentation nicht ganz schlüssig, aber nichts desto trotz, der 29er Jahrgang gilt als groß.

Groß war bei mir eher die Erwartung, denn diese Flasche hatte ich zur Verkostung angestellt und als letzte des Abends sollte sie besonders schön sein. Doch leider wurden wir enttäuscht. Die Farbe war zwar noch erstaunlich fest und dicht, doch bereits die Nase war unerfreulich. Am Tisch murmelte jemand etwas von „Abwasser-Gulli“ – das war zwar hart, aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch wenn dieser erste Eindruck mit etwas Luft verflog, so blieb der nasale Eindruck zerfahren. Einerseits war da ein interessante, dezent malzige Süße, andererseits auch etwas flüchtige Säure und Liebstöckel. Am Gaumen etwas besser, aber die Säure wurde ein bisschen allein gelassen und stand so zu sehr im Vordergrund. Trotzdem bot der Wein Aromen, die man nur schwer in Worte fassen kann und die irgendwie auch interessant waren. Bleibt man jedoch ehrlich, blieb der Wein eher akademisch und es waren nicht mehr als 82 Punkte im Glas.

 

1961 Chateau Cos d’Estournel – St. Estephe

94 Punkte – Allgemeine Infos über solch berühmte Weingüter braucht man hier nicht zu schreiben, mehr als Plattitüden würden nicht dabei rauskommen. Interessanter ist dann schon das Studium einzelner Verkostungsnotizen, insbesondere wenn im Mittelpunkt ein so großer Jahrgang wie 1961 steht. Da ich jedoch bei fast allen Proben nicht im Vorhinein weiß, was mich erwartet, betreibe ich ein „Nachstudium“. Eine allseits beliebte Quelle ist die Internetpräsenz vom Weintermiantor Dr. Achim Becker (www.weinterminator.de). Doch noch lieber nehme ich das Buch von Pekka Nuiki „Drinking Hinstory“ zur Hand. Viel mehr als reine Verkostungsnotizen findet man da zwar nicht, aber die künstlerische Gestaltung und seine Art von Fotografie sind unbeschreiblich schön und ästhetisch. Eine Kostprobe davon kann man auch in der von ihm herausgegebenen Weinzeitschrift „Fine – Das Weinmagazin“ bekommen. Interessanterweise ist in der aktuellen Ausgabe 1/2009 auch eine des 61er Bordeaux-Jahrgangsverkostung beschrieben, die der von Nuiki gegründete Weinclub (The Vine Club) im Jahr 2008 veranstaltet hat. Dort ist folgendes zum 61er Cos d’Estournel zu lesen: „Mitteltiefes gelb-bräunliches Rot. Wenig ausgeprägtes, aber sehr elegantes Bukett von schwarzen Johannisbeeren, Nüssen, Zeder, Rauch und Spuren von Veilchen. Mittelschwer am Gaumen mit weichen Tanninen und lebendiger Säure. Dem mäßig langen Nachhall, der von verhaltenen Tabak- und Zedernnoten dominiert ist, fehlt es ein wenig an Frucht. Ein sehr geschmeidiger Wein, elegant und zart. Der Wein bereitet jetzt einen großen Trinkgenuss, von weiterem Lagern wird abgeraten. 90 Punkte“

 

Sein Fazit ist so ziemlich diametral entgegengesetzt zu seiner Notiz, die er in seinem Buch (S.268) niedergeschrieben hat: „In exzellentem Zustand. Schlossabfüllung, die in 1996 wieder verkorkt worden war. Gute tiefrote Farbe ohne Zeichen des Alters. Sehr offenes und makelloses Bukett. Groß und kraftvoll, noch tanninhaltig. Üppig, komplex und bereits in einer guten Balance. Noch etwas geschlossen und hart. Gut gemachter Wein, der noch eine große Zukunft vor sich hat. (…) 93 Punkte/ Jetzt und bis 2020/Zuletzt verkostet 5/2004“

 

Wenn man diese beiden Notizen liest, kommt man schon ein wenig ins Grübeln. Klar in diesem Alter gibt es riesige Flaschenvarianzen und nichts entscheidet mehr über die Genussfähigkeit eines so alten Weines wie die Lagerung, aber dann sollte man auch erkennen, dass Trinkempfehlungen bei solch alten Flaschen Blödsinn sind. Auch ein anderer Punkt sollte nicht ganz unbeleuchtet bleiben: Das Nachverkorken auf den Chateaus geht für gewöhnlich mit dem Auffüllen des bereits eingetreten Flaschenschwundes mit aktuellen Jahrgängen einher. Ich halte nicht viel davon, da der alte Wein in seiner Substanz doch maßgeblich beeinflusst wird.

 

Genug über andere geschwafelt, die Wahrheit liegt im Glas… Unsere an Karfreitag getrunkene Flasche korrelierte eher mit den Erfahrungen von Pekka Nuiki, die er in seinem Buch beschrieben hat. Unser 61er Cos präsentierte sich für sein Alter sehr jugendlich, mit mittlerem Körper und ausdrucksvoller Aromatik. Insbesondere die zarten Noten von Eukalyptus und Minze verliehen ihm eine frische und zugleich elegant anmutende Art. Ein ziemlich kompletter Wein, der insbesondere durch seine Harmonie und große Länge geglänzt hat.

1995 Insignia, Joseph Phelps – St. Helena (Napa Valley)

94 Punkte – Das Weingut „Joseph Phelps Winery” liegt östlich von St. Helena im kalifornischen Napa Valley. Der Bautunternehmer Joseph Phelps nutze wohl – wie viele Industrielle in dieser Zeit – die neuen Steuergesetze, wonach Investitionen in die Landwirtschaft besonders abgeschrieben werden konnten und gründete 1972 sein eigenes Weingut. Etwas romantischer klingt die Version, dass er ins  Napa Valley kam, um für einen Kunden eine Kellerei zu bauen und er dabei auf den Geschmack und zu der Erkenntnis kam, dass Weinmachen die attraktivere Beschäftigung sei.

Der INSIGNIA ist auch das Bindeglied zu einem Rheingauer, der 1961 nach Amerika ausgewandert ist:  Walter Schug war seit der Gründung des Weingutes bei Phelps als Weinmacher beschäftigt und verantwortete dort nicht nur den ersten  Jahrgang (und weitere) des INSIGNIA, sondern auch die „Napa Grand Crus“ Backus und Eisele Vineyards. Erst als er 1980 – noch als Angestellter von Phelps – beschloss seiner eigentlichen Passion/Mission nachzugehen, nämlich große Pinots im Napa Valley zu erzeugen, verließ er das Haus Phelps und machte sich in den folgenden Jahren endgültig selbständig. Für den von uns verkosteten 95er Jahrgang war bereits Damian Parker verantwortlich,  der schon 1981 zum Team gestoßen war.  

 

Wie nach seinem Vorbild, einem Grand Cu Classe Bordeaux vom linken Ufer, bestand der Blend für den INSIGNIA in den Jahrgängen 1974 bis 1994 stets aus einem großen Anteil Cabernet Sauvignon, verschnitten mit unterschiedlichen Anteilen Merlot und Cabernet Franc. In 1995 ist der CS-Anteil (nach dem 76er) mit 90% am zweithöchsten von allen bisherigen Jahrgängen und weist erstmals einen kleinen Anteil (3%) Petit Verdot auf; die restlichen 7% sind Merlot. Seit 1992 ist der Cabernet Franc (0% bis max. 2%) so gut wie nicht mehr enthalten. Dafür wird neuerdings (erstmals in 1999) ein kleiner Anteil Malbec in die Cuvee (bis 3%) verschnitten.

 

Dieser „fast“ reine Cabernet Sauvignon aus dem Jahr 1995 protzt mit einer kraftvollen, fast schwarzen Farbe. Am Gaumen ist der Wein dicht und zeigt viel Extrakt. Neben der schönen Frucht (Wald- und Brombeeren), verleihen ihm die Noten von Tabak, Kohle und Leder Komplexität und die Anklänge an Eukalyptus und Minze sorgen dafür, dass der Wein jung und frisch wirkt und meine Hand klar zum Glas geht. Die ausgereiften Tannine verleihen ihm Struktur und seine feine Saftigkeit erhöht die Trinkfreude. – In jeder hochkarätigen Bordeauxprobe dürfte ihm ein Platz im Vorderfeld oder gar auf dem "Treppchen" sicher sein. In dieser Form übersteht er weitere 7-10 Jahre Kellerlager sicherlich locker, eventuelle ist auch deutlich mehr drin. Aktuell sollte er dekantiert werden.

1990 Cabernet Sauvignon Martha’s Vineyard, Heitz Wine Cellars – Napa

94 Punkte – Von Martha’s Vineyard habe ich schon viel gehört und gelesen; insbesondere vom legendären 74er Jahrgang  hat mir der eine oder andere Weinliebhaber so vorgeschwärmt, dass mir umgehend das Wasser im Munde zusammen lief. Da man jedoch nicht alles sammeln und kaufen kann, ist Kalifornien nach wie vor in meinem Keller kaum vertreten – obwohl ich immer wieder feststelle, dass mir der Stil der großen kalifornischen Gewächse sehr gut gefällt.

Die 90er Ausgabe ist kühl und dunkel vom Stil, besitzt einerseits ein runde, feine Süße, andererseits auch eine gute (Tannin-)Struktur, sodass die Frucht (eher dunkelbeerig, Eukalyptus, Minze, ein wenig malzig) sehr gut getragen wird und der Wein ein harmonisches Bild abgibt. Besonders gut gefällt mir das schöne Spiel, die runden, feinkörnigen Tannine und die subtile Süße; der Wein wirkt rund und gleichzeitig elegant. Momentan unglaublich sexy und ich denke, dass der Wein aktuell perfekt zu trinken ist – besser wird er nicht mehr, aber das Niveau wird er sicherlich noch ein paar Jahre halten.

Infos über das Weingut gibt es reichlich auf der wunderschön gestalteten homepage (http://www.heitzcellar.com). Vom Einkauf direkt ab Erzeuger in den U.S.A. kann ich aus eigener Erfahrung jedoch nur abraten, denn die Kalkulation mach man in der Regel ohne den deutschen Zoll und der schlägt dann mächtig zu :-((