Große Spanier und andere Eroberer

Eigentlich wollte ich dieses Wochenende endlich mal wieder in die Heimat nach Hamburg fahren, aber da kam am späten Donnerstag ein Anruf von einem lieben Freund aus Frankfurt: „Wie flexibel bist Du? Morgen gibt’s ein paar rote 100 Punkte Weine – bist Du dabei?“ Bei so einer Provokation kann man wohl nicht „Nein“ sagen, schließlich bin ich jung, dynamisch, flexibel und erfolgreich …., wenn es darum geht aus vollen Trouvaillen leere zu machen ;-))

 

Da Mitbringsel an so einem Abend schwer sind, habe ich mich meines Urlaubseinkaufs erinnert: Cabernet Sauvignon aus Jordanien. Wenn es ganz peinlich werden sollte, könnte ich zumindest behaupten, das Pendant des Abends, einen Wein mit 0 Punkten, mitgebracht zu haben…

Folgende Weine sind nachfolgend beschrieben:

#  1998 Riesling Rosacker Grand Cru, Mallo et Fils – Elsass

# 2004 Cabernet Sauvignon St. George Reserve, Petra Winery (Zumot Group) – Jordanien

2005 Norte, Bodegas Pujanza – Rioja

2005 Aalto PS, Bodegas Aalto – Ribera del Duero

2005 Clos Mogador, Bodegas Clos Mogador – Priorat

#  1988 Giacomo Bologna – Toscana (Notiz folgt)

#  1983 Hochheimer Kirchenstück Spätlese trocken (Notiz folgt)

#  1999 Gewürztraminer Passito Terminum – Südtirol (Notiz folgt)

1998 Riesling Rosacker Grand Cru, Mallo et Fils – Elsass

90 Punkte – Ein gelungener Start in den Abend! Mein Mitverkoster und ich stocherten erst mal gewaltig im Nebel, um anschließend ein paar gewaltige Luftlöcher zu schießen, denn mehr als die Eigenschaft „aus deutschsprachigem Raum“ und „Riesling“, wobei ich der zweiten Aussage heftig widersprach, haben wir nicht „erraten“. Selbst ein Anruf bei der 11880 – „Da wird Ihnen geholfen“ brachte kein brauchbares Ergebnis.

 

Dieser Riesling wirkt dicht und konzentriert, riecht nach (mehligen) gelben Früchten, Steinfrüchten und wirkt am Gaumen sehr cremig. Dem etwas fülligen Eindruck steht aber eine angenehme Mineralik entgegen, sodass der Wein nicht barock wirkt. Hinten heraus hat er eine leichte Bitternote sowie eine deutlich erkennbare Aromatik von weißem Pfeffer. Dieser Eindruck, gepaart mit den mineralischen Akzenten, war wohl auch der Grund, warum ich mir Grüner Veltliner  und Österreich notiert hatte.

 

Aber da half alle Trinkerfahrung nichts, ich lag mit meiner Einordnung komplett daneben. Was hilft da nur: noch mehr Trinkerfahrung sammeln, kombiniert mit der nötigen Recherche. Also versuchte ich über diese große Lage im Elsass Informationen zu sammeln und so stieß auf der homepage der Domaine Francois Schwach auf folgenden Text:

 

Der Rosacker verdankt seinen Namen den wilden Rosenhecken, die früher die Weinberge umrandeten. Zwischen Hunawihr und Ribeauvillé gelegen, wurde er schon im Jahre 1483 erwähnt. Einen jungen Rosacker erkennen Sie an seinem leichten, etwas pfeffrigen Aroma. Dank seines kalkhaltigen Bodens gewinnt dieser Riesling bei längerer Lagerung noch an mineralischem Aroma.“

 

Eine vielleicht interessante Info noch am Rande: Für den berühmten Riesling „Clos Sainte Hune” nutzt die Domaine Trimbach nur den Namen der kleinen, 1,3 Hektar großen Parzelle; der Name der Grand Cru Lage „Rosacker“, wovon Saint Hune ein Teil ist, wird nicht angeführt.

2004 Cabernet Sauvignon St. George Reserve, Petra Winery (Zumot Group) – Jordanien

86 Punkte – Es war schon überraschend, wo meine lieben Weinfreunde überall waren, als dieser Wein blind ausgeschenkt wurde und es darum ging, zu definieren, was da im Glas ist, und wo es herkommt. Doch eines freute mich ungemein, dieses Mitbringsel aus dem letzten Urlaub war kein schlechter Wein, sondern eher das Gegenteil, ein respektabler Stoff aus einem Land, in dem zwar viele, viele Rebstöcke stehen, aber (aus religiösen Gründen) fast nur Tafeltrauben angebaut werden. Die Weinberge für diesen Wein wurden im Jahr 1995 mit französischer Hilfe angelegt und sie befinden sich allesamt in der Region um die Stadt Madaba, ca. 30km südlich von Amman. Die von den Moabitern gegründete Stadt wird bereits in der Bibel mehrfach erwähnt. Unser Wein wurde nach der frühbyzantinischen St. Georgskirche benannt. Diese Kirche ist weltberühmt, da sie das „Madaba-Mosaik“, die älteste (6. Jh.n.Chr.), im Original erhaltene kartografische Darstellung des Heiligen Landes und insbesondere Jerusalems beherbergt.

 

Der Wein ist recht hell in der Farbe. In der Nase wirkt er frisch, mit Anklängen an Paprika, Kirschen und Lakritz. Am Gaumen zeigt er ebenfalls eine angenehme Saftigkeit (von voll ausgereiften Beeren darf man hier auch ausgehen) und eine angenehme Frische. Die recht kräftige Säure steht ihm gut. Vom Körper eher mittelgewichtig, zeigt die eher rotbeerige Frucht sich von ihrer attraktiven Seite. Die ausgereiften Tannine geben die nötige Struktur und so steht ein schöner, insgesamt in sich schlüssiger Wein vor uns. Schade, dass ich nur eine Flasche mitgenommen habe. Jetzt oder in den nächsten 12-18 Monaten trinken.

 

 

2005 Norte, Bodegas Pujanza – Rioja

96 Punkte – Es ist schwer, sich der Klarheit und Reinheit dieses Rioja zu entziehen. Dies ist keine getunte Schönheit a la Aalto PS, dies ist Natürlichkeit und Eleganz aufs Feinste miteinander vermählt. Die Frucht ist sehr dunkel, tief und kühl. Da der Wein in französischer Eiche ausgebaut wurde, fehlt es ihm an der sonst fürs Rioja so typischen Vanillenote (aus den grobporigeren amerikanischen Fässern), was mir sehr gut gefällt. Die festen, aber sehr noblen Tannine sowie eine kräftige Säure geben ihm Struktur und die balsamischen und mineralischen Noten verleihen ihm zusätzliche Komplexität. Kurzum ein edler Tropfen, den man den alten, über 80-jährigen Reben mit sehr niedrigen Erträgen, abgetrotzt hat. Der Wein endet lang und mit großer Finesse. Ich gehe davon aus, dass dieser Wein lange, sehr lange liegen und reifen kann; einzigen Problem: man muss es schaffen, die Finger von ihm zu lassen. Unbedingt 3,4 Stunden vorher dekantieren.

 

Bodegas Pujanza gelten seit wenigen Jahren als neuer Star am Sternenhimmel des Rioja. Neben dem Norte, gibt es noch den Cisma, das sehr teure und  in homöopatischen Mengen erzeugte Flaggschiff der Kellerei sowie einen „normalen“ Pujanza.  Die spanischen Weinführer haben die 05er Ausgabe ebenfalls in den Weinolymp gewählt, Penin gibt 95 Punkte (ein extrem hoher Wert für diesen Weinführer), der Guia Proensa verleiht ihm sogar die Höchstnote von 100 Punkten (in der 08er Ausgabe haben diese Note nur 4 Weine bekommen), Parkers Mitarbeiter (Jay Miller) vergibt 94 Punkte, nur der Kollege vom Winespectator hat den Wein wohl nicht verstanden oder er traut sich nicht einem immer noch jungen Weingut/Weinmacher (Gründungsjahr der Bodega: 1998) volle Punkte für die vorgelegte Qualität zu verleihen, denn wie sollen dann 100 Punkte sein, wenn er hier nur 91 vergibt?

 

2005 Aalto PS, Bodegas Aalto – Ribera del Duero

96 Punkte – Was für eine Aromenfeuerwerk! So stelle ich mir ein Wein gewordenes Topmodel vor: perfekt modellierter Körper, groß, mit viel power und Esprit.  Die wunderbaren Rundungen sitzen an den richtigen Stellen, das Gefühl von samtweicher Haut lässt einen dahin schmelzen – selten oder nie habe ich weichere, rundere, aber dennoch so kraftvolle Tannine auf der Zunge erlebt, wie bei diesem Aalto PS. Ein Wein für den „roten Teppich“ und ein Blitzlichtgewitter ist ihm sicher.

 

Doch im Scheinwerferlicht der großen, weiten Glitzerwelt geht es nicht ohne Schminke. So kommt auch dieser große Wein zwar von sehr alten, über 60 Jahre alten Tempranillo-Rebstöcken, aber der (Keller-)Meister hat wohl auch kräftig Hand angelegt, um dieses berauschende Weinwunderwerk zu erschaffen.  

 

Die tiefe Frucht zeigt in der Nase und am Gaumen einen reichhaltigen Strauss an Aromen, da finden sich balsamisch-holzige Noten (Zedern, Eukalyptus, Lorbeer), eine tiefe Beerenfrucht (reifen Pflaumen, Kirschen und Cassis) sowie Aromen aus dem Holz (Schokolade, Kokos und ein Hauch Vanille). Trotzdem ist das Mundgefühl angenehm kühl und keinesfalls marmeladig. Der Wein besitzt eine große Länge, man schmeckt ihn Minuten später noch. Hedonismus pur!!! Jetzt dekantiert ein großer Genuss, hat aber Potential für mindestens 10-15 Jahre. Leider kann so ein Stoff nicht beliebig vervielfältigt werden und so muss man schon tief in die Tasche greifen, Euro 80-90 kostet der Stoff, wenn man ihn denn überhaupt bekommt. Ein kleiner Lichtblick besteht jedoch, der „normale“ Aalto ist nur unwesentlich schlechter und kostet circa die Hälfte.

 

2005 Clos Mogador, Bodegas Clos Mogador – Priorat

95 Punkte – Der Gründer dieser Bodega, Rene Barbier gehört zu den Pionieren des Priorat. Da die Wurzeln der Familie an der Rhone in Frankreich liegen, verwundert es wenig, dass ihn die alten Reben (heute über 80 Jahre alt) in der „verlassenen“ Landschaft des Priorat faszinierten. Die verstreut liegenden Parzellen bilden heute die Grundlage für einen Wein, der maßgeblich dazu beitrug, den über Jahre währenden Niedergang und die Entvölkerung dieser Region zu stoppen und umzukehren.

 

In der Farbe sehr dicht und dunkel, mit deutlich purpurnen Reflexen. Die leichte Stallnote zu Beginn erinnerte schon ein wenig an CdP-Weine, auch die maßgebliche Rebsorte Garnacha (=Grenache) dieser Cuvee (Garnacha, Carinena, Cabernet Sauvignon und Syrah) dominiert heute fast alle CdP-Weine. Diese Nase ist kühl, mineralisch, duftet nach Knubber-Kirschen und Apfelmus. Am Gaumen herrlich konzentriert, fest und mit einer herrlichen Frucht und ausgestattet. Die Holznoten (franz. Eiche) ist bereits heute sehr gut integriert, aber die einzelnen Aromen (rote und schwarze Beerenfrüchte, Tabak, deutlich erkennbare Mineralik) haben sich noch nicht perfekt miteinander vermählt. Dafür besitzt dieser Weine eine wirklich tolle Struktur, die perfekten Tannine und die animierende Säure versprechen einen wirklich langen Genuss. Großes Potential (2010-2025)!!

 

Das Herz und die Zunge wichtiger Weinjournalisten/Weinführer  hat er ebenfalls schon erobert, so gibt der von mir sehr geschätzte und „Punktesparer“ Guia Penin 95 Punkte, der für Robert Parker arbeitende Jay Miller ruft ganze 98 Punkte auf und der Guia Proensa zückt sogar die Höchstnote – 100 Punkte. Letztere sind es auf keinen Fall, aber alles andere lässt sich argumentieren.

2003 Capitelles des Mourgues, Chateau Mourgues du Gres – Costieres de Nimes

88-90  Punkte – Vor vier Jahren hatte ich diesen Wein das letzte Mal im Glas und war sehr angetan (vgl. http://weinwelt.blogg.de/eintrag.php?id=2 ). Aktuell ist er deutlich schwieriger zu trinken. Die Nase ist mit ihrer kühlen, fast kalten Art sowie den balsamischen und erdigen Aromen, kombiniert mit einer pechschwarzen Beerenfrucht überaus spannend, ab am Gaumen scheint der "süße", jugendliche Charme verflogen und die Tannine und die Säure wirken zunächst etwas vordergründig – mit ausreichender Luftzufuhr (ohne dekantieren 1/2 Flasche am nächsten Tag getrunken)  baut er jedoch aus und die Süße und Balance kommen zurück. Der Wein ist kraftvoll und tief, aber er tut zur Zeit auch ein wenig weh. Man findet viel kühle Röstaromen, balsamische Noten. Insgesamt sehr erdig; blutiges Eisen.

Die Hand geht zwar irgendwie zum Glas, da der Wein tief ist, viel Widerstand bietet und spannend wirkt, aber andererseits ist er auch etwas spröde. Fazit: Knochiger Typ mit Charakter !!

Es wird spannend sein, zu sehen, ob die Frucht und damit der Charme völlig untergeht und somit der Wein vor lauter Struktur gar nicht mehr gehen kann, oder ob dieser Stoff noch "Altermilde" und sich inseine zweite Genußphase entwickelt. Mit einer Quote von 40:60 tippe ich zu Gunsten der negativen Entwicklung. Vor dem Genuß ausreichend lüften und nicht zu kalt (20 Grad Celsius) trinken.

2002 Erbacher Honigberg, Heinz Nikolai – Rheingau


94 Punkte – Was für ein Nektar !! Bereits mehrmals getrunken und immer wieder komme ich zu dem Schluss, dass Frank Nikolai mit diesem Wein ein Meisterstück gelandet hat. Die Lage Erbacher Honigberg ist eigentlich eine Großlage, hinter der man solche Qualitäten nicht vermutet. Doch nomen est omen, und Honig spielt im Aromenfächer dieses Weines eine tragende Rolle, wenngleich der Wein keinesfalls süß und pappig schmeckt, sondern das Gegenteil ist der Fall: das perfekte und nahezu unendliche Spiel zwischen Süße und Säure lässt einen in diesen Wein versinken. Eintauchen möchte ich in diesen Stoff, so harmonisch und auf hohem Niveau balanciert ist dieser druckvolle Riesling. Kein Sattmacher, sondern ein animierender, die Hand zum Glas gehender Weintraum betört Nase und Gaumen. Die hervorragende Länge bildet das i-Tüpfelchen und ich kann fast nicht glauben, dass es so einen Stoff mal für Euro 15,- ab Hof zu kaufen gab. Dies ist eine Referenz für den Rheingau Riesling und es dürfte schwer, sehr schwer werden, irgendwo auf der Welt einen besseren Wein für so einen Kurs zu finden. Hat noch viel Jahre auf diesem Niveau vor sich.

In den letzten Jahren wird das Weingut auch im Gault Millau Jahr für Jahr gelobt und trotzdem gibt man die moderate Preispolitik nicht auf, sondern setzt weiter auf preisliche Kontinuität. Den aktuellen Jahrgang kann ich dem geneigten Leser nur ans Herz legen, dies gilt im aktuellen Jahrgang besonders auch für die Großen Gewächse.

1979 Zeltinger Sonnenuhr Auslese trocken, Leo Kappes – Mosel Saar Ruwer

 

Ohne Wertung – Leo Kappes ist ein recht unbekanntes Weingut in Zeltingen-Rachtig. Im Freundeskreis gilt es jedoch als Geheimtipp für klassische Moselrieslinge zu sehr günstigen Preisen. Doch dieser Kupfer-farbene Riesling hat seine besten Tage schon lange hinter sich. In der Nase bestenfalls als traubig zu bezeichnen, ist er am Gaumen schon recht sauer und die Säure kommt ziemlich krass rüber. Die Noten von Orangenzesten können es dann auch nicht mehr reißen und so wird dieser Wein als Erfahrung bildend eingestuft, bleibt aber ohne Wertung.

 

1968 Imperial Gran Reserva, C.V.N.E. – Rioja

 

92 Punkte – Für diese Flasche bin ich meinem Freund Bernd besonderen Dank verpflichtet, denn es gibt nicht alle Tage einen schönen Wein zu trinken, der aus meinem Geburtsjahr stammt. Leider ist in Europa – außer in Spanien – überhaupt nichts Gescheites auf die Flasche gekommen. Umso mehr war ich erfreut, als die Flasche (nach der Blindverkostung) aufgedeckt wurde.

 

Recht hell in der Farbe und mit deutlich orangefarbenem Rand erkennt man sofort, dass dieser Wein doch schon ein bedeutendes Alter hat. In der Nase recht deutliche vegetabile Noten, medizinale Anklänge, aber auch vielschichtig (Erbsen) und kühl wirkend. Am Gaumen überrascht ebenfalls die kühle Art, wieder stark pflanzliche Aromen, aber sehr fein und betörend. In diesen Wein kann man sich intellektuell vertiefen; noch erkennbare Tannine; feine Kräuteraromatik mit schöner Länge.

 

C.V.N.E. oder ausgeschrieben: Compañía Vinicola del Norte de España ist eine sehr traditionsreiches Haus in der Rioja Alta. Im Jahr 2004 hat man den 125. Geburtstag gefeiert. Heute gehört eine Vielzahl von Kellereien zur Gruppe und seit 1997 ist man an der Börse in Madrid gelistet. Gleichwohl liegt die Verantwortung noch in den Händen der Nachfahren der Gründerfamilie. Wer mehr wissen will: www.cvne.com