Nikolausprobe 2008

2005 Chardonnay S, Weingut Wittmann – Rheinhessen

 

89 Punkte – Sehr schönes, ausdrucksvolles und frisches Bukett; Äpfel, Birnen, feines Toffee und dezente Zitrusfrucht. Auch auf der Zunge ist dieser Chardonnay nicht müde vom Holz, sondern frisch und die Aromen aus dem Barrique sind gut integriert. Weicher Schmelz, Apfelkompott, Birnen, etwas Butter und Toffee, lässt eine gewisse Mineralik erkennen. Insgesamt ein schöner Chardonnay; die vielleicht nicht ganz so komplexe Aromatik kompensiert er mit einer sehr guten Länge. Besser wird er nicht mehr, sollte in den nächsten 1-2 Jahren ausgetrunken werden.

 

2003 Riesling Winninger Uhlen „Roth Lay“, Weingut Heymann-Löwenstein – Mosel

 

87-90 Punkte – Dieser Wein braucht Luft und  sollte daher dekantiert werden! Frisch aus der Flasche präsentiert sich dieses Große Gewächs eher unvorteilhaft – er wirkt zu süß, eher breit und fast ein wenig pappig. Da ist zwar viel gelbe Frucht und auch ein hohes Maß an Stoffigkeit, aber der Wein wirkt eher wie ein gedopter Bodybuilder. Mit deutlicher Luftzufuhr baut der Wein aus und gewinnt an Struktur und Klasse, indem er deutlich differenzierter wird, die Mineralik erkennbar das Spiel strukturiert und die Säure im Kampf gegen die Süße ein Wörtchen mitredet. Dann zeigt er auch kräuterwürzige Noten und eine differenziertere Frucht, die mich u.a. an die als Kind so geliebten Orangen in frischer Sahne erinnert. Letztlich glaube ich, dass auch dieser Wein sich der Stilistik des 03er Jahrgangs nicht entziehen kann und es nie ein großer Riesling wird. Dennoch halte ich es für überaus spannend diesen 03er in eine Probe mit anderen Jahrgängen des gleichen Weines zu verkosten, wenn man neugierig darauf ist, etwas über den Einfluss von Jahrgangsbedingungen zu lernen. Schwierig ist hier eine Trinkempfehlung, wenn die Säure und Frucht nicht schlapp machen, kann dieser Wein noch ein sehr langes Leben besitzen; ich halte es aber auch für möglich, dass der Wein stirbt ohne je wirklich seine Schönheit entwickelt zu haben.

 

 

2003 Recher Herrenberg Spätburgunder JS„Alte Reben“, Jean Stodden – Ahr

 

93 Punkte – Tiefe, dunkle und dezent würzige Frucht nach Waldbeeren; mit viel Luft (dekantieren mind. 1 Std. vorm Ausschank) immer differenzierter und komplexer. Einerseits kompakt und saftig und mit schönem Säuregerüst, andererseits komplex, elegant und mit mineralischer Tiefe. Wirklich überraschend ist die große Festigkeit des Weins zu Beginn, die erst langsam – mit viel Luft – zu Gunsten einer hohen Komplexität schwindet; in dieser Verfassung erinnert er an einen sehr, sehr guten Burgunder. Dann aber ein tiefer, komplexer und eleganter Spätburgunder, der keinen Vergleich zu scheuen braucht. Hat sicherlich Potential für mindestens weitere 5 Jahre, ohne dass ich mir sorgen mache, dass er danach wirklich abbaut. Die 97 Punkte von Wein-Plus empfinde ich ein wenig überhöht, aber großer Stoff ist das allemal (der aber schon damals mit seinen Euro 69,- preislich auch ambitioniert war.)

 

 

2003 Kurni, Azienda agricola Oasi degli Angeli – Marken

 

 

93 Punkte – Was für ein Wein !! Gemacht zu 100% aus Montepulciano (namensgleich mit der Region in der Toscana), einer Rebsorte, die in den Marken und angrenzenden Regionen viel angebuat wird, aber häufig ruppige und ungehobelte Weine hervorbringt. Anders hier – Eleonora Rossi and Marco Casolanetti schaffen es Jahr für Jahr in mikroskopischen Mengen einen Montepulciano zu erzeugen, der zeigt, was man mit bestem terroir und knallharter Weinbergsarbeit bei äußerst niedrigen Erträgen aus dieser Rebsorte schaffen kann. Dazu reifen die Trauben sehr lange an ihren Rebstöcken und werden anschließend – Amarone ähnlich – angetrocknet, um dann bei sehr langen Mazerationszeiten vergoren zu werden. Die sich anschließende doppelte 9-monatige Verweildauer in jeweils (!) neuen barriques dient der ausgiebigen Mikrooxidation. Wer jetzt einen zugeholzten, harten oder total mit Röstaromen überhäuften Wein erwartet, wird sich wundern.

 

Selbst im Hitzejahrgang 2003 ist dieser Wein nicht marmeladig ausgefallen, sondern zeigt enorm viel Saft und Kraft. Aromen von Waldbeerengelee, viel ätherische Noten und trotzdem eine gewisse Kühle zeichnet das Bukett des Kurni aus. Am Gaumen brutal, massiv mürbe (!) Tannine, viel power und eine eruptive Frucht mit reichlich Würze. Schlehenmarmelade, etwas Schoko, schwarze Waldfrüchte und eine erhebliche Fruchtsüße (null Restsüße) – fast fruchtmarksgleich konzentriert –  kleiden den Mund und Rachen komplett aus. Bei aller Konzentration wirkt der Wein nicht breit oder langweilig, sondern das Gegenteil ist der Fall, insbesondere wenn man ihm Zeit gibt, sich im Glas zu entfalten und ihn nicht zu warm (<20 Grad) genießt. Nichts für 100%ige Eleganztrinker, aber für Hedonisten allemal eine tolle Erfahrung.

 

 

2002 Reif, Josephus Mayr (Erbhof Unterganzner) – Alto Adige (Südtirol)

 

94 Punkte – Ein spannender Vergleich zum Kurni; denn auch hier wird höchst anspruchsvoll (mit minimalen Erträgen) im Weinberg gearbeitet, auch hier werden die Trauben zum Teil (am Weinstock) getrocknet und auch hier spielt ein perfekter Einsatz von neuem Holz eine wichtige Rolle. Der Reif besteht überwiegend aus Cabernet Sauvignon (ca.80%) und Lagrein; hinzu kommen – je nach Jahrgang – kleine Mengen von Petit Verdot, Merlot und Cabernet Franc.

 

Meine Notiz aus 2007 (http://weinwelt.blogg.de/eintrag.php?id=181) beschreibt diesen Wein immer noch zutreffend, jedoch hat er an Eleganz und Harmonie weiter zugelegt, sodass ich ihm mit gutem Gewissen jetzt 94 Punkte geben kann. Besonders gut gefallen mir die „kühle“ Art, die vorzügliche Tanninstruktur, der perfekte Holzeinsatz und die super Länge im Abgang. Das ist schon großer Stoff!

 

 

1967 Barolo, Bersano – Piemont

 

87 Punkte – Ein schöner Barolo aus großem Jahrgang, mit Noten von rotem Tee, Mokka und Mahagoni. Am Gaumen ebenfalls roter Tee, getrocknete Pflaumen, Kirschen und ein Hauch Speck. Noten von Feigen, etwas Liebstöckel und eine dezente Nussaromen runden die Sache ab. Schon recht deutlich abgeschmolzene, aber immer noch vorhandene Tannine. Alter Barolo ist etwas für fortgeschrittene Weintrinker und es wird viele geben, die diese Aromatik nicht mögen, mir gefallen jedoch diese alten Weine und sie sind in ihrer Art einzigartige Zeitzeugen.

 

 

2001 Chateau de Malle – Sauternes

 

92 Punkte – Ein schöner Sauternes aus der halben Flasche. 2001 war ein großes Jahr, mit idealen Reifebedingungen für diese von Botrytis geprägten Weine. Nase und Gaumen werden verwöhnt mit viel Frucht und hoher Dichte – ohne jeden Anflug von Breite oder penetranter Süße; sehr schönes Säure-Süße Spiel. Noten von Heu, Jasmin, Mirabellen und einer kräftigen Würze (z.B. Muskatnuss, Mokkabohnen). Ein perfekter „Nachtisch“

Ein Gedanke zu „Nikolausprobe 2008“

  1. Hallo Michael,
    es freut mich immer wieder, wenn Du einen Wein verkostet hast, von dem ich ein paar Fläschchen im Keller habe. Beste Grüsse und einen Guten Rutsch!
    Martin R.

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