Frühlingserwachen II – Eine Bordeauxprobe in Engelskirchen – Teil 1

 

Erwacht war ich schon vorher – nämlich durch die Einladung von Klaus Nehr alias freak zur Frühlingserwachen II – Probe, die mich am vergangenen Freitag nach Engelskirchen (nomen est omen) geführt hat. Wer jetzt wen wach geküsst hat, ob der Wein uns – oder wir den Wein – hat sich an diesem Abend nicht klären können;  aber meine heimliche Hoffnung, dass die vielen attraktiven Damen aus der Xing-Gruppe, die von Klaus co-moderiert wird, diese durchaus ehrenwerte Übung übernehmen, hat sich leider nicht erfüllt. Doch spätestens beim dritten Wein habe ich mich in mein Schicksal gefügt und mich liebend gerne vom Wein beseelen lassen.

 

Leider mit kleiner Verspätung angekommen (aber das alltäglich Verkehrschaos in und um Köln ist einfach unberechenbar) und trotzdem herzlich aufgenommen, fühlte ich mich schnell sehr wohl in dieser Runde von langjährig erfahrenen Bordeauxtrinkern und solchen (wie mir), die es werden wollen. Die Weine waren bestens vorbereitet (schon am Nachmittag geprüft und dekantiert), der Service der beiden Damen und des Patrons der Alten Schlosserei funktionierte auf herrlich unkomplizierte Art und Weise perfekt, und die Küche tat das Übrige zu einem richtig schönen und gelungenen Genusserlebnis.

Angestellt waren:

1988 La Mission Haut Brion

1988 Cos d‘ Estournel

1989 Chateau Leoville Las Cases

1989 Chateau Lafite Rothschild

1989 Chateau Montrose

1989 Chateau Pavie

1990 Chateau Malescot St.Exupery

1990 Chateau Pape Clement

1990 Chateau Rausan-Segla

1990 Chateau Calon Segur

1990 Chateau Chateau Pichon-Longueville-Baron

1990 Chateau Haut Marbuzet

1990 Chateau  Clerc Milon

1991 Chateau Latour

1991 Chateau Palmer

1989 Grange, Penfolds (Pirat)

Nur der Form halber: es wurde blind in 2er flights getrunken und unmittelbar nach jedem flight aufgedeckt. Die Liste der Weine war bekannt (bis auf den zusätzlichen Piraten). Doch nun zu den einzelnen Weinen und Notizen: 

 

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1999 Mormoreto, Castello di Frescobaldi – Toscana

Zuerst Begeisterung: Satte Beerenfrucht entströmt dem schwarzroten Glas. Fliederbeeren, Kirsche, etwas laktisch, sehr dicht, scheint ein Maul voll Wein zu versprechen. Am Gaumen dann leider Kleber und Aceton. Wieder ein Frescobaldi der keine Struktur zum Reifen hat, wie die Montesodis aus den 90ern.

75 Punkte Diese Worte hat mein lieber Freund Mathias Fahrig, Depotleiter von Jacques (in Hamburg Sternschanze) geschrieben und wie immer, viel zu positiv formuliert. Der Wein hat einen Fehler, er riecht wie essigsaure Tonerde, hat eine deutlich flüchtige Säure und letztlich ist es ein Skandal, dass einem so etwas für teures Geld vorgesetzt wird. In der Nase ist er schlimmer als am Gaumen, aber selbst, wenn man das Gute sucht, kommen da nicht mehr als 75 Punkte zusammen.

2005 Cru Monplaisir, Earl des Eyrins – Bordeaux / Margaux

83 Punkte – Gerade aus der Champagne zurückgekehrt, muss ich einfach von dieser preislichen Begegnung der dritten Art berichten. Was macht man in Frankreich, wenn man in den Supermarkt geht? Klar, neben dem Kauf von alltäglichen Dingen, sucht man nach Schnäppchen beim Wein. Auf diese Art ist schon die eine oder andere Flasche in meinen Keller gewandert, sei es aus Frankreich oder Luxenburg.

Doch diesmal rieb ich mir verwundert meine entzündeten Augen. CRU MONPLAISIR stand da, das Etikett erkennt man auf Grund seiner klaren, reduzierten Schönheit sofort und dann der Preis

2004: Euro 3,50 (Angebot, statt 3,95)
2005: Euro 4,50                                

Ich dachte, das kann nicht sein – dass soll der gleiche Wein sein, um den z.B. der Händler meines Vertrauens jedes Jahr so ein Aufhebens macht und den Wein – in der Subskrption !!! – für:

2003: Euro 8,95 (Subskription); später Euro 9,50
2004: Euro 7,95
2005: Euro 7,95
2006: Euro 7,95

anbietet. Das heißt – im Vergleich – der 04er ist über 125% teurer und der 05er hat noch einen satten Preisaufschlag von über 75%.  Doch preislich ist der Händler meines Vertrauens (und trotz dieser Auswüchse bleibt er das !) noch nicht das Ende der Fahnenstange, ein Blick in google zeigt, dass auch Euro 10,- möglich sind.

Das bringt mich zu einer Anekdote, die der Verkäufer im Shop von William Fèvre in Chablis (ausführlicher Besuchs- und Verkostungsbericht dieser spektakulären Weine folgt) zum Besten gab:

Unterhalten sich zwei Russen, sagt der eine zum anderen: "Schau mal Igor, meine neue Rolex, habe ich in Monaco für Euro 9.000 gekauft." Darauf antwortet Igor: "Bist Du bekloppt Dimitrij, die musst Du in Moskau kaufen, dort kannst Du für die Uhr  Euro 15.000 ausgeben."

Da ich grundsätzlich mit sehr preiswerten Bordeaux noch nie größeren Trinkspass hatte, habe ich vom 05er nur 3 oder 4 Flaschen in einer Kiste über einen engen Freund mal miterworben, aber eine Pulle lag noch im Keller und als ich nach Hause kam, wollte ich wissen, was das Zeug kann.

Klassischer Bordeaux-Blend, duftet zunächst hell, nach eher roten Früchten, Kirschen. Am Gaumen sauber, recht frisch, als Bordeaux gut zu erkennen, aber insgesamt eher leicht und mit wenig Tiefe. Etwas rote Beeren, ein Hauch von Zigarrenkiste und das wars (ohne Länge). Für ca. Euro 4,00 preislich auf Supermarktniveau und da sicherlich unter den top 5% qualitativ anzusiedeln, aber beim doppelten Preis gibt es reichlich Alternativen, insbesondere aus anderen Anbaugebieten und Ländern, die klar mehr leisten fürs Geld. – Austrinken !!

1973 – 2006 Coulée de Serrant – Chateau de la Roche-aux-Moines (Nicolas Joly)

Manchmal ist Unwissenheit die beste Möglichkeit für positive Überraschungen. Als ich mich vor ein paar Wochen bei Uwe Bende zu einer seiner gefragten Weinproben anmeldete, wusste ich zwar, dass der „Clos de la Coulée-de-Serrant von Nicolas Joly etwas Besonderes unter den Loire-Weinen ist, denn Nicolas Joly gehört mit 30 Jahren Erfahrung zu den absoluten Pionieren im biodynamischen Weinbau, doch ich hatte nicht erwartet auf derartig individuelle und hochwertige Weinunikate zu treffen.  

 

Nicolas Joly war mit seiner Tochter Virginie (die ganz nebenbei bemerkt perfekt deutsch spricht) angereist. An diesem Abend führten uns beide  mit viel Charme, riesigem Engagement und einem Füllhorn an Informationen durch eine – zumindest für mich – erkenntnisreiche Verkostung.  Erzählen kann man viel, aber die Wahrheit findet man stets im Glas. Doch hier passte das eine zum anderen perfekt; Nicolas Ausführungen zum biodynamischen Weinbau, zum terroir in einer der kleinsten Appellationen Frankreichs  und dem Minimalismus an Kellerarbeit korrespondierte einfach perfekt mit den Erlebnissen im Glas. Selten habe ich so große Jahrgangsunterschiede ausgemacht, selten habe ich so viel Spannung im Glas erlebt, selten haben mir – trotz aller Unterscheide – alle Jahrgänge so viel Anerkennung und Freude über den Wein im Glas abgerungen. 

 

Dieser große Savannières hat eine ereignisreiche Geschichte, über die Francois Morel in seinem Buch: Außergewöhnliche Weine dieser Welt (erschienen im RvR Verlag), S.23f. wie folgt berichtet: „Weine für das Meer“ und „Weine für Paris“, nach diesen Kriterien unterschied man einst die Weißweine von Anjou. Die besseren und körperreichen gingen nach Holland, Flandern und England, die übrigen waren für die Hauptstadt bestimmt. Der Savannières Coulée-de-Serrant trat die Reise über das Meer an, denn er war so berühmt, dass er im 19.Jahrhundert doppelt so teuer war wie die Nachbarweine aus dem Anjou. Er gilt als köperreicher und als lagerfähig. (…) Die Hanglagen auf Schieferboden sind nach Süden und Südwesten ausgerichtet, und das günstige Loire-Klima ermöglicht eine späte Lese, wenn die Beeren einen perfekten Reifegrad erlangt haben. Das Weingut La Roche-aux-Moines mit seinem Schloss und seinen Weinbergen liegt zwischen Épiré und Savannières am rechten Loire-Ufer. Es waren die Zisterziensermönche, die den Ruf dieses Weines begründeten. Die Präsenz dieses aus dem Burgund stammenden Ordens erklärt vermutlich, weshalb auf den Weinbergen einst teilweise „Reben aus Beaune“ – vermutlich Chardonnay – wuchsen. Mehr an eine Weinfeste erinnert der Name „Roche-Vineuse“ (Weinfelsen), den das Gut nach der Französischen Revolution eine Weile trug.

 

Benannt sind das kleine Tal und der eindrucksvolle Steilhang im Norden des Weinbaugebietes nach Pontus de Brie, dem Grundbesitzer von Serrant, dem dieses Lehen von Ludwig XI. übertragen wurde. Während die übrigen Parzellen von La Roche-aux-Moines im Laufe der Jahrhunderte unter verschiedenen Besitzern aufgeteilt wurden, ist der von Mauern umgebene Weinberg Coulée-de-Serrant stets unzerstückelt geblieben und hat sich, so könnte man meinen, auch seine „Philosophie“ bewahrt: Im 19. Jahrhundert nämlich gelangte der Weinberg in den Besitz einer Familie aus Chalonnes, und der Vertrag untersagte Düngung der Reben, damit diese ihre Qualität behielten.“

 

Es wird jedoch berichtet, dass die Familie Joly beim Erwerb des Weinberges im Jahr 1959 diesen nur in einem mittelprächtigen Zustand vorfand. Im Jahr 1980 begann der junge Nicolas, der bislang sein Geld eher in der Finanzwelt verdient hatte, die Weinberge auf biodynamischen Weinbau nach dem Vorbild des Anthroposophen Rudolf Steiner umzustellen. Seit 1984 wird nunmehr ausschließlich biodynamisch geerntet. In diesem Zusammenhang gibt es viele Details über die Arbeit im Weinberg und die „Nichtarbeit“ im Keller zu berichten, doch ich möchte es auf ein paar verständliche Elemente beschränken:

Die Weinberge sind ein Eldorado für Flora und Fauna, da auf alle chemischen und synthetischen Produkte wie Herbizide, Fungizide oder die Zufuhr von Nitraten verzichtet wird. Dafür wird der Mist der eigenen Kühe und Ochsen als Dünger eingebracht, die – fast schon selbstredend – ebenfalls nur mit lokalen Produkten der Natur (Heu, Futtergetreide oder Rüben) gefüttert werden.

Die Eingriffe in den Boden werden so gering wie möglich gehalten, gepflügt wird mit dem Pferd, als regulatorisches Element für den Wuchs im Weinberg dienen eigene Schafe, die im Winter in den Weinbergen das Grün abgrasen und so ebenfalls zur Düngung beitragen. Im Frühjahr kommen mobile Hühnerställe zum Einsatz, die den Schneckenbefall natürlich regulieren.  Francois Morel berichtet in seinem schon erwähnten Buch, dass die bis zu 70 Jahre alten Chenin-Reben vor Gesundheit nur so strotzen. Dies ist sicher auch das Ergebnis der diversen Tees (z.B. aus Brennnesseln, Salbei, Sauerampfer, Weiden, Eichenrinde oder Arnika), die zur Vorbeugung oder zur Behandlung auftretender Krankheiten eingesetzt werden.

Nicolas Joly ist davon überzeugt, dass durch die so entstehende natürliche Artenvielfalt im Weinberg nicht nur die Gesundheit der Reben nachhaltig verbessert wird, sondern auch die Reben auf diese Weise ihr terroir optimal ausprägen bzw. aufnehmen können. Um dann dieses terroir optimal auf die Flasche zu bringen, wird im Weinberg spät gelesen und die Kellerarbeit minimiert. Während der Ernte gehen die Helfer mehrmals durch die Weinberge, um Trauben nur mit optimaler  Reife und gegebenenfalls mit leichter Botrytis zu ernten.

 

Im Keller vergären die Weine auf ihren eigenen Hefen, Reinzuchthefen oder gar Aromahefen lehnt Nicolas Joly komplett ab. Da die Gärung nur in kleinen Fässern von ca. 600 Litern vollzogen wird und die Temperaturen in der Regel um ca. 25° Celsius, maximal 30 Grad schwanken, wird auch auf moderne Formen der Temperaturkontrolle verzichtet. Geklärt wird mittels natürlicher Sedimentation in den Fässern. Da der Einfluss von neuem Holz bei alle dem so gering wie möglich gehalten werden soll, werden nur 3% bis 4% der Fässer jedes Jahr erneuert. Doch der Wein soll atmen (Nicolas schreibt auf seiner homepage sogar, dass die Weine regelmäßig nach 2 bis 4 Tagen in einer halbvollen, wieder mit dem normalen Korken verschlossenen Flasche besser schmecken als am ersten Tag nach dem Öffnen der Flasche) – dem entsprechend ist der Einsatz von Holzfässern unabdingbarer Bestandteil beim Ausbau der Weine.

 

Die Coulèe-des-Serrant Weine sind Jahrgangs-Individualisten, dies gilt auch für die zweite, die malolaktische Gärung. Nicolas überlässt es dem Wein selbst, ob und wie weit alle Partien diesen Prozess durchlaufen. Einen fast ebenso starken Einfluss (wie die „Malo“) auf den Geschmack eines Jahrgangs hat für mich der Anteil an  botrytisbehafteten Trauben im Lesegut. Beide genannten Faktoren haben nach meinem Empfinden massiven Einfluss auf den Charakter eines Jahrgangs. Gemeinsam ist den Jahrgängen jedoch, dass sie regelmäßig trocken (mit einem Restzuckergehalt von weniger als 2g/l) sind. Dies hat jedoch gerade in den letzten Jahren zu sehr hohen Alkoholgraden im Wein (ca. 15%) geführt und ich bin gespannt zu erleben, ob dies einen negativen (wie von mir vermutet) Einfluss auf die Langlebigkeit der Weine besitzt.

Zu den Jahrgängen:

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