Reise nach Südtirol und Piemont – Tag 3

Sonntag 11.11.2006

Der nächste Tag ist etwas hart, frühes Aufstehen, dafür sind deutlich weniger Leute auf dem Weinsalon und man endlich wieder ausreichend Gelegenheit die Weine in Ruhe zu verkosten und ein paar Worte mit den Winzern zu wechseln. Abends sind wir im Hidalgo – für uns immer soooo schön bequem, weil wir nach einem schönen Abend nur die 50 Meter zu Fuss zu unserer Pension laufen müssen, um mit wohl gefülltem Bauch ins Bett zu fallen. Getrunken haben wir einen wunderbar dichten und kraftvollen Sylvaner ?Alte Reben? von Andreas Huber aus dem Eisacktal (89 Punkte) zur Einstimmung und der Vorspeise. Dieser Wein ist nach österreichischem Vorbild gemacht: stoffig und kraftvoll; mit Substanz, viel Extrakt und Zug am Gaumen, gleichzeitig tief, mineralisch und mit hervorragender Frucht (Birne, weißgelbe Früchte, Apfel, Kamille) – ein F.X. Pichler würde sein wahre Freude haben und ihn wahrscheinlich auch nicht viel anders vinifizieren. Anschließend gibt es einen 96er Bruno Giacosa Barbaresco Asili Riserva (93 Punkte), Frucht von roten Beeren (in der Nase auch Kirschwasser), zu Beginn etwas Kleber, ein Hauch von Rosen und Waldboden sind Assoziationen, die diesen Wein mit festem Körper, aber inzwischen relativ geschmeidigen Tanninen beschreiben.  

Nach einem als Abschluß gedachten Glas Rum, möchte mein lieber Freund Bernd noch einen 86 Vega Sicilia trinken, nachdem Carlos, der Sommerlier ihm den Mund wässrig gemacht hat, aber aufgrund der forgeschrittenen Zeit einigen wir uns auf die zweite Empfehlung und bereuen es nicht, ein 97er Rosso Venezia Giulia (Merlot) von Gravner (91 Punkte) aus dem Friaul, diesem ?bekloppten? Winzer, der auch mal seine Weine in Amphoren verbuddelt und in der 2007er Ausgabe des Gambero Rosso Winzer des Jahres geworden ist ? passt so schön zur ?Rückkehr zu alten Traditionen und dem terroir?. Dieser damals mir ?nur? 12% vol. Alkohol ausgestattete Wein bereitet jetzt so viel Trinkvergnügen, weil er tänzelt und Eleganz ausstrahlt. Sehr kühle, feine Aromatik, geschliffene Tannine, ein schönes, zartes Fruchtspiel mit Nuancen von reifen Kirschen, Cassis und einer feiner Kräuterwürze. Lang im Abgang, ebenfalls zart und elegant.

Reise nach Südtirol und Piemont – Tag 2

Samstag 10.11.2006

Tagsüber ist Weinarbeit angesagt, das Weinfestival wird immer größer und unübersichtlicher, aber der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben, auch wenn es mit vor Jahren im kleineren Rahmen deutlich besser gefallen hat. In meinen Augen verzettelt man sich, früher gab es die 100 besten Italiener, vorverkostet und ausgesucht, heute laufen viele Themen nebeneinander und das ganze ist unübersichtlich geworden. Schlimm war es schon immer, aber dieses Jahr war der Kartenverkauf am Samstag eine einzige Katastrophe.

 

Am Abend – nach einem ausführlichen und etwas verspäteten Mittagsschlaf  – fahren wir zur Rose nach Eppan, um uns mit einem Freund von der Kellereigenossenschaft Terlan zu treffen. Herbert Hintner kochte wunderbar auf und wir trinken zum Start 1999 Honivogl von Hirtzberger (93 Punkte) ? herrlich mineralisch, sehr gut definiert, stoffig, fest und mit schönem Druck, gleichzeitig sehr vielschichtig und mit sehr guter Länge. Für mich noch eine Spur besser der 2004 Riesling Morstein von Wittmann, Großes Gewächs (94 Punkte): Packender, tiefgründig mineralischer, unglaublich klarer und tiefaromatischer Riesling, mit sehr fester Struktur, hohem Druck und herrlichem Biss, kräuterwürzig, klare Frucht, Kernobst und schön definierter Säure, herrliche Länge, groß !!

 

Es folgte 2001 Echezeaux von Romanee-Conti (90 Punkte) Die erste Flasche völlig bedeutungslos, ich hatte eine leisen Korkverdacht, der sich mit etwas Luft verstärkte, aber meine Mitstreiter waren hin und her gerissen. Trotzdem lassen wir den Wein zurückgehen und stellen uns der zweiten Flasche mit dem Risiko beide zu bezahlen. Doch es wäre für mich eine arge Enttäuschung gewesen, wenn so Romanee-Conti ? zugegebenermaßen aus einem kleinen Jahr ? schmecken würde. Die zweite Flasche mit klarer, gut definierter Pinotfrucht, am Gaumen mittelgewichtig und guter Struktur; schöne, dunkle Frucht, gut eingebundenem Holz und bereits erstaunlich zugänglich, für mich bereits jetzt trinkfertig, balanciert und jetzt zu genießen, recht gute Länge.

Reise nach Südtirol und Piemont – Tag 1

Eine Weinreise nach Südtirol und ins Piemont ? mit einem Ausflug an die Rhone 😉

Freitag 09.11.2006: Fahrt bei bestem Wetter von Frankfurt nach Sterzing, die Autobahn ist ungewöhnlich leer, dass Fahren entspannt und mit einem 150er Schnitt bis zur Grenze nach Österreich bin ich wohl manchmal schneller gewesen, als die Polizei erlaubt. Nur die Öschis mit ihrem 100er Tempolimit auf nahezu der gesamten Strecke bis nach Insbruck sind eine echte Spassbremse. Trotzdem pünktlich um 13.00 Uhr auf dem Pretzhof. Da meine Frankfurter Freunde mit dem eigenen Wagen gefahren sind und keinen Tankstop eingelegt haben, sind sie ein paar Minuten vor mir angekommen und so erwartet mich dann auch gleich der leckere Speckteller, dazu passend ein 2005er Alzinger Grüner Veltliner Reserve (93 Punkte) ? schöne, sehr klare Nase, kräuterwürzig, dicht und komplex, am Gaumen mit der Spannung eines Pflitzebogens, sehr mineralisch, kompakt und druckvoll.

Danach das Weinglück in Dosen, ein 2002er GV Kellerberg von F.X. Pichler (98 Punkte) ist ganz großes Kino und eigentlich perfekt; unglaublich dicht, kräuterwürzige Mineralität schon in der Nase spürbar, pure Extraktion, belegt und beschäftigt jeden Zentimeter auf der Zunge; Kraft und Finesse perfekt vereint, auch hier unglaublich mineralisch, wenn man die Aromen beschreiben möchte, assoziiere ich am ehesten mit Quitten, Sternfrucht und purer Mineralik, sensationell stoffig, trotzdem lang und elegant. Dazu eine gemischte Vorspeisenplatte (Hirschschinken, Hirschcarpaccio und Graukaas frisch aus dem Käsekeller von Karl) sind nicht minder lecker, gleiches gilt für das sensationelle Souffle vom Sauerkraut und Selchfleisch (geräuchertes und dann gekochtes Schweinefleisch). Es folgen resch gebratene Spanferkelrippchen und einer meiner Lieblingsweine aus Südtirol: 2004 Erbhof Unterganzner (Josephus Meyer) Lamarein (91 Punkte) ? sehr jung, die Nase ist durch die junge Frucht geprägt, gleiches gilt für den Gaumen. Trotzdem macht mir der Wein schon Freude, da er einfach eine unglaubliche Fruchtfülle besitzt und trotz seiner 15% Alkohol überhaupt nicht marmeladig wirkt, sondern durch seine unglaubliche Frucht, Kraft und Aromatik aus den getrockneten Lagrein-Trauben überzeugt; am Gaumen sehr weich, extraktreich und saftig; mit einer schönen Länge ausgestattet. Wird sich in den nächsten 2-3 Jahren sicherlich sehr positiv entwickeln, wenngleich er nicht die Tanninstruktur der Jahrgänge zu Beginn der 2000er Jahre aufweist. Nach einem kleinen Plausch mit Uli und Karl geht es dann weiter nach Burgstall bei Meran.

Am Abend ist an weiteres Essen nicht zu denken, aber da das Hidalgo mit seinem Keller (ca. 20.000 Flaschen) direkt neben unserer Pension liegt, schlagen Bernd und ich uns durch und werden von Traute und Renato gewohnt freundschaftlich begrüßt. Es ist der Vorabend des Weinfestivals und der normale Wahnsinn nimmt seinen Lauf, das Restaurant ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die üblichen Verdächtigen sind anwesend, einige Winzer mit Freunden, Weinfreaks, die man zwar nicht kennt, aber jedes Jahr wiedersieht. Unser Plan einen kleinen Schluck an der Bar zu nehmen, nimmt ein jähes Ende, als wir uns die Weinkarte geben lassen. Nach langem studieren, kommen wir überein, dass sich aufgrund der Preise Bordeaux lohnt und bestellen eine 1989er Pichon Longueville Comtesse de Lalande (94 Punkte): Kaminrot mit erkennbarem Wasserrand; schöne, sehr feine und offene Nase, erdig, etwas kräutrig, feine Frucht, an den guten alten Vanillepudding mit Erdbeeren von Muttern erinnernd (nicht zu verwechseln mit der Aromenpampe von heute, die zwar 10 mal intensiver duftet, aber mit der feinen, echten Vanille nichts mehr gemein hat), etwas kalkig, Noten von leichtem, sehr feinen Zigarrentabak, Zedernholz, herrliche Nase. Am Gaumen ebenfalls sehr elegant, herrlich gereift und gut balanciert, in gewisser Weise: die Leichtigkeit des Seins, spielerisch und trotzdem mit Tiefgang; mittlerer Körper, seidig, ganz klar und fein bis in den schönen, langen Abgang. Danach entdecken wir ein paar Münchener Freunde von der Toskana-Fraktion und trinken noch ein paar gemeinsame Schlücke Luce, Guado al Tasso und Siepi, ohne Notizen, aber mit der überrraschenden Erkenntnis, dass LUCE – ein Wein, um den ich bislang als Designerwein immer ein Bogen gemacht habe – diesmal viel Toscana und viel Sangiovese ohne speckigen Mantel ins Glas bringt.

Weingut Graf von Kanitz – Rheingau

Anläßlich des Besuch der 3. Düsseldorfer Weinmesse verkostete ich einen Teil der Kolletion am Stand vom Weingut Graf von Kanitz. Das VDP- und ECOVIN-Weingut war eines der wenigen Highlights auf der Düsseldorfer Weinmesse für private Konsumenten:

# Graf von Kanitz – 2005 Gutsriesling Qualitätswein trocken: 83 Punkte Schön kräftiger Riesling mit deutlich kräutrigen Noten in der Nase und am Gaumen. Dezente Citrusnoten, mit mineralischem Einschlag und rassiger Säure. Für Euro 5,50 ein schöner Wein für jeder Tag.

# Graf von Kanitz – 2005 Lorcher Pfaffenwies Riesling Kabinett trocken: Ein wenig ausgewogener, nach Kräutern duftender Riesling, feingliedrige Säure, am Gaumen eine wenig laktisch; kräftig und saftig, leider im Abgang recht kurz.

# Graf von Kanitz – 2005 Lorcher Krone Riesling Spätlese trocken: 85 Punkte – feinsaftiger Riesling, in der Nase ist die Schiefermineralik schon riechbar, kräutrig; Noten von gelbem Steinobst; mit schönem Biss, gutem Körper und schöner Mineralik auch am Gaumen, ordentliche Länge. Sicherlich ein guter Essensbegleiter für helles Fleisch. # Graf von Kanitz – Lorcher Pfaffenwies 1.Gewächs: 88 Punkte Betont saftiger und mineralischer Riesling. In der Nase Ankänge an Heu einer Kräuterwiese, weissem und gelben Steinobst, am Gaumen sehr gut strukturiert, saftig, mit schönem Biss und einer kräftigen Mineralität ausgestattet. Kleiner Wehmutstropfen: er hat nahezu alles, was einen tollen Riesling ausmacht, aber momentan stehen die Komponenten noch ein wenig nebeneinander. Gute Länge, mit der Zeit wahrscheinlich besser und Anwartschaft auf ein bis zwei Punkte mehr.

# Graf von Kanitz – 2005 Spätburgunder Rotwein Qualitätswein trocken: 76 Punkte – ein leichter, einfacher Spätburgunder für den sofortigen Genuss; leicht, recht frisch, mit sauberer, roter Beerenfrucht (Bonbon ähnlich), jedoch mit nur geringer Tiefe und wenig Tannin.

# Graf von Kanitz – 2004 Spätburgunder Lorcher Kapellenberg Auslese trocken: 88 Punkte Dieser Spätburgunder kostet zwar fast das 4-fach (Euro 23,- im Vergleich zu Euro 6,40) des einfachen Spätburgunders aus 2005, aber hier ist Musik drin. Die Nase ist geprägt von einer klassischen, eher etwas dunklen und edlen Pinotfrucht sowie gut eingebundenen Noten aus dem Holz, am Gaumen ebenfalls eine sehr schöne pinottypische Frucht, eher dunkel, etwas kirschig und Noten von Waldfrüchten und Sanddorn. Die Tannine sind körnig und geben dem Wein Struktur, mittelgewichtig, durchaus mineralisch, er besitzt eine feine Extraktsüße und das jetzt schon gut eingebundene Holz überrascht positiv. Mittlere Länge.

www.weingut-graf-von-kanitz.de

Grundsätzliches

Es gibt eine erfreuliche Entwicklung mit meinem Blog, die Zugriffe nehmen langsam aber stets kontinuierlich zu. Deshalb habe ich mich entschlossen, den Blog ein wenig "aufzubohren", zunächst inhaltlich und im nächsten Jahr auch graphisch.  Bislang  habe ich immer nur einzelne Kritiken und Verkostungseindrücke von Weinen, die mich irgendwie in besonderer Weise angesprochen haben,  geblogt. Viele Infos und Notizen sind einfach unter den Tisch gefallen. Zukünftig werde ich versuchen, etwas prosaischer von Weinproben, Kellerbesuchen und Winzerbegegnungen zu schreiben.

Schönen Sonntag noch.

Michael

1995 August Kesseler – Rüdesheimer Berg Rottland Riesling Spätlese

85 – schön gereifter Riesling mit leichter Firne, exotischen Früchten (Mango, Papaya) und Noten von reifen Äpfeln und Mandarinen. Am Gaumen körperreich, ausdrucksstarke Frucht und einer noch sehr schönen Saftigkeit. Dieser Wein ist füllig und trinkig bis hin in der recht langen Abgang. Selbst nach Minuten kann man ihn noch vom Gaumen lutschen.  Trotz einer schönen Säure fehlt es ihm leider etwas an Struktur und Festigkeit. Trotzdem mag ich diesen Wein sehr, er ist wie ein sehr reifer Apfel, schon ein wenig "mehlig", aber dafür umso voller in der Aromatik und mit einer schönen Süße ausgestattet; kein Wein für Filigrantrinker.

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2005 Künstler – Hochheimer Stielweg Riesling Alte Reben trocken

88 Punkte – Die alten Reben von Künstler haben 2005 einen pikanten und ausdrucksstarken Riesling mit einer schönen mineralischen Tiefe hervorgebracht. In der Nase leichte Citrusaromen und Steinobst; am Gaumen – mit ein wenig Luft – entwickelt der Wein seine saftige, mineralische Art. Er überzeugt mit einer schönen Tiefe, seiner feinen Saftigkeit, einer nervigen Säure und der animierenden, mineralischen Art. Jetzt schon erstaunlich balanciert, mit ordentlicher Länge.

Künstler hat für mich auch in 2005 eine wunderbare Kollktion vorgelegt, ganz großes Kino ist das Erste Gewächs aus der Hölle, die Verkostungsnotiz folgt bald.

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